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Kasseler Neueste Nachrichten

Sonnabend/Sonntag, 5./6. September 1931

Vorstoß gegen (Lurkins

Oer Aeltestenrat lehnt vorzeitige Einberufung des Reichstages ab / Oeutfchnationale Kritik an der Außenpolitik

schen Vorbereitung der Zollunion anrühre, so sehe ich voraus, daß sie aus die Politischen Einflüsse, die sich auch in der Haager Cour geltend gemacht haben, Hinweisen werden; trotzdem glaube ich nicht, daß mit diesem Hinweis alles erklärt ist. Das, was bisher über den Spruch des internationalen Gerichts­hofes bekannt geworden ist, sollte doch auch Sie noch nachdenklich stimmen. Zumindest muß darüber Klar­heit geschaffen werden, ob die Anpassung des Zoll­unionplanes an das Genfer Abkommen von 1922 mit der größtmöglichen Sorgfalt durchgeführt worden ist. Und dann etwas anderes, etwas zu dem ThemaAk­tivität unserer Außenpolitik". Der Wille zur Akti­vität kann graduell sehr verschieden sein, und wenn ich an die Erklärungen des deutschen und des öster­reichischen Außenministers in Genf denke, dann ist es mir fast so, als ob es an der Energie, das Letzte aus den vorhandenen Möglichkeiten herauszuholen, gefehlt habe.

A; Glauben Sie etwa, daß es möglich ge­wesen wäre, einen offiziellen Verzicht zu vermeiden? In einem Augenblick, wo Oesterreich unbedingt fi­nanzielle Hilfe braucht, und wo es diese Hilfe leider Gottes nur bei Frankreich finden kann?

B: Ihre Frage zeigt mir, daß ich mich deutlicher ausdrückcn muß. Ich kann mich dabei gerade aus das berufen, was Sie über die grundsätzliche- Bedeutung des Kampfes um die Zollunion vorhin gesagt haben, und da glaube ich, daß sich ein Mann wie etwa Stresemann die große Chance, das mo­ralische Moment herauszuarbeiten, oder noch genauer: das Unmoralische der französi­schen Machtpolitik klar herauszustellen, nicht hätte entgehen lassen.

A: Sie bekennen sich heute zu Stresemann? Das überrascht mich, denn ich habe Sie früher nie als Anhänger der Stresemannschen Politik eingeschätzt!

B: Lächeln Sie nur ruhig über meine Anmer­kung. Sie ist nicht einmal ich bin ehrlich genug, um das einzugestehen originell. Man konnte ge­stern sowohl in derFrankfurter Zeitung" als auch in der gewiß ein wenig anders eingestellten Deutschen Zeitung" die Ansicht Schwarz auf Weiß nach Hause tragen, daß Curkius jener Funke fehle, der bei Stresemann die staatsmännischen Fähigkeiten entzündet habe.

Genf, 5. September.

Als erster Punkt der Tagesordnung der gestern nachmittag abgehaltenen Sitzung des Völkerbunds- ratcs wurde das österreichische Gesuch um Ge­währung einer Finanzhilfe erörtert. Der österreichische Vizekanzler Schober gab hierzu folgende Erklärung ab:

Die schwere finanzielle und wirtschaftliche Krise, unter der Oesterreich leidet, ist bekannt, um so mehr als unmittelbar nach mehreren Gesuchen an den Völkerbund hervorragende Mitglieder des Völker­bundsrates Wien zu dem Zwecke besucht haben, persönlich einen Ueberblick über die gegenwärtigen Verhältnisse in meinem Lande zu gewinnen. Ich halte es für meine Pflicht, den Dank der öster­reichischen Regierung sowie meinen persön­lichen für die Bereitwilligkeit auszusprechen, mit der der Völkerbund das Ersuchen Oesterreichs aus­genommen hat, sowie für die rasche Durchführung, die nunmehr das diese Woche zusammengetretene Finanzkomitee in die Lage versetzt, sich mit den österreichischen Fragen zu Mafien. Da schon in den allernächsten Tagen dem Völkerbunde alles zweckdienliche Material vorgelegt wird, halte ich es jetzt für überflüssig, Ihre Geduld durch eine detail­lierte Darstellung in Anspruch zu nehmen.

