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21 Jahrgang
Genf und die Zollunionsfrage
Vertagung der Genfer Debatte? / Gerüchte über deutsch französische Wirtschaftsverhandlungen / Oie Bundespräsidentenwahl in Oesterreich
pariser Druck auf Oesterreich
Eigener Drahlbertcht.
th Berlin, 31. August.
Die neue Woche steht im Zeichen wichtiger außenpolitischer Ereigniffe. Bekanntlich wird am 1. September im Haag das Urteil des internationalen Gerichtshofes über die deutsch-österreichische Zollunion fallen. Das Ergebnis wird sofort nach Genf übermittelt werden. Aller Voraussicht nach wird man sich aber in der Ratstagung des Völkerbundes noch nicht mit diesem Gegenstand befassen, vor allem weil der französische Außenminister B r i a n d in dieser Woche, überhaupt noch nicht in Gens anwesend sein wird. Die Aerzte haben Briand eine Reise zunächst untersagt, und Briand wird erst zur Vollversammlung »ach Genf kommen.
Die Frage der Zollunion bildete jedoch gestern in Gens den Gegenstand einer ersten Besprechung zwischen dem deutschen Außenminister Dr. Curt ins und dem österreichischen Bundeskanzler Schober, die einen Teil der Reise nach Genf gemeinsam zurücklegten. Ob diese für Deutschland so wichtige Frage in Genf bereits zur Enischeidung kommt, erscheint, wie gesagt, immer zweifelhafter; es heißt vielmehr, daß in den bevorstehenden Besprechungen zwischen Briand und Dr. Curtius der Gedanke der Bildung eines deutsch-französischen Ausschusses erörtert ft'rden wird, in dem der gesamte
Komplex der wirtschaftliche» Annäherung und Zoll- angleichung zwischen Deutschland und Frankreich
behandelt werden soll. Die Genfer Besprechungen über diese Frage sollen die Vorbereitung für die weitere Erörterung dieses Planes bei dem Besuch des französischen Ministerpräsidenten Laval in Berlin bilden.
In Berliner rechtsstehenden Kreisen werden in diesem Zusammenhänge bereits Gerüchte verbreitet, daß im Zeichen eines ft ar len Druckes auf Oesterreich über ein Kompromiß in der Zollunionsfrage verhandelt werden soll. Bekanntlich hat die österreichische Regierung vor einiger Zeit einen dringenden Antrag wegen weiterer Kredithilfe an den Völkerbund gestellt. Da nun Frankreich praktisch als die einzige Geldmacht in Frage kommt, spricht man davon, daß
Frankreich diese Situation ausnützen wolle und die Vertagung der Durchführung der Zollunion beantragen werde.
Dieser Vertagungsgedanke wird in verschiedenen Kreisen in Zusammenhang gebracht mit den direkten deutsch-französischen Verhandlungen. Man rechnet in Genf mit vorbereitenden Besprechungen für diese deutsch-französische Konferenz.
Ein Berliner linksstehendes Blatt glaubt in diesem Zusammenhang mitteilen zu können, daß die Reichsregierung zu einem günstigen Ergebnis der Verhandlungen im Haag rechnet, und daß man in diplomatischen Kreisen in der Wilhelmstraße eine wirtschaftspolitische Aktion vorbereite. Dr.
Wien röstet zur
Von unserer Berli
Wien, 31. August.
Im Laufe der Woche beginnen die Verhandlungen über die Neuwahl des Bundespräsidenten. Dieser Neuwahl kommt eine besondere Bedeutung deswegen zu, weil sie das erste Mal nach der Verfassung durch das Volk durchgeführt werde. Die Wirtschaftskrise hat allerdings die Frage aufgeworfen, ob man die Erschütterung, die eine solche V o l k s w a h l vielleicht mit sich bringen würde, in Kauf nehmen soll.
Die Mehrheit der Abgeordneten der C h r i st l i ch - Sozialen Partei steht auf dem Standpunkt, daß die verfassungsmäßige Wahl durchgeführt und keine Aenderung getroffen werden soll. Die Unterhändler werden auch den Vorschlägen der jetzigen Regierungsmehrheit folgend, einen gemeinsamen bürgerlichen Kandidaten aufstellen.
Der Eesamtklub der großdeutschen Abgeordneten hat am Sonntag in einer Sitzung in Ischl ebenfalls zu dieser Frage Stellung genommen und die Ansicht vertreten, daß ein gemeinsamer Kandidat aufgestellt werden soll. Der Klub ist jedoch gegen die Wahl eines aktiven Parteimannes und fordert, daß der Kandidat ein unbedingter Anhänger des Anschlusses sein müsse.
