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Nummer 197*

Moniag, 24. August 1931

21. Jahrgang

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Hessische Abendzeitung

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Meter Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Vor dem Nücktritt des Kabinetts Macdonald

O»e Stunden des Kabinetts Macdonald sind gezählt / Oppositionsführer beim König / Zwei Notverordnungen vom Neichskabiuett fertiggesteltt

Baldwin der kommende Mann

(Eigen« Drahtmeldung.)'

London, 24. August.

Obwohl die Regierung sich aller Aeuherungen über die Lage enthält, ist man in Londo» allgemein der Leberzeugnng, daß die Lebensdauer des Kabinetts Macdonald nur" noch nach Stunden zählt. Das arbei­terparteiliche BlattDaily Herald« hat heute fräh eine Sonderausgabe veröffentlicht, auf deren erster Seite im Sperrdruck verkündet wird: Das Ka­binett wird heute zurücktreten.

Der ganze gestrige Sonntag daß selbst der Sonn­tag zu Beratungen herangezogen wurde, und daß auch König Georg nach London zurückgekehrt war, bewies den Ernst der Lage war mit Verhandlungen aus­gefüllt. U. a. konferierte Macdonald mit den Füh­rern der Liberalen und der Konservativen, Sir Her­bert Samuel und Baldwin.

Oie Spaliung in der Negierung

Macdonald dürfte den König während der letzten Audienz bereits davon unterrichtet haben, daß es ihm unmöglich sei, sein Kabinett auf der Grundlage des neu entworfenen Sanierungsprogramms zusammen­zuhalten. WieTimes" nämlich zur Kabinettskrise zu berichten weiß, waren 12 Mitglieder der Regie­rung bereit, dem letzten Kompromißplan im Sparpro­gramm .einschließlich der Verminderung der Arbeits- losenunterstützunq züzüsttmmen. Acht MNglieder vrs Kabinetts waren dagegen.- Es unterliegt keinem Zweifel, daß auf Macdonald vonseiten der um den englischen Kredit besorgten Hochfinanz ein viel­leicht entscheidender Druck ausgeübt wurde, endlich zu einem Entschluß zu kommen. Und zwar dürfte da­bei geltend gemacht sein, daß die Entscheidung mög­lichst noch vor der Montagsbörse foUen müsse. Als unmittelbare

Ursache

für den Zusammenbruch der Regierung kann die ultimative Forderung ihrer Gegner, doch zu einer Ausbalanzierung der Erwerbslosenversicherung sowie zu drastischen Sparmaßnahmen überzugehen, ange­sehen werden. Das bestätigt auch perDaily Herald", indem ?r schreibt: Der entscheidende Faktor war die unbedingte Weigerung von mindestens acht Mitglie­dern des Kabinetts, die Arbeitslosenunter­stützung um 10 Prozent zu vermindern. Einige dieser Minister erklären, daß ste ihren Rücktrittsbe­schluß nur sehr widerwillig gefaßt hätten; es sei ihnen aber unmöglich gewesen, ihr Einverständnis damit zu erklären, daß den Arbeitslosen neue Ent­behrungen auferlegt würden. Die Kabinettsmitglie­der, die solchen Abstrichen zustimmten, taten es in der Ueberzeugung, daß einer jetzt erfolgenden Verminde­rung eine anderenfalls in absehbarer Zeit zu erwar­tende noch viel weitergehende Verminderung folgen würde. Das Blatt schließt:

Der Premierminister wird heute vormittag wie­der den König aufsuchen. Der konservative Führer Baldwin und der liberale Führer Sir Herbert Samuel werden ebenfalls in den Buckingham- Palast gerufen werden. Mittags wird das Kabinett eine weitere und zwar seine letzte Sitzung abhalten.

Wie die neue Negierung aussehen wird

darüber wenden erst die Verhandlungen am Montag entscheiden. Es ist jedoch anzunehmen, daß B a l d- h> i n das neue Kabinett bilden wird, nicht nur, weil das jetzige Kabinett auseinandergebrochen ist son­dern auch weil Macdonald durch seine Politik der letzten Tage das Vertrauen innerhalb der eigenen Parteien, auch bei den Gewerkschaften, verloren hat.