Eine Tatsache nur möchte ich hervorheben: In der Zwischenzeit hat die österreichische Regierung Bereits ernste Sparmaßnahmen ergriffen und hat ein umfassendes Finanzprogramm vorbe­reitet, das dem Finanzkomitee vorgelegt werden wird. Dieses Programm wird Sie davon überzeu­gen, daß Oesterreich fest entschlossen ist, alles im Rahmen feiner eigenen Kräfte Mögliche zu tun ,um

Eine große Geste?

A: Und wie sollte Curtius in der Sitzung des Europaausschusses die Aufgabe, die Sie ihm stellen, durchführen? (Nach einer kleinen Pause): Sie schwei­gen? Ein Kritiker also, der seine vornehmste Pflicht, die Pflicht nämlich, an die Stelle des Abgelehnten etwas Besseres zu setzen, nicht erfüllt!

B: Ich könnte mir vorstellen, daß das Ziel, von dem ich sprach, erreicht worden wäre, wenn der Außenminister die Mitteilung von Deutsch­lands Verzicht durch -die Erklärung ergänzt hätte, daß er sich, nachdem die Politik, mit der er dem Recht und der Vernunft zum Durchbruch verhelfen wollte, gescheitert sei, zum Rücktritt entschlossen habe.

A: Ich gebe zu, daß auch in Kreisen, die sonst den Reichsaußenminister verteidigt haben, die Un­zufriedenheit wächst. Was Sie Vorschlägen, wäre eine Geste, meinetwegen auch eine große Gest« ge­wesen- Aber wer will sagen, ob wir uns heute noch solche Gesten leisten können. Vielleicht war der Weg, den Curtius ging, doch richtiger; vielleicht lohnt sich der Versuch, den Zollunionsgedanken in größerem Rahmen, in einem Rahmen, wie ihn die Sachverständigen des Europaausschusses um­rissen haben, zu verwirklichen.

B: Rechnen Sie denn im Ernst damit, daß die höflichen Worte, mit denen der sranzöstsche Handels­minister die Erklärungen des Reichsaußenministers quittierte, mehr sind als Phrasen?

A: Darauf rechnen . . .? Ich bin nicht weniger skeptisch als Si". Aber ich erkenne, daß unser Han­deln heute unter dem harten Gesetze eines Zwanges steht, daß es bestimmt wird von der Notwendigkeit, mit Frankreich, mit der Macht, die jetzt die Schlüssel zu allen Türen besitzt, in ein erträgliches Verhältnis zu kommen,. Wer die Kosten dieserVerständigung" trägt, das wissen Sie so gut wie ich; wenn wir al­lerdings etwas gründlich zu überlegen haben, so ist es die Wahl des Zeitpunktes, an der diese Ent­scheidung ausgetragen werden soll. Werden wir in ein paar Wochen innenpolitisch gefestigter dastehen als heute, oder werden die Winternöte alle Berech­nungen über den Haufen werfen? Das ist die Frage, die beantwortet werden muß. Denn gibt es irgendwo eine Möglichkeit, dem Zwang, der unser Handeln bestimmt, zu entrinnen?

sich selbst zu helfen. In dem Bewußtsein aber, daß die Zusammenarbeit mit den europäischen Staaten und dem Völkerbund erforderlich ist, hat die öster­reichische Regierung den Zeitpunkt für gekommen erachtet, die Aufmerksamkeit des Rates auf die Lage Oesterreichs zu lenken.

In dankbarer Erinnerung an die bereits früher gewährte Hilfe habe ich die Ehre, den Rat zu bitten, das Ansuchen der österreichischen Regie­rung an das Finanzkomitee leiten zu wollen. j.

