1
— Einzelpreis 10 Pfennig
Kasseler Neueste Nachrichten
"Kasseler Abendzeitung
erfeetnungsweife: wdchenM» fttJStno! nacfimtttegS. R6onnemenf8oreta: ffir den Mono, 2,80 X bet tretet Zu- ftcllunz ins SauS. in 6er Geschäftsstelle abgebolt 2,10 X. Durch die Post monatlich 2,80 X ausschließlich Zu- stellungsgebühr. In Fällen von böberci Gewalt besteh! kein Ansvruch aus Lieferung der Bettung oder aus Rückzahlung de» Bezugspreises. Verlag, Schriftleitung und Druckerei: Kölnische Strotze 10. — . Telephon: GannuelnuMmer 8800. Juristische Sprechstunden Dienstag und Freitags 17—19 Uhr Kölnische Strotze 10. 1
Hessische Abendzeitung
Anzeigen preise: Geschäfts- and SamiNen-Anzelgen die 80 mm • Seite H Pfennig. Kleine Anzeige« Mtil Kaffei das Wort 7 A, Auswärtige Kleine Anzeigen die 80 mm breite Zeile 11 A. Anzeigen im RekkameteU die 78 mm breite Zeile 45 A- Osiertgebühr 25 A (bei Zustellung 85 4). — Für da» Erscheinen von Anzeigen tu bestimmten Ausgaben, an besonderen Plätzen und für telephonisch erteilte Aufträge keine Gewähr. Rech- nungsbeträge innerhalb von b Tagen zahlbar. Gerichtsstand Kaffel. — Postscheckkonto Frankfurt a. M. 6884
Nummer 162*
Montag, 20. Juli 1931
21. Lahrgang
Von Paris zur Londoner Konferenz!
Oie deutschen Minister und die französische Delegation aus Paris abgereist / Oie bisherige Bilanz der Verhandlungen / Rediskontkredit und Anleihe
„Oie wichtigste Konferenz seit 1919"
(Eigener Drahtbericht.) ' . .
Oie politischen Kragen vertagt!
Berlin und das pariser Ergebnis / Das gemeinsame Kommunique
Paris, 20. Juli.
Sämtliche in Paris weilenden Delegierten, die an der Londoner Konferenz teilnehmen werden, reisen heute gemeinsam um 10 Uhr mit dem Calaier Schnellzug ab, das heißt außer der deutschen Delegation die französische, die Belgier und Außenminister Grandi. Irgendwelche Abschiedsseierlich- keiten finden nicht statt.
Die französische Abordnung für die Londoner Konferenz setzt sich aus Laval, Briand, Flan- bin, dem Haushaltsminister Pietri und Unterstaatssekretär Poncet zusammen.
Henderson und Stimson, die Paris bereits verlassen haben, haben von Boulogne-sur-mer aus an Laval und Briand ein Telegramm geschickt, in dem sie noch einmal auf die Wirksamkeit der Pariser Besprechungen Hinweisen, für den freundlichen Empfang danken und schließlich den Wunsch aussprechen, die französischen Minister in London begrüßen zu können.
Oie allererste Aufgabe
London, 20. Juli.
Die Londoner Morgenpresse begrüßt die Pariser Berichte über eine grundsätzliche Vereinbarung zwischen Deutschland und Frankreich und würdigt eingehend die Bedeutung der heute in London beginnenden Siebenmächtekonferenz.
Der parlamentarische Korrespondent des „News Chronicle" meldet, es verlaute, daß aus der heutigen Eröffnungssitzung der Siebenmächtekonferenz die britischen Delegierten Vorschläge machen werden, die eine sofortige Inangriffnahme der praktischen Fragen zur Folge haben würden. Auf der heutigen Kabinettssitzung würden diese Vorschläge endgültig gebilligt werden. Auch erwarte man, daß der Premierminister Schritte tun werde, um sicher zu stellen, daß seine Vorschläge die Zustintmung aller politischen Parteien des Landes haben.