Es bestehen jetzt nur zwei Möglichkeiten, ent­weder eine konservative Regierung, mit Garantie der liberalen Unterstützung, oder eine Koalitionsregierung, gleichfalls mit Baldwin als Ministerprästdenten. Falls eine Koalitionsregierung gebildet wird, ist damit zu rechnen, daß verschiedene arbeiterparteilichc Mi­nister sich dem Kabinett für die Dauer der Rot­periode zur Verfügung stellen werden. Ein kon­servatives Kabinett mit liberaler Unterstützung würde im Unterhaus über 320 Sitze verfügen, während die Arbeiterpartei 286 Sitze innehat.

Auch als Parteiführer erledigt?

London, 24. August.

Zur innerpolitischen Krise sagtDaisv Telegraph", verschiedene Mitglieder der Arbeiterpartei hätten die Ueberzeugung ausgesprochen, daß die Laufbahn Macdonalds als Führer derPartei ihr Ende gefunden habe. Die Ereignisie der letzten Wochen hätten eine weitgehende Spaltung und Er­bitterung innerhalb der sozialistischen Bewegung her- bcigeführt.

Financial News" übt in einem Leitartikel bittere Kritik an der Finanzpolitik der Arbeiterregierunq. ^iese Regierung habe sich während der zwei Jahre ihres Lebens unfähig gezeigt, mit einer Krise fertig zu werden, die eine selbstlose nationale Politik er­fordere. Das Blatt sagt, die Krise sei unlösbar, wenn Maßnahmen, die im Interesse der Gesamtheit lägen mit allen möglichen Rücksichten auf eine bestimmte Partei oder eine bestimmte Klasse der Bevölkerung verquickt würden.

Pans stark iniereffieri

Paris, 24. August.

Die politische Krise in England wird in der Pa­riser Presse mit grpßer Aufmerksamkeit ver­folgt, wobei man verschiedentlich versucht, Vergleiche mit Frankreich anzustellen. So schreibt dasEcho de Paris", daß der Hauptunterfchied zwischen beiden Ländern darin liege, daß die große Mehrheit des französischen Volkes während des Krisenjahres 1924/ 26 die Lage vollkommen begriffen und die Führer des Kartells gezwungen hätte, sich der von Poincars aufgestellten These zu fügen. In England scheine dies »och nicht der Fall zu sei». Die große Menge der oraonisierten Arb-iter fei der Entwicklung der mcht gefolgt. In der peinigen Zrn oer Demokratie scheine das Schwerste nicht die Auffindung einer tech­nischen Lösung, sondern vielmehr die Aufgabe zu sein, die Wähler dazu zu führen, diese Lösung auch anzu­nehmen.

DasJournal" meint, vorläufig lasse sich aus der tragischen Entwicklung der Lage nur die Schluß­folgerung ziehen, daß trotz aller Anstrengungen und der unbestreitbaren Fähigkeiten Macdonalds der zweite Versuch einer Arbeiterregie­rung gescheitert sei.

th. Äerlin 24. August.

Der Reichskanzler hat am Sonntag abend die Reise nach Stuttgart angetreten, wo am Dienstag eine Sitzung der Reichstagsfrakrion des Zentrums statksindet, an der Dr. Brüning teilnimmt. Der Kanzler wird jedoch am Mittwoch früh wieder in Berlin sein, und die zweite Hälfte der Woche wird dann wieder mit Kabinettsberatungen und den Sitzungen des Wirtschaftsausschusses der Regierung ausgefüllt fein, wobei es sich in erster Linie um die Vorbereitung der Genfer Völkerbunds­tagung und um die Fortsetzung der Beratungen über die Bankenaufsicht und über die Ge- meindefinanzen handeln wird.

Noch am, Sonnabend nachmittag hat die Reichs­regierung mehrere wichtige Beschlüsse gefaßt. Vor allem wird die Aushebung der viel kritisierten Aus­landsreise-Gebühr lebhaft begrüßt werden (siehe auch Seite 2!). Ferner hat die Reichsregierung zwei neue Notverdnungen vorbereitet, die nun mehr dem Reichspräsidenten von Hindenburg vorge­legt und in den nächsten Tagen verkündet werden sollen.

