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»ienStag, 28. Juli 1931

toffefer Tleueffe Nachrichten

Seite 3

Staat in Not!

Währungs- und Wirtschaftskrisen, die ganze Völker erschütterten

Von Or. Paul Mgen

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Ein Zufall rettet die Bank von England

Zweimal stand die Banl von England im 18. Jahrhundert vor dem Bankerott, beidemalc aus dem gleichen Grunde. 1745 befand sich der junge schot­tische Dhronprütendent im Anmarsch auf London, König Georg II. traf bereits Vorbereitungen für die Flucht, und eine Panik bemächtigte sich der Ge­müter. Man stürmte die Bank, jeder wollte sein Guthaben sofort ausgezahlt erhalten. Nur ein ge­radezu genialer Trick verhinderte es, daß die Bank aus Mangel an Barmitteln ihre Schalter schließen und Bankerott erklären mußte. Man nahm nämlich alle Auszahlungen in Sirpence-Münzen vor, so daß bei der Abdeckung umfangreicherer Konten außer­ordentlich viel Zeit mit dem Auszählen der Summe und mit dem Abtranshori vertan wurde. Das ret­tete die Bank über den ersten kritischen Tag. In­zwischen taten sich 1100 der reichsten Londoner Kauf­leute zu einem Konsortium zusammen, das für die Verbindlichkeiten der Bank Bürgschaft übernahm; die aufgeregten Wogen der Oeffentlichkeit glätteten sich daraufhin, und der Zusammenbruch konnte ab­gewendet werden.

Durch einen glatten Zufall nur wurde der Ban­kerott 1796 vermieden. Damals ankerte die Flotte des französischen Revolutionsgenerals Hoche an der französischen Küste des Aermelkanals, bereit, eine Jnvasionsarmee nach London zu bringen. Wieder wurde die City von panischem Schrecken ergriffen, wieder rannte man. sich seine Konten abzuholeri. Als der Bankvorstand sich genötigt sah, aus Mangel an Bargeld den Schalterschluß zu erwägen, entdeckte ein Clerk, in einer finsteren Ecke einen Sack mit Banknoten, den man dort vergessen hatte. Diese Summe half der Bank, den kritischen Tag gerade noch mit knapper Mühe und Not überstehen zu kön­nen. Auch die nächsten Tage gingen dank der Hilfe befreundeter Kaufleute und Banken noch vorüber, doch lavierte man ständig um den Bankerott herum. Da zerstreute ein Sturm die Armada des Generals Hoche, London war gerettet und die Bank von Eng­land mit ibm.

Diese beiden Krisen, die wirtschaftlich nicht zu rechtfertigen waren und lediglich der Panikstimmung des Publikums entsprangen, beweisen, durch die Art ihrer Beilegung wie durch ihre eigentliche Ueber- flüffigkeit, wie verantwortungslos es sein kann, -Krisengerüchte auszustreuen und Krisenstimmungen zu nähren, statt im Gegenteil alles zur Beruhigung der übermäßig aufgeregten Gemüter zu tun. Keine Bank der Welt, selbst die Bank von England nicht, kann auf die Dauer einen derartigen Run auf ihre Kassen überstehen und daß sie das nicht vermag, ist noch lange kein Beweis für ihre Insolvenz.

Kritische Jahrzehnte für ganz Europa

Ueberhanpt hat es die Bank von England in den Zeiten der Revolutions- und der napoleonischen Kriege nicht leicht gehabt; sie ist sicherlich das geplag­teste Institut dieser Art gewesen. Ganz natürlich, da sich die Wirtschaftskrise in einem idustriell und kommerziell so hoch entwickelten Lande ganz beson­ders fühlbar machen mußte, fühlbarer als in den Staaten des europäischen Festlandes. So hat sie die Krise, die 1796 begann und erst 1821 endete, nur da­durch überwinden können, daß man für sie eine Son­dergesetzgebung schuf, die sog. Bankrestriction. Durch sie wurde in den fraglichen Jähren die Bank von der Verpflichtung befreit, ihre Banknoten einzulösen, was sie ohne höchste Gefahr für ihr Bestehen andern­falls nicht hätte tun können. Selbstverständlich zog diese Maßregel einen Kurssturz der Noten nach sich und am Ende der Epoche notierte man ihre Papiere nur noch mit 7571. Erst als am 1. Mai 1821 die Bank wieder mit der Honorierung ihrer Noten be­gann, stieg der Kurs wieder auf pari.