Die übrigen Parteien sind nicht unbedingt für die Durchführung der Wahl. Der Landbund wäre eher geneigt, wie bisher, die Wahl durch die gemein«
Brüning werde, so heißt es, mit dem Vorschläge herauskommen, alle europäischen Staaten sollten gleichzeitig
die Industrie-Zölle um- 5—10 Prozent des Warenwertes herabsetzen;
auf diesen Vorschlag deuteten, so heißt es weiter, die Aeußerungen des Kanzlers in der letzten Zeit von der Notwendigkeit eines Abbaues der Zollmauern hin. Man wird gut daran tun, abzuwarten, ob aus allen diesen Mitteilungen ein wirklich positives Ergebnis herauskommen wird.
Französische Machenschaften
Paris, 31. August.
Die Mitglieder der Delegation beschäftigten sich mit der bevorstehenden Genfer Tagung und erklärte«, daß sie kaum größeres Interesse verdiene. Allein der Zollunion - Plan müsse Gegenstand eingehender Prüfung sein. Selbst wenn das Gutachten im Haag für Deutschland und Oesterreich nicht ungünstig ausfalle« sollte, müsse der Rat unbedingt Stellung dagegen nehmen. Es sei wahrscheinlich nicht schwer, Oesterreich zum Verzicht aus seine Pläne zu veranlassen, da es wie im Jahre 1922 um finanzielle Unterstützung vom Völkerbund bitte. Man müsse aber auch Deutschland klar machen, daß es in Zukunft ebensowenig wie heute Hand aus die begehrten Gebiete legen dürfe, und daß alle Vorbereitungen für den Anschluß künftig als sriedens- störende Aktion angesehe« würden. Der einzige Nutzen des Völkerbundsrates bestehe darin, daß er rechtzeitig Gesahren beseitigen könne, die den Frieden bedrohen. Wenn er dieser Ausgabe nicht gerecht werde, müsse er und mit ihm der Völkerbund selbst, in größten Mißkredit geraten.
Oer Empfang in Genf
Genf, 31. August.
Der deutsche Außenminister Dr. Curtius ist mit den Mitgliedern der deutschen Völkerbundsdelegation Sonntag mittag in Genf eingetroffen. Arn Bahnhof wurde der Minister von dem Untergeneralsekretär im Völkerbundssekretariat, Dufour- Fsronce, und dem deutschen Generalkonsul in Genf, Dr. Böllers, begrüßt. Zahlreiche Angehörige der deutschen Kolonie, der deutschen Studentenschaft, des Völkerbundssekretariats und der Presse bereiteten dem Minister und feiner Begleitung einen herzlichen Empfang. Der Minister begab sich ins Hotel Metropole, das aus Anlaß der bevorstehenden Völker- bundsversarnrnlung die Reicvsfarben gehißt hat. Gleichzeitig mit Dr. Curtius ist der österreichische Vizekanzler Dr. Schober in Genf eingetroffen. Der österreichischen Delegation gehören außer Dr. Schober der ehemalige Bundesminister für Finanzen, Dr. Juch, und Sektionschef Dr. Schüller an.
Präsidentenwahl
ner Schriftleitung.
same Tagung des Nationalrates und des Bundesrates, also der Bundesversammlung, durchzuführen. Die Sozialdemokraten legen auf die Art der Durchführung der Wahl kein besonderes Gewicht.
Brünings Wirtschaftsprogramm
th. Berlin, 31 August.
In Berlin werden sich die Beratungen per Reichsregierung vor allem mit den wirtschaftlichen Maßnahmen beschäftigen. Es handelt sich hier um die gestern angekündigten Maßnahmen zur Lockerung oes Kartellwesens und des Lohntarifwesens, durch die man zu einer Senkung der Produktionskosten gelangen will. Die Reichsregierung wird diese Beratungen, die zu einem zusammen fassenden Wirts chaftsprogramm führe« fallen, so zu fördern versuchen, daß die gesamten Arbeiten, die i» einigen Notverordnungen wohl ihren Abschluß finden dürften, spätestens einige Zeit vor dem Zusammentritt des Reichstages im Oktober be endet sein werden.
Außerdem wird es aber notwendig sein, eine Reihe zusätzlicher Einnahmequellen zur Aufbringung der für die Erwerbslosenfürsorge notwen d i g e n Mittel zu schassen. Es ist, wie schon früher angekündigt, auch in diesem Zusammenhang in Aussicht genommen. JjjtUl mf aö ft euer um
einen geringen Betrag zu erhöhen, die Hauszinssteuer eventuell umzubauen und schließlich zu einem irgendwie geartete» allgemeinen Nvtopser für die Arbeitslosen zu kommen. Die Maßnahmen der Reichsregierung innerhalb dieses engeren Auf- gaben-Bereiches werden voraussichtlich gegen Mitte September auf dem Wege der Notverordnung erfolgen.
Wowemaras freigesprochen!
Kowno, 31. August.
Im Woldemaras-Prozeß wurde das Urteil gefällt. 10 Angeklagte, darunter Wowemaras und zwei seiner Adjutanten, wurven freigesprochen. 12 Angeklagte wurden zu je einem Jahr Gefängnis verurteilt, davon zwei unter Zubilligung einer Bewährungsfrist. Der Rustika-Attentäter Deitkiewiczus erhielt 15 Jahre Zuch.haus, sein Helfershelfer Pupa- leikis 12 Jahre Zuchrhaus, beide bei Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte aus Lebensdauer. Der Freispruch von Woldemaras hat hier naturgemäß großes Aufsehen hervirgerufen.
polnischer Politiker ermordet
Warschau. 31. August.
Einer der bekanntesten polnischen Politiker, der Abgeordnete Taddäus Holuwko, ist Sonnabend halb 9 Uhr abends im ostgalizischen Badeort Trns- kawiez von zwei bisher unbekannten Tätern ermordet worden. Es handelt sich vermutlich um ein politisches Verbrechen und die polnische Presse nimmt als gewiß an, daß Ukrainer die Täter sind. Holuwko gehört zu den Führern des Regierungsblocks
Washington im August.
Es gibt mancherlei Arten, sich in Amerika über die herrschenden Meinungen und über die Gründe, die hinter den Meinungen liegen, zu orientieren. Die am wenigsten sicherste Art ist in der Regel eie Lektüre der Zeitung. In der amerikanischen Presse herrscht die Methode, nach Möglichkeit nur Tatsachen zu berichten, oder das, was bestimmte Gruppen von Interessenten als .Tatsachen" mitgeteilt zu sehen wünschen. Der politische Artikel, so wie ihn jede angesehene deutsche Zeitung gemäß ihrer Einstellung bringt, in dem die Schriftleitung ihre Meinung vertritt, mit dem die Leser des Blattes Überzeugt, ermuntert, gekräftigt, zur Kritik aufgerufen werden sollen, ist in Amerika selten. Nur in Ausnahmefällen, wenn es gilt, die öffentliche Meinung im Dienste irgendeiner Idee oder irgendeines Interesses nach einer bestimmten Seite hin zu lenken, ist die amerikanische Zeitung ein Meinungsorgan. Sonst ist ihr Ehrgeiz, dem Leser eine möglichst große Fülle von Nachrichten in möglichst sensationeller Aufmachung aufzutischen. Man kann diese Methode in ein Wort fassen: „Smotion*, Erregung. Das ist es, was der Leser von seinem Blatt will. Außerdem ist natürlich alles gut, was der eigenen Partei nützt. Die Parteigegnerschast erhebt sich aber eigentlich auch nur in Zeiten volitischer Wahlkämpfe zur höheren Temperatur.
Viel werwoller ais Zeitungslektüre ist es, wenn man Gelegenheit hat, mit einer vorurteilslosen und klugen, parteipolitisch nicht allzusehr sestgelegten Persönlichkeit zu sprechen. Ich hatte hier in Washington im Zentrum der amerikanischen Politik eine solche Gelegenheit und will den Inhalt des Gesprächs wiedergeben. Es begann mit der Frage nach Der Einstellung der amerikanischen öffentlichen Meinung — .Öffentliche Meinung* ist hier der absolut maßgebliche Faktor — zu Europa. Mein amerikanischer Partner setzte das sehr klar auseinander.
Bis in die 30er, ja 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte der Amerikaner durchaus das Gefühl, auf Europa angewiesen zu sein, vor allen Dingen wirtschaftlich u. finanziell. Das amerikanische Leben reichte damals erst wenig nach Westen über die atlantischen Randgebiete, die Europa am nächsten liegen, hinaus. Dann kam mit der Erstarkung der Vereinigten Staaten zunächst die Theorie auf, daß Europa auf beiden amerikanischen Kontinenten politisch nichts zu suchen habe, die sogenannte Monroe-Doktrin. Sie erklärte sich vor allen Dingen aus der damals in Europa herrschenden politischen Reaktionszeit. Die Völker Amerikas, die angelsächsischen wie die lateinischen, sollten frei davon bleiben. Es war eine Art von idealem Schild, das die nordamerikanische Union mit der Monroe-Doktrin über sie ausstreckie. An Ausdeutung im Sinne eines politischen oder wirtschaftlichen Imperialismus dachte damals niemand.
Die eigentliche gefühlsmäßige Trennung
und hatte sich als solcher vor allem der Minderhetts- politik in Ostpolen zugewandt.
Das polnische Regierungsblatt „Gazeta Polska* meint, daß das Verbrechen schwere Folgen nach sich ziehen werde. Auch „Kurier Polski* glaubt, daß sich die Folgen der Tat garnicht absehen lassen, wenn sich die Annahme eines politischen Mordes bestätigen sollte.
Neue Richtlinien für ruffische Auftragsvergebung
Moskau, 31. August.
Die Telcgraphen-Agentur der Sowjetunion verbreitet einen Beschluß des Volkskommissars für den Außenhandel und des Obersten Volkswirtschaftsrates, der neue Richtlinien für die Vergebung von AuslandSauftägen Vorsicht. Danach wird sämtlichen Einfuhrgesellschaften und Wirt- schaftsorganisationeu in der Sowjetunion anempfohlen, sich in Zukunft bei der Vergebung von Auslandsaufträgen nicht nur wie bisher von den allgemeinen technischen und wirtschastlichen Bedingungen leiten zu lassen, wie Qizalität der Ware, Liese- rungszeit, Preise, Krchitbedingungen usw„ sondern auch von der zollpolitischen Behandlung, die in den einzelnen Ländern die Waren sowjetrussischen Ursprunges erfahren. Der Vorzug bei Auftragsvergebungen soll solchen Ländern gegeben werden, in denen nach den in Kraft befindlichen Handelsbestimmungen der geltende Zolltarif die Meistbegünstigung vorsteht.
des amerikanischen Empfindens von Europa brachte der Bürgerkrieg, der das amerikanische Volk jahrelang bis in seine Tiefen aufwühlte und ein völlig verändertes' Amerika schuf. Unmittelbar danach begann die rapide wirtschaftliche Entwicklung durch die Ausschließung des Westens mit der Hilse der großen Eisenbahnbauten. In den siebziger und in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahr- huräderts lag die eigentliche Formung des amerikanischen Charakters durch die beispiellosen wirtschastlichen Erfolge, durch die Gewöhnung an immer größere Maßstäbe, durch das Gelingen jedes, auch des kühnsten Planes.
Auf dieser Grundlage bildete sich die Vorstellung, daß die Vereinigten Staaten ein Gebilde feien, >das sich vollkommen selbst genügt, daß alles Große und Gute in Amerika zu Hause ist, daß der Amerikaner Europa nicht braucht, ja chm mit einer gewissen Ueberlegenheit gegenübersteht. Der Krieg mit Spanien, die Ausdehnung der amerikanischen Kapitalinteressen auf Mittel- und Südamerika und das Wachstum des amerikanischen Geldes und der amerikanischen Energien erzeugten dann notwendig den politisch-wirtschaftlichen Imperialismus, den von den beiden großen amerikanischen Parteien namentlich bie Republllaner vertreten. Tatsächlich entziehen konnten sich ihm auch die Demokraten nicht. Immerhin war auch damals Europa, namentlich England, noch der Gläubiger Amerikas, da das reißend schnelle Tempo der Bahnkanten und industriellen Anlagen selbst der amerikanischen Kapitalsbildung vorausge- ellt war.
Nun kam der Weltkrieg. Darüber, warum und auf welche Weise Amerika in den Krieg hineingezogen wurde, ist es immer noch nicht leicht, mit Amerikanern zu sprechen, auch wenn ein gewisses Gefühl dafür sich regt, daß es eigentlich keine amerikanischen Interessen waren, für die das Land in den Krieg gegangen ist. Dies ist ein Punkt, an dem sehr viel auf eine unermüdliche und geschickte Behandlung der Kriegsschuldfrage von deutscher Seite ankommt, denn die Idee, auf die sich das amerikanische Empfinden in den weitesten Kreisen immer noch gerne zurückzieht, ist und bleibt die Hilfeleistung an sie von Deutschland bedrohte Freiheit der Welt.
Ich stellte die Frage, ob der durchschnittliche Ame- rifaner ein Gefühl dafür habe, daß Amerika eine Verantwortung für den jetzigen Zustand Europas und namentlich für die Lage Deutfchlauds trägt. Die Antwort war schr bezeichnend: „Große und starke Nationen pflegen kein Gefühl der Verantwortlichkeit für ihr Tun zu haben; nur schwache Völker sprechen von Verantwortlichkeit!* Mit einer feinen Wendung bekannte sich mein Partner für seine Person doch zu einer Veranttvcrtlich- teit Amerikas; für die große Mehrheit seiner Landsleute bedauerte er, es ablehnen zu müssen. Was Amerika tut, wosür sich einmal,sie öffentliche Meinung des Landes erklärt hat, das ist eine autonome amerikanische Lebensäußerung, und da geholt die
Ein Gespräch in Amerika
Von Dr. Paul Rohrbach.