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Kasseler Treueste NachrltMa
Donnerstag, 9. Juli 1931
Gift als
Schutz gegen Morphium / Oer
Warum nimmt ein Mensch Morphium? Warum trinkt ein anderer? Aus „Softer" ? Gewiß, manchmal auch aus „Laster", diesen relativen Begriff, der aus Neugier und Blasiertheit zusammengesetzt ist. In den meisten Fällen geschieht es weder aus Blasiertheit noch aus Neugierde, daß jemand trinkt oder „spritzt". In den meisten Fällen geschieh es aus — ja, aus Notwehr!
Der Ernährungswiffenschastler Liebig hat einmal (ungefähr) gesagt: „Bevor man einem Trinker seine Flasche wegnehmen kann, muß man ihm erst die Gründe Wegnehmen, aus denen er trinkt". Kein Mensch trinkt ohne Grund. Kein Mensch nimmt ohne Grund Morphium.
Wie ist es aber mit dieser „Notwehr"? Im allgemeinen gilt Notwchr in unserem Strafrecht als mildernder Umstand für ein Verbrechen, zuweilen in einem Maß, daß das Verbrechen als „Verbrechen" aufgehoden wird und kein strafbarer Rest von Schuld vor den Menschen übrig bleibt. -Dies gilt für Falle wie Totschlag, Körperverletzung mit tödlichem Ausgang, also für Zerstörung anderer Existenzen, Eingriff in fretrtöe Schicksale.
Und „Notwchr" im Fall des Morphinisten? Im Fall eines Menschen, der sich, in vielen Fällen als Händler in anderer Leute Interesse, in den meisten Fällen als Verbraucher im eigenen Interesse, das Gift verschafft, das Glück und Zerstörung bringt?
Die deutsche Vorlage zum Rauschgiftgesetz wirst Händler mit Rauschgiften und Menschen, denen aus Notwehr und Krankheit das Gift unentbehrlich ist, in einen Topf. Es bestraft sie mit Gefängnis.
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Kein Mensch nimmt ohne Grund Morphium. Aber Gründe gibt es tausendundeinen. Und wer will, nach Lichlg, den Menschen ihre Gründe Wegnehmen ?
Ein typischer Fall für die Entstehung der Mor-- phiumsucht ist folgender:
Ein deutscher Arzt, bis zum Krieg in leitender
Notwehr
Kampf um das Nauschgistgeseh
Stellung, Oberarzt eines Krankenhauses, wird im Krieg schwer am Bein verletzt. Nach monatelangem LazaretMegen, mowatelangem äußerst energischen Training gelangt er langsam in den Gebrauch seines Gliedes zurück. Wer feine Nerven sind aM Ende. Die Anftrengung hat sie zu fchwer erschöpft Im Lazarett hat man viel mit ^Schlafmitteln, schmerzstillenden Injektionen gearbeitet. Der Arzt hat nach dem Kriege nicht mehr die Kraft, die Gewohnheit des Morphiums abzustoßen. Er ist heute wieder in leitender Stelle an einem Krankenhaus. Aber er ist Morphinist geblieben, auch wenn er noch so vorsichtig dosiert. ,<
Diese „Notwehr", die der Morphiumgenuß in diesem Fall darstellt, wird vom kriminalistischen Standpunkt aus als ein Verbrechen angesehen, das mit einem körperlichen oder doch moralischen Todesurteil beantwortet wird. Oder was ist Gefängnis sonst für einen Morphinisten?
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Gibt es keine andere Möglichkeit? In einem Zeitalter, wo eine wissenschaftlich betriebene Entziehungskur nicht in allen, aber in den meisten Fällen Erfolg, manchmal hundertprozentigen Er- solg und Heilung verfpricht?
In England wird jeder Morphinist vor Gericht als Irrsinniger, alfo als Außenseiter des Gesetzes bchandelt. Man „bestraft" ihn nicht. Man schickt ihn sofort in die Heilanstalt, die er bis zum Tage seiner völligen Entgiftung nicht verlassen darf.