Es ist selbstverständlich, daß solche Schwierigkei­ten nicht entstehen konnten, ohne daß die ganze Wirtschaft des Landes schwer litt. Tatsächlich hat­ten ja auch die napoleonischen Kriege England

finanziell aufs schwerste erschöpft. In diesem Zeit­raum wunden dem Lande für Kriegszwecke etwa drei Milliarden Pfund entzogen, ein Aderlaß, den die Wirtschaft nur unter großen Schwierigkeiten ertra­gen konnte. Umso mehr atmete man auf, als die Kriege beendet und die Koittineittalsperre Napoleons aufgehoben war. Der europäische Markt schien wie­der offen, man rüstete sich, das Venlorene wieder einzuholen- Aber man hatte sich geirrt. Die Staa­ten des Festlandes fckG"-n sich durch Schutzzölle ab, England erstickte in Waren, die es nicht exportieren konnte, die Folge waren Entlassungen über Ent­lassungen, Lebensmittelteuerung usw. alle jene Erscheinungen, die auch die heutige deutsche Krise bezeichnen.

Zwei Jahrzehnte später zeigte es sich, daß die internationalen Verflechtungen der Kapitalwirt­schaft begannen, ihr Netz über die ganze Erde aus­zudehnen. Um 1839 hatte man in den Vereinigten Staaten versucht, den volkswirtschaftlich überaus be­deutenden und wichtigen Baumwollmarkt zu mono­polisieren. Dieser Versuch war fehlgeschlagen und hatte der amerikanischen Wirtschaft schwere Verluste zugefügt. Wie ernst, ja verzweifelt die Lage war, erhellt am besten aus der Tatsache, daß nicht weni­ger als 959 arnerkanische Banken fast mit einem Schlag ihre Schalter schlossen. Und zum erstenmal in der Wirtschaftsgeschichte wuchs sich diese über­seeische Krise zu einer Weltkrise aus. Auch englische Banken wurden aufs schwerste in Mitleidenschaft ge­zogen, selbst der Kontinent, mindestens in den Städten überseeischen Handels, vor allem also Ham­burg, blieb nicht verschont. Aber die Krise ging ver­hältnismäßig schnell vorüber, da keine eigentlichen Werte angetastet, im wesentlichen nur Spekulations­objekte vernichtet waren-

Die JachtFirecrest" ist gestern im Sturm an der Küste des Kanals gekentert und untergegangen. Sie befand sich ohne Bemannung, im Schlepptau des DampfersReville", der das Boot vom Hafen Cher­bourg nach dem Hafen Brest bringen sollte, wo die JachtFirecrest" im Marinemuseum ausgestellt wer­den sollte. Unterwegs geriet der Schleppdampfer in einen schweren Sturm. In diesem Sturm sah man, ohne es ändern zu können, dieFirecrest" umkippen und sinken. Und dies geschah so schnell, daß Hilfe nicht zu bringen war.

Wenig Leute in Deutschland wissen von derFire­crest". Und wenn man über dieses Schiffchen die Auf­klärung gibt: In ihr ist Allain Gerbault um die Welt gesegelt dann erfolgt wahrscheinlich die weitere Frage: Wer ist denn Allain Gerbault?

Allain Gerbault ist eine der nzerkwürdigsten, ab­seitigsten Erscheinungen, die heute im Sportleben, im Literaturleben, im öffentlichen Leben überhaupt stehen. Gerbault ist ein großer Europaverächter. Er kann es nicht lange in seiner Atmosphäre aushalten. Er liebt das Wasser, das Feuer, den Wind. Er liebt die Arbeit und den Kampf des menschlichen Körpers gegen diese Mächte, eine Arbeit, die schön, organisch, naturgewollt ist, die nicht nach Lohn, nach Zwang und Sklaverei schmeckt. Wie könnte er dann das Leben in den europäischen Städten vertragen.

Er lebt auf dem Meer, in der Luft, in Bergen und Wäldern, umgeben, wie der erste Mensch, einzig von seinen eignen Handwerkszeugen und von der Natur um ihn. Er ist, selbst wenn er keine Zeile gedichtet hätte, so etwas wie ein großer Dichter im Rohzu­stand.

