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Mer Neueste Nachrichten

Nummer 163*

Miiivock, 15. 3ult 1931

21. Jahrgang

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Das Kabinett plant Gelbsthilfemaßnahmen

Allmählicher Abbau der Bankfeiertage und neue Oevisenorbnung / Oer Vorstand -er Rentenbank tagt / Oie amerikanischen Bankiers fürchten Frankreich

Schacht Oevisenkommiffar?

(Eigener Drahtbertcht.)

th. Berlin, 15. Juli.

Nach den Borbereitungen des gestrigen Tages ist für heute wieder mit einer Art Großkampftag auf dem Gebiete innerpolitischer Maßnahmen zur Besei­tigung der gegenwärtigen Geldknappheit zu rechnen. Wahrscheinlich wird heute abend eine neue Notverordnung herauskommen, in der vor allem die Frage der Ueberleitung des Geldverkehrs von den jetzigen Bankseierlagen zu normalen Zustän­den geregelt werden soll, und außerdem rechnet man mit dem Erlaß einer Dcvisenordnung, durch die der Devisenverkehr mit dem Inland nicht nur, sondern auch die Zahlungsweise nach dem Ausland geregelt werden müßte, was in der Praxis einer Art Auslandsmoratorium in gewissem Umfange gleich­käme.

Man hat sich in Regierungskreisen davon über­zeugt, daß es nicht angängig erscheint, nach den bei­den Bankfeiertagen sofort den völlig freien Geldver­kehr wieder eintreten zu lassen, weil dann wahrschein­lich auch wieder neue Anstürme auf Banken und Sparkassen stattfinden und neue Angstabhebungen ge­tätigt werden würden. Man denkt deshalb daran, einen

stet mählichen Abbau der Bankfeier- t a g e vorzunehmen und zunächst eine Prüfung der Notwendigkeiten der verschiedenen Abhebungen und Auszahlungen, sowie eine Rationierung die­ser Auszahlungen eintreten zu lasten. Eventuell kommt auch ein sogenanntes Barzahlungs- Moratorium in Frage, d. h. die Verbindung von Scheck- und sonstigen bargeldlosen Ueberwei- sungen auch in denjenigen Fällen, in denen die Empfänger eigentlich Anspruch aus Barzahlung haben.

Die Reichsregierung hat gestern Vorbereitungen» für diese Gesamtmaterie abgehalten. Dr. Luther war von Basel gegen 4 Uhr im Flugzeug wieder in Ber­kin eingetroffen und hatte auch dem Reichskanzler sofort Bericht erstattet. Dann sand eine Sitzung des Reichsbankdirektoriums und gleichzeitig eine Be­ratung des Finanzminsters mit den Vertretern der Großbanken statt. Erst in der zehnten Abendstunde konnte das Reichskabinett wieder zusammentreten, und man machte sich schon aus die vierte Nachtsitzung gesatzt, jedoch hat das Kabinett nach kurzer Zeit seine Beratungen auf heute vertagt, und man rechnet nun damit, daß heute unbedingt ein Abschluß erzielt wird, weil ja für morgen, angesichts der bevorstehenden Lohn- und Gehaltszahlungen unbe­dingte Klarheit geschaffen sein mutz. Die Zahl der

Projette und Anregungen die im Zusammenhang mit dieser Finanzkalamität erörtert worden sind, ist ziemlich groß. Jedoch kommt nur wenig für die Praxis in Betracht. Man hat zu­nächst an eine Ausdehnung der Bankfeiertage und eine begrenzte Auszahlung der verschiedenen Depots gedacht; ferner auch an den Erlaß eines sogenannten inneren Moratoriums, der jedoch wegen seiner weit­tragenden Folgen nicht ernstlich in Betracht kommt, und schließlich haben die verschiedenartigen Pläne eine große Rolle gespielt, die sich auf die Einführung einer Ersatz- oder Zusatzwährung erstrecken. Dabei stehen wiederum die Gedankengänge im Vordergrund, die mit der erweiterten Verwendung der Rentenmark, also einer Art Zusatzwährung, Zusammenhängen.