In Deutschland gibt es keinen Zwang zur Heilung. Der Morphinist ist willenssrei — und wird also Morphinist bleiben. Gerät er mit dem Gesetz in Konflikt, dann ist er ein Verbrecher. Es ist, als wollte man einen schon halbtoten Selbstmörder noch ins Gefängnis stecken.
In diesem Jahre oder im nächsten wird eine Novelle zum Rauschgiftgesetz erwartet. Wird sie eine Aenderung der nicht nützlichen, nicht klugen Behandlung dieser Kranken bringen?
Film der Anfälle
Böse Warnung. In der Holländischen Straße hatte eine 60jährige Witwe nach dem Genuß von Kirschen kurz darauf Tomaten, die bekanntlich viel Wasser enthalten, gegessen. Es stellten sich in kurzer Zeit gräßliche Leibschmerzen ein und schon am zweiten Tage war die alte Frau eine Leiche.
Maschinen stets verschließen. Im benachbarten Hess. Llchtenau spielten Kinder in der Futterkammer eines Landwirtes an der Futterschneidemaschine, wobei ein vierjähriger Junge mit der linken Hand in die Messer geriet und sie ihm fast ganz abgetrennt wurde. Der Vater des Kleinen brachte ihn sofort in das Landeskrankenhaus. Man hofft, die Hand zu erhalten.
, Beim Spielen kam am Pferdemarkt ein siebenjähriger ^zunge so unglücklich zu Fall, daß er einen Bruch oes Unterarmes davon trug und durch die Unfallwache Holzmarkt zu einem Arzt gebracht wurde.
Bor Hunger umgefallen. Am Sandershäuser Berg ÄrUnrL Wanderschaft. befindlicher junger Esche infolge Schwache (nach eigener Angabe hatte Tagen keine Speise zu sich genommen) zu- (animen unb verletzte sich schwer, da er auf einen ZchEerhaufen geschlagen war. Hier nahm sich die Samtatswache Fuldabrücke des Aermstcn an.
Berkehrsunfälle. Ein mit Kindern besetzter Om- aus Muhlhausen in Th., der von Wilhelms- q?nrh& Tlt Ern mit zwei Personen besetzten Ä?rbhauser Motorrad, das am Rathenauplatz in die s ° einbiegen wollte, zusammen. Der Führer des Motorrades erlitt eine Fersen- und Hauptaderverletzung und der Sozius eine Bern- und Hauptader- >^rden beide zu einem benachbarten ban,n <arch die Sanltatshauptwache in das m'^HErankenhaus gebracht. — Arn Sandershäuser Thüringer Motorradfahrer mtt seiner Majchme- zu Fall und erlitt schwere Arm- und Vein- verletzungen, die ihm ärztlicherseits auf der Sani- tatswache Fuldabrucke notverbunden wurden — F» der Unteren Königstraße wurde ein 47jähr'iger In. ftallateur aus Niederzwehren auf dem Rad, den ein hinter ihm fahrender Radler rechts Überholen wollte angefahren und zu Boden geschleudert. Er mußte von der Samtatshauptwache mit Verletzungen des Rück- überfühu"werden baS Elil°bethkrankenhaus
Ouer über den Wochenmarkt
' Wolken veranstalten ein Wettrennen am Himmel. Dann und wann riskiert Pie Sonne ein .halbes Auge auf das mulmiggraue Erdendasein. Untier. sehens knattert ein WiNdswß um die Ecken pustet zwischen die seeschlangenlangen Marktreihen, rüttelt energisch am grauen Zellvach einer „Verkaufsvilla" am Fischmarkt. Um ein Haar hätten die frischen Schellfische zu 40-45 Pfg., Schollen zu 40 Psg., Kabeljau zu 40 Pfg., Seelachs und Goldbarsch zu 35 Psg, Sechecht zu 55 Pfg. und die leckeren Filets zu 45-^55 Pfg. „unbedacht" ihr Donnerstagvormittag- Dasein verträumen müssen. Aus den Fischkötzen steigen Barsche zu 90 Pfg., Brassen und Barben zu 80 Pfg., Schupperte zu 70 Pfg., Hechte zu 1.20 Mk., Weißfische zu 40—60 Pfg. ans Tageslicht, und in ei- nem Fulleersatzwassereimer schlängeln sich feiste Aale
Von den Kaltblütlern zum zarten Geflügel ists nur., ein Sprung um die Ecke, wo Hühnerhalse, an „güt' durchwachsenen" Korpussen zu 90 Pfg. bis 1 Mk. baumeln, sich Tauben zu 60, 70 und 80 Pfg. präsentieren, junge schneeweiße Gänse und goldgelbe Enten zu 1.10 Mk. für sich werben. Stattliche Rehkeulen und kräftige Rehrücken zu 1.30 Mk., Rehblättchen zu 1.20 Mk. und Kochwild zu 60 Pfg. treten mit jedem Markttag mehr als heftige Konkurrenz für das liebe Federvieh auf.