Allain Gerbault, ein Mann von nicht ganz 40 Jahren, ist der Vater der heutigen französischen Ten­nisgeneration. Mit ihren Größen Cochet, Borota, Lacoste ist er als Freund und Lehrer innig verbun­den. Gerbaults sportliche Kräfte erstrecken sich auf alle Gebiete, vom Alpinismus bis zum Flugsport, dem er sich im Augenblick mit Leidenschaft widmet. (Wenn diese Zeilen erscheinen, schwebt er gerade in einem winzigen Eindecker über der afrikanischen Wüste, nach einem neuen, noch unbekannten Ziel.) 1

Oer deutsche Gründerkrach

Die Krise, die 1873 Deutschland erschütterte, der große Gründerkrach, ist sicherlich heute noch nicht ver­gessen. Es war die Krise einer übergroßen Pro­sperität. die sich damals breitmachte- Nach dem ge­wonnenen Krieg gegen Frankreich war ganz Deutsch­land von einem wahren Taumel des Spekulierens und Gründens befallen worden. Allenchalben wur­den Gesellschaften gegründet, es wurde gehandelt, gebaut, kommerzialisiert ganz Deutschland spielte auf der Börse, überall tauchten Schwindelgesell­schaften auf, die ihr Schäfchen io schnell wie mög­lich ins Trockene zu bringen gedachten. Allein in Preußen hat man damals über 1300 solcher lieb­lichen Gesellschaften gezählt- Was kommen mußte, kam: der Krach, die große Ernüchterung. Mit einem Schlag verloren außerordentlich viele alles, was sie besessen hatten, fast niemand ging heil aus dem Zusammenbruch hervor Man glaubte, daß mit die­sem .Reinigungskrach", wie man es nannte, die Krise beseitigt sei, da fast alle Schwindelgesellschaf- ten bei ihm in die Luft geflogen waren- Aber es kam anders. Bis 1878 noch schleppte sich die Krise, ehe man alle ihre Nachwehen überwunden hatte- Uchxigens bewies auch sie aufs neue die enge Zu­sammengehörigkeit der europäischen Wirtschaftskör­per eine ihrer unmittelbaren Folgen waren ver­schiedene Zusammenbrüche in England, unter ihnen der Konkurs einer der größten und angesehensten Banken, der City of Glasgow-Bank.

Oie Baringbank bricht zusammen

1889 stürzte in England eine Privatbank, die Baringbank, und bei diesem Konkurs wurde eine gerade heute überaus interessante Maßregel ergrif­fen- Es war unzweifelhaft, daß ihrem Konkurs un­zählige andere Bankerotte nachfolgen würden, und der Regierung mußte alles daran liegen, derartiges zu vermeiden. So tat 1889! die englische Re­gierung einen durchaus modern anmutenden Schritt: durch die Bank von England garantierte sie allen Gläubigern des Hauses Baring für ihre Gelder- Eine Panik wurde vermieden, m aller Ruhe wurde die Liquidation, bei der niemand geschädigt wurde, durchgeführt. Durch das rechtzeitige, tatkräftige Eingreifen der Regierung und der Staatsbank wurde es erreicht, daß die furchtbaren Folgen, die

Alles aber, was er tat, sind nur Vorspiel oder Nachspiel, sind nur Einrahmungen seines sportlichen Hauptwerkes der Weltumsegelung auf der Zwei- tonnen-JachtFirecrest", in sechs Jahren unter Be­rührung aller Kontinente und gänzlich allein, völlig ohne Hilfe einer Menschenkraft außer feiner eigenen.

Im Sommer 1923 segelte er von Cannes über Neuyork, Havanna, den Panamakanal, nach der Süd- fee, von dort an Australien vorbei, quer über den Indischen Ozean, rund um das Cap der guten Hoff­nung, die Atlantische Küste aufwärts, zurück nach Europa und Frankreich. Im Herbst 1929 lief er, nach vielen abenteuerlichen Zwischenfällen, den Hafen Le Havre an.