*

Der Finanzausschuß wird, Blättermeldungen zu­folge, eine Sonderabordnung zu einer eingehenden Prüfung der gesamten Wirtschafts- und Finanzlage Oesterreichs nach Wien entsenden. Es sei in Aussicht genommen, den 150 Millionen-HilMredit für die öster­reichische Kreditanstalt zunächst bis Oktober zu verlän­gern. Die Bank von Frankreich soll die Garantie für einen Betrag von 5(1 Millionen Schilling des Gesamt­kredits übernommen haben.

Gerüchte über einen bevorstehenden Rücktritt des österreichischen Autzenministers Schober finden bis­her keine Bestätigung.

Kleine Fragen ...

Im weiteren Verlaufe der Ratssitzung lenkte der Vertreter Großbritanniens, Lord Robert Ce­cil, bei der Behandlung des Berichtes der Kom­mission für geistige Zusammenarbeit die Aufmerk­samkeit des Rates noch Monders auf eine Entschlie­ßung, die diese Kommission zur Abrüstungsfrage gefaßt hat und in der die Erwartung ausgesprochen wird, daß mit Rücksicht auf die künftige kulturelle

th. Berlin, 5. September.

Der Aeltestenrat des Reichstags bat in feiner gestrigen Sitzung, wie zu erwarten war, de» kom­munistischen Antrag auf frühere Einberufung des Reichstages abgelehnt. Es wird nun, wie auch Staatssekretär Pünder in der Sitzung mitteilte, beim Zusammentritt des Plenums am 13. Oktober ver­bleiben. Die Reichsregieruna hat jedenfalls die feste Absicht, den Reichstag zu diesem Termin zusammen­treten zu lassen. Man rechnet allerdings in parla­mentarischen Kreisen damit, daß e§ sich nur um wenige Sitzungstage handeln wird Die Be­strebungen der Reichsregierung gehen dahin, daß das Haus dann erst wieder zur Beratung des Haushaltsplan es für 1932 im Januar zu- fammentritt

lieber den Ausgang der gestrigen Sitzung des Aeltestenrates bestanden insofern vorher gewisse Zweifel, weil, man nach den Ereignissen in Genf nicht recht wußte, wie sich der V e r 1 r e t c r des Christlich-Sozialen Vvlksdienste ». der bekanntlich den Ausschlag bei der Abstimmung bis­her gegeben hat, diesmal verhalten würde, beson­ders da eine Reihe von Persönlichkeiten dieser Par­tei mit den außenpolitischen Ergebnissen in Genf unzufrieden ist. Der Vertreter der Christlich-Sozia­len tour aber überhaupt nicht zur Sitzung erschie­nen. An feiner Stelle lag ein Brief vor, in dem die Partei mitteilt, daß sie es ablehnen müsse, an den periodifch wiederkehrenden Sitzungen des Aelte­stenrates teilzunehmen.

Bemerkenswert an dieser Sitzung des Aeltesten­rates war eigentlich nur der

Vorstoß des deutschnationalen Abgeordneten Berndt gegen den deutschen Außenminister

Der Abgeordnete Berndt erklärte, für den Aus­gang der Zollunionsverhandlungen in Genf treffe in erster Linie Dr. Curtius die Verantwortung. Darüber hinaus aber sei das ganze Kabinett verantwortlich und müsse deshalb zurücktreten. Angesichts der feindseligen Haltung Frankreichs fei es ganz unverständlich, daß der Besuch der fran­zösischen Minister in Berlin erwartet werd« Er verlangte von der Reichsregierung, daß sie Mit­tel und Wege finde, um diesen Besuch rückgängig zu machen.

Wie man in anderen politischen Kreisen über diesen Vorstoß der Deutschnationalen gegen den Reichsaußenminister denkt, dafür fei eine kurz- Aeußerung der »Germania" erwähnt, die unter an­derem erklärt, sie halte es für inopportun, sich schon jetzt in die Debatte um Dr. Curtius einzumengen.

Entwicklung die Last der Rüstungen vermindert und die allgemeine Abrüstungskonferenz im Februar nächsten Jahres Erfolg haben werde.