Herzlich schmeckt ein frisches Hühnerei für 8 Pfg. dem, der keine Gichtzehe durchs Leben zu schleppen braucht. Das Rührkuchenentenei kostet 10 Pfg., der Klatsch Butter in das Kuchenvergnügen 1.40 Mk. für Land- und 1.50 Mk. für Molkereibutter.
Kaum übersehbar wieder die schwarze Heidelbeer- welle, die die Poststraße bis hinein zur Hedwigstratze überflutete. Trotzdem mußte man 30 Pfg. für ein Pfund Beeren bezahlen — kommt auf 50 Bücklinge ein blanker Pfennig — was wieder sehr billig ist.
Die zweite Sintflut auf dem Wochenmarkt bilden die Kirschen, knapsfeste Witzenhäuser zum Einkochen zu 30 und 35 Pfg., Sauerkirschen zu 25 und 35 Pfg., Kirschen zum „aus der Hand essen" zu 20 Pfg. Dann folgen die großen Pötte mit roten und weißen Johannisbeeren zu 15 und 18 Pfg. und — nicht zu vergessen — die süße Frucht zum noch süßeren Himbeersaft zu 30 und 35 Pfg. Pfirsiche für das Schlek- kerchen kosten 30 Psg., Achsel 35 Pfg., Stachelbeeren 25 und 20 Pfg. und die schwarze Schnaps-Johannes- beere 20 Pfg.
Die Gemüsereihen schlängelten sich bis tief hinein in die untere Karlstratze mit Körben grüner Bohnen zu 20 Psg., Wachsbohnen zu 20—30 Pfg., vertrauenerweckend dicken Puffbohnen 2 Pfund zu 35 Pfg. und Erbsen in Hülle und Fülle zu 15 Pfg. Ein dicker Weißkohlkopf kostet 15 Pfg., ein Wirsinghaupt 18 Pfg. das Pfund, zwei Bündel blanke Wurzeln 15 Psg., ein Pfund Möhrchen zu Mixed-Pickles 30 Pfg. Ein Kohlrabenbouguett ist mit 5 Pfg. das Stück und ein halbes Dutzend frischgrünen Strünkerln als „Einsatz" eine poetisch-materielle Angelegenheit. Zwei Bündel rote Rüben für 15 Pfg. dazwischen erhöhen den farbigen und geschmackvollen Reiz. In prachtvoller Qualität blinken feste rote Tomatenkugeln zu 20 und 25 Psg. aus den Kisten, und dichtebie gibt es zierliche Einlegegürkchen zu 3, 4 und 5 Pfg. das Stück, im Pfund zu 30 Psg., als befondere Magenwonne für den Hausherrn. Sonst empfehlen sich noch die letzten Steinpilze zu 60—80 und goldgelbe Pfifferlinge zu 50—70 Psg.
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Aussichten des Lehrerberufs
Augenblicklich werden fcharfe Sparmaßnahmen auf dem Gebiete des Schulwefens durchgeführt. In Preußen ist zwar bei den staatlichen höheren Schulen, wie die Deutsche Beamtenbund-Korrespondenz erfährt, eine umfassende Verminderung der Klassen nicht vorgenommen worden, doch soll die Zahl der Klassen künftig nach Möglichkeit eingeengt werden. (Beschränkung der Zahl der Sexten; Teilung der übrigen Klassen; Zusammenlegung von Unter- und Oberprima, wenn sie zusammen nicht mehr als dreißig Schüler zählen; Herabsetzung der Schülerinnen- höchstzahl bei Nadelarbeitsunterricht. Außerdem ist eine Erhöhung der Pflichtstundenzahl der älteren Studienräte und eine Beschränkung des wahlfreien Unterrichts vorgefehen.