Bei der ersten handelt es sich um eine Ergän­zung der Bestimmungen über die Kapitalflucht und über die Steueramnestie. In dieser Verordnung wird unter anderem die Verlängerung des Ter­mins der S t c u e r a m n e st i e auf d«n 16. Sep tember zu finden sein. Die zweite Verordnung bezieht sich aus die Sanierung derF i n a n z e n in Ländern und Gemeinden. Darin wird den Ländern und Gemeinden die Ermächtigung erteil», zur Sicherung und zum Ausgleich im Haushalt alle erforderlichen Sparmaßnahmen zu treffen, auch soweit diese Maßnahme« in Bezug auf per sonelle Ausgaben etwa dem geltenden Landesrecht wiedersprechen sollten.

Diese Verordnung ist das Ergebnis einiger Kabi­nett sberatungev über die vordringliche- Frage der Gemeindesinanzen, wobei die Reichsregicrung sich darüber klar ist, daß den Gemeinden besonders in der Wohlfahrtsfüksorge geholfen werden muß, les sind bereits Kredite durch Rückgabe von Reichsschatz- anweisungcn an die Gemeinden geplant). Anderer­seits verlangt aber die Reichsregierung gleichzeitig von den Ländern und Gemeinden, daß diese auch von sich auS alle ivgendmöglichen Ersparnisse vor-

Das linksgerichteteOeuvre" schiebt die Schuld an der augenblicklichen Lage in England den verschie­denen Regierungen von Lloyd George, der die Arbeits­losenunterstützung eingeführt habe, bis Macdonald, der keine Grenzen für ihre Durchführung gefunden habe, in die Schuhe. Ebenso verantwortlich seien auch die Konservativen, die die Industrie den Forderungen der Bankiers geopfert hätten. In England stehe nicht das Schicksal der Arbeiterregierung, sondern das­jenige der Demokratie auf dem Spiel.

Negierungskrise und Kreditfragen

Reuyork, 24. August.

Die Morgenzeitungen beschäftigen sich in großer Aufmachung mit der englischen Kabinettskrise. Die Blätter heben dabei hervor, daß der kürzlich in An­spruch genommene Kredit von 250 Millionen Dol­lar, der zur Festigung des Pfundkurses bestimmt war, nahezu aufgebraucht sei, und man angesichts der erneuten Schwäche des Pfundes mit einem wei­teren Kredit rechne.Reuyork Times" betont indes­sen, daß man bisher nicht habe seststellen können, ob bereits Verhandlungen darüber gepflogen worden seien. Doch nimmt man an, daß Verhandlungen mit dem Federal Reserve Board beginnen werden, sobald Montague Norman in Kanada eingetroffen sein wird

Das Erbe von Versailles

London, 24. August.

Der arbeiterparteilicheDaily Heralv" erklärte, daß dir Schwierigkeiten ien englischen Staatshaushalt ebenfalls mit dem Versailler Vertrag zusam- meng dieses - Vertrages an, habe vie englische Arbei­terpartei ihre warnende 'Stimme erhoben. Diese War­nungen sojen jedoch von vielen Persönlichkeiten mit Spott übergangen worden. Die Arbeiterpartei habe vorausgesägt' daß die Reparationen großen Schaden a n r i ch t e n würden, und daß sie schließ­lich beseitigt -werden müßten, und daß sie nur die Grundlage für neue Rüstungen bilden würden. Diese Voraussagen feien nun eingetroffen, und man begin­ne jetzt üherall einzusehen, daß die Welt nicht zu normalen Verhältnissen zurückfinden könne, ohne daß die internationalen Kriegsschulden gestrichen würden.

nehmen. Das Maß der Reichshilfe wird von dem Matze abhängig, in welchem Ländern und Gemeinden diese Selbsthilfe durchführen, zu welcher ihnen durch die neue Notverordnung die erforderliche Er­mächtigung gegeben wird.