Niemand in der ganzen Menschheitsgeschichte hat das fertig gebracht, was Gerbault mit dieser Fahrt tun konnte. Niemand hat in sechs Jahren so intensiv sehen, so intensiv uud.chgbkj ruhig leben können wie er. Diese Fahrt ist der langsamste Rekord, den ein Mensch je mit einer Reise hat aufstellen können. Sechs Jahre sind ungeheuer lana für eine Weltreise im 20. Jahrhundert und ungeheuer kurz für diese Weltreise und alles, was Allain Gerbault auf ihr hat sehen nUd erleben können.

Die kleine JachtFirecrest" war in diesen sechs langen Jahren fein einziger Freund und Begleiter Sie hat sich brav gehalten. Ein paar Mal ist sie auf seiner großen Reise beinahe im Unwetter umgekippt. Zwei Mal in Havanna, und auf einem Korallenr-sf der Südsee ist sic gekentert und fast in Stücke geschla­gen worden. Immer hat sie dann wieder auf geheim­nisvolle Weise alle Püffe ausgehalten, als hätte sie gewußt, daß man sie noch brauchte, daß sie noch nicht untergeben dürfte.

Nun, bevor sie untergegangen ist, hat sie ihr Ziel voll erreicht. Gerbault schwebt in seinem kleinen Aeroplan über Afrika. Und sie war gerade auf dem Weg zum Ruhmesmuseum. Vielleicht konnte sie wie Gerbault selbst der Versuchung nickt wiederstehen, sich diesem Rubm zu entziehen. Vielleicht versank sie wäh­rend des Unwetters zwischen Cherbourg und Brest, in der vagen Erinnerung an alle Stürme, denen sie auf fünf Ozeanen getrotzt hatte.

dieser Zusammenbruch sonst unzweifelhaft gehabt hatte, vermieden wurden, und daß das Land selbst von einer Wirtschaftskrise größten Ausmaßes ver­schont blieb-

Amerikanische Krisen

Die letzte große Krise vor dem Krieg nahm 1907 von den Vereinigten Staaten ihren Ausgang. Zu Beginn dieses Jahres fielen die Kurse der Nenyor- ker Börse sehr schnell, im März folgten die der Ber­liner, der sich wieder die anderen europäischen Bör­sen anschlossen, dann stellten im Oktober verschiedene amerikanische Großbanken die Zahlungen ein- Der größte und schwerste Schlag aber kam, als der ame­rikanische Kupfertrust zusammen- und auseinander- brach. Jetzt wurde die Teroutc allgemein, sie nahm einen noch nicht dagewescnen Umfang an- Ueber- all begann man. die Kassen zu stürmen, man zahlte für Bargeld und Banknoten sogar Aufgelder, wah­rend kein Mensch einen Scheck in Zahlung nahm. Selbstverständlich wirkte sich das wieder auf die europäischen Börsen aus, und es hat einiger Jahre bedurft, bis die Spuren dieses großen Krachs voll­kommen getilgt wurden-

Alle diese Krisen lassen sich, soweit sie Banken betreffen, ohne weiteres in zwei Gruppen eintci- len: entweder hat d e Bank ihre Kunden gefährdet, oder die Kunden gefährden die Bank. Wenn tat­sächlich (Fall Baring) die Guthaben der Kunden verspekuliert sind, steht die Sache natürlich schlimm nicht immer wird der betreffende Staat in die Bresche springen- Anders aber liegt es, wenn die Kunden durch überstürzte, unvorhergesehene Abhe­bungen das Dasein ihrer Bank im Innersten er­schüttern. Bei der Kompliziertheit des heutigen Finanzsystcins ist es nicht möglich, daß eine Bank auf Anhieb alle ihre Konten auszahlen kann- Wie sollte sie Zinsen- zahlen, wenn sie ihre Kundengelder nicht anlegte? Und es ist nicht mer möglich, ohne schwere Verluste solche Verpflichtungen sofort zu lö­sen. Zwingt der Run der Kunden aber dennoch da­zu, dann erst in diesem Augenblick sind die Einlagen tatsächlich gefährdet- Das ganze ist eine Nervenfragc der Bankkunden. Wenn sie die Nerven verlieren, wenn sie die Bank zu Fehlschrit­ten zwingen, müssen sie die Folgen am eigenen Leib verspüren- Wie überall, ist auch hier Ruhe die erste Bürgerpflicht.