In den Volksschulen sind die Schulverbände ermächtigt, die Stundenzahl um zwei Stunden in jeder der vier oberen Klassen zu verringern. Auch kann die Uebertragung zweier Klassen an einen Lehrer als Klassenlehrer erfolgen. — Bei den preußischen päda- aogischen Akademien haben sich durchschnittlich auf 75 offene Stellen 350 bis 500 Abiturienten gemeldet. Die Auswahl erfolgt nach der Qualität der Zeugnisse. — Der Gewerbelehrer, der als Anwärter für die drei preußischen berufspädagogischen Institute in Frage kommt, muß schon in der Praris gestanden haben. Von 2400, die sich meldeten, sind im letzten Jahre 330 angenommen worden. — In der preußischen Schulverwaltung befinden sich einschl. der Direktoren. Fachvorsteher usw. 1030 männliche und 348 weibliche Diplom-Handelslehrer. — An Heeres-Fachschulen für Wirtschaft und Verwaltung sind zurzeit 15, an höheren Marine-Fachschulen für Wirtschaft und Verwaltung 6 Diplom-Handelslehrer tätig. — Die Lage der Sportlehrer hat sich sehr wesentlich verschlecbtert. Am aünftigsten liegen die Konjunkturverhältnisse augenblicklich für die Golflehrer.
Palasi-Theaier
Das neue Film-Programm.
„Karte genügt, komme ins Haus!" . ; . Diesen lustigen Schlager singt Willy Forst in der musikalischen Burleske „Der Herr auf Bestellung", die zurzeit mit Erfolg im Palast-Theater läuft. Geza von Bolvary hat mit viel Geschick nach dem Manuskript von Walter Reisch eine nette Komödie zusammengebraut, Robert Stolz schrieb die nötigen Schlager und Paul Hörbiger als hilfloser Professor und Willy Forst als aalglatter Gentleman geben das nötige Temperament an. Ueberall, wo es not tut, greift der „Herr auf Bestellung" ein: Sei es bei der Kindtaufe oder Hochzeit, fei es bei einem komplizierten Vertrag über Eheprobleme, ober einer (eventuellen) prakti
schen Anleitung . . . Immer ist Willy Forst zur Stelle. Die beste Leistung bietet Paul Hörbiger . . . Einige neue Schlager werden wohl bald überall zu hören fein. Die weiblichen Rollen sind bei Trude Lieske und Else Elster in guten Händen.
Der zweite Film„ Eros in Ketten" mit Malq Delschaft und Anita Dorris zeigt das leider allzu häufige Schicksal eines jungen, unerfahrenen Mädchens, das im Film — im häufigen Gegensatz zu der Wirklichkeit — einen versöhnlichen Ausgang nimmt.
Allerlei vom Tage
Letzter Gang. Am Dienstag fand unter großer Beteiligung die Beerdigung des Reichsbahninspek- tors i. R., Rechnungsrat Hugo Plaßmann statt. Ter Entschlafene war lange Jahre Vorstand der Güterabfertigung Kassel-O. Der Verstorbene war Mit- grunder des Vereins der Rheinländer und hat ihn Jahrzehnte hindurch als 1. Vorsitzender geleitet. Aus Dankbarkeit für seine dem Verein geleisteten großen Verdienste wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Durch sein immer fröhliches Wesen und seinen goldenen Humor, hat er sich nicht nur die Liebe feiner rheinifchen Landsleute, sondern auch die Herzen vieler Kasseler Bürger erworben. In aufrichtiger Trauer stand der Verein der Rheinländer am Grabe seines Ehrenvorsitzenden und widmete ihm durch den Mund seines 1. Vorsitzenden einen ehrenvollen Nachruf.