Die Verhandlungen des Wirtfchaftsausschusses über die Bankenau-sichj sind, entgegen den ursprünglichen Erwartungen, am Sonnabend noch nicht zu Ende geführt worden, sondern werden in der zweiten Hälfte dieser Woche fortgesetzt.

Besonders bemerkenswert ist der am Sonnabend nachmittag erzielte Abschluß der Verhandlungen über die Anpassung der

Löhne -er Gemeindearbeiier

an die Löhne der Reichsarbeiter. Man hat sich vor- läusia mit einer Herabsetzung der Löhne um 4 Prozent und dem Wegfall der Frauenzu­lage begnügt Die Notverordnung vom 5. Juni hatte die Angleichung der Löhne vorgeschrieben, aber bekanntlich bestanden Differenzen zwischen den Löh­nen der Gemeindearbeiter und der der Reichsarbei­ter bis zu 25 und 30 Prozent, und wenn man jetzt eine Maximalkürzung von 4 Prozent festsetzt, so er­kennt man, daß es sich nur um eine Teilmaßnahme handelt. Es muß aber beachtet werden, daß der Wortlaut der Notverordnung noch nicht die voll­ständige Angleichung der Löhne bis zum 1. Oktober verlangt, sondern daß er eine etappenweise Kür­zung zuläßt. Außerdem handelt es sich bei diesen 4 Prozent bej weitem nicht um die einzige Kürzung. Zunächst kommt die Frauenzulage mit 2% Prozent hinzu, so daß schon 6(4 Prozent erreicht werden. Außerdem ist für den 1. November bezw. 1. Dezember eine neue Kürzung von 4(4 Prozent vorgesehen, zusammen alsc^ 11 Prozent. Rechnet man die in diesem Frühjahr bereits erfolgte Kür­zung der Löhne der Gemeindearbeiter hinzu, so er­gibt sich innerhalb eines halben Jahres eine Ge­samtkürzung von 17 Prozent. In Be­tracht kommen in Deutschland insgesamt 315000 Ge­meindearbeiter, die über eine Lohnsumme von etwa 700 Millionen Mark verfügen. Die jetzt erfolgende llprozentige Kürzung würde demnach für die Gemeinden eine Ersparnis von 70 bis 80 Millionen Mark ergeben.

Zwei neue Notverordnungen

vom Kabinett vorbereitet / Verkündung in den nächsten Tagen

Andre Francois-Poncet

Dr. Pz. Paris, 23. August.