Humoristische Ecke

Meine Mama wird jetzt von einem berühmten

Künstler ganc.lt!"

Pah! Meine Mutti malt sich jeden Morgen selber!"

Wegen Befangenheit abgelehnt.

Del stimmt nid), Herr Amtsrichter! Fck hab' nich bei der Hauerei mitjemacht; sowat is jejen meine Natur. Der Zeche Mulack sagt falsch aus; der is voreinjenommen jejen mich."

So, warum denn?"

Ach, ick hab' ihn mal verprüjelt."

(Fliegende und Meggendorfer Blätter")

Die heutige Nummer umW 12 Seiten

Verantwortlich für den volitischen Teil: Dr. Walter Pehnt: für das Feuilleton: German M. Donau: für lokalen und Heimatteil: Dr. Hans Joachim Gl aber: tür Handel: Dr. HanS Langender g: für Sportteil: i. B. Dr. Pebnt: Photo-Redakteur: Eduard Schulz- Keifet: für den Anzeigenteil: Konrad Wachsman». Berliner Schristleitung: Dr. Walter Thum. Ber- lin SW. 68. Druck und Verlag: Raffeier Neueste Nachrichten G. m. 6. H Kassel. Kölnische Strube 18.

Kleine Grabrede für ein Segelboot

Allain Gerbaults merkwürdige Weltumsegelung.

Oer StirnIm Westen nichts Neues"

Kassel, 28. Juli. 1931

Nachdem der laute Streit um diesen Film abge- cbbt und fast vergessen ist, nachdem das Zensurver­bot zum Teil aufgehoben und die geschlossene Vor­führung für bestimmte Organisationen und Vereine erlaubt ist, sehen wir den FilmIm Westen nichts Neues" endlich auch in Kassel; zu einer Zeit freilich, in der sowohl die Hochflut der Kriegsbücher wie der Kriegsfilme längst vorüber ist, einer Zeit solcher Wirtschaftsnot. daß die Frage desFür und Wider diesen Film" uns kaum noch interessiert. So voll­zieht sich der Besuch des Films nicht unter Demon­strationen der Gegner, sondern völlig ruhig. Auch die Neugier derer, die die Vorführung des Films ermöglichten, ist keineswegs unmäßig.

Uebertriebene Neugier wäre freilich auch kaum ge­rechtfertigt. Denn das, was nach vielfachen Stricken und Aesiderungen von der amerikanischen Fassung übrig geblieben ist, läßt uns den heftigen Meinungs­streit kaum begründet erscheinen. Dieser Rest ist ein Kriegsfilm wie viele andere, mit packenden Einzel­heiten, hervorragenden Darstellern, und einet Ten­denz, die gegen den Krieg gerichtet ist wie die Ten­denz aller Filme, die das Grauen der modernen Ma­terialschlachten zeigen und das Massensterben bei Freund und Feind.

Was seinerzeit ein generelles Verbot tiefer be­gründete, war die für Deutschland stellenweis herab­setzende Originalfassung des Films. Das Verbot einerunschädlich" gemachten deutscken Fassung konnte nur eine erziehliche Maßnahme für den Pro­duzenten des Films bedeuten.

*

Betrachten wir den Film rein vom filmkünstleri­schen Standpunkt, so fällt zunächst die spezifisch ame­rikanische Anschauungs- und Darstellungsweise deut­scher Verhältnisse und deutscher Menschen auf. Die Stadt, die als typisch deutsch gezeigt wird, hat ro­mantische Kleinstadtkulifle. Die Menschen darin be­nehmen sich wie in einem Theaterstück vorn Krieg, die Photographie ist bewußt oder unbewußt un­sachlich, zum Teil leicht verkitscht. Dieser erste nega­tive Eindruck verschwindet sobald der Film von der breiteren Basis der Kriegsdarstellung in Heimat und Front zur Erzählung von Einzelschicksalen kommt, wenn das Lameradschaftserlebnis der Kriegsfreiwil-

Capitol.

ligen mit den alten Frontsoldaten in eindrucksvol­ler Gedrängtheit geschildert wird. Diese Szenen zwischen Paul Bäumer, Tjaden, Katczinski, Behm und Kemmerich sind die eindrucksvollsten des gan­zen Films: Der Besuch bei Kemmerich in Lazarett, Bäumers Erlebnis mit dem toten Franzosen, schließlich die erschütternde Episode von Katczinskis Tod.

