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Kasseler Abendzeitung

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Tiummer 187*

Mittwoch, 12. August 1931

21. Jahrgang

Neue Spuren der Eisenbahn-Attentäter

Baldige Feststellung der Täler zu erwarten / pariser Unfreundlichkeiten / Die politische Parole für den Winter / Amerika nnd die Schuldenfrage

Parteipolitischer Burgfriede?

(Von unserer Berliner Schrift lei tung).

3« den Kulissen der französischen Politik

(Von unserem pariser Korrespondenten.)

th. Berlin, 12. August.

Mit Rücksicht auf den gestrigen Verfaffungstag sind die Arbeiten der Reichsregierung unterbrochen wor­den, werden aber heute selbstverständlich sofort in vollem Umfange weitergeführt werden. Es handelt sich zunächst um die'Feststellung des Programms der na­tionalen Selbsthilfe, über dessen Ausdehnung im einzelnen noch nichts Endgültiges bestimmt ist. Der Reichskanzler wird jedoch am morgigen Donnerstag in «den Vereinigten Ausschüssen des Reichsrats einen Bericht über die Lage der Reichs-, Staats-und Gemeinde-Finanzen erstatten und selbstverständlich über die dringend notwendigen Maßnahmen sprechen, die auf diesem Gebiete in der allernächsten Zeit durch- gesührt werden müssen.

Für heute steht außerdem eine Sitzung des ge­schäftsführenden Parteivorstandes des Zentrums be­vor, an welcher auch die Zentrumsmitglieder der Reichsregierung und der preußischen Regierung teil­nehmen werden.

Dieser Besprechung des Zentrums steht man mit besonderer Spannung entgegen, weil davon eine Art politischer Parole für den bevorstehen­den Winter erwartet wird. In Zentrumskreisen ist man mit Rücksicht auf die zweifellos zu erwarten­den großen Schwierigkeiten bemüht, eine Art par­teipolitischen Burgfrieden zu prokla­mieren.

Wie groß der Kreis der Parteien ist, der in der­artige Abmachungen eingeschlossen werden könnte, ist noch nicht sicher zu übersehen, und es bleibt abzu­warten, ob sich bei dieser Gelegenheit eine Neigung des Zentrums zur Annäherung an die oppositionelle Rechte bemerkbar machen wird. Denn man wird zweifellos in der Beurteilung dieser Möglichkeiten sehr vorsichtig sein müssen. So ist z. B. auch ein Te r- m i n für die in der Presse angekündigte Unterredung zwischen dem Reichskanzler und dem Abgeord­neten Hugenberg bisher noch nicht festgesetzt.

Lavals Besuch verschoben!

Die aus Paris kommende Meldung, daß der Gegenbesuch des französischen Mi­nisterpräsidenten und Außenministers in Ber­lin verschoben wird, nnd daß erst eine Zusam­menkunft der französischen und deutschen Staatsmän­ner bei der Genfer Völkerbundstagung stattfinden soll, hat in Berliner politischen Kreisen begreiflicher- wesse Aufsehen erregt, da mast bisher hier all­gemein der Auffassung war, daß der französische Mi­nisterpräsident die Einladung zum Gegenbesuch nach Berlin angenommen hatte, und daß dieser Besuch noch vor der Genfer Tagung (man sprach vom 23. August) stattfinden sollte. Die Form, in der das Havasbüro die Verschiebung des Gegenbesuches mel­det, ist auffallend unfreundlich und hat in der Wilhelmstraße eine gewisse Verstimmung hervorge­rufen. Trotzdem bemüht man sich in offiziösen Krei­sen, die ganze Angelegenheit nicht allzu schroff in die Erscheinung treten zu lassen, und deshalb ist durch das Wolffbüro eine Stellungnahme der Wilhclm- stratze mitgeteilt worden, worin hervorgehoben wird, daß der endgültige Termin des französischen Gegen­besuches überhaupt noch nicht festgesetzt war, daß aber dieser Gegenbesuch nicht von der Lösung einzelner Probleme abhängig gemacht werden könne.