Zu dem Bericht der Mandatskommission der sich vor allem mit der in Aussicht genommenen Selbständigkettserklärung des Iraks beschäftigte, er­klärte Dr. Curtius, die deutsche Regierung könne den allgemeinen Regeln, die auf den ausgezeichne­ten Bericht über diese Frage aufgqtellt worden seien, im allgemeinen zustimmen. Daß die deutsche Regierung besonderes Verständnis für die Forde­rung nach Sicherung der Rechte der nationa­len und religiösen Minderheiten habe, brauche er als Vertreter Deutschlands nicht beson­ders zu betonen.

Nachdem Lord Cecil und Flandin gesprochen hatten, wurde eine Entschließung angenommen, daß die Frage, ob ein Mandatsgebiet zur Emanzipation reif fei, jeweils forgfältig geprüft werden solle.

Kohle und Kartoffel für Erwerbslose?

th. Berlin, 5. September.

Jin Reichsarbeitsministerium sanden gestern die abschließenden Verhandlungen über die Frage der Naturalleistungen statt. Nunmehr sollen die zuständigen Reichsressorts beauftragt wer­den, mit den führenden Wirtschafts-Organisationen des Groß- und Kleinhandels, der Konsumgenossen­schaften usw. Fühlung zu nehmen. Man sieht aus

Der deutsche Reichsaußenminister befinde sich zur Zeit noch in Genf, und man müsse es daher ab- -lehnen, ihn in diesem Augenblick in eine Diskus- tzon zu ziehen.

Mißtrauensantrag gegen Preußen-Kabinett

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ZDtniH, D. övPTCTuTtCT.

Die deutschnationale Fraktion hat hh Preußischen Landtag einen MißtrauenSantrag gegen das Staats- ministerimn eingebracht. In der Begrmchnng wird gesagt, daß die Regierung durch ihre Unterstützung und Billigung des Verhaltens des Landtagspräsi- benten gegenüber den Anträgen auf Einberufung des Preußischen Landtages und hinsichtlich der Aus­legung' der Verfafsungsbestimmunzen betr. die Erle­digung eines vorliegenden Mißtrauensantrages hier­für die Verantwortlichkeit mitübernommen habe. Damit sei die Regierung mitverantwortlich für eine Tat des Landtagspräsidenten, die der Verfassung nicht entspreche.

Wahrscheinlich wird die hinter der Regierung stehende Mehrheit im Aeltestenrat deS Preußischen Landtages mit diesem Mißtrauensantrag so nicht verfahren wie mit dem der Kommunisten, d. h. man wird mit seiner Erledigung bis zum Wiederzusam­mentritt des Landtages warten. Die Deutschnatio­nalen haben übrigens angekündigt, daß sie den Staatsgerichtshof anrufen wollten, um die Zulässig­keit der Handhabung der Verfassungsbestimmungen durch den Aeltestenrat festzustellen. Bisher ist das aber noch nicht geschehen.

Abbau an den höheren Schulen

Berlin, 5. September. 7

An den höheren Schulen der Provinz Brandenburg einschließlich Berlin sollen sämtliche Hilfskräfte ent­lassen werden. Es sind das allein 500 Studien-Assesso­ren und -Assessorinnen in Berlin. Das Provinzial­schulkollegium für die Provinz Brandenburg und für Berlin teilt weiter mit, daß diese Maßnahme auf Grund der Notverordnung nicht nur für Berlin pnd die Provinz Brandenburg, sondern bis Weihnachten für ganz Preußen restlos durchgeführt fein müßte. In ganz Preußen rechnet man mit 2000 männlichen und 1500 weiblichen Hilfskräften, die von dieser Maß­nahme betroffen werden würden.

diesen Besprechungen, daß in Regierungskreisen die Frage der Raturalversorgung nicht ad akta gelegt worden ist, obwohl sie von verschiedenen anderen Stellen strikt abgelehnt wird. Man betont in Re­gierungskreisen, daß es sich ja hier nicht darum handele, ob man eine Naturalversorgung einführen wolle, sondern darum, ob die Verhältnisse nicht dazu zwingen werden, die Bezugssürsorgeverbände: zu einer derartigen Einführung zu ermächtigen,-