Der Umstand, daß heute vormittag nicht nur eine Sitzung des Reichsbänkdirektoriums, sondern auch eine Sitzung des Vorstandes der Renten- banka» statt stattfindet, ehe am Nachmittag das Kabinett zusammentritt, läßt immerhin den Schluß

zu, daß die Rentenmarkscheine eine gewisse Rolle in diesen Erörterungen spielen. Jedoch ist es noch kei­neswegs sicher, daß man auf die Rentenmarkscheine zurückgreift, um die gegenwärtig vorhandene Lücke im Bestände der notwendigen Zahlungsmittel auszu- füllen. Gegen diesen Plan sind auch von verschiedenen Seiten Bedenken erhoben worden, und die Regierung wird jedenfalls derartige Projekte sehr sorgfältig prü­fen, ehe sie in irgendeiner Form zur Verwirklichung empfohlen werden können.

Eine Verbreiterung des Za^ungsmittelbestan- des durch die Rentenmark würde unter Umständen auf der Basis möglich sein, daß man die in der vorigen Woche zustande gekommene 500 M il - lionen-Bürgschaft der deutschen Wirtschaft, die ursprünglich für die Gotddiskontbank und für weitere Auslandskredite geplant war, als Ga­rantiebasis für die zusätzlichen Zah­lungsmittel verwenden könnte, da an Aus­landskredite in der ursprünglich in Aussicht ge­nommenen Form im Augenblick noch nicht zu den­ken ist, weil all« weiteren Verhandlungen über neue Kredite von außen jetzt den Weg politischer Regierungsverhandlungen gehen müssen.

Die Kreditverhandlungen, die in die­sem Zusammenhänge nach außen geführt werden, lassen immer wieder erkennen, daß in Englano und in Amerika neuerdings auf die Beteiligung Frank­reichs entschiedenes Gewicht gelegt wird, was na­türlich wieöer seine Ursache in den Rücksichten auf die kommende Abrüstungskonferenz hat. Jedenfalls hat die Reichsregierung nicht die Absicht, sich den politischen Gegenforderungen Frankreichs zu unterwerfen.

Umso mehr treten also die Maßnahmen in den Vordergrund, die jetzt im Inneren zur Behebung der vorhandenen Schwierigkeiten getroffen werden mästen. Bemerkenswert ist, daß die dem Kanzler nahestehendeG e r m a n i a" dafür eintritt, man möge doch die im Reichsbankgesetz ohnehin für zu­lässig erklärte Herabsetzung der Deckungs­grenze der Reichsbanknoten vornehmen, weil man damit rund eine Milliarde neuer Zah­lungsmittel gewinnen könnte, die bei unserem ge­genwärtigen Notenumlauf von rund vier Milliarden eine erhebliche Rolle spielen würden. Ein derartiger Weg der vorübergehenden Vermehrung unserer Zahlungsmittel würde derGermania" weniger be­denklich erscheinen als die Heranziehung der Renten­markscheine.

Welche von diesen verschiedenen Möglichkeiten die Regierung in ihren bevorstehenden Beschlüssen be­rücksichtigen wird, ist im Augenblick noch nicht vor­auszusagen, und für den heutigen Abend ist zu­nächst wohl nur mit bestimmten Vorschriften für die allmähliche Ueberführung der Bankfeiertage in den normalen Zahlungsverkehr und mit dem

Erlaß einer Oevisenor-nung

zu rechnen. In diesem Zusammenhang spielt die Per­son des früheren Reichsbaukpräfidenteu Dr. Schacht eine wesentliche Rolle. Schacht hat schon an mehreren Kabinettsfitzungen der letzten Tage teilgenommen und soll unter Umstände« als neuer Deoisenkommissar in Betracht kommen.

Andere Gerüchte sprechen davon, datz Dr. Lut h e r von seinem Poften zurücktreten und das Wirt- schastsministerium übernehmen würde, so daß Dr. Schacht Reichsbankprästdeut werden könnte. Diese Gerüchte haben im Augenblick jedoch sehr wenig Wahrscheinlichkeit für sich.

