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Sette S
Montag, 21. September 1931
Oer „Kkub
-er reichsten Berliner"
Vox dem Konkurs.
rz. Berlin, 21. September.
Der Golfllüb, Berlin, -er volkstümlich -er »Klub bet reichsten Berliner" genannt wird, ist in Schwierigkeiten geraten. Aus Veraivlassrmg seines Vor- ftandsmitgliedes, Herrn von Siemens, wurde gegen ihn durch den Notar Dr. Epstein das Konkursver- jahren beantragt.
Diese Meldung hat in allen gesellschaftlichen Kreisen Berlins das größte Erstaunen ausgelöst. Der Klub besaß nur die vermögendsten Mitglieder. Von Sakob Goldschmidt wurde er begründet. Es hatten f> dort alle die Großindustriellen und andere eingefunden, die der Danathank nahestanden. Aber auch sie sind von der Krise nicht verschont geblieben. Sowohl Jacob GoUffchmidt als auch eine große Anzahl anderer Mitglieder konnten die hohen Mit- gliedsbeiträge nicht mehr zahlen.
Seinem Gegenverein, dem Golf- und Landtlub Wannsee, geht es vorläufig noch gut. Hier residiert Herbert Guttmann, der ehemalige Vorstand der Dresdner Bank. Allerdings Hai auch hier das Klubleben stark nachgelaffen. In der kommenden Wirtter- saison wird auch der Golf- und Landtlub bedeutend weniger große Veranstaltungen abhalten als in den Vorjahren. Immerhin scheint er die Krise noch überstehen zu können, während für den Golfklub kaum noch eine RetlungsmögliMeit besteht. Zwar wäre ein Teil der MitÄieder in der Lage, den Klub zu halten, aber es besteht kein Interesse mehr daran, seitdem die gesellschaftlichen Kreise um Jakob Goldschmidt beginnen, von ihm abzurücken. Man wird sie vielleicht in Kürze im Golf- und Landklub wiederfinden. Herbert Guttmanns gesellschaftliche Stellung ist trotz seines Ausscheidens aus der Dresdner Bant nach wie vor unerschüttevt.
Furchtbare Bluttai
Mutter und Geschwister ermordet.
(Stint begrabene Hoffnung
Weshalb England sein Luftschiff „R 100" verkauft.
Der jetzt angesagte Verkauf des englischen ZePPe- lm-Lustschiffes "R 100" ist der Abschluß einer großen englischen Wtion, die vor vielen Jahren, eigentlich schon währen- des Krieges begann und zur Schaffung eines riesigen Flugschiffparkts führen sollte. Nachdem sich die ersten Schwieri^eiten bereits bei den Konstruktionen herausstellten und die Konstruk- tionsgcheimnisse, die man aus abgeschossenen deutschen Zeppelinen ersah sich nicht ohne weiteres kopieren ließen, kamen später die großen Enttäuschungen durch das schreckliche Ende des »R 101". Damals schon wurde unter der Hand bekannt, daß ,R 101 nie mehr aufsteigen weide. Ozean- und andere Flüge wurden schleunigst ab geblasen. In amtlichen und privaten Kreisen wollte man nichts von dem allen wissen. Jetzt ist der letzte Schritt erfolgt: Im Rahmen des Sparprogramms der englischen Regierung wird »R 100" meistbietend versteigert. Ein Millionenobjekt muß vielleicht für wenige hunderttausend Mark abgestoßen werden.
Das Luftschiff unternahm eine Reise — im Juli 1930 — über den Ozean nach Montreal und zurück. Seitdem lag das Luftschiff untätig in der Halle. Die letzte Episode eines großen englischen Gedankens — der allerdings von Deutschland übernommen worden war — ist damit zu Grabe getragen. Der Lustschiffdienst nach Indien ist hinfällig geworden. Die Pläne des Konstrukteurs Sir Tenniston Burney sind zu den Akten gelegt worden.
Wer allerdings der Käufer sein soll — ist eine andere Frage, da man das Luftschiff ja allcrhöchstens seinem Materialwert nach an den Mann wird bringen können, auf Abbruch...
Zeppelin in Brasilien gelandet
Neuqork, 21. September.
Nach einer Meldung der Associated Preß ist das Luftschiff „Graf Zeppelin" gestern abend 10,30 Uhr (Greenwicher Zeit) in Pernambuco gelandet.
