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Nummer 222*

Dienstag, 22. Geptember 1931

21 Jahrgang

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Hessische Abendzeitung

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Mer Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Keine Verschiebung des Laval-Besuches

Das Programm für »<n Besuch »er französischen Staatsmänner / Auch heute un» morgen keine Börse / 16 Todesopfer bei einem Motorbootsunglück

Fahri Laval auch nach Washington?

Von unserer Berliner Schriftleitung.

Oie Börsen bleiben geschloffen!

(Von unserer Berliner Schrtflleitung).

th. Berlin, 22. September.

3m Zusammenhänge mit den Ereignissen in Eng­land rst von verschiedenen Kreisen der Besuch der französischen Staatsmänner in Berlin am nächsten Sonntag als fraglich bezeichnet und die Meinung ausgesprochen worden, daß infolge der Londoner Vorgänge dieser französische Ministerbesuch m Berlin verschoben oder zugunsten einer allgemei­nen Konferenz zur Bekämpfung der Krise aufgegeben werden würde. An Berliner unterrichteter Stelle ist aber von einer derartigen Absicht nichts bekannt. Man erklärt vielmehr, daß eine Aussprache zwi­schen den deutschen und französischen Staatsmännern gerade im Augenblick besonders wünschenswert erscheine^ da sich ja gezeigt habe, daß die Krankheit, an der Deutschland leidet, ein Land nach dem ande­ren ergreift. Eine internationale oder intereuropäische Aussprache über die Krise würde durch die deutsch- französischen Besprechungen keineswegs gestört oder beeinträchtigt werden.

Das Programm

Nach den bis jetzt feststehenden Dispositionen wer­den der französische Minstierpräsident Laval und Außenminister Briond am Sonntag mittag Gäste des Rcichsautzenministers bei einem Frühstück sein Im Anschluß daran finden die politischen Besprechun­gen statt. Am Sonntag abend gibt der Reickskan; i ctn Essen und für Montag abend hat der französische Botschafter zu einem Essen geladen. Ob ein Ausflug in die Berliner Umgebung stattfindet, ist noch misst entschieden, ebenso steht noch nicht fest, ob ein Empfang der französischen Gäste beim Reichspräsi­denten erfolgt.

Francois-Poncet bei Hindenburg

Der gestern in Berlin eingetroffene neue fran- zostsche Botschafter Francois-Poncet hat am Nachmittag bereits einen ersten privaten Besuch beim Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von B ü l o w abgestattet. Heute vormittag wird der neue Botschaf­ter vom Reichspräsidenten von Hindenburg empfangen und dem Reichspräsidenten sein Beglau­bigungsschreiben überreichen. Im Anschluß daran wird der erste Gedankenaustausch, der aller Voraus­sicht nach ebenfalls der Reise der französischen Staats­männer nach Berlin gewidmet sein dürfte, erfolgen.

Paris, 22 September. Die Berliner Reise der französischen Minister, die noch nicht in allen Tei-.

_ Norderney, 22. September.

Das Motorboot „Annemarie", das mit 18 Personen an Bord einen Ausflug nach der Intel Juist unternommen hatte, ist auf der Rückfahrt wah­rend der Nacht durch stürmisches Wetter in Seenot geraten und gesunken.

Die ersten Nachrichten stammen von einem Teil­nehmer der Fahrt, der gegen fünf Uhr morgens ven Versuch unternommen hat, die V o g e l i n s e l M e m- mert schwimmend zu erreichen, wo er gegen sieben Uhx morgens völlig erschöpft eintraf. Nach seinen Angaben ist das Boot infolge des schweren See­ganges vollgeschtagen.

Von Norderney auz wurde sogleich ein Flugzeug mit Funkeinrichtung entsandt, um das Schicksal des Motorbootes „Annemarie" zu klären. Kurz nach 9 Uhr meldete das Flugzeug, daß das Boot an der Wrstecke von Juist liegt und Rettungsboote bereits zur Stelle sind. Eine weitere Meldung besagt, das Boot sei inzwischen gesunken.

W.e die Rettungsstation der Insel Juist mitteilt, ist ein weiterer Jnsaffe des gesunkenen Motorbootes gerettet worden. Er hatte sich an den Mast geklam­mert und wurde vom Juister Motorboot .Ilse» aus seiner gefährlichen Lage befreit. Die Zahl der Er­trunkenen dürfte sich also auf 16 belaufen.