Furcht vor pariser Quertreibereien

London, 15. Juli.

3m Zusammenhang mit den Forderungen der Vereinigten Staaten nach einer friedlichen Zusam­menarbeit Frankreichs und Deutschlands legt der Washingtoner Korrespondent derTimes" die ame­rikanische Ansicht dahingehend aus, daß man in W a- shington mit der französischen Haltung in den letzten Wochen recht unzufrieden gewesen ist. In offiziellen und inoffiziellen Finanzkreiscn in Washingthon bestünde eine ausgesprochene Furcht, daß ohn» eine französisch-deutsche Zusammenarbeit oder zum mindesten ohne einefinanzielle Neutra­lität" Frankreichs, das Risiko für amerika­nische Kredite für Deutschland wesentlich erhöht sei, weil jederzeit Frankreich Angriffe auf die Bör­sen von Berlin, London und andere Hauptplätze ge­führt werde» können, um durch die Zurückziehung kurzfristiger Gelder einen politische» Druck auszu­üben.

Die Vorgänge bei dem Zusammenbruch der öster­reichischen Creditanstalt, so heißt es in dem Artikel weiter, seien noch in frischer Erinnerung. Ohne die angestrebte Zusammenarbeit mit Deutschland sei Frankreich nicht nur in der Lage, jeden Deutschland gewährten Kredit illusorisch z» mache», sonder» es könne auch einen sehr ernste» Druck auf London und sogar Reuhork ausüben, wo Frankreich z. Zt. 12 Milliarden Goldmark kurzfristig investiert habe.

Aus diesem Grunde seien die amerikanischen Staatsmänner der Ansicht, daß Deutschland ans sei­ne» finanziellen Schwierigkeiten durch entsprechende Anleihen wohl für den Augenblick befreit worden fei, daß eine dauernde Sicherung aber nut durch eine französisch-deutsche Annäherung zu erreiche« sei.

*

.Times" meldet: Macdonald wird am Freitag feine Reise nach Berlin mit einem Flugzeug unter­

nehmen, das von zwei anderen Flugzeugen begleitet sein wird. Die drei Flugzeuge werden Hendon um 10 Uhr verlassen und um 12,30 Uhr in Rotterdam eine Zwischenlandung unternehmen. Zwei Stunden später werden sie wieder starten und um 18.30 Uhr aus dem Flugplatz Tempelhof eintreffen. Der Rück­flug wird auf demselben Wege am Montag erfolgen.

Frankreich erwartet

heute keine Reparationszahlungen

Renyork, 15. Juli.

Wie Affoziated Preß au§ Washington meldet, teilt Botschafter Edge in einem Telegramm aus Pa­ris an das Staatsdepartement mit, Frankreich habe die B. I. Z. benachrichtigt, datz es die heute fällige Monatsrate der Reparations­annuität nicht erwarte.

Unterstaatssekretär Castle erklärte, die deutsche Krise hätte sich zweifellos viel ernster gestaltet, wenn Deutschland nicht auf Grund des Hooverplanes der morgigen Zahlungen enthoben worden wäre.

*

Paris, 15. Juli.

Die französische Presse ist sich kaum darüber klar, !baß Deutschland zur Selbsthilfe greifen wird, ohne sie französischen Bedingungen anerkennen zu müs­sen. Einige Blätter wollen glauben machen, in

deutschen Regierungskreisen erkenne man endlich die Nützlichkeit der von der französischen Regierung er­teilten Ratschläge an und beginne sie nunmehr durch­zuführen. Verschiedene große Blätter haben sogar die Aufdringlichkeit, Deutschland Mut zuzusprechen und die Reichsregierung aufzufordern, in ihren Be­mühungen nicht nächzulaffen, um den von Frank­reich geforderten Beweis zu erbringen, daß man zu­nächst einmal selbst Ordnung in die inneren An­gelegenheit bringen wolle. Eine Aenderung der Haltung Frankreichs wird unter diesen Um­ständen als die Krönung des deutschen Werkes vorausgesagt. Man ist der Auffassung, daß die Schaffung einer inneren Währung sehr wühl geeignet erscheine, eine Besserung der Lage herbeizuführen. Die Blätter verhalten sich im übri­gen ziemlich zurückhaltend und versprechen sich vor allen Dingen sehr viel von den Verhandlungen, di« der gestern hier eingetroffene englische Außenmini­ster Henderson am heutigen Mittwoch mit de« französischen Ministern eröffnen wird.