„Times" führt in einem Leitartikel u. a. aus: Die heute beginnende Konferenz, deren genaues Programm von der einzuberufenden Regierung nicht offiziell definiert worden sei, weide die
wichtigste Konferenz dieser Art seit dem Kriege sein. Wie hoch ihre Wichtigkeit in Washington eingeschätzt werde, zeige nicht nur die Teilnahme des amerikanischen Staatssekretärs, sondern insbesondere der Umstand, daß er nicht als „Beobachter", sondern als Bevollmächtigter austreten werde. Der Schluß des Pariser Kommuniques, wonach sich die Londoner Konferenz nur mit der Prüfung der finanziellen und wirtschaftlichen Krisis in Deutschland befassen solle, habe vielleicht in London einige Ueberrafchung verursacht. Die Aufgabe der Konferenz derart festzulegen, sei offenbar unvollständig. In Wahrheit können
Beschlüsse, die sich nur auf eine zeitweilige Erwiderung beziehen, keine dauernde Genesung von Uebeln dringen, .
an denen Europa leidet. „Times" schließt: Die allererste Aufgabe der versammelten Delegierten wird die Prüfung sein, welche Maßnahmen ergriffen werden können, um Deutschland über die schwierige nächste Woche hinwegzuhelfen. Wenn Deutschland und Frankreich sich tatsächlich über die besten Methoden für eine sofortige Erleichterung einigen, werden andere schwerlich Anstoß daran nehmen, oder ihrer unverzüglichen Durchführung Hindernisse in den Weg legen.
Fünfjahresplan europäischer Befriedigung
London, 20. Juli.
Der diplomatische Korrespondent des „Dail, He- ralv« berichtet seinem Blatt aus Paris: Abgesehen davon, daß jetzt der Zusammentritt der Londoner Konferenz gesichert ist, besteht guter Grund für die Hoffnung, daß alle unmöglichen Forderungen an Deutschland ausgegeben werden, und daß es möglich sein wird, die Grundlage einer Vereinbarung sowohl hinsichtlich der finanziellen Bedingungen einer Anleihe als auch hinsichtlich einer politischen Formel zu finden, die die Franzosen befriedigen wird, ohne Deutschland zu demütigen. Gestern war, so heißt es in dem Bericht weiter, nicht die Rede davon, politische Garantien von Deutschland zu erlangen. Die Idee eines politischen Moratoriums auf der Grundlage, daß während fünf Jahren kein politisches oder diplomatisches „Abenteuer" unternommen werden soll, durch das die Ruhe Europas gestört werden könnte, beherrscht das Feld, aber mit folgendem, wichtigen Unterschied: Eine solche Zusicherung soll nicht nur von Deutschland, sondern
von allen europäischen Teilnehmern an der Konferenz gegeben werden, und es soll allen anderen europäischen Ländern freiftehen, dieser Zusicherung brizutreten. Es ist Henderson $u danken, daß jetzt möglicherweise ans dem Pariser und Londoner Be- sprechungcu ein Fünfjahrplan europäischer Befriedung erwachsen wird.
Henderson ist zufrieden
Der englische Außenminister wieder in London
London, 20. Juli.
Staatssekretär Henderson wurde gestern abend um 11 Uhr bei seinem Eintreffen auf der Victoire- Station von dem Premierminister Macdonald, dem französischen Botschafter m London und einer großen Anzahl offizieller Persönlichkeiten begrüßt. In dem gleichen Zuge waren die amerikanischen Minister Stimson und Mellon angekommen-
Henderson gab eine Erklärung ab, in der es u. a. heißt: „Ich bin schr befriedigt über den Pariser Besuch Dr. Brünings und Dr- Curtius, denn die Wichtigkeit, die ein französisch-deutsches Einvernehmen für Europa und die Welt hat, kann meines Erachtens gar nicht hoch genug eingeschätzj svorderz. Pies? Annäherung bedeutet auch eine gute Vorarbeit für die Londoner Konferenz.
Trotz der späten Abendstunde begab sich Henderson sofort nach Downingstreet, wo er mit dem Premierminister eine lange Besprechung hatte-
„Ein mageres Ergebnis"
Pariser Kommentare.
Paris, 20. Juli.
Die Pariser Morgenblätter stellen einmütig fest, daß die deutsch-französischen Besprechungen in Paris mit einem recht mageren Ergebnis geendet haben. Die Presse rechnet mit einem alle Teile befriedigenden Ergebnis der nun folgenden Londoner Verhandlungen. Man läßt durchblicken, daß der Kanzler unter Hinblick auf die deutsche Oeffentlich- keit ein politisches Moratorium abgelehnt habe, zumal ein solches der Reichsregierung das Recht nehmen würde, auf § 19 des Völkerbundspaktes zurückzukommen, denn dieser Paragraph sieht bekanntlich die friedliche Revision der Verträge vor.