Mit diesem Satz ist deutlich darauf hingewiesen, daß man sich in Berlin natürlich darüber klar ist, daß die Franzosen vor ihrer Reise nach Berlin erst noch einmal Gelegenheit haben möchten, in Genf da^Pro- blem der deutsch-österreichischen Zoll­union zur Sprache zu bringen. Erst wenn diese Frage in ihrem Sinne beantwortet ist, wollen sie offenbar den Gegenbesuch in Berlin abstatten. Das ist ein wenig freundliches Verfahren, und mit der erwarteten offiziösen Stellungnahme der Wilhelmstraße wird man die Tatsache kaum bemän­teln können, daß diese Havasmeldung von der Ver­schiebung des Gegenbesuches hier stark überrascht und befremdet hat. Jedenfalls ist darin auch kein guter Auftakt zu dem in Aussicht stehenden Amtsantritt des neuen französischen Botschafters Poncet in Berlin zu erblicken. (Siehe auch den Artikel ,Jn den Kulissen der Pariser Politik"!)

Ans Rücksicht auf den Völkerbund..

Pariser Blätter

zur Verschiebung der Berliner Reise Lavals.

Paris, 12. August. '

Die radikale ZeitungLaRePublique" be­müht sich um eine Erklärung der überraschend aus­

getauchten Nachricht, daß der französische Mnister- besuch in Berlin angeblich bis in den Oktober ver­schoben werden soll. Sie deutet diese Verlegung als eine plötzliche Rücksichtnahme aus den Völ­kerbund, denn wenn eine deutsch-französische Aus­sprache vor der Völkerbundstagung zu einer Ver­ständigung führe, dann werde man unfehlbar be­haupten, daß diese Verständigung auf Kosten des VöKerbundes erzielt worden sei (?) Bleibe die Ver­ständigung jedoch aus, dann werde der Völkerbund zu einer Art Schiedsgericht, und er werde als solches zu einem Spruch gelangen, der aus Kotten Frankreichs gehe. So sei es besser, wenn Deutsch­land und Frankreich in der besonderen Genfer At­mosphäre erst einmal unverbindlich miteinander Fühlung nehmen könnten.

Dr. Pz. Paris, 12. August.

Außerordentlich interessant und lehrreich ist zu­nächst die Geschichte des BerlinerBotschafter- Wechsels. Längst schon, besonders aber nach dem deutsch-österreichischen Zollprotokoll und dem Schul­denvorschlag Hoovers, galt es in Paris als ausge­macht, daß dieunfähigen Diplomaten", deren ganzer Scharfsinn sich darauf beschränkt, vollen­dete Tatsachen mitzuteilen, durch bessere Kräfte ersetzt werden sollten. Damit waren in erster Linie die Posten von Berlin, Wien, Moskau und Washington gemeint: Der Londoner Botschafter Herr de Fleuriau erhielt noch eine Gnadenfrist zugebilligt. Dem auf­merksamen Beobachter konnte nicht entgehen, daß die nationalistischen Kreise, denen sich Ministerpräsident Laval durch den Einfluß Maginots und Tardieus eine Zeitlang wenigstens nahezu völlig ausgeliefert hatte, die Entfernung jener Diplomaten vor allem deshalb wollten, weil sie zur gegenwärtigenSchule des Quai d'Orsay" gehören. Sie werden als

Schnelle Arbeit her Polizei

Berlin, 12. August.

Die Untersucht»-.», iommisfion in Kloster Zinna, die sich bemüht, den frevelhaften Anschlag auf den BerlinFrankfurter D-Zug aufzuklärrn, ist im Laufe des gestrigen Tages in den Besitz von Spuren -ge­langt, die innerhalb kurzer Zeit zu einer Verhaftung oder zumindest zu der Feststellung der Täter führen dürften.

Man kennt bereits den Personenkreis, in dem sic zu verkehren pflegen, man weiß, daß sie sich im Ber­liner Norden verborgen halten, und es ist die Auf­merksamkeit von zwei verschiedenen Seiten von­einander völlig unabhängig auf einen russischen Staatsangehörigen hingewiesen worden, der sich :rft seit kurzer Zeit in Berlin aufhalten soll.

In Potsdam ist gestern nachmittag sogar eine Festnahme erfolgt, doch ist es noch sehr zweifelhaft,

ob die Person, die vorläufig in Gewahrsam ge­halten wird, mit dem Attentat tatsächlich etwas »u tun hat. Der Festgenommene bestreitet selbstver- stündlich, und die Potsdamer Kriminalpolizei ist jetzt bemüht, zu ermitteln, ob der Betreffende zu der Zeit des Anschlags in Kloster Zinna gewesen sein kann.