Hindenburg wieder in Berlin

Berlin, 15. JuN. ' Reichspräsident von Hindenburg ist heute vormit» tag 7.09 Uhr mit dem fahrplanmäßigen Ostpreutzen- zuge auf Bahnhof Friedrichstraße wieder in Berlin eingetroffen.

Polen im Fieber

Die Entdeckung Europas III z Eine Reportage von 2Ren<6 Kraus

Warschau, im Juli.

Es muß nicht geiu-t v<.efer glühende Juli sein der Warschauer Asphalt ist das ganze Jahr hindurch der heißeste Boden Europas. Eine Stadt sie selber sagen, in der landesüblichen klei­nen Uebertreibung gern: eine Millionenstadt die ständig Fieberschauer schütteln. Bei Nacht fliegen die blauen Lappen bündelweife durch die Lokale, die kon­kurrenzlose Pariser Imitation sind, wie der ganze Lebenszuschnitt hier und alles äußere Gehaben. Und bei Tag, ich habe es mit meinen Augen gesehen, zir­kulieren Wechsel auf zehn Zloty fünf Mark mit halbjähriger Laufzeit. Es wäre noch zu bemerken, daß nach sachkundiger Schätzung 20 Prozent aller Wechsel zu Protest gehen, darunter solche der angesehensten Firmen im Lande, und datz dieser ganze ungesunde Betrieb mit einer regelrechten Wechselinslation sich fristet.

Schuld sind natürlich die Deutschen. An allem find die Deutschen schuld: an Mitzernten, Dürreperioden, Lohnkämpsen, Epidemien, am Ge­treideüberfluß auf dem Lande und am Hunger in der Vorstadt. Es wäre nun sehr einfach, zu fagen, datz das polnische Regime für die latente Katastrophe im Lande, die jeden Tag zum Ausbruch kommen kann, einen Prügelknaben sucht. So einfach ist es aber um die polnische Massenpsychose nicht bestellt. Nicht nur, daß die weitesten Streife des Volkes, von einer Presse, die ihresgleichen an Niedrigkeit des Tons auf der Kulturwelt nicht hat, täglich aufgehetzt, fest überzeugt sind, Deutfchland sinne Tag und Nacht auf eine Auf­teilung Polens. Viel ernster noch scheint die lieber- zeugung sonst sehr verständiger und gebildeter Män­ner: daß das deutsche Volk dem polnischen die eigene Staatlichkeit neide, und datz aus diesemdeutschen Neid" alles Unglück Europas erwachse. Vergebens bleibt die hundertfach wiederholte Erklärung, datz es keinen Menschen in Deutschland gibt, der den Polen nicht ihre von unserer deutschen Armee schwer erkämpfte nationale Freiheit im Rahmen ihres eige­nen Volksraums vom Herzen gönnte. Die groteske Furcht vor uferlosen deutschen Rachegelüsten be­herrscht, vom Anfang bis zum Ende, alles polnische Fühlen und Denken.

Es mutz festgestellt werden, daß die Regieren­den, zumindest seit einiger Zeit, diese Furcht nicht teilen. Obgleich ihnen natürlich die deutsch feindlichen Massenstimmungen zur Fortsetzung ihrer Haßpolitik sehr willkommen sind, kennen sie ganz ge­nau die eigene militärische Ueberlegen- h e i t. Sie zetern natürlich über den spukhaften Pan­zerkreuzer, über phantastische Geheimrüstungen im Reiche und jeder deutsche Pfadfinder ist, wie der eben abgeführte Pfadfinderprozeß in Posen erweist, zu­mindest eine Bedrohung des Weltfriedens. Aber untereinander sind sie sich einig über die Schlagkraft ihrer Armee, der relativ größten Europas, daß sie mit ihrem modernen Kriegsmaterial jede wie immer ge­artete Auseinandersetzung ruhig aufnehmen können. Und es läßt sich wirklich nicht leugnen, daß Pilsudsflis Heer wenn man von einigen Operet­tenoffizieren absteht, die ihre Reitgerten auf dem Korso der Marschallkowsla und im Lass Europenski