Das „O e u v r e" sagt, die Pariser Verhandlungen haben nicht das gehalten, was man sich von ihnen versprochen hat. Rach dem Blatte soll Brüning auf einem großen Kredite bestanden haben, ohne daß er irgendwelche Garantien oder Kontrolle zugeben wollte.
Paris, 20. Juli.
Gestern abend wurde über die d e u t s ch - f r a n z ö- sischen Verhandlungen folgendes gemeinsame Kommunique ausgegeben:
In einer kürzlichen Botschaft hat der Reichskanzler Dr. Brüning den Wunsch zum Ausdruck gebracht, mit der französischen Regierung in direkte Fühlung zu treten, um die Mittel für eine gemeinsame Bemühung zur Besserung der Beziehungen beider Länder zu suchen. Der Ches der französischen Regierung Hai spontan erwidert, daß er mit Genugtuung einer Begegnung entgegensetze, deren Verwirklichung durch die Ereignisse, die die Wirtschafts- und Finanzlage Deutschlands und rückwirkend auch diejenige der übrigen Länder betroffen haben, opportuner gemacht wurde. Infolgedessen sind die Vertreter beider Regierungen am 18. und 19. Juli 1931 in Paris zusammengekommen. Sie haben übereinstimmend die Bedeutung dieser Begegnung anerkannt und betont, daß sie den Beginn einer vertrauensvollen Zusammenarbeit darstellen solle. Der Reichskanzler hat die verschiedenen Aspekte der Krise, unter der sein Land leidet, beleuchtet. Die französischen Vertreter, die den Ernst dieser Krise anerkennen, haben erklärt, daß vorbehaltlich gewisser finanzieller Garantien und Maßnahmen für eine politische Beschwichtigung sie bereit sein würden, später die Bedingungen für eine finanzielle Zusammenarbeit im internationalen Rahmen zu erörtern. •
Bereits jetzt haben die Bettreter der beiden Regierungen Wett daraus gelegt, ihren Willen $u betonen, soweit wie möglich untereinander die für eine wirkliche Zusammenarbeit auf pottischem und wirtschaftlichem Gebitt günstigen Bedingungen zu schaffen, und sie sind übereingekommen, sich gemeinsam darum zu bemühen, daß der Kredit und das Vertrauen in einer Atmosphäre der Ruhe und Sicherheit wiederhergestellt werden können. (Heber den Gang der Pariser Verhandlungen berichten wir im einzelnen auf Sette 2! D. Red.).
*
Unsere Berliner Schriftleitung gibt folgenden Uöberblick über das Ergebnis der Pariser Verhandlungen:
Der Eindruck, den mau in Berliner politischen Kreisen aus den aus Paris vorliegenden Nachrichten gewonnen hat, geht im wesentlichen dahin, daß es in den deutsch-französischen Besprechungen zwar nicht gelungen ist, die politischen Fragen end, gültig zu klären, die zwischen uns und denFran-
I zosen schweben, daß aber auch eine Zuspitzung die- Jet Probleme vermieden werden konnte, so daß die Konferenz von London durch das Parsser Borspiel nicht gefährdet worden ist. Diese Eventualität lag durchaus int Bereiche des Möglichen und ist vorher sogar recht ernsthaft befürchtet worden. Die politi, scheu Fragen find jetzt vorläufig beiseite geschoben, eingekapselt, abgeriegelt' worden. Jedenfalls wird in London davon nicht mehr die Rede sein, sondern die Londoner Konferenz soll ausdrücklich den Berhandlun» gen »der die Finanzfragen, und zwar sowohl über die jetzige finanzielle Situation Deutschlands wie speziell über einen Rediskontkredit von beträchtlicher Höhe vorbehalten bleiben.
Oer Rediskontkredit
der von den Notenbanken der beteiligten Lärüier ohne Mitwirkung der Regierungen gegeben werden filll, stellt natürlich nur eine Zwischenlösung tat, denn was Deutschland wirklich braucht, ist nicht ein solcher kurzfristiger Kredit, sondern eine langfristige Anleihe, und diese kann natürlich nicht so schnell zustande kommen, wie es wünschenswert wäre. Dabei ist zu bemerken, daß
der Rediskontkredit und demgemäß auch di« spätere Anleihe sich auf einen sehr hohen Betrag stellen müßte. Man hat bisher 2 Milliarden Mark genannt, aber wahrscheinlich wird es sich um 3=4 Milliarden handeln müssen.
