Hessische Abendzeitung
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Kasseler Neueste Nachrichten
Nummer 201*
Areiiaa. 28. Auautt 1031
21 Lahrgang
Oer russische Außenminister in Berlin
Heute Besprechungen mit dem Reichsaußenminister / Castle zum Brüning-Interview / Dreistündige Ltnterre-ung des Kanzlers mit Hugenberg
Gesprächsstoff: Nichtangriffspakt
«Stgener Drahtbericht.)
Brüning und die Oeuifchnationalen
Von unserer Berliner Schrtf tleitung.
Berlin, 28. August.
Der Volkskommissar für Auswärtiges, Litwinow, ist mit den Mitgliedern der sowjetrusstschen Delegation für Gens heute vormittag 9.48 Uhr aus dem Schlesischen Bahnhof eingetrofsen. Zn seiner Be- grühung hatten sich der deutsche Botschafter in Moskau, von Dircksen, vom Auswärtigen Amt u. a. der Dirigent der Ostabteilung, Gesandter Meyer, und Ee- sandtschaftsrat Rörecke als stellvertretender Chef des Protokolls, sowie Mitglieder der Botschaft der Sowjetunion eingesunden.
*
Der russische Außenminister Litwinow wird, wie schon gemeldet wurde, heute mittag eine Unterredung mit dem Außenminister Dr. Curtius haben. Dabei wird es sich selbstverständlich in erster Linie um die zwischen Paris, Moskau und Warschau schwebenden Verhandlungen über einen Nichtangriffspakt handeln, lieber diese Verhandlungen wird die deutsche Regierung sowohl von der französischen wie von der russischen Seite her eingehend informiert. Zu irgendwelchen weittragenden politischen Besorgnisien glaubt man in der Wilhelmstraße in diesem Zusammenhänge vorläufig keinen Anlaß zu haben. Litwinow reist von Berlin nach Genf weiter. Die deutsche Delegation, unter Führung des Außenministers Dr. Curtius, wird am Sonnabend nachmittag die Reise nach Genf antreten. Von der inzwischen aus London bestätigten Meldung, daß der neue englische Außenminister Lord Reading nicht nach Genf fahren wird, hat man hier mit Bedauern Kenntnis genommen. Die Führung der englischen Delegation ist Lord Cecil übertragen worden.
Oer sranzösisch-rufffche Pakt fertigqestellt?
Londoner Kommentare.
London. 28. August.
Der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph" meldet, daß der französisch-russische Vertrag bereits fertig gestellt, jedoch noch nicht paraphiert sei. Die Verhandlungen seien im Hinblick auf die wachsende Opposition in der französischen Kammer möglichst geheim gehalten worden. Lebhafte Begünstigung härten die Verhandlungen durch den Botschafter Poncet erfahren, dem sich mehrere französische Finanziers und Industrielle, ein Teil des »Qai d'Orsay und Briand, angeschloffen hätten. Berthelot, der bisher die Hauptverhandlungen, geführt habe, verfolge bei dem Vertrag den Zweck, mit der augenblicklichen Geldmacht Frankreichs die deutsch-russische Rapallo-Entente zu I brechen und das alte französisch-russische Bündnis I
wieder herzustellen. Er zweifelt nicht daran, daß Rußland ein finanzstarkes Frankreich dem bankerotten Deutschland vorziehen würde.
Der diplomatische Mitarbeiter erklärt weiter, Warschau fei infolge der strikten Ablehnung seines Angebotes eines Nichtangriffspaktes durch Rußland alarmiert, weshalb Zaleski nach Paris eile, bevor er Litwinow in Genf treffe. Allerdings habe Rußland Frankreich und Deutschland schon öfter gegeneinander ausgespielt, sodaß es schwierig sei, die russischen diplomatischen Winkelzüge ernst zu nehmen.
Die Finanzierung des Ruffengeschäftes
Berlin, 28. August.
Die Verhandlungen mit der Reichsbank über Bereitstellung von Mitletn für die Finanzierung des Lieserungsgeschäftes nach Rußland haben laut »Industrie und Handel" zu einem vorläufigen Ergebnis geführt. Danach werden garantierte Russen- wechsel, die bis Mitte nächsten Monats fällig werden, von der Reichsbank rediskontiert. Der dafür in Aussicht genommene Betrag bewegt sich um 15 0 Millionen RM. lieber das anzuwendende Verfahren schweben noch Besprechungen, an denen auch die zuftöndigen Vertreter der deutschen Industrie und des Bankenkonsortiums teilnehmen.
Die bisher, gefundene Teillösung ist noch nicht voll befriedigend, man hofft aber,' daß es gelingt, durch Entlastung des Wechselportefeuilles der Großbanken Mittel für die Finanzierung der im Sommer 1931 vergebenen und langfristig kreditierten Rußlandge- schäfie freimachen zu ‘innen.
„Ctne einfältige Lösung"
Paris, 28. August.
Das Organ Daladiers, „La Republique", wirft heute die Frage aus, ob man von Deutschland die Verpflichtung fordern müsse, den Status quo aufrecht zu erhalten, und beantwortet diese Frage mit einem Nein. Wenigstens in zwei Punkten, so schreibt „La Republique", ist die durch die Verträge geschaffene Lage gefahrenschwer für den Weltfrieden. Einerseits braucht ein großes industrielles Volk, wie es das deutsche ist, A b s a tz g e b i e t e, und man hat, wie allgemein zugegeben wird, eine Dummheit begangen, und eine Explosion vorbereitet, als man Deutschland den kolonialen Markt fortnahm, den es besaß.
Andererseits ist der berüchtigte polnische Korridor In seiner gegenwärtigen Gestalt eine ständige Ursache der Unzufriedenheit und der Reibung. Die Lösung, die man in dieser Frage gewählt hat, war einfältig.
Oie Zukunft der Reparationen
Castle zu den Erklärungen des Reichskanzlers
London, 28. August.
Der Washingtoner Korrespondent der „Times" meldet, daß die Erklärung des Reichskanzlers Dr. Brüning, die Zukunft der Reparationen hänge von den Vereinigten 3:aalen ab und eine entscheidende Wendung könnte nicht vor dem Zusammentritt des amerikanischen Bundesparlamentes erfolgen, dem Stellvertretenden Staatssekretär Castle am Donnerstag zu» A-ußerung vorgelegt worden fei. Dieser habe betont, daß die Erklärung vielleicht eine Hoffnung ausdrücke, daß aber
Dr. Brüning sicher keinen Grund habe, sich hoffnungsvoll zü äußern. Er glaube, daß die Aussichten für etwas derartiges, wie es von Dr. Brüning angedeutet worden fei, gleich Null seien.
Der Stellvertretende Staatssekretär hat die Gelegenheit wahrgenommen, um ausdrücklich die Vermutungen zu entkräften, daß die Reparations- und Kriegsschulden irgendeine Rolle auf der Abrüstungskonferenz in Genf spielen würden. Bezüglich der Verschiebung dieser Konferenz im Hinblick auf die politische Lage in England, bemerkte er, es habe sich nichts an der amerikanischen Auffassung geändert, daß die Konferenz zur vorgesehenen Zeit stattfinden könnte.
Oie amerikanischen Kredite
für England
Paris hofft auf eine „Finanz Entente".
Rewyork, 28. August.
Das Bankhaus Morgan wird voraussichtlich noch im Laufe des heutigen Tages eine offizielle Mitteilung über den Abschluß der mit der englischen Regierung geführten Kreditverhandlungen veröffentlichen.
Die amerikanischen Bankengruppen stellen dem Londoner Schatzamt einen einmaligen Kredit in Höhe von 3—500 Millionen Dollar zur Verfügung. Die in Anspruch genommenen Beträge werden durch die Ausgabe 60—90tägiger Schatzscheine gedeckt, die von den Kreditgebern zu einem nach dem jeweiligen Tagesgeldpreis wechselnden Satz diskontiert werden. Das Londoner Schatzamt wird ermächtigt, die fälligen Schatzscheine im Rahmen 8er Kreditbestände zu erneuern.
Die Initiative zu den Kreditverhandlungen ging von der englischen Regierung aus. Die Höhe der Kreditsummen wurde jedoch von bett amerikanischen Ban ken vorgeschlagen, die großes Jntereffe daran haben, daß der Sterlingkurs keine neuen Erschütterungen mehr erfahren darf.
Einberufung des englischen Parlaments
London, 28. August.
Der „Morningpost" zufolge hat sich das Kabinett entschlossen, das Parlament zum 8. September einzuberufen. Es fei zunächst mit einer starken Opposition gegen die Regierungsvorlage zu rechnen, jedoch würden wirksame Maßnahmen ergriffen werden, um mit ihr fertig zu werden. Das Blatt legt nochmals besonderen Wert auf die Feststellung, daß die nationale Regierung nur zu dem Zweck gebildet worden fei, den Staatshaushalt auszugkeichen. Neuwahlen würden vielleicht schon im November statt- finden.
th. Berlin, 28. August.
Die Unterredung des Reichskanzlers mit dem Führer der Deutschnationalen, dem Abgeordneten Dr. Hugenberg hat gestern nachmittag stattgefunden und über drei Stunden gedauert. Auch die Tatsache, daß der Kanzler und Hugenberg jeder einen feiner engeren Parteifreunde, nämlich den Abgeordneten Kaas vom Zentrum und den deutsch- nationalen Abgeordneten Quaatz zu dieser Unterredung hinzugezogen hatten, beweist, daß es sich nicht nur um eine Formalität, sondern um eine sehr gründliche Aussprache gehandelt hat.
In dieser Aussprache hat der Reichskanzler zunächst die Grundlagen seiner Politik dargelegt, und dann haben die Vertreter der Deutschnationalen ihre Auffassung dazu im einzelnen erläutert. Mehr als die Tatsache dieses Gedankenaustausches wird von amtlicher Seite über diese lang andauernde Besprechung nicht mitgeteilt. Damit wird aber schon die Erwartung bestätigt, daß die gestrige Unterredung nicht zu irgendwelchen konkreten Ergebnissen im Sinne einer Aenderung des jetzigen Kabinetts oder seiner koalitionsmäßigen Grundlage führen werde. Etwas derartiges war weder beabsichtigt, noch unter den jetzigen Umständen möglich. Dagegen stellt man Erörterungen darüber an, ob es dem Kanzler vielleicht gelungen ist, den Führer der Deutschnationalen von der Notwendigkeit und Richtigkeit der jetzigen Regierungspolitik prinzipiell zu überzeugen, woraus sich der Schluß ergeben würde, daß die Deutschnationalen, ohne eine grundsätzliche Aenderung ihrer politischen Gesamteinstellung, vielleicht zu der Ansicht kommen, daß diese. Politik gegenwärtig nicht ernsthaft gestört werden darf. Auf Grund einer derartigen
I vertraulichen Unterredung kann diese Frage selbstverständlich nicht beantwortet werden. Man wird aus dem politischen und taktischen Verhalten der Deutschnationalen in der nächsten Zukunft zu entnehmen haben, welche Wirkungen die gestrige Unterredung gehabt hat. Jedenfalls wird der Tatsache starke Beachtung geschenkt, daß die gestrige Unterredung in einem Tone des gegenseitigen Verstände nisses geführt worden ist.
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In der Berliner Presse werden keinerlei nähere Mitteilungen über die gestrige Unterredung gemacht. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" spricht davon, daß die Möglichkeit einer Einordnung oder Abschwächung der deutschnationalen Opposition gestern vielleicht erörtert worden fei, da diese im Zuge der bekannten Burgfriedensidee des Zentrums liege. Ob sich aber in dieser Richtung gewisse Ansatzpunkte für eine künftige Entspannung des Verhältnisses zwischen Regierung und Deutschnationalen bereits ergeben haben, erscheine noch recht zweifelhaft. In den dem Abgeordneten Hugenberg unmittelbar nahestehenden Blättern („Lokalanzeiger" und „Tag") wird übereinstimmend lediglich der eine Satz ausgesprochen:
„Sollten etwa an diese Unterredung Kombina. tionen über eine Aenderung der innenpolitischen Sage geknüpft werden, so würde das dem Charakter dieser Unterredung nicht entsprechen.
Diesen Satz muß man selbstverständlich in dem Sinne auffaffen, daß eine Aenderung des Kabinetts oder der Koalition zur Zeit nicht in Betracht kommt, wie ja auch der Kanzler jede derartige Lösung schon vorher abgelehnt hat.
Oie preußischen Notverordnungen
Eigener Drahtberlchl.
Berlin, 28. August.
Die Vorarbeiten der preußischen Ressorts für ein Finanzprogramm zur Deckung des De- fiziks im preußischen Staatshaushalt, das auf etwa 350 Millionen beziffert wird, find jetzt soweit gediehen, daß in den nächsten Tagen mit ihrem Abschluß zu rechnen ist. Man ist weiter gegenwärtig damit beschäftigt, die auf Grund der neuen Notverordnung des Reichspräsidenten notwendigen Verordnungen fertigzu st eilen, die auch den Gemeinden die Möglichkeit geben sollen, ihre Etats soweit wie möglich in Ordnung zu bringen. Wie das Nachrichtenbureau des VDZ. erfährt, wird das preußische Staatsministerium am Dienstag nächster Woche zu einer Sitzung zusammentreten, um zu den Vorschlägen Stellung zu nehmen. Ob in dieser Sitzung schon endgültige Beschlüsse gefaßt werden, läßt stch angesichts des Umfangs der Materie noch nicht mit Sicherheit sagen. Entsprechend der Notverordnung des Reichs- präfidenten werden sämtliche Beschlüsse des preußischen Kabinetts gleichfalls int Wege der Notverordnung in Kraft gesetzt werden. Der Preußische Landtag wird also mit diesen Dingen zunächst nicht befaßt.
Heber den voraussichtlichen Inhalt des Programms ist im Augenblick noch nichts zu erfahren. Es haben in den letzten Tagen int preußischen Finanzministerium mehrfach Besprechungen mit den Vertretern der Finanzministerien und der anderen großen Länder stattgefunden, um eine Klärung über die notwendigen und möglichen Maßnahmen herbeizuführen und ein möglichst einheitliches Vorgehen der Länder zu gewährleisten. Zuletzt hat, wie chon berichtet wurde, am Mittwoch eine solche Äon» erenz stattgefunden, an der neben den Referenten auch die maßgebenden Minister der Länder teilgenommen haben. Der Deutsche Städtetag, deffen Programm eine der Grundlagen der neuen Sparvorschläge bildet, ist weitgehend an den Vorarbeiten beteiligt worden. Fast täglich haben Verhandlungen der preußischen Regierungsstellen mit den Vertretern des Städtetages stattgefunden.
Wie Bayern sein Defizit deckt
München, 28. August.
Die bayerische Staatsregierung will zur Ausgleichung des Haushalts 1931 eine Notverordnung auf Grund des 8 64 der Verfassungs- urkunde erlassen, um den Vollzug des ordentlichen Staatshaushalts für 1931 zu sichern und die im Haushalt vorgesehene Landeshilfe für die Gemeinden zu ermöglichen. Darüber hinaus enthält die
Verordnung Maßnahmen, die in den kommenden Haushalten auf der Ausgabenseite fortwirken werden. Da die Einsparungen bei den Ausgaben nicht ausreichen, um den Fehlbetrag von 28,6 Millionen im ordentlichen Staatshaushalt vollständig auszugleichen, müssen Verbesserungen auf der Ein- nab men fette dazu treten. In der Notverordnung wird deshalb die Schlacht st euer für die Zeit vom 1. September 1931 bis 31 März 1932 erhöht. Diese Erhöhung, die für das Pfund Frischfleisch durchschnittlich 3 Pfg. beträgt, soll von den Fleisch- und Wurstwarenverkäufern getragen werden. Die Verordnung erklärt deshalb die Erhöhung der bisherigen Kleinverkaufspreise für unzulässig.
Zur Sicherstellung der Landesyilse für die durch Wohlfahrtserwerbslofensürsorge überlasteten Gemeinden wird weiter eine einmalige Wohlfahrts- a b g a b e erhoben. Abgabepflichtig sind alle Personen, die am 1. September 1931 Räume in Gebäuden inne haben, gleichviel, ob sie Mieter ober Pächter sind ober Räume im eigenen Hause benutzen. Die Raumabgabe beträgt in Mietshaussteuergemeinden 1 Prozent der Jahresfriedensmiete, bei Neubauten 1 Prozent der um ein Sechstel verminderten Jahresmiete, in Gemeinden, in denen die Hauszinssteuer nach der Fläche erhoben wird, 2 Pfg. von jeder Mark der Haussteuer-Verhältniszahl. Tie Abgabe ist zur Hälfte am 1. Oktober und am 1. Dezember 1931 fällig.
Es verbleibt dann noch ein Fehlbetrag von 17,6 Millionen Mark, der durch Einsparungen bei den Ausgaben ausgeglichen werden soll. Hiervon entfallen rund 7 Millionen RM. auf Einsparungen bei den Personalausgaben, 0,6 Millionen RM. auf Einbehaltungen bei den Verwaltungsausgaben, 10 Millionen RM. aus den Sachausgaben.
Die Einsparungen bei den Sachausgaben verteilen sich auf sämtliche Haushaltsansätze, auch auf den Wohnungsbau. Die Einsparungen bei den persönlichen Verwaltungsausgaben bestehen in einer Kürzung der Dienst- und Versorgungsbezüge der ledigen und kinderlos verheirateten Beamten und Angestellten des Staates, einschließlich der Bezüge der Geistlichen und der Vergütungen an geistliche Gesellschaften und religiöse Vereine, wenn sie den Betrag von 1500 Mark jährlich über ft eigen, für die Dauer des zweiten Rechnungshalbjahres 1931 um weitere 5 Prozent.
In einer weiteren Notverordnung wird bestimmt, daß die Gemeinden, Bezirke, Kreise und sonstigen Körperschaften des öffentlichen Rechtes die Dicnst- und Versorgungsbezüge ihrer ledigen und kinderlos verheirateten Beamten für die Zeit vom 1. Oktober 1931 bis 31. März 1932 entsprechend kürzen.