Man weist weiter darauf hin, daß diese Natural- versorgung für alle Empfänger öffentlicher,^ Unter­stützung in Betracht kommen soll, also nicht nur . für Erwerbslose, sondern auch für Kleinrentner usw. In diesem Zusammenhänge wird von sozialde­mokratischer Seite ein Plan erwogen, der darauf hinausläuft, die Naturalversorgung mit Kohlen und Kartoffeln vorzunehmen. Es wird betont, daß wir beide Produkte im Ueberflnsse in Deutschland hätten und sie als zusätzliche Bei­hilfe den Erwerbslosen zugute kommen lassen könn­ten.

Die Wiederlmfnahme der Strafrechtsreform. Der Strafrechtsausschuß des Reichstages ist jetzt endgültig für den 22. September einberufen worden, um die Strafrechtsreform, die im Frühjahr bei der Reichstagsvertagung gleichfalls abgebrochen wurde, nunmehr fortzusetzen. Es wird der einzige der gro­ßen Reichslagsausschüsse fein, die im Herbst eine größere Tagung abhalten.

Oesterreichs Hilfegesuch

Schobers Erklärungen im Völkerbundsrat / Lord Cecil zur Abrüstungsfrage

Viel Lärm um nichts"

Kasseler Sta ats th eat er.

Kassel, 5. September 1931.

Man kann, wenn man will, in Shakespeares Lust­spielen unerhörten Tiefsinn wittern und aufspüren, oder man kann sich rückhaltlos dem Reiz der leichten Form, dem skurrilen Geist dieser Spiele hingeben und die höchste Weisheit erfahren: in Fröhlichkeit erhaben zu fein über allen Wirrnissen und Mißver­ständnissen des Lebens.

Ich halte es mit der zweiten Einstellung und nehme den Titel des Lustspiels »Viel Lärm um Nichts" als Imperativ: macht nie und nimmer so­viel Lärm um etwas, das sich doch hinterher als Nichts herausstellt. So können die Philosophen und die Aestheten sich die Hand reichen- sie könnest deuten und spielerisch erleben: Und das Theater erfüllt seine doppelte Ausgabe, zu nützen und zu ergötzen, prodesse et delectare.

Viel Lärm um Nichts: Ein Mädchen wird ver­leumdet, Grafen und Fürsten schlagen höllischen Lärm, ein paar Gauner weiden verhaftet, die den Streich ausdecken. Alles löst sich in Rührung. Und nebenbei werden aus grimmigen Ehefeinden ret­tungslos Verliebte.

Das ist alles und füllt fünf Akte. Aber die Akte sind wirklich gefüllt, erfüllt von Heiterkeit und Leich­tigkeit, von Musik und Ueber-den-Dingen-stehen.

Auf der Bühne bewegen sich bunte Menschen, zwischen Steinbaukastenhäusern, die auf Rädern lau­sen, wenn sie in der nächsten Szene anderswo stehen sollen oder andersrum. Die Häuser haben eine so rührend falsche Perspektive wie auf Bildern des Trecento, aber die Menschen sprechen wie unseres­gleichen, wenn wir uns einen Fastnachtsscherz leisten.

Nach dem happy end schieben alle, die mitspielen nur nicht der Bösewicht, der den »Lärm" ver­schuldete die bunten Häuser zur Seite, damit Platz zmn Tanzen ist. Die Musik von Korngold spielt aus und auf ein groteskes Menuett folgt ein waschechter Walzer. Der Vorhang aber schließt sich vor dem Paar, das sich am heftigsten gegen die Ehe fträubte. Dieses Paar küßt sich demonstrativ, um zu zeigen, daß der Widerstand gegen die Ehe keinem Zweck hat.