Die nationalsozialistifchen Stadtverordneten beantragten, den Magistrat zu erfuchen, der Stadtverord- netenverfammlung einen Ueberblick über diejenigen Arbeiten zu geben, die die gewerblichen Werke der Stadt Staffel in eigener Regie ausführen, obgleich für derartige Arbeiten leistungsfähige Kasseler Geschäfte vorhanden feien. Ferner soll der Magistrat feine Vertreter im Aufsichtsrate der Kasseler Straßenbahn anweisen, mit aller Entschiedenheit dafür einzutreten, daß eine angemessene Herabfetzung der Spitzengehälter, wenn es rechtlich anders nicht möglich ist,
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Wohin gehen wir am Freitag?
in Vereinbarungen mit den Empfängern dieser Gehälter erzielt wird.
Stadtvark: Gastspiel-Konzerte. Garten oder grober SaalU Börtznys Zigenner-Sinsoniker. Anfang 4.15 u. 1 Ubr; anschließend Tanz im kleinen Saal. „ ,
Palaft-Theater. „Der Herr auf Bestellung". — ..Eros i8
Stetten". _ ,
Cavitol-Lichtsviele: „8 Tage Gluck". j
Chafsalla-Ltchtiviele: „Der Flüchtling". '
»effeuland-Perle: Kabarett ' Tanz. 18 und 20 Ubr. Hessisches L-ndesmuien«: ..Handzeichnungen alter Meister"«
Heute. Donnerstag:
Skleiues Theater: „Ctto, der Treue 20 Uhr.
Stadtvark: «Garten oder großer ®aat): Gaitsvtel-Konzett Bdrdrrns Zigeuner-«inionlker, Ansang 4.1a u. 8 Uhr. Anschließend Tanz im kleinen tiaal.
Cavitol-Lichtsviele: „8 Tage Gliick". „
Chassalla-Lichtlviele: ..Der Flüchtling. „
Univerlnm-Lichtspielc: ..Flachsmaun als Erzieher . Lrangerteschlotz. Äne-Park: II. Kasseler Aulomeue. 10 5t3
20 Ubr.
Sprachvereine tagen
in Göttingen.
Am lebten Sonntag fanden sich etwa 50 Mitglieder von Sprachvereinen in Göttingen zusammen, um dort das von der Ortsgruppe wohl vorbereitete übliche Sommertreffen zn begehen. Auswärtige Vertreter waren eritbtenen aus Hannover, Hildesheim, Goslar, Northeim, Hann.-Munden, Kassel. Eine gemeinsame Fahrt vom Bahnhof nach dem bekannten Freilnst-Tanzplab Mariaspring gab etnen fröhlichen Auftakt. Eine genußreiche Wanderung durch tamttt» gen Buchenwald und über sonnige Matten führte die Teilnehmer auf die von der Burgruine Plesfe gekrönte Anhöhe und gab auch die erste Gelegenheit zu ernster Auswrache über Fragen der Vereinstätiakeit. Eine fröhliche Kaffeetafel unter freiem Himmel hals mit, den grauen Alltag auf Stunden vergessen zu machen. Den Abubluh des Treffens bildete die Abenüoersammlung ttt den Göttinger Festsalem In der Begrützungsansprache gab der Vorsitzende des Zweigvereins Göttingen, Buchhändler Ruprecht, einen Ueberblick über die Geschichte der Burg Plesfe, ine einst basischer Besitz war. Einen Kunstgenutz boten die Gesangs- vorträge unserer Kasseler Konzertsängerin Gertrude Mat- wiesen, die von Emmn Müller feinsinnig begleitet, Lieder von Wagner, Strautz. Wolf und Reger in vollendeter Form zu Gehör brachte. Einen heiteren Ausklang endlich gab ein von Frau Ruprecht in Göttinger Mundart wirkungsvoll vor«tragenes launiges Geschichtchen. Das nächstjährige Sommertreffen soll in Kassel stattfinden. Bergener«
Oer Stein
Von Irmgard von Faber du Faur.
Es gab so viele erstaunliche Dinge.
Manche waren .nur zum Sehen, wie der Himmel, und was an ihm vorging, oder nur zum Denken, wie alles, was die Menschen sagten und taten. Aber das Schönste waren solche, die man in die Hand nehmen konnte, und die nicht wie Schneesterne, im Augenblick, da man sie berührte, vergingen. Mit dem In-die-Hand-nehmen nahm man sie wirklich zu eigen.