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Zu dem schweren Bootsunglück erfahren wir noch folgende Einzelheiten: Auf Juist fand gestern ein Turnfest statt. Zu diesem Fest hatten ft* Borkumer Inselbewohner mit dem Boot des Borkumer Bade­direktors Specht von Borkum nach Juist einge- schifft. Auf der Rückfahrt benutzten sie die Fahr­rinne des sogenannten Haaksgal, ein Fahrwafler, das wegen seiner Gefährlichkeit berüchtigt ist. Hier schlug das Boot voll Wasser und sank. Tas Motor­

len vorbereitet ist, unterliegt trotz gegenteiliger Ge­rüchte keinem Zweifel mehr. Ein Ministerrat wird am kommenden Freitag zusammentreten, um die letzte Hand an das Programm zu legen, das dann franzosischerseits für die Unterredung mit den deut­schen Ministern aufgestellt wird.

„Oie wahren Schiedsrichter"

Laval über die Einladung nach Amerika.

Paris, 22. September.

Präsident Hoover hat Ministerpräsidenten Laval offiziell durch Botschafter Edge eingeladen, zu einer Aussprache nach Washington zu kommen. Ministerpräsident Laval erklärte am Montag abend Pressevertretern, daß er die Einladung des ame­rikanischen Staatspräsidenten noch nicht endgül­tig angenommen habe, weil er keinen festen Entschluß fassen wollte, ohne vorher mit seinen Mi- Nlsterkollegen Rücksprache zu nehmen. Sollte er die Einladung jedoch annehmen, so würde die Reise nach Amerika in der Zeit zwischen dem Berliner Besuch und der Wiedereröffnung der französischen Kammer erfolgen. '

3n der Pariser Presse drängt man den Minister- präsidente.i. der Einladung des amerikanischen Staatspräsidenten Folge zu leisten. Der ,/Quotidien» erklärt, die stärkste Finanzmacht Amerika wolle durch diese Einladung die zweilstärkste Macht Frank­reich auffordern, gemeinsam das gesamte Weltpro­blem einmal einem genauen Studium zu unterziehen, da sie allein die wahren Schiedsrichter (?) seien. Der „Matin» betont, ganz Frankreich habe nur den einen Wunsch, daß Laval nach seiner Rückkehr aus Berlin Gelegenheit nehmen werde, die herrlich" Einladung Hcovers anzunehmen.

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London, 22. September. Pertinax berichtet im "Daily Telegraph», daß Laval mit dem Gouver­neur der Bank von Frankreich am Sonnabend vor­mittag verabredet hatte, daß eine langfristige Anleihe von 64o Millionen Mark für Ugland auf dem Pariser Markt aufgelegt werden |oUte.

^.T/e Auswirkungen der neuen englischen Finanz- polttik seien sehr weitgehend. So würde es jetzt viel schwieriger sein, ein neues Reparationsabkommen Mstande zu bringen, da nunmehr voraussichtlich auch Deutschland uno andere Länder den Goldstandard aufheben würden.

boot .Ilse» von Juist sichtete heute früh das ver­unglückte Boot. Drei Personen hingen noch am Mast. Beim Näherkommen der .Ilse» wurden zwei der am Mast hängenden Leute durch die brechende See ins Meer gerissen und ertran­ken. Nur der Dritte konnte, wie gemeldet, gerettet werden.

Reue Kämpfe in Mukden

London, 22. September.

In Peitaying, einer Vorstadt von Mukden, sind neue Gefechte im Gange. Die chinesischen Trup­pen, die den Japanern bei Tschangtschun heftigen Widerstand geleistet haben, sino vertrieben worden und haben sich weiter östlich verschanzt. Es besteht ernstliche Besorgnis, daß die Chinesen zu Gewalttä­tigkeiten gegen Japaner und Koreaner übergehen werden. Die Telephonverbindungen sind vielfach un­terbrochen. Die Japaner haben vorsichtshalber Trup­pen nach Norden entsandt.

Nach Schilderungen von Augenzeugen ist i n Muk­den alles ruhig. Die Japaner halten die wichtigsten strategischen Punkte der Stadt besetzt. Auf dem Lande, außerhalb der von den Japanern besetz­ten Gebieten, ist oie öffentliche Ordnung schwer be­droht. Die Ausländer fmo ersucht worden, sich nicht außerhalb des von den Japanern besetzten Gebietes zu bewegen. Viele suchen in Mulden Zuflucht.

Wie ferner au§ Nanking gemeldet wird, ist Ge­neral Tschiangkaischek von seinem Feldzuge gegen die Kommunisten in der Provinz Hunan zurück- gekehrt und berief sofort einen Ministerrat ein, um die ernste Lage in Mulden zu beraten.

tb Berlin, 22. September.

Die Reichsregierung widmet den Vorgänge» in England naturgemäß nach wie vor große Aufmerk- famkeit. Auch heute und morgen bleiben, ebenso wie die meisten internationalen Börsen, sämtliche deutsche« Börsen gesch lassen.

Der Kölner Börsenvorstand hat in diesem Zusammenhänge an das preußische Handelsministe­rium ein Telegramm gerichtet und betont, daß man im Interesse der deutsckten Gesamtwirtschaft es für unbedingt notwendig erachtet, alle deutschen Börsen solange geschlossen zu halten, bis auf Grund besserer wirtsckMftlicher und politischer Verhältnisse ein wirk­liches Funktionieren des Bürsenvor. standesgewährleisteiift.

Ehefbesprechung

über Erwerbslofenfiedlung

th Berlin, 22. September.

ungen der Reichsregierung über die große ..^.Verordnung wurden gestern im Rahmen einer Chefbesprechung fortgesetzt. Dabei wurde vor allem die Frage der Arbeitslosensied­lung erörtert. Die Vorarbeiten für eine Rücksied-

Oie falsche Rechnung

Was bisher Vielen ncch als bloße Redensart galt, daß nämlich der Weltkrieg nicht Sieger und Be­siegte, sondern fast nur Besiegte hinterlassen habe, ent­hüllt sich jetzt in einem weltgeschichtlichen Vorgang von beispielloser Bedeutung. Von allen Mächten, die Nutznießer der großen Weltkalastrcphe werden zu können hofften, hat sich niemand so verrechnet wie England, dessen Nachkriegs­entwicklung sich als eine Reche von Mten einer Tra­gödie darßelll. Von hier aus ist die Entwicklung, die zur Schließung der Londoner Börse und zur Einstellung der Goldzahlungen Englands gesichrt hat, vollkommen klar und mit innerer Lcgik zu ver­folgen. Solange das Imperium eine von London aus regierte Einheit war, blieb seine finanzielle Macht ebenso unantastbar, wie feine politische. Die Einheit wäre zwar wohl nicht ewig gewesen, aber chre Auflösung wäre niemals in solch raschem Tempo erfolgt, wie es der Weltkrieg gezeitigt hat. Dadurch wurden aus den Dominions Konkurrenten des Mut­terlandes, Produzenten, die zwar während des Krie­ges einen irrsinnig gesteigerten Bedarf decken muß­ten, nach Beendigung des Krieges aber nicht dahin zu bringen waren, die einmal angekurbelte Produk­tion wieder einschlafen zu lassen, damit das Mutter­land wieder zu der alten handelspolitischen Kraft erstarken konnte. Aus den Töchtern wurden Revalin- nen und die offene Gegnerschaft sogar bei den feier­lichen Empire-Konferenzen offen erklärt.

Moloch Gold

In Friedenszeiten war der englische Notenum­lauf zu ca. 400 Prozent durch Gold gedeckt. Der Goldzuflnß nach England war schier unhemmbar, denn die aus einer natürlichen und noch nicht durch die abnormen Anforderungen des Weltkrieges in Verwirrung gebrachten wirtschaftlichen Basis sich entwickelnden Dominions zahlten dem Muttsrlande reichlichen Zins. Aber im Krieg versickerte das Go.d und die Ansprüche der Dominions auf Entgelt für die Opfer, die sie dem Mutterlande gebracht hatten, gaben dem Gold ström die umgekehrte Rich­tung, gar nicht zu reden von den Goldströmen, die' schließlich auch von England nach den USA. flössen. So mußte England von der Goldumlaufswähruntz der Vorkriegszeit zur Goldkernwährung übergehen: die Golddeckung betrug vor zwei Jahren nur mehr rund 37 Prozent der insgesamt umlaufenden Noten­menge. Allein diese Menge von umlausenden Zah- lungsmittel gliederte sich in England folgender­maßen: 5,2 Milliarden RM. Noten lausen seit 1928 ungedeckt, d. h. nur durch Staatsgarankie gedeckt, um der Rest der umlaufenden Noten — zwischen 3 uno 4 Milliarden RM. — war nach wie vor lOOProz.niig goldgedeckt.

Dieser Zusmnd ist zurückzuführen auf die beinahe 100 Jahre alte „Peelsche B a n k a k t e», durch die im Jahre 1844 der Bank von England eine neue

| lung der Erwerbslosen aus der Stadt auf das Land sollen ziemlich weit gediehen sein.