Meine Aachrichiev
Zwischen Banau und Hennersdorf im schlesischen Kreis Frankenstein stürzte der Eindecker „D. 2022“, ein Sportübungsflugzeug mit zwei Insassen, ab. Die Maschine war in der Luft in Brand geraten. Der Führer versuchte eine Notlandung. Bevor das Flugzeug aufsetzte, sprang der Insasse heraus; er verunglückte tödlich. Das Flugzeug zerschellte bei der Landung. Der Führer. Diplomingenieur Werner Badke aus Breslau, blieb unverletzt. Der Name des Toten ist noch nicht ermittelt. Das Flugzeug war auf dem Wege von Breslau nach Mittelwalde.
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Noch im vergangenen Jahr sind die in Deutschland errichteten Pelztierfarmen auf eine Anzahl von 500 geschätzt worden. Das Statistische Reichsamt hat jetzt eine neue Zählung vorgenommen, nach welcher über tausend Farmen aufgesührt werden. Damit steht Deutschland in der Züchtung von Edelpelztieren nach Amerika und Norwegen an dritter Stelle.
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Im Kattegatt ist der Hamburger Schoner „Ernestine“ mit vier Mann Besatzung gesunken.
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Wie aus Preßburg mitgeteilt wird, ist jetzt in Kremnitz ein Elektrizitätswerk eröffnet worden, das 240 Meter tief unter der Erde liegt und in seiner Art wohl als einzig dastehend bezeichnet werden kann. Das Werk wurde in einer verlassenen Baugrube errichtet. Zwei Turbogeneratoren werden durch einen in einen Schacht eingeleiteten Bach gespeist. In dem Bergwerk findet das Wasser einen normalen Abfluß, so daß die Erzeugungskosten der elektrischen Energie auf ein Minimum beschränkt bleiben.
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Der frühere finnische Iustizminister, der jetzt wieder ein Richteramt ausübt, ist wegen Unterschlagung von Amtsgeldern in Höhe von über 25 000 Mark verhaftet worden.
Görlitz, 21. September.
In -er Nacht zum Sonntag stellte sich -er 18jähr. Mühlenbesitzersohn Georg Klein aus Troitschendorf der Görlttzer Kriminalpolizei mit der Selbstbezichtigung, ferne Mutter und seine beiden Geschwister, einen 9 Jahre alten Knaben und dessen Zwillings- schwester getötet zu haben. Die polizeilichen Nachforschungen ergaben die Richtigkeit der Selbsibezich- tigung. Die Mutter des Täters wurde in der Stube der Knabe im Keller und das Mädchen aus dem Hausboden erschlagen aufgefunden. Die Tat ist bereits in der Nacht zum Dienstag geschehen.
Der Mörder K. gab bei dem Lokaltermin eine Schilderung seiner entsetzlichen Muttat, aus der hervorgeht, daß Klein die Tat nicht im Affeft begangen hat. Klein hat seiner im Bett liegenden Mutter mehrere Schläge mit dem Hammer versetzt und die sich wehrende Frau mit einer Axt erschlagen. Dann hat er im Keller seinen neunjährigen Bruder erstochen. Seine Schwester, die sich auf dem Boden geflüchtet hatte, hat er erwürgt und das schwächliche Kind, als es noch Lebenszeichen von sich gab, erschlagen. Am Morgen nach der Tat hat der Mörder in aller Ruhe die Kundschaft bedient, ist daun mit Ware nach Görlitz gefahren und hat hier eine Zeche von 60 Mark gemacht. Er fuhr dann nach Dresden und will auf der Rückfahrt einen Selbstmordversuch unternommen haben. Nach seiner Angabe hat er sich vor einen Zug geworfen, doch sei dieser mit einem Schienenräumer versehen gewesen, sodaß seine Absicht vereitelt worden wäre. Ueber die Gründe der Tat ist man sich noch nid?* im klaren.
Ein Bauer aus einem sächsischen Dorf bei Bautzen, der mit einem auf dem Markt gekauften Pferd nach Hause fuhr, wunderte sich, daß das Tier von selbst den Weg in den Stall fand. Es bog auch von selbst in den Eutshof ein, den der Bruder des Bauern bewirtschaftet. Der Mann stellte darauf an einer alten Photographie fest, daß er dasselbe Tier im Jahre 1915 bei der Pferde-Aushebung abgeliefert hatte. Der Gaul, der nun schon fast 20 Jahre alt ist, hat den ganzen Krieg mitgemacht.