Von Bedeutung kann auch eine andere Bekun­dung fein, die der Untersuchungskommission übermit­telt wurde. In dem Jnstallationsgeschäft in der Friedrichstraße, in dem bekanntlich ein ausländisch aussehender Mann Draht und 2 Eisenrohre kaufte, erschien am Sonnabend, etwa anderthalb Stunden später als der erste Käufer ein zweiter Mann, der 2 Batterien für Taschenlampen verlangte und er­hielt. Auch er machte den im Laden anwesende Leu­ten den Eindruck eines Nichtdeutschen. Ob zwischen den beiden Männern ein Zusammenhang besteht, oder ob der zweite Kauf harmloser Natur war, wird noch nachzuprüfen fein.

Siimmungsumschwung in Amerika?

Neue Gerüchte über die Ausrottung der Kriegsschuldenfrage

London, 12. August.

Im Anschluß an die Veröffentlichung der Be­schlüsse der Sachverständigen Mr Durchführung des Hooverplanes (siehe Seite 2!) meldet der Washing­toner Korrespondent derTimes", daß sich Hoover bei dem Zusammentritt des Kongresses mit der Frage der Reparattons- und Kriegsschul­den öffentlich befassen werde, was man bisher nicht für angebracht gehalten habe. Wenn überhaupt noch Unterschiede in der Auffassung zwischen Washington und Neuvork beständen, so lägen diese dann, daß die Finanzwelt eine größere Beschleunigung dieser Frage für notwendig hält.

Es gebt keinen Menschen in verantwortlicher Stellung in Amerika, der noch glaube, daß die Zah­lung der Reparationen und Kriegsschulden in dem Umfange wieder ausgenommen werde, wie eS in ben gegenwärtigen internationalen Abmachungen vorgesehen sei. Das treffe sowohl auf den Ban­kier wie auf den Politiker zu, nur mit dem Unter­schied, daß der erstere seine Ansicht offen ausdrücke, während uet letztere noch schweigen müsse.

Die amerikanischen Bankiers glauben außerdem, daß die Wiederherstellung des deutschen Kredits nie­mals auf die Dauer erfolgen werde, wenn nicht der Druck der Reparationen, der auf DEschland laste nnd die Bürde der Kriegsschulden, die die Welt be­drücke, durch internationale Abkommen entweder verhindert oder beseitigt würde.

Der Korrespondent desDaily Telegraph" mel­det ferner: Zwischen dem Präsidenten Hoover, den Kongretzführem und Staatssekretär Stimson solle nach dessen Rückkehr aus Europa eine Konferenz über die Frage der Kriegsschuldenrevision bevorstehen. Die vemokratische Opposition bestehe darauf, so be­richtet der Daily Telegraph weiter, daß das Schul- denfeierjahr lediglich ein Meilenstein auf dem Wege M einer Verringerung der Schulden fein

dürfe, und ihre Forderung gewinne durch die anhal­tende Wirtschaftsdepression an Gewicht.

*

Das Interesse der gesamten Londoner Presse kon­zentriert sich auf die Bemühungen Macdonalds, eine Lösung zur Ausbalanzierung des engli­schen Haushaltes zu finden. Macdonald hat sich, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, entschie­den, eine Sitzung des Sparausschusses des Kabinetts einzuberufen. Zu diesem Zweck mußten Henderson und andere Minister ihren Urlaub abbrechen. In der nächsten Woche soll eine Vollsitzung des Kabi­netts stattfinden, worauf Macdonald eine Sitzung von Vertretern der drei politischen Parteien einbe- rusen wird.

Macdonald habe die Besprechungen, so meint der Daily Herald", beschleunigt, weil die Verbesserung der internationalen Lage jetzt den Weg für politische Maßnahmen geebnet habe. Der Ministerpräsident stehe in dauernder enger Verbindung mit dem Gou­verneur der Bank von England und habe mit ihm noch am Dienstag eingehende Besprechungen gehabt Hierbei sei man sich darüber einige geworden, daß die Vorschläge des, May-Sparausschusses, die sich hauptsächlich aus die Herabsetzung der Arbeitslosen­zulagen erstreckten, unpraktisch seien. Man habe Ge­genvorschläge bezüglich der Konvertierungvon Kriegsanleihen aufgestellt, wodurch man jähr­lich etwa 2030 Millionen Pfund sparen wolle.

Unruhen in Kuba

Reuyork, 12. August.

Aus Kuba eintreffende, einer scharfen Zensur unterliegende Meldungen lassen erkennen, daß int ganzen Lande Unruhen im Gange sind. Bewafsnete und anscheineno sehr gut organisierte Aufständische greifen die Regierungstruppen an mehreren Stellen an. Dio Lage gilt als äußerst ernst.