Im Sommer gab es solche schönsten Dinge vom Morgen bis zum Abend. Am Meer füllte man Säcke mit Schätzen: Muscheln und Seetang, Seesterne und Schneckenhäuser. Zugleich träumte man noch immer von Fischen und anderen schwimmenden Tieren, die da in kleinen Felstrichtern blitzschnell herumschossen, sie doch auch einmal in die Hand zu bekommen. Wie man in der stillen Straße vor des Großvaters Haus immer hoffte, von den Tauben eine mit dem zauberhaften, schillernden Gefieder, das wohl auch weich und köstlich anzufühlen sein mußte, doch noch einmal zu fassen. Zutraulich hüpften sie auf den bunten Pflastersteinen ganz nahe heran, aber flatterten auf im Augenblick, da man sie greifen wollte.
Auch in Paris auf dem Schulweg gab es immer wieder neue, erstaunliche Dinge: zum Sehen, zum Denken und zum Jn-die-Hand-Nehmen.
Einmal waren große Steinhaufen aufgeschüttet zum Ausbeflern der Straße, ganze Berge, man kletterte hinauf und lief oben entlang, das war luftig. Aber noch besser war es, auf die Steine Acht zu haben. Keiner war wie der andere. Von dem ganz großen Haufen von Steinen hatte jeder eine besondere Form und Farbe. Manche waren gewöhnlich, wie man ähnliche alle Tage sand; aber manche waren ganz selten. Die schönsten trugen wir nach Hause und fügten sie zu unseren Schätzen. So batten wir einen Stein, der war geformt wir ein Vogelnest, ein anderer sah aus wie eine Nuß, ganz genau, mit Oben und Unten, und sogar der erhöhte Rand, wo die beiden Nußschalen aneinanderliegen, war daran gebildet.
Ich ging auf den Stembergern Ich nahm einen Stein in die Hand. Er war blau und gelb; das Blau in sich felber spielend, steigerte sich vom milchig Hellen zum wundervollsten blauesten Leuchten, und seine Form war die Form eines Brückenkopfes. Er war so glatt, wie sonst Steine nie sind, ganz seltsam bei der Berührung. Alles an ihm entzückte mich.
Ich zeigte dem Vater meinen Fund. Zuerst schien er nichts Besonderes an dem Stein zu finden; als ich ihm aber all sein Wundersames erklärt batte, meinte er: »
„Es ist wahrscheinlich gar kein Stein. Er sieht aus wie poltert, und auch die Farben sind zu lebhaft. Es wird wohl ein Stück von einem zerbrochenen Bierkrug sein."
Ich war empört und erschrocken zugleich. Ich schleuderte den Stein mit aller Kraft vor unsere Füße hin und — hob ihn ganz und unversehrt wieder auf. Ein Stück von einem Bierkrug hätte zerbrechen müssen. Ich triumphierte. Der Stein in meiner Hand triumphierte. Und hinter mir und hinter dem Stein stand die ganze triumphierende Natur, die so tief beleidigt worden war, denn es hatte oeheißen: Dein Stein ist so schön, daß er nicht natürlich fein kann. Aber nun war es ein Stein und kein Menfchenwerk, und alles an ihm hatte die Natur gemacht.
Der Vater war überwunden. Er nahm den Stein in die Hand und war jetzt offen für alle feine Köstlichkeiten. Während er die seltsame Form betrachtete, sagte er, und ich konnte es kaum glauben vor Freude: „Wenn du größer bist und einmal reiten kannst, bekommst du eine Reitpeitsche mit dem Stein als Grifs". — Ein silberner Ring sollte den Stein fassen und ibn an den Stock anschließen.
Der Stein bekam den Ehrenplatz unter meinen Steinen. Er war mir dreifach teuer und kostbar: durch sein wunderbares Sein, durch die Erinnerung an meinen Triumph und durch die Hoffnung auf feine Erhöhung und Schmückung mit Silber.
Als wir bald darauf Paris für immer verlassen sollten, gab es in Anbetracht des Umzugs schwere Sorgen, die auch die beruhigenden Versicherungen der Erwachsenen nicht ganz verscheuchen konnten.
Wirv man auch alