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Nummer 200*

Donnersiaa, 27. Auauss 1931

21 Jahrgang

Genf und die englische Krise

Der englische Außenminister geht wahrscheinlich nicht nach Genf / Litwinow in Berlin / Hugenberg besucht Brüning / MVolte in Lissabon

Vertagung -er Zollunions-Debatte?

Eigener Drahtbertchk.

polnisches Liebeswerben

(Von unserem KorrespondentenZ

London, 27. August.

Wie der diplomatische Korrespondent desDaily Telegraph" berichtet, ist es infolge des Kabinettswech­sels sehr zweifelhaft, ob Lord Reading anstelle Hendersons den Vorsitz auf der Völkerbundsrats­sitzung übernehmen wird, da seine Anwesenheit in London bei der Zusammenstellung der neuen Spar­maßnahmen unbedingt erforderlich ist. In diesem Falle würde England durch einen anderen Minister, der jedoch nicht dem engeren Kabinett angehört, oder durch einen besonderen Regierungsbeauftragten' ver­treten sein.

Hierdurch würde natürlich die Völkerbunds- fitzung wesentlich an Bedeutung ver. lieren. Es muß sogar mit der Möglichkeit gerech­net werden, daß die Frage der deutsch-österreichischen Zollunion auf einen späteren Zeitpunkt ver­schoben wird.

Die Aaiionalregierung

an der Arbeit

London, 27. August.

Die aus Kabinettsministern unter Hinzuziehung von Regierungssachverständigen gebildeten Ausschüsse werden in den nächsten Tagen ihre Vorschläge zu Sparmaßnahmen ausarbeiren. Die Empfeh­lungen sollen sehr schnell dem Gesamtkabinett zur Entscheidung unterbreitet werden.

Während englischer Gepflogenheit zufolge die Steuerpläue des Schatzlanzlers erst bei ihrer Vorlage dem Parlament bekannt gegeben werden, hält es die Regierung besonders mit Rücksicht auf die Wieder­herstellung des Vertrauens inr Auslande für ratsam, die allgemeinen Richtlinien ihrer beabsichtigten Spar­maßnahmen möglichst bald bekannt zu geben.

Der ehemalige Botschafter in Paris, Lord Crewe, der der Liberalen Partei angehört, ist zum Kriegs­minister der neuen nationalen Regierung ernannt worden.

Mac-onal- macht Wochenende

London, 27. August.

Wie derDaily Expreß" berichtet, beabsichtigt Macdonald, der im Oktober seinen 65. Geburts­tag begeht, sich aus dem politischen Leben zurückzuziehen, sobald die nationale Regie­rung ihre Aufgabe beendet habe. In seiner Äb- schiedsrede vor seinen sozialdemokratischen Minister­kollegen erklärte er, er wisse genau, daß sein Ent­schluß zur Bildung einer nationalen Regierung das Ende seiner Laufbahn als Führer der Arbeiterpartei bedeute.

Wie das Blatt weiter berichtet, wird Macdonald nach Schluß der nächsten Parlamentsperiode eine ausgedehnte Weltreise antreten.

»

Premierminister Macdonald hofft, heute abend für das Wochenende nach seiner schottischen Heimat reisen zu können, um sich von den Stra­pazen der letzten zwei Wochen zu erholen. Er wird also der morgigen Sitzung der Parlamentarischen Arbeiterpartei nicht beiwohnern, sondern wird sich lediglich mit seinem an die Mitglieder der Partei gerichteten Bries begnügen.

Das Gegenprogramm -er Opposition

sich gestern, nachdem die Berichte über die finanz­politischen Fragen (internationale Industrie und Handelsbank) und die industriellen Fragen (Kartelle und internationale Jndustrievereinbarungen) ange­nommen worden sind, den handelspolitischen Fragen zugewendet.

Der für diese Fragen eingesetzte Unterausschuß, dessen Vorsitz der inzwischen in Genf eingetroffene Verfasser des Baseler Berichtes, Sir Walter Lay- t o n, führt, und dem der deutsche Sachverständige Clemens Lammers sowie der ehemalige tschecho­slowakische Handelsminister Dvoarcek angehören, hat seine Arbeiten wieder ausgenommen. Der Unteraus­schuß hofft, schon bis heute nachmittag seinen Bericht der Vollsitzung des Komitees vorlegen zu können.

Sir Walter L a y t o n hat gestern in der Vollsit­zung eindringlich aus den Ernst der feit der letzten Tagung des Komitees stark veränderten Situation hingewiesen und betont, daß namentlich auf handels­politischem Gebiet etwas geschehen müsse. In dem Gesamtbericht, den das Komitee für den Europa- Ausschuß ausarbeitet, wird, wie wir erfahren, sehr deutlich auf die Schwierigkeiten, die sich für eine bessere Organisation der europäischen Wirtschaft aus der politischen Unsicherheit und dem man­gelnden Vertrauen ergeben, hingewiesen und betont, daß seit der Weltwirtschaftskonferenz im Jahre 1927 die handelspolitische Situation nicht besser geworden fei, sondern sich fortlaufend verschlechtert habe.

th. Berlin, 27. August.

Die Nachricht, daß der Reichskanzler heute nachmittag den Führer der deutschnationalen Partei, Geheimrat Hugenberg, zu einer Unterredung empfangen wird, hat gestern abend in politischen Kreisen begreifliches Aufsehen erregt, besonders da schon seit längerer Zeit wiederholt davon die Rede war, daß vergebliche Bemühungen angestellt worden seien, um eine derartige Zusammenkunft zustande zu bringen. Es fcheint auch, daß diese Unterredung nicht zuletzt auf die Vermittlung des Reichs­präsidenten von Hindenburg zurückzuführen ist, der vor längerer Zeit eine Unterredung mit Hugen­berg hatte und dabei den Wunsch äußerte, daß Hugen­berg einmal mit dem Reichskanzler Fühlung nehmen möge. Jedenfalls wird von deutschnationaler Seite mit Bestimmtheit erklärt, daß lediglich dieser Wunsch des Reichspräsidenten von Hindenburg für den Ge­heimrat Hugenberg bestimmend gewesen sei, den heu­tigen Besuch beim Reichskanzler auszuführen, wäh­rend von anderer Seite verlautet, daß die deutsch­nationale Parteileitung sich um den Empfang Hugen- bergs beim Kanzler bemüht habe.

Wie nun aber die Vorgeschichte dieses Empfanges auch liegen mag, jedenfalls wird man gut daran tun, von dieser heutigen Unterredung keine großen politischen Ergebnisse zu erwarten.

Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen den Aeußerungen, die der Kanzler in Stuttgart ge­tan hat und der heutigen Zusammenkunft, obwohl

Berlin, 27. August.

Der deutsche Botschafter in Moskau von Dirck- sen ist heute in Berlin eingetroffen; er wird am Nachmittag eine Besprechung mit Außenminister Dr. Curtius haben. Für morgen ist der Besuch des russi­schen Außenministers L i t w i n o w in Berlin ange­kündigt, der mit dem Außenminister Dr. Curtius und dem Botschafter von Dircksen eine Unterredung haben wird.

An Gesprächsstoff wird bei diesen Unterredungen kein Mangel sein, zumal die von uns gestern wie­dergegebenen französischen Veröffentlichungen auf die französich russisch-polnischen Verhandlungen einige neue Schlaglichter geworfen haben. Wenn sich die französifchen Rechtsblätter noch bis vor wenigen Tagen bei ihren Besprechungen der fran­zösisch-russischen Verhandlungen um Polen gesorgt hatten, so wurde jetzt in Paris erklärt, daß sich Polen bereits längst in die Paktverhandlungen eingeschal­tet habe. In Berlin hat man auch bis vor kurzem einen Optimismus gegenüber diesen ganzen Ostfra­gen zur Schau getragen; in den Gesprächen mit Herrn von Dircksen und Litwinow wird der Reichsaußen­minister reichlich Gelegenheit zur Prüfung der Frage haben. Ob dieser Optimismus berechtigt ist und ob insbesondere Rußland seine vertraglichen Bindungen an Deutschland auch ferner unbedingt beachten will.

Es wird über diesen Fragenkomplex in der näch­sten Zeit noch manches zu sagen fein. Heute geben wir zunächst einmal unserem Warschauer Mit­arbeiter das Wort, der in seinen Ausführungen

I diese bereits seit längerer Zeit geplant war. Der Kanzler hat darauf hingewiefen, daß fein Kabiyett von parteipolitischen Einflüssen frei bleiben, aber nach rechts und nach links hin wirksam sein müsse. Offenbar will der Kanzler eine Verbreiterung der po­litischen Basis herbeiführen, auf der fein Kabinett beruht, aber er wünscht andererseits jede unmit­telbare Acnderung personeller Art in feiner Regierung zu vermeiden. Jedenfalls hält man es für sehr unwahrscheinlich, daß die Unterre­dung etwa zum Eintritt der Dentschnationalen in die Regierung oder zu einem anderweitigen Kurs der Reichsregierung führen könnte.

Was die Verwirklichung eines Burgfriedens cm- geht, fo ist nicht anzunehmen, daß sich weder vie Sozialdemokraten noch die Deutschnationalen zu ei­nem wirklichen Burgfrieden bereitfinben würven.

Man wird unter diesen Umständen also gut daran tun, von der heutigen Unterredung zwischen Brü­ning und Hugenberg nicht zuviel Tatsachen­ergebnisse für ine Gestaltung der augenblick­lichen politischen Verhältnisse zu erwarten.

Das Reichskabinett wird heute vormittag zusammentreten, um die Genfer Völkerbundstagung vorzubereiten. Am Nachmittag findet-außer der Unterredung Brüning-Hugenberg eine Besprechung des aus Moskau eingetroffenen deutschen Botschaf­ters von Dircksen mit dem Außenminister Dr. Cur- tius statt.

Oer Kanzler empfängt Hugenberg

Von unserer Berliner Schriftleitung.

London, 27. August.

Nachdem die sozialistischen Vollzugs­ausschüsse auf ihrer Sitzung am Mittwoch scharfe Opposition gegen die Nationale Regierung beschlossen haben, weiden sie in den nächsten Tagen ein Gegenprogramm gegen die bevorstehenden Spar­vorschläge der Regierung ausarbeiten, in welchem ver­mutlich folgende Hauptpunkte enthalten sein werden:

1. Eine gestaffelte Sondersteuer, beginnend mit 1 vom 100 auf alle Löhne, Gehälter und Ein­kommen; 2. eine Ausdehnung der Er- werbslosenverficherung zunächst auf sämt­liche Arbeiterklassen; 3. zeitweises Aussetzen des Til­gungsfonds der Erwerbslosenversicherung.

Die Vorschläge sollen der arbeiterparteilichen Par- lamentsfraktin am Freitag zur Entscheidung vorge­legt werden.

politische Unsicherheit

gefah'-et Wirtschaft

Gens, 27. August.

Die yetü.u..den des Komitees der europäi­schen Wirtschaftssachverständigen haben

Stufige Unruhen in Lissabon

«Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 27. August.

Wie HavaS aus Lissabon meldet, find gestern mor­gen um 6 Uhr Truppen in die Kaserne des 3. Artille­rie-Regiments eingedrungen und haben die wacht­habenden Offiziere und das Regiment überwältigt. Die Regierung hat mit den übrigen Streitkräften der Lissaboner Garnison, mit der Polizei und mit der republikanischen Garde die Rebellen bekämpft und besiegt. Die Rebellen haben sich übergeben: ihre Füh­rer, unter ihnen der Oberst Dias Antuncs find ver­haftet worden.

Nach den letzten Meldungen wurden durch die Re­volten am Mittwoch 20 Personen getötet und 70 verletzt.

WieNeuyork Herald" ferner aus Lissabon be­richtet. mußten bei den aestrigen Kämpfen sogar Flug zeuge, schwere Geschütze und Tanks eingesetzt tret den. um der Bewegung Herr zu werden. Die Auf­ständischen sollen mit zwei Artillerieregimentern im Einvernehmen gewesen fein und versucht haben, die

Unterstützung weiterer Kampfeinheiten zu gewinnen. Tie Regierung hat eine große Anzahl von Gefan­genen gemacht, darunter mehrere Militärflieger.

Rach einem offiziellen Komuniqus ist die Ruhe wieder hergestellt. Die Regierung beherrscht die Lage vollkommen. Wie Havas ans Madrid erfährt, soll in der spanifch-portugiesischen Grenzstadt Valencia de Alcantara eine gewisse Erregung unter den dort wei­lenden politischen Flüchtlingen festzustellen sein.

Streik n-e Gemeiu-earbeiter

Düsseldorf, 27. August. Als Protest gegen die oierprozentige Lohnkürzung der Eemeindearbeiter wurde heute morgen im Düsseldorfer Fuhrpark der Streik proklamiert. Der Aufforderung tarn der größte Teil der 650 Mann starken Belegschaft nach. Beim Kanalbauamt ist ebenfalls diö gesamte Arbeiterschaft in Stärke von etwa 125 Personen in den Ausstand ge­treten.

den Nachdruck auf die Schwierigkeiten einer russisch-polnischen Zusammenarbeit legte. Daß diese Ausfassung nicht unbegründet ist, zeigt auch folgende Meldung:

Der Bericht der Moskauer Tatz-Agentnr, in dem festgestellt wird, daß die polnischen Paktvor­schläge auch weiterhin als ungehörig a b ge­lehnt werden müßten, hat in Warschauer Kreisen sehr große Bestürzung ausgelöst. Die War­schauer Presse ändert jetzt ihre Tonart, und der re­gierungstreueExpreß Poranny" bezeichnet den Be- icheid Moskaus als eine perfide Antwort die erneut den Beweis dafür liefere, wie wenig Mos­kau an der Erhaltung des Friedens in Osteuropa gelegen sei.

Unser Warschauer Berichterstatter schreibt uns ferner folgendes:

Der Beginn der sranzösisch-russifchm Verhand­lungen hat auch Warschau den Anstoß zu einer Aktivierung feiner Außenpolitik ge­geben. Nach Jahren voll Mißtrauen und Feindselig­keit gegen die Sowjetunion, die diese Gefühle ihrer­seits erwiderte, hat Polen jetzt die Initiative ergrif­fen, um eine Entspannung herbeizuführen. Das Re­gierungsprogrammGazeta Polfta" ließ einen Ver­suchsballon aufsteigen in Gestalt eines vielbeachteten Artikels, der die polnisch-russischen Beziehungen als keineswegs unheilbar schlecht bezeichnete und zwischen den Zeilen zu verstehen gab, daß eine Besserung mög­lichst bald eintreten sollte. Obgleich ein Moskauer Echo -ausblieb, so wirkte dieses Tönen der Friedens­schalmei in Polen weiter. In der Presse und in den politischen Kreisen wurden Sie Möglichkeiten eines Nichtangriffspakts eifrig erörtert und nunmehr hat die polnische Regierung dem Moskauer Außen­kommissariat den Entwurf eines Nichtan- grifssvertrages überreichen lassen.

Es ist begreiflich, daß schon die erste offiziöse An­regung in Polen eine lebhafte Diskussion auslöste. Angesichts der Lage Polens zwischen den als feind­lich betrachteten Nachbarn im Westen und im Osten verspricht man sich in den Warschauer politischen Kreisen diesmal aller Lager von einem Nicht­angriffspakt eine bedeutende Entlastung. Die Ost- grenze, so argumentiert man, brauchte bann nicht mehr als ständig von einem Angriff bedroht in Kriegsbereitfchaft gehalten zu werden und auch auf die nach Osten schielenden unbotmäßigen slawischen Minderheiten würde ein solcher Pakt sehr abkühlend wirken. Schon hierbei bleibt nun allerdings außer Betracht, daß die Politik der Komintern und hre Agitation unter den unruhigen Minderheiten wie bei der eigentlich polnischen Bevölkerung selbst durch den Abschluß eines Nichtangriffspakts in keiner Weise berührt werden würde.

In der polnischen Presse hat man aber über den erwähnten Gesichtspunkt hinaus an den erwünschten Vertrag auch schon sehr weitgehende Hoffnungen ge­knüpft, die sich nach Lage der Dinge in keiner Weise verwirklichen können. Wenn diePolonia" in einer Betrachtung über die zu erntenden Früchte eine An­erkennung der heutigen polnischen Grenzen, also auch der westlichen, durch die Sow­jetunion als sicher mitrechnet, so muß ihr entgegenge­halten werden, daß eine solche Festlegung der Sowjet­union in völligem Widerspruch zu ihrer bisherigen Außenpolitik stehen würde. Das polnische Blatt läßt bei seinen Betrachtungen das deutsch-russische Abkommen ganz außer acht, mit dessen Sinn und Geist eine Bekräftigung des status quo ganz unverein­bar ist, und ebensowenig beachtet ist Sie grundsätzliche Ablehnung des Versailler Vertrages durch Moskau. Die Sowjetunion hat ja nicht einmal in der Wilnaer Frage den polnischen Standpunkt als berechtigt an­erkannt. Angesichts dieser Tatsache könnte ein rus- rsch-polnischer Nichtangriffspakt im Grunde genommen bestenfalls kaum etwas anderes enthalten, als eine pezialisterte Anwendung der Grundsätze des Kellogg- Paktes, dem die beiden Staaten überdies bereits an­gehören.

Es wäre somit von der polnifcheu Mion, falls te zum Erfolge führt, wohl nicht viel mehr zu er­warten, als eine psychologische Wirkung, eine Ent­mannung Ser gereizten Atmofpbäre, die aller­dings vom fowjetrussischen Standpunkt nicht uner­wünscht erfcheinen könnte. Polen gilt in Moskau als der Eckstein im fo viel erörtertenAntisowjet- block". Eine Verpflichtung zum Verzicht auf jeden Angriff würde in dieser Hinsicht beruhigend wirken und damit natürlich auch die Kleinstaaten an der Westgrenze, die sich, wie man in Moskau immer be­hauptet, nach Warschau orientieren ,zu einer Um­stellung nötigen. So sollte man, wenigstens nach der in Warschau Vertretenen Meinung, in Moskau den­ken. Unterdessen war aber vcn Moskau ein Temrnti veröffentlicht worden, das Verhandlungen mit Po­len über einen Nichtangriffspakt kurz und bündig