spazierenführen einen ausgezeichneten Eindruck macht, freilich auch einen sehr verhängnisvollen: den Eindruck jenes übersteigerten Kraft- gesühls, das zwangsläufig zur Ent­ladung drängt.

Und hier zeichnet sich eine der brennendsten euro­päischen Schicksalsfragen auf dem gewitterschweren Horizont ab: Wird das Regime, sei es selbst gegen feinen Willen, in einen neuen Krieg hineinschliddern, wenn die innere Katastrophe sich nur durch eine äußere aufhalten lassen sollte? Die Meinungen gehen auseinander. Daß die Frage aber ernsthaft besteht und brennend aktuell ist, wird von niemand be­stritten.

Der verantwortungsbewußte Beobachter möchte, trotz allen alarmierenden Merkmalen, davor zurück- scheuen, die Politik eines großen Staates unb das ist Polen immerhin bewußter Kriegshetze zu bezichtigen. Allein, nicht nur die Bajonette, die fte drüben feit zwölf Jahren unter unbeschreiblichen Opfern der Nation schleifen, gehorchen chren eige­nen Gesetzen. Auch eine Wirtschaft s- und Berwaltungskrise, die nahe an staatlichen Verfall heranreicht, folgt ihrer eigenen Dynamik. Nichts wäre dabei törichter als der Irrwahn vom Saisonstaat". Gewiß treibe» die Dinge in Polen auf einen offenen Zusammenbruch zu. Der unvor­stellbare Finanzdilletantismus der herrschenden Oberstenclique, der jeden sachverständigen Rat über­hört und sogar bestraft, wenn dieser unbequem ist, und die groteske Ausgabenwirtschaft für die Rüstun- gen verschärfen die ohnehin schwierige Lage deS Landes ins kaum mehr Erträgliche. Uebtigens scheint die Grenze der Massengeduld bald erreicht zu sein. Eine Reihe von Streiks, darunter der Stra- ßenbahnerstreik, der sich rmverhüllt kommunistisch gab obgleich der Kommunismus offiziell verboten ist haben ihre aufrüttelnde Wirkung nicht der- sch».

Nun wartet ganz Warschau auf die Wiederkehr eines jenerpolnischen Wunder", die man erinnert sich des englischen Bergarbeiterstreiks, dessen Rückwirkungen de» Zloty retteten sich bisher regelmäßig i» den Augenblicken der höchsten Not eingestellt haben. Aber diesmal will sich auch nicht das entscheidende Wunder einstellen. Die Staats­finanzen sind derout, die Wirtschaft hat kein Geld, der Bauer kann nichts verkaufen.'und gibt es ein­mal einen französischen Freundschaftskredit wie je­nen zur Errichtung der Bahn Kattowitz-Gdingen, so sind die Bedingungen in aller Freundschaft wahr­haft halsabsckmeiderisch. Dazu die unverhüllt re­volutionären Strömungen im Lande selbst, das An­wachsen der Rechtsopposition, die schwere ukrainische Sorge Saisonstaat? Im Gegenteil: Im Augen­blick eines neuen Krieges ist dieser zerfallende Staat geeint und die Sargen des Alltags sind durch kriegerische Sorgen ganz anderen Gewichts verdrängt. Diese Feststellungen sollen kein Urteil über den Kurs der polnischen Außenpol't.k sein. Die Tat­sache sei lediglich festaehalten daß nirgends in Eu­ropa die Frage der Zweckmäßigkeit und Möglich- keit eines Krieges so viel unb so ernsthask diskutiert wird, wie in diesem zwischen zynischer