Karikatur des Tages
Die Weltwirtschaftskrise spitzt sich immer drohender zu. Nicht nur kapitalarme Länder, wie Deutschland, Oesterreich und Ungarn, sondern auch reiche Länder, wie England, die skandlnavlschen -Staaten und die Schweiz sehen 'das Gespenst einer- Wirtschastsikatasttophe immer drohender herannahen. Trotz der allgemeinen Gefahr jedoch haben die internationalen Wirtschaftsexperten, tote die letzten Genfer Verhandlungen zeigten, noch keinen wirklichen Plan gefunden, mtt dem das Unbeil abgewendet werden könnte. ,,,.
Der Chor der Finanzsachverständigen: „Wenn wir doch jemand hätten, der sich aufs Steuern verstände.
Ein Londoner Mädchen im Alter von elf Jahren und vier Monaten hat den Montblanc bestiegen. Sie hat dadurch den Rekord des elfeinhalbjährigen Sohnes eines Bergführers aus Chamonix, der vor über vierzig Jahren aufgestellt wurde, geschlagen.
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In Eaton Rapids, einer Stadt des amerikanischen Staates Michigan, hat die Stadwerwaltung aus Ersuchen einer Anzahl angesehener Bürger eine alte Bestimmung wieder in Kraft gesetzt, wonach um 21 Uhr alle jugendlichen Personen unter 16 Jahren zu Hause fein müssen. Wer später auf der Straße erwischt wird, sieht einer strengen Strafe entgegen. Veranlassung zu dieser Maßnahme hat die Tatsache gegeben, daß die jugendlichen Herrschaften nach dem üblichen Besuch des Kinos gar zu lange paarweise spazieren gegangen sind oder sich in den Lokalen aufgehalten habeil.
„Houfifad* in Bergen
Bergen, 21. September. Das Arktis-Unterseeboot „Nautilus" ist gestern morgen hier eingetroffen, Professor Wilkins vermochte jedoch noch nicht anzugeben, wie lange das Boot hier liegen wird.
Aus unserer Antenne
Janaweilige B erb re K eri aab im Flug -
SSWSÄ S in Richtung Wiesbaden und Main^ gesichtet, wendete sich te. ä 8sm
immer wieder der Plan vorgetragen worden l«r, in aller Breite einmal erklärt. Dann wurde uns erzählt, Hauvt- mann Velmn, .der Leiter des Flugvlades, bade ana« rufen und um Fahndung nach einem, nunmehr genau bezeichneten Flugzeug gebeten. Und so ging es weiter: alles spielte sich aus dem Sender ab. wahrend zwischen dem Atädteviereck Frankfurt, Wiesbaden, Worms und Darmstadt ein paar hundert loder tausend?) Menschen den Simmel absorschten. Warum bat man auS dem Unternehmen kein dramatisches Hörbild, keine Revottage geformt, damit wenigstens die «rotzen, außerhalb des Jagdbezirkes wohnhaften Hörerkreise etwas mehr vom-Spiel gehabt batten als nur Schallvlattenmusik und Sichtmeldunaen? G8 fehlte das Mikrophon und der «vrecher, der lebendig die Flucht vom Frankfurter Fluavlatz schildert: e,8 fehlten die Funk- revorler, die ..für den Fall'' mit Mikrovbonen auf der Lauer standen, die vielleicht sogar — wir wollen uns darüber klar sein, datz doch alles ungefähr verabredet war— die Landung aus de« Darmstädter Fluavlatz samt „Verhaftung^ hatten berichten können. Ist dies alles so sehr neu und abwegig, daß die Sendeleitung nicht daraus kam? Nein! Es ist nur die Uebersetzung der Svort-, der Äutorevortagem die Wolken. Meinetwegen hatte der Rundfunk damit so viel Propaganda verbinden können, wie er Lust gehabt, hatte, der Hörer wäre immer auf seine oste «gekommen. «o wie es sich aber abgelvielt bat. ist eigentlich nur jene Zigarettenfabrik, die ihre Werbung unter das Berbrecherslugzeug malen lieh, der Glückliche, welcher.. b.
Die „Woche" telephoniert mit Chicago. Das neue Seit bringt ein Telephonaespräch unt dem Özean-Flieger Wolfgang von Gronau, der über Grönlands Gletscherwelt jetzt wieder nach Chicago flog. Ein Unternehmen, das für di-- Sntwicklung ständiger Eurova-Nmerika-Berbindung. weite Perlevektiven eröffnet. Im gleichen Heft beginnt die Artikelreihe: „Als „Sve," in Ruhland". Ein junger deutscher Ingenieur, der ein Jabr lang am FünsiabreSvlan mitarbeitete, erzählt feine Erlebnisse. Eine Fülle interessanter Bilder und viele Ansätze versprechen angeregte Lesestunden.