Sämtliche Mütter heiratsfähiger Töchter leiten einen dankbaren Applaus ein, der nicht nur dem guten alten Shakespeare gilt, sondern auch dem Re­gisseur, Jakob Geis, der die Gabe zum schwerelosen Theater feitMann ist Mann" nicht mehr so glän­zend bewies. Der Applaus gilt auch dem Mann, der die hübschen Steinbaukastenhäuschen baute, Lothar Schenk von Trapp, und dem Komponisten Korn­gold, der mit mozartischer Beschwingtheit Vor- und Zwischenspiel« schrieb, die Hanns Steinkops mit mäßigem Feuer dirigiert. Endlich und im Grunde zuerst gilt die Begeisterung des Publikums aber den Schauspielern, die saft ausnahmslos in ihrer eigen­sten Haut zu stecken scheinen: Tilde M a s ch a t mit hinreißend böser Zunge und Hans S z a l l a als ebenso gewandter Florettfechter des Wortes, Werner Stock als komischer Improvisator von chaplinhafter Ahnungslosigkeit und Friedrich D o m i n als ver­lotterter Bösewicht. Die Reihe ist säst endlos: Elli Schulz-Kessel und Peter Lübr, ein ideales Shake­speare-Liebespaar ; Wendt, Ebhard und Lauer in fröhlicher Würde; Warb eck, Bendhack, Verend, Uhlig und Böckler in parodistischen Szenen; Schrader,- walv, Dörte Parell und Ilse Ley in «leinen Episoden.

G. M. Vonau.

* *

Ralph Samson:Zunge Liebe"

Uraufführung im LejsingtHeater- Berlin.

Berlin, 5. September.

Dr. Robert Klein, früher im Westen Berlins hei­misch, hatte beabsichtigt, seine neue Arbeit im ehr­würdigen Lessingtheater mit den Klassikern zu begin­nen und zu stabilisieren. Statt dessen bietet er als Eröffnungs-Vorstellung ein angeblichamerikannches Lustspiel, das zusammen mit seinem Verfasser Ame­rika kaum gesehen haben dürste. Dies Lustspiel ist nämlich genau Das, was sich ein nur nach Publikums­erfolg strebender Autor in Europa, besonders in Ber­lin heutzutage als eine Sammlung von Kassenreizen vorstellt. Und ist hierin schon geradezu widerwärtig.

Ralph Samson befolgt dies Rezept: man nehme ein junges Liebespaar, das, unter aktivem Vorantritt des weiblichen Teils, ganz schrecklich ineinander ver­liebt ist und auch zur Heirat kommen will. Aber die Kleine hat Angst vor der Dauer und fürchtet Un­treue. Darum erscheint es ihr am besten, sie erleben beide einmal schon vor der Hochzeit die Untreue, um zu erfahren, wie ihre Liebe sie aushält und übersteht. Gedacht, getan. Ein schon seit zehn Jahren verhei­ratetes Ehepaar ist zur Hand, der Mann nicht abge­neigt, die junge Braut, die Frau ebenso bereit, den jungen Bräutigam zu verführen. Die Bereitschaft zur Verführung genügt dann schon, um alle Leiden­schaften der Wut, der Lüge, der Verstellung zu ent­fesseln. Kann es aber anders sein, als daß schließ­lich beide Paare nach Krach und Aussprache glücklich miteinander werden? Wir sind doch in einemame­rikanischen" Lustspiel! Dies Stück wäre noch erträglich als sreilich alberne Situationskomik, wollte es nicht auchtief" sein. Ralph Samson wirkt abschreckend,

wenn er Trivialitäten der psychologischen Erotik und der erotischen Psychologie als Weisheiten verzapft. Ost genug auf geschmackloseste Art!

Oskar Homolka und Käthe Haack verstanden als älteres Ehepaar wenigstens echten Humor und frau­liche Anmut zu zeigen. Hans Brausewetter spielte den jungen Bräutigam mit allen Mitteln der Gut­mütigkeit wie der Wut. Grete Mosheim aber zeigte eine kesse, schnoddrige Braut, wie sie nur in Berlin und nur von ihr gespielt werden kann. Dieseameri­kanische" Angelegenheit entpuppte sich also schließlich als echte BerlinerSache". Das merkte auch das Publikum, bas begeistert war. Rur ein einziger Pfeifer zeigte, daß er bei Vernunft geblieben war und echte Heiterkeit noch von witzelnder Lachgier zu unterscheiden wußte. Geht Dr. Klein auf diesem Wege fort, wird man ihn künftig nur noch zu den Theater­direktoren zählen können, denen das Geschäft wichtiger als die Kunst ist.