Satrapen" bezeichnet, als willenlose Werkzeuge in den Händen des Dreigestirns Berthelot-Leger-Peyce- lon, das mit demSultan" Briand an der Spitze seit sieben Jahren eine wahre außenpolitische Dikta­tur ausübe.

DieSäuberung" begann in Moskau, wo der ehe­malige Leitartikler desTemps", Her bette, aller­dings nicht sehr viele Erfolge zu verzeichnen hatte. Das Matz war voll, als er im September 1930 der französischen Regierung den verhängnisvollen Rat gab, die russische Einfuhr an Lizenzen zu knüpfen, worauf die Sowjets mit einer drakonischen Kampf­verordnung antworteten. Der Dichter Paul Clau­del in Washington, der als zweites Opfer auser­sehen war, wußte sich der starken moralischen Stütze Poincares zu versichern und bleibt vorläufig an sei­nem Posten. Nun

richtete sich der gesamte nationalistische Druck gegen den Botschafter in Berlin, de Margerie,

dem besonders seineoffenkundige Deutschfteundlich- keit" zum Dorwurf gemacht wurde. Man scheint im allgemeinen die Umwelt an der Spree für gefährlich zu halten:Nirgendwo lassen sich unsere Diploma­ten so rasch und so vollständig für das Land, in dem sie Frankreich berieten sollen, einnehmen, wie in der Reichshauptstadt", versichert ein angesehenes Rechts­blatt. Da zudem Herr de Margerie dicht vor der Altersgrenze stecht, gab der Quai d'Orsay schließlich nach, und der Streit drehte sich jetzt nur noch um dessen Nachfolger. Aus besonderen Gründen scheint Briand zuerst den Pensions-Minister Cham- p et i e r d e Ribes in Vorschlag gebracht zu haben der den katholischen Sentotraten zugechört und er­klärter Anhänger einer raschen deutsch-französischen Verständigung ist; der Quai d'Orsay setzte dabei große Hoffnungen auf die Sinnesverwandtschaft mit dem Reichskanzler Dr. Brüning, die ja auch während des kurzen Aufenthalts der deutschen Minister in Paris offen zu Tage trat Die extremen Nationa­listen schoben den ganz unmöglichen Grasen von Saint-Aulaire vor, den chauvinistischsten Bot­schafter, den die dritte Republik je in den Reihen ihrer Diplomaten zählte; Ministerpräsident Sabol selber und seine nähere Umgebung erklärten sich nach einigem Zögern für die Kandidatur des Unterstaats­sekretärs für Nationale Wirtschaft,

Francois-Poncet,

der auS seinerSehnsucht nach Berlin" keinen Hehl machte. Besonders seit der Ausarbeitung deskon­struktiven Planes", womit Frankreich vor dem euro­päischen Ausschuß in Genf die deutsch-österreichische Zollanaleichung praktisch bekämpfen wollte, gilt der junge Unterminister alz einer der fähigsten Wirtschafts köpfe der Republik; er geht aus dem Prosessorenstande hervor, der feit Herriot und Painleve in Frankreich wachsenden Einstuß besitzt, und besitzt als einziger Politiker den akademischen Titel einesAgrege d'Allemand", was eine genaue Kenntnis auch des literarischen und künstlerischen Deutschland voraussctzt.

Das aröstte .bin^ernis in dicker folgenschweren Ernennung war vorerst der Quai d'Orsay, und zwar weniger aus politischen, als aus formalen Gründen. Francois-Poncet gehört nicht zurSchule des Aus­wärtigen Amtes", er steht jener besonderenMystik" fern, die sich um Briand und seine Gehilfen rankt, er ist kein Berufsdiplomat, sondern ein kühler Ral- Volitiker, fest gewillt, seine eignen Weae zu aeben. Der Name des großen Eambon mag ihm vorschwe- ben. wobei natürlich die rein politische Aktion. wie sie Frankreich vor dem Kriege betrieb, und die in der völligen Einkreisung Deutschlands gipfelte, der heutigen Lage entsprechend wirtschaftlich und finan­ziell umgebogen werden muß.

Für den verantwortlichen Minister am Quai d'Orsay ist ein solcher Mann immer nützlich und gefährlich.

Briand schätzte die Gefahr ohne Zweifel höher als den Nutzen, und es kam im entscheidenden

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