Die heutige Nummer umW 10 Seiten
Verantwortlich für den politischen Teil: Dr. Walter Pehnt: für das Feuilleton: G e r m a n M. B o n a u. für lokalen und Heimatteil: Dr. Hans Joachim G labe r: für Handel: Dr. Hans LangenSerg: für Sportteil: terbert Speich: Photo-Redakteur: Eduard Schulz- e f f e I: für ien Anzeigenteil: L$. Barmever. — Berliner Schriftleitung: Dr. Walte r T h u m . Berlin SA. 68. — Druck und Verlas: Kasieler Neueste NaSEen G. m. b. H., StaffeL Kölnische Strabe 10.
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Jubiläums-Preise
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Joachim Eipp hatte die Zigarette beiseitegelegi. Ganz unwillkürlich hatte er die Daumen an der Hosennaht, als die etwas zögernde, heisere Stimme des Obersten Renngerichts zu ihm Mach. Dann machte er eine knappe Verbeugung. Er trat zu dem Seitentisch, -rückte nachträglich die schwelende Zigarette aus, nahm seinen Hut vom Haken un- ging ohne ein weiteres Wort hinaus.
Die Gesichter, -ie ihm nachbllickten, waren ntcht ganz eindeutig. Sie hatten den härtesten Spruch offensichtlich nicht gern angewandt, aber cs gibt eben Fälle--
Der kleine Kerkhof war der erste, der das allgemeine Schweigen brach.
»Schade", sagte er. „War ein netter Kerl. Zu bköd, daß einer nach dem andern vor die Hunde geht"
Langen wandte sich bissig herum und knurrte: „Werden wohl noch ein paar anständige übrigblciSen solange ich hier sitze!"
„'lürlich, 'türlich!" sagte Kerkhof. »Ich meinte bloß so... Unangenehmes Gefühl, so am frühen Morgen den Scharfrichter zu spielen. Ich denke, wir gehn jetzt mal alle 'runter und trinken ’n anständigen Kognak auf den Dreck!" —
Joachim Eipp war unten in der Tür stehen geblieben. Er sog die kühle, feuchte Vormittagsluft tief in sich hinein. Es roch nach Erde und Frühling. Er dachte einen Augenblick an die Zukunft. Nun konnte es lange dauern, bis man wieder einmal diese Luft ins Gesicht bekam — die Zukunft war ein ekelhaftes schwarzes Loch.
Er hörte Schritte hinter sich und trat zur Seitg, Es war der dicke Bohlen, der neben ihm stehenblieb. Dünne Schweißperlen standen auf seinem Gesicht. Er räusperte sich ein wenig und sagte: »Ich hoffe, Mi — du — du wirst das jetzt doch nicht persönlich auffassen, nich?--Ich meine — das —
Wir konnten doch nicht anders —*
.Klar!" sagte Joachim Eipp.
Bohlen holte tief Luft. .Tu kannst btt gar nicht vorstellen, tote mir zumute war — und den anderen auch — ich verstehe ja noch immer nicht, wie das gekommen ist--" Er blickte in ängstlicher Span
nung auf den Mann neben sich, dann wischte er sich hastig die Stirn und fuhr atemlos fort: .Na, vom Reden Wirb auch nichts besser. Ich kann dir bloß sagen daß es mir furchtbar leid getan hat. Was — toag wirft du denn jetzt machen? — Ich meine — hast du schon irgendwelche Pläne — ?"
EiPPs wasserhelle Augen gingen an thm vorbei, ziellos irgendwo in den Vormittag hinein.
.Keine Ahnung", sagte er endlich und tippte an feinen Hut. .Adieu, Bohlen!"
Er schlenderte davon, ohne den anderen noch einmal anzusehen. Bohlen seufzte tief auf. In diesem Moment tarnen Kerkhof und die anderen aus dem Hause. Der Kleine hängte sich sofort in ihn ein.
„Mitkommen, Dickerchen!"
Bohlen wandte sich ihm verstört zu. „Kinder, wenn mir einer von euch sagen kann, was mit dem Mi los ist--"
.Red nicht so viel, Dickerchen! Das mutzte kommen."