Die Verhandlungen über Verbilligung be$ Lebenshaltungskosten für die Arbeitslosen, die vom Reichsarbeits-, Reichsernährungs- und Reichswirtschaftsministerium mit den beteiligten Wirt- schaftsverbänden geführt werden, werde» ebenfalls im Laufe dieser Woche zum Abschluß kommen. Nach den Verhandlungen mit Bäckern und Fleischern stehen jetzt vor allem Besprechungen mit den Reichsver­bänden der deutschen Industrie bevor. Es wird die Frage erörtert, wie man durch eine V er- billigung der Rohstoffe, namentlich der Koh­le, den Gewerbekreisen eine Preissenkung zugunsten der Erwerbslosen leichter machen kann. Weiter sind Verhandlungen mit dem Mühlengewerbe und mit Vertreter» der Landwirtschaft angesetzt.

Die Beratungen über den Gesamtkomplex des Win­terprogramms werden sich voraussichtlich bis in die nächste Woche hineinziehen, sodaß mit der Ver­öffentlichung der großen Notverord- nung aller Wahrscheinlichkeit nach erst unmittel­bar vor dem 1. Oktober zu rechnen ist. Die einzelnen Fragen der Notverordnung werden gegen­wärtig in Reffortbesprechungen geklärt und solle» eist dann, wenn ihre Formulierung endgültig feststeht, Gegenstand von Beratungen des Gesamtkabinetts sei».

Grundlage gegeben wurde, nachdem die an die fran­zösische Revolution anschließenden Kriege die Bank beinahe bis zu dem Punkt geführt hatten, wie sie... heute steht. Die Peelsche Bankakte jedoch sah ein unge­decktes Noten-Grundkontingent von nur 14 Millionen Pfund, also 280 Mill. RM. vor. Die Entwicklung zwang England im Jahre 1928, das ungedeckte G r u n d k o n t i n g e n t auf 260 Millionen Pfund, also 5,2 Mill. RM. zu erhöhen. Es ist inzwischen noch um zirka 300 Mill. RM. erhöht worden, und es bedarf weiter keiner Worte, um zu erklären, wie es kam, daß nun auch die englische Währung dem Moloch Gold zum Opfer fiel, daß an ihr und ihren wirt­schaftlichen Grundlagen das Mißtrauen des Auslan­des, der ehemaligen Freunde zu nagen begann, daß schließlich während der letzten 8 Woche» rund 4 Mil­liarden RM. Gold aus London abgezogen wurde, so­daß schließlich das Pfund, Jahrhunderte hindurch das zuverlässigste Zahlungsmittel der Welt, der Ver­trauenskrise zum Opfer fiel. Einer Vertrauenskrise, die sinnlos ist — bei aller Bedenklichkeit des wirt­schaftlichen Zustandes —, weil sich das Mißtrauen an das Phantom von der Gebundenheit des Geld­wertes an den Goldbestand klammert.

Arm getourten

Schließung der Börse und Außerkraftsetzung der Goldwährung nebst Aufhebung der Goldeinlösung sind Maßnahmen, die untrennbar voneinander sind. Wäre nur die Aufhebung der Goldeinlösung ver­kündet, so wären an der Londoner Montagsbörse die Kurse in den Abgrund gestürzt. Hätte man die Dinge an der Börse weiter laufen lassen, so wäre mit wei­terem Sinke» der Kurse der Goldabflutz aus England immer verderblicher gestiegen. Wahrscheinlich wird man in den nächsten Tagen genau dieselben Vor­würfe in England hören, wie man sie in Deutschland im Juli dem Präsidenten der Reichsbank <*b seines Zögerns entgegengehalten hat. Tatsächlich sind die Kurse der wichtigsten englischen Wertpapiere in den kritischen Wochen vom 10. Juli bis zum 10. Septem­ber im Durchschnitt stärker gefallen, als die der deut­schen Wertpapiere. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Blick auf die Wirkungen der deutschen Börsen­schließung in England den Ausschlag für den jetzt, reichlich spät, erfolgten Entschluß gegeben hat. Aber das ist natürlich nur das Symptom der Krankheit; die Krankheit selb st heißt: Verarmung. Bei zirka 3,2 Milliarden RM. Guthaben Englands im Ausland beziffern sich die englischen Schulden ans Ausland auf etwa 8 Milliarden RM. Diese beiden Ziffern sagen alles, was über die wirtschaft­lich und finanzpolitische Lage Englands im Augenblick zu sagen ist.

Verfehlungen und Erkenntnisse

Man war sich in England längst klar darWer, daß schwere Wolken am Wirtschaftshimmel herauf­zogen. Um tbie Wirkungen des drohenden Gewitters abzuwehren, setzte der -Schatzkanzler Snowden wn Ro-

Schweres Motorbootsunglück bei Juist

16 Todesopfer.

Tragödie des Empire