Denn es ist zu berücksichtigen, daß die Reichsbarck einen ursprünglichen Rediskontkredit von MO Millionen Dollar verlangen mußte, ohne daß allerdings, wie Dr. Luther es eigentlich beabsichtigte, die Verdopplung dieses Kredits erreich wurde. Außerdem hat die Reichsbank 50 Millionen Dollar durch die Golddiskorttbank ausgenommen, sodaß dies zusammen 600 Millionen Matt ausmacht. Wenn man ferner berücksichtigt, daß die Herabsetzung der Deckuagsgrenze der Reichsbanknoten ebenfalls eine Zahlungsmittel. Verringerung von ungesähr 600 Millionen ausmacht, so ergeben sich rund 1,2 Milliarden Mart bet der Reichsbank für die Wiederherstellung normaler Verhältnisse. Darüber hinaus würden dann nur 800 Millionen von einem 2 Milliarden-Kredtt übrig bleiben, die für die Umbildung kurzfristiger Kredite in langfristige Anleihen verwendet werden könnten. Da aber diese kurzfristigen Kredite sich ohnehin auf mehrere Milliarden belaufen, so kann man mit 2 Milliarden Rediskontkredit nicht auskommen. Solange es sich um einen Rediskontkredit handelt, würde die Ausnahme einer so hohen Summe wahrscheinlich keine großen Schwierigkeiten bereiten, ad« diese Schwierigkeit«« treten in dem Augenblicke wieder hervor, w enn der Rediskontkredit in eine lang- sristige Anleihe um gewandelt werden soll, denn einmal ist der internationale Geldmattt für die Aufnahme einer solchen großen Anleihe zur Zett kaum in der Lage, und zweitens kann eine solche Anleihe nicht ohne die Mitwirkung der Regierungen von den Banken gestellt werden, die sich dann wieder einschab' ten würden.
Abgesehen von diesen wenig ettreulichen Zu- kunftsaussichten, wird natürlich in Berliner politischen «reifen die Tatsache nicht verkannt, daß das Zustandekommen eines großen Rediskontkredttes in London eine sehr erhebliche Erleichterung nuferer augenblicklichen finanziellen Situation bedeuten würde, und daß davon eine bemerkenswette Entspannung erwarttt werden kann. Allerdings ist man sich auch darüber Hot, daß die politischen Fragen, die bisher offen geblieben find, anscheinend mir auf eine spätere Zett vertagt wurden.
Die „MontagsPo.st" meint, man müsse es als ein günstiges Zeichen betrachten, daß das finanzielle Ergebnis von Paris drchin lautet, die Entscheidung über tote Anleihe in London zu stillen, wo nach den Aeußeramgen des Ministers Dr. Curtius die Aussichten die dösten sein würden. Frankreich verlange überdies, wie aus dem Pattser Kommunigue 'heute heworgehe, keine bestimmten politischen Zusicherungen, sondern begnüge sich mit Deutschlands gutem Willen, alle Differenzen mit Frankreich im Seifte der Versöhnung uno der Verständigung beizulegen. Die »MontagsPost" zieht daraus den Schluß, daß der offenherzigen Diskussion zwischen den führenden Staatsmännern Deurschlanss und Frankreichs nach der Londoner Konferenz balo wettere Besprechungen folgen würden, und daß ein Gegenbesuch der französischen Staatsmänner in Berlin hierzu den willkommenen Anlaß bieten werde.
Wesentlich weniger optimistisch urteilt der rechtsstehende „M o n t a g", welcher die Meinung ans- spricht, daß für den Optimismus des deutschen Außenministers i*n besonderer Anlaß vorliege.
Oer Empfang in Paris
Die Begrüßung auf dem Pariser Rordbahnhof.
Von rechts nach links: Unterstaatssttretär Poncet, Reichskanzler Dr. Brüning, Ministerpräsident Laval, französischer Außenminister Briand, ganz links etwas verdeckt Außenminister Dr. Curtius.
W 65B
‘ Z. ^7