H. M. Elster.

Maß für Maß Zweierlei Maß. Das Lübecker Stadttheater eröffnet seine Spielzeit mit dem Shake­speare-LustspielMaß für Maß". Das Lustspiel ist von dem Reinhardt-Dranialurgen Roihe neu über­tragen worden und zwar in einer Form, die auf den jüngsten Sprachforschungen basiert. Es kommt in die­ser neuen Bearbeitung unter dem TitelZweierlei Maß" in Lübeck zum ersten Mal auf eine deutsche Bühne.

Dieses Buch darf nicht ausgeliehen werden". Auf der nordisch-deutschen Schriftstellertagung in Lübeck wurden Resolutionen gefaßt, die vielleicht für die zu­künftige Gestaltung des Urheberrechtes von großer Bedeutung fein werden. Die Tagung forderte eine Erweiterung der Schutzfrist von dreißig aus fünfzig Jahre, sic forderte über Die fünfzig Jahre hinaus eine Tantiemenpflichtigkeit, um mit diesen Einnahmen einenKulturfonds" für die lebende Kunst zu schaf­fen. Sie nahm Stellung zu einer in Dänemark augen­blicklich aktuellen Frage, an der Verfasser, Bibliothe­ken und Publikum in gleicher Weise interessiert sind. Peter Freuchen war es, der die Bibliotheksabgaben­frage ausrollte. Es ist ja eine allgemeine Erfahrung, daß das Ausleihen von Büchern den Buchabfatz be­einträchtigt und damit die Autoren schädigt. Peter Freuchen hat bei feinem Buche .,Nordkaper" durch fei­nen dänischen Verleger den Verkauf dieses Buches von der Maßgabe abhängig gemacht, daß es durch Bi­bliotheken nicht verliehen werden dürfe. Er ließ auf das Buch einen entsprechenden Vermerk drucken: Die­

ses Buch darf nicht ausgeliehen werden. Das war in der ganzen Bücherwelt eine kleine Sensation. Um eine rechtskräftige Entscheidung herbeizuführen, ließ er das Buch trotzdem von einer Bücherei ausleihen und machte eine Klage angängig. In beiden Instan­zen wurde dahin erkannt, daß tatsächlich das Äus- leiherecht Eigentum des Autors sei. Das Buch sei eine Ware und der Verkäufer könne an den Verkauf so viele Bedingungen knüpfen, wie er wollte. Seitdem hat der dänische Verlag ein Büchereizeichen eingeführt, das genau so teuer ist wie das Buch selbst, sodaß also die Bibliotheken für ein Buch, wenn sie es zum Aus­leihen erwerben wollen, den doppelten Preis bezahlen müssen. Die Einnahmen aus dem Bibliothekszeichen sollen zwischen Autor und Verleger geteilt werden. Einstweilen aber wird der Verlag von den dänischen Bibliotheken boykottiert . . .

Brennspiegel in der chemisck>en Wissenschaft. Zwei schwedische Ingenieure haben mit" Hilfe eines ellip­tischen Spiegels einen Schmelzofen für wissenschaft­liche Zwecke konstruiert, wobei die Sonne als Licht­quelle durch eine mächtige elektrische Bogenlampe er« setzt wird. Bei der Vorsührung des neuen Schmelz­ofens vor der Gesellschaft für physikalische Untersu­chungen gelana es, Metalle mit einem Schmelzpunkt von 2100 Grad zu schmelzen. Der Fokus des Brenn- spiegels wurde aus ein Stück Platin gerichtet, das in vier Minuten schmolz und wie eure WWükeit zu sieden besau»