Der Bindestrich in diesem Namen, der sich viel­leicht schon bald mit weltgeschichtlichen Ereignissen verknüpfen wird, rührt von einem seltsamen Brauch her, der neuerdings nach uralten Mustern in der französischen Großbourgeoisie aufgekommen ist: Die Söhne legen sich zu ihrem eignen den Vornamen des Vaters bei und betonen dadurch aufs stärkste die un­unterbrochene Linie ihres Geschlechts.« Andre Francois-Poncet, Großbürger aus Paris, Sproß einer uralten, hochangesehenen Familie, die stolzer ist als ein ehemaliger Pair von Frankreich, und deren Dienste um das Land nicht aufzuzählen sind. Erbe und Träger einer raffinierten Kultur, die sich unter dem Einfluß von Renan und Michelet nach Deutschland hin orientierte, weniger jedoch aus Sym­pathie und geistiger Gemeinschaft, als aus einem in­stinktiven Gefühl, das die Niederlage von 1870 ge­boren hatte, und das in den späteren Geschlechtern zur vollen Reife kam. Dieses Gefühl war auf kühle, sachliche Erkenntnis gerichtet, darf also nicht mit dem romantisch-literarischen Lärm der jugendlichen Camelots du roi" verwechselt werden: es bekundete sich nicht in klingenden Tiraden und chauvinistischen Manifestationen, sondern erstrebte ein genaues Studium derTatsache Deutschland", wie man in Frankreich gerne sagte, einer wissenschaft­lichen Erscheinung gleich, die in ,Hllev..ihx-tz..AfPekten sorgfältigst beobachtet.werderi,flancois-Poncet wer- ittf nfft /unb feine mit 23 Jahren glänzend bestan­deneAgregalion", der schwierigste, rein wissenschaft­liche Wettbewerb im französischen Universitätswesen, behandelte die Gesamtheit der geistigen Probleme Deutschlands in Vergangenheit und Gegenwart, wo­zu natürlich ein längerer Aufenthalt in Deutschland selber erforderlich war. Es erregte schon damals Aus­sehen, daß der jugendliche Gelehrte sein Augenmerk nicht allein auf die philosophischen und geisteswissen­schaftlichen Fragen richtete, sondern in weitem Matze auch die deutsche Wirtschaft, den Ackerbau, das Fi­nanzwesen heranzog; was ihn übrigens nicht verhin­derte, in einer vielbeachteten Artikelfolge der konser­vativen ZeitschriftL'Opinion" die Denkart der deut­schen Jugend alshöchst beunruhigend" zu schildern, und dies im gleichen Augenblicke, wo eine berühmte, durch Agathon (Massis) angestellte Untersuchung eine erfreuliche Erstarkung des nationalen Geistes" bei der französischen Jugend, eine Reaktion auf den Defaitismus" der Dreyfusjahre vermelden konnte. Zwar herrschte in der berühmten Ecole Normale, der Pflanzschule der französischen Professoren, von jeher ein liberaler Geist, und der lärmende Chauvinismus des Quartier latin machte an der Ulmer Stratze Halt. Aber Francois-Poncet stand als Zögling dieser Anstalt aus dem äußersten rechten Flügel, weitab von Herriot, Painleve, oder gar Blum ...

Als Frucht seiner literarischen Studien veröffent­lichte er eine Abhandlung über GoethesWahlver­wandtschaften" und bereitete ein Werk über den klassischen deutschen Roman vor, als ihn der Krieg auf einen andern Schauplatz rief. Er kämpfte als Unteroffizier an der Maas und in der Woewre, wurde mehrmals verwundet und zum Kompagniefüh­rer ernannt, bis ihn der Qai d'Orsay abberief und in den Dienst der auswärtigen Propa­ganda stellte. Bis zum Kriegsende war er in Bern an der Seite des Gesandten Haguenin tätig. Nach dem Waffenstillstand ging er an den Rhein und nach Berlin, später an die Ruhr. Aber schon war di« große Privatindustrie auf den talentvollen Mann auf­merksam geworden, und sie übertrug ihm die Grün­dung einer wirtschaftlichen Organisation, die dem Nachkriegsfrankreich das stärkste ökonomische Rüstzeug lieferte: DieGesellschaft für wirtschaft­liche Studien und Informationen". Völ­lig im Dienste des allmächtigenComite des Forges" stehend, verfolgt dieser Organismus, deren tägliches Bulletin" eine unerschöpfliche Fundgrube für das gesamte Weltwirlschaftswefen darstellt, die gewaltige Aufgabe, dem modernen Frankreich sein neues, wirt­schaftspolitisches Gesicht zu geben: Charles Lau­rent, der verantwortliche Leiter derGesellschaft", wurde als Botschafter nach Berlin geschickt, während Francois-Poncet auf dem Pariser Posten verblieb, von der Regierung des nationalen Blocks dauernd mit Wichtigen Missionen betraut.

Kein hochbegabter Franzose widersteht dauernd den Lockungen der Politik: Francois-Poncet ließ sich im Mai 1924 von den Wählern des vornehmen Pariser Arrondissements der Invaliden in die Kam­mer entsenden, wo er bald als einer der gefährlichsten Gegner des Linkenkartells galt. Als Redner hält er ungefähr die Mitte zwischen der trodenen Sach­lichkeit Poincares und dem leidenschaftlichen Feuer des toten Tigers: präzis, knapp, ein wenig schnei­dend, in Stimme und Geste den Offizier nie ver­leugnend, gegen Widerspruch äußerst empfindlich, aber doch mit der kostbaren Gabe ausgestattet, sich in die .Gedankengänge feines Gegners blitzschnell hineinzu-