Bohlen blieb hartnäckig: „Da muß doch was dahinterstecken! Wegen der paar Kröten macht bet Mi doch nicht über Nacht solche Geschichten!"
„Es haben andere wegen ein Paar Kröten schon ganz andere Geschichten gemacht. Kannst du einem in den Bauch 'rein sehen? — Vier Stunden bist du am Tag mit ihm zusammen — was er in den zwanzig anderen macht und denkt, wirst -u bis an dein LÄensende nicht erfahren! Was weißt du schon von einem Menschen, wenn er Geld braucht!"
„Aber wozu — ?"
„Komm!" sagte der kleine Kerkhof jetzt energisch. „Man merft, daß du stets welches gehabt hast. Und zerbrich dir nicht weiter dein Köpfchen! Hinter allem, was geschieht, stecken Frauen. Das wird bei ihm auch nicht awberS fein."
♦
Joachim Eipp fuhr mit der Stadtbahn nach Hause. Er saß in einer Ecke un- sah während -er ganzen Fahrt auf die vorbeifliegenden Häuser und Straßen. Nicht umsehe», dachte er, keinem Menschen ins Gesicht sehen! Jeder einzige, der hier ein- und aus- stteg, war ein ehrlicher Mensch, der für sein Geld ,u arbeiten hatte, hastige, abgehetzte Leute, meist mit Aktentasche unter den Armen, erfüllt von den Sorgen und Aengsten ihrer kleinen Lebenskreise.
Er saß unter ihnen wie ein Fremder. Kein Prozeßbericht aus Moabit würde über ihn berichten — vielleicht nur eine Notiz im Rennteil irgendeiner Zeitung — und doch war es so, als hätte man ihn jetzt als Dieb oder Straßenräuber abgeurteilt. Man mußte sich an diesen Gedanken gewöhnen. Man mußte die dreißigjährige Vorstellung, ein anständiger Mensch zu fein, in eine Ecke hängen. Jetzt war es nur noch ein Schritt "bis zum Gigolo oder Falschspieler.
Bahnhof Zoo stieg er aus und ging die wentgen Schritt bis zu seiner Wohnung: ein magerer, gitt- gekleideter, peinlich sorgfältiger Mensch, der hochmütig über das Leben der Straße hinwegsah? Als er die Treppe hinausschritt, überfiel ihn Herzklopfen. Das ging feit Monaten fo. Manchmal stand er minutenlang vor der Tür seines Zimmers und
ff Roman von Curt Johannes Braun
JLZIC 12 vl 1L ClLll Copyright by August Scherl, Berlin
Wagte nicht einzutreten, weil er eine neue Enttäuschung befürchtete.
Er war sich klar darüber, daß es völlig unstnntg war, noch auf eine Nachricht von Fee zu Warten. Man mußte sich an den Gedanken gewöhnen, datz alles zu Ende war. Aber was er nie begriff und nie begreifen würde, war die Plötzlichkeft tm Leben einer Frau, das Vergessen von einem Tag zum andern. Seine Gefühle liefen schwer an, aber wenn sie einmal da waren, da konnten sie nicht mehr ausgelöscht werden. Er stand fassungslos vor der Tatsache, daß eine Frau sich von einem zärtlichst un- unter tausend Küssen verabschieden kann, daß man mit ihr noch in drei folgenden Nächten telephonieren und sich die verliebtesten Dummheiten sagen kann — unD daß dann alles auf einmal zu Ende ist. Datz auf einmal alles ausradiert fein soll, weil diese Frau einen andern getroffen hat.
Das begriff er nicht.
Und deshalb wagte er seit Monaten kaum die Tür zu seinem Zimmer zu öffnen, weil er immer wieder hoffte, daß auf dem Tisch ein Brief liegen würde — und weil biefer Brief nie kam . . .
Er saß eine lange Weile in einer Ecke seines Zimmers und nahm nicht einmal den Hut ab. Die klaren Gedanken, die er früher einmal vom Leben gehabt hatte, waren fort. Sie wird nie wieder schreiben, dachte er; sie wird nie wieder anrufen, sie wird nie wieder hier in dieses Zimmer kommen, sie wird einem anderen erzählen, wie viele Schimmel und wie viele Schornsteinfeger sie heute im Vorbeifahren auf der Straße gezählt hat, sie wird einem anderen Die Haare streicheln, ein anderer wird ihr das Lächeln von -en Lippen wegküssen, sie ist fort, als ob sie nie gelebt hätte — man hat einmal im Leben einen Traum gehabt, man hat sich sinnlos monatelang das Hirn zermartert, um diesen Traum zurückzuholen, man hat sich umsonst auf Schweinereien eingelassen, weil man dachte, es komme nur auf da- Gell» an, um ihr nachzufahren, sie wieder einmal in die Arme zu nehmen und diesen ganzen grauenhaften Sput -es Verlassenseins zu verscheuchen. Aus.
Er ging noch lange in dem Raum auf und ab und versuchte nachzudenken. Er wollte die Zukunft überlegen, aber er kam zu keinem Plan — sie war völlig gleichgültig geworden. Ein einziger Sah schob sich immer wieder als Mittelpunkt in sein Gehirn und fraß alle anderen Gedanken auf: Es ist die Tragödie jeder großen Liebe, daß sie bei dem einen eben früher aufhört als bei dem andern.
Und zum erstenmal, solange er denken konnte, spürte er eine Dumpfen Hatz und einen unbändigen Willen zur Zerstörung. „Wir sind miteinander noch nicht fertig, Fee!" Er sprach laut zu sich selbst, ohne es zu wissen. „Mr sind miteinander noch nicht fertig!"
Das Telephon klingelte.
Er fuhr schreckhaft zusammen und ging zu dem
Apparat, von -em jetzt nur noch Unangenehmes kommen konnte. _ „,
Eine höfliche Stimme meldete sich. Der «chnci- der: die beiden Anzüge wären schon seit einer Woche zur Anprobe bereit. . „.
„Ja, ja . . ." Er kam sofort wieder zu sich.,„och habe in diesen Tagen viel zu tun. Wahrscheinlich komme ich nächste Woche zu Ihnen. Ja, gewiß, ich werde es schon so einrichten!" ,
Er hängte ab. Anzüge zur Anprobe bereit — das hieß, -atz der Schneider ihm bei dem nächsten Besuch gem mit höflicher Verbeugung einen Kontoauszug vorgelegt hätte. Wahrscheinlich brauchte der Mann auch sein Geld — Gott, niemand hat es heute leicht. ~ ,
„Wir sind noch nicht fertig miteinander, Fee! Wir haben uns zwar -as Genick gebrochen, aber jetzt werden wir zeigen, daß man mit gebrochenem Genick leben tarnt. Man wird noch an uns beiden, Fee!"
Er trat vor den Spiegel und prüfte fern Aussehen.
„Das Leben geht weiter, Fee, und wir sind dabei! Wir bleiben dabei, und nichts und niemand kann uns wegstveichen! — Was tut man, wenn man kein Geld hat und zu allem bereit ist? Man geht in die Hotelhallen, am Vormittag Unter -en Linden, am Nachmittag in der Budapester Straße."
Es war Vormittag.
3.
Die schwerste und zugleich reizvollste Beschäftigung der Welt ist, sich eine Wohnung einzurichten. Peter und Fee waren schon lange damit beschäftigt, da er eingesehen hatte, daß er als Ehemann jetzt in Berlin eine Stadtwohnung brauchte. In ruhigen Stunden hatte er das Gefühl, daß er damit wohl doch erheblich feine Mittel überschreite, aber Fee ließ ihn nicht zum Nachdenken kommen. Sie brachte täglich neue Pläne. In Zweifelsfällen wurde Nju zu Rate gezogen. . . ~
„Du brauchst ein Arbeitszimmer", erklärte nee, „und das mutz riesig groß fein! Venezianische Renaissance! Schreibtisch zwei Meter, Bücherschrank fünf Meier lang!"
„Was soll ich an einem solchen Schreibtisch?" klagte Peter, „ich schreibe nie!"
„Aber du wirst daran sehr dekorativ aussehen!"
„Und das ist die Hauptsache!" sprach es aus der Ecke. Das war Nju.
Fee flog herum: „Bitte, keine Ironie, Schwesterchen! Wer hat, der hat! Ich werde meinen Mann schon in den richtigen Rahmen stellen!"
„Am Rathaus ist ein Platz für einen Roland von Berlin zu vergeben!" sprach es ungerührt weiter aus der Ecke.
Peter hob beide Hände steil in die Lust: „Habt Gnade! Zawkt euch, wenn ich nicht dabei bin! Der Schreibtisch ist bewilligt, wenn ich nicht daran schreiben mutz!" LFortfetzung folgte ,