Am verhaltensten und darum unvergeßlich ist frei­lich das Finale, das dem Ende von Remargues Ro­man nachgebildet ist: Paul Bäumer liegt, an einem ruhigen Abschnitt der Front, in einer Sappe im An­schlag. Er entdeckt durch die Schießscharte einen Schmetterling, Symbol des Friedens und der Schönheit. Er tastet über die Brüstung nach dem bunten Tier. Im Graben gegenüber liegt ein Feind im Anschlag. Ein Schuß. Die Hand, die nach dem Schmetterling greift, fällt schlaff zur Erde, die Hand des toten Paul Bäumer. An diesem Tage meldete

Großreinemachen bei Wilhelm Raabe

Deutschland rüstet sich, den 100. Geburtstag Wil­helm Raabes zu feiern. Er ist der Dichter unseres Bürgertums, und wenn solche Gedenktage oft nur eine äußerliche Angelegenheit find: dieser ist eine tiefemp­fundene -Notwendigkeit, denn Raabes Werk und Ge­stalt haben gerade in unserer an Kämpfen und Ver­wirrungen reichen Zeit vorbildliche Bedeutung. Ein Mann, der ihn im Innersten erkannt hat, Oberstudien­direktor Dr. Hans Henning, widmet ihm im August­heft von Velhagen u. Klastngs Monatsheften einen anregenden Essay, der auch anekdotische Züge zur Be­lebung und Beleuchtung heranzieht.

Als Mensch," so schreibt Henning,führte Raabe das Leben eines Spießbürgers, der nach harter Arbeit in der Kneipe Erholung fand, die zwar nicht ge­rade dem Roten Bock, Dähmels Ecke oder Butzemanns Keller ähnelte, sondern, wie die Herbstsche Weinstube, einen angenehmen Aufenthalt gewährte An einfachen Tischnachbarn wie etwa dem wackeren Braunschweiger Rentier Otto Tellgmann nahm er keinen Anstoß, wäh­rend er neugierige oder gar aufdringliche ausfraget

der amtliche Heeresbericht:Im Westen nichts Neues".

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Während die amerikanischen Hersteller des Films bildmäßig vielfach versagten die Heimatszenen, einige Schlachtszenen mit immer wiederkehrender Kir­chenruine sind sie in der Rollenbesetzung mit vor­bildlichem Takt verfahren. Diese Jungens, um deren Schicksal es geht, werden von Amerikanern außer­ordentlich sympathisch dargestellt, an der Spitze der junge Lewis Ayres als Paul Bäumer. Ausgezeich­net ist auch die Haltung des deutschen Offiziers. Die Typen der alten Frontsoldaten, der hamburgisch spitze Tjaden (Summerville) und der bullig-gutmü­tige Katczinski des Louis Wolhein, sorgen für Fronthumor" und echte Kameradschaftlichkeit.

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Daß über die kriegsgegnerische Tendenz des Films hinaus noch die spezifisch Remargue'sche Anschauung von Patriotismus, Sinn des Krieges, Heldengeist etc. in manchen Szenen zum Ausdruck kommt und je nach der Einstellung des Besuchers Protest oder Zu­stimmung erfährt, ist hier schon kritisch erläutert wor- den und steht also heute nicht mehr zur Debatte. V.

kühl ablaufen ließ. Höheren Bedürfnissen kam der Kreis derKleiderseller" entgegen, der seine geistge­würzten (Belage (nach dem Tode von Raabes jüngster Tochter) vomGrünen Jäger" nach dem lessingbe- rühmtenWegehause" verlegte, wo den meist schwei­genden Raabe durch ihre Gegenwart besonders Bran­des und Engelbrecht, der Stadtarchivar Haenselmann, der Bezirksadjutant Kirchenpauer und wenige andere erfreuten, so die heute noch sein Andenken in hohen Ehren haltenden Professoren F. Hahne und H. M. Schultz. Weil er fern von Braunschweig wohnte, ver­kehrte der ebenbürtigste Dichter, Justizrat Rudolf Huch, Ricardas älterer Bruder, nur selten in dieser Gesellschaft. Eine von ihm überlieferte Anekdote ver­dient aufbewahrt zu werden. Die Großherzogin von Oldenburg, die sich von Raabe bei einer Fahrt durch das alte Braunschweig hatte begleiten lassen, lud ihn zu Tisch und bat ihn darum, ihn am nächsten Tage zu einer Tasse Kaffee in seinem Hause besuchen zu dürfen.Gnädige Frau," antwortete er,morgen hat meine Frau großes Reinemachen, da können wir kei­nen Besuch gebrauchen"."

Kunst und Wissenschaft

Gedenkfeier für Cosima und Siegfried Wagner. Zu­gunsten derRichard-Wagner-Stipessdienstiftung" wird am 4. August, abends 8 Ühr, im Sanreutijer Festspiel­haus eine Gedenkfeier für Cosima Wagner und Sieg­fried Wagner in Form eines Konzertes stattfinden. Das Konzert ist insofern ein interessantes Novum, als die drei Dirigenten der Bayreuther Festspiele im gleichen Programm dirigieren. Toscanmi dirigiert WagnersFaust"-Ouvertüre, Elmendorfs die sympho­nische DichtungOrpheus" von Franz Liszt und das Vorspiel zur OperDie Heilige Linde" von Siegfried Wagner, und schließlich Furtwängler die Symphonie Nr. 3Eroica" von Beethoven.

Neue deutsch« Literatur in Spanien. Die spanischen Verleger sind zur Zeit außerordentlich für neuere deutsche Literatur interessiert. Der Verlag Ceniet in Madrid bringt in diesem Monat das Buch von Maria LeitnerHotel Amerika" und Harry DomelasDer falsche Prinz" in spanischer llebersetzung heraus. Zu den Autoren des Verlages zählen fernerhin Ernst Gläser, Leonhard Frank, Heinrich Mann, Klabund, Arthur Holitscher, Arnold und Stephan Zweig und Richard Lewinsohn, dessenGeld in der Politik" in Spanien bereits in der siebenten Auflage vorliegt.

Dos Buch von Deutschland. Eines der bekanntesten Bilderwerke über Deutschland ist Kurt Hielschers mit 280 ganzseitigen Bildern aus allen Teilen des deutschen Reiches versehenes Buch ..Deutschland". Der UntertitelLandschaft und Baukunst" besagt, welcher Art die Bilder Äurt H:el- ichers sind. Hielscher gibt jetzt eine neubearbeitete Auslage tetnes Buches heraus, die in manchem die früheren Aus­lagen nach übertreffen soll. Gerhart Hauptmann bat ein Vorwort beigesteuert, und von Sans Thoma, dem das Werk gewidmet ist. enthält es den letzten handschriftlichen Brief in Faksimile. Thoma ruft an einer stelle seines Brietes dem artverwandten Meister 6er Schwarz-Wein- Kun st begeistert zu:DaS ist ia das Bildnis meiner Herz- Iteben, meiner deutschen Heimat, über der die deutschen «eelen ihre ewigen Reigen schwingen!" Das Teunchland- buch erscheint in dieser Neuauflage im Verlag Brockhaus. Leipzig.

Das Geheimnis unserer neuen Kreuzer lüftet Korvet­tenkapitän a. D. F. O. Busch im Augusthest von Velha- a.e n u. Ä I a f l n 8 6 Monatsheften, in einem der vielen zeitgemätzen und packenden Beiträge, an denen dieses auch illustrativ auf gewohnter Höhe stehende Heft so reich ist. Farbenprächtig wird es durch Pros. Dr. M. Eislers Essay über die Wienerin im Vormärz eröffnet. In farbi­gen Bildern würdigt Carl Kovvehehl den Millionen be- ichästiaenden Suhballsport. Ein höchst zeitgemähes Thema: Abergläubige und wissenschaftliche Graphologie erörtert eine Autorität auf dtesern Gebiet: Robert Taudek. Mit eigen­artigen, nie geiehenen Ausnahmen ist Dr. Georg RoÜcn- hagene Schilderung von Veitshöchheim geschmückt. Novel­len von Bernhard Kellermann, H. Wolfgang Seidel und Klaus Mann sorgen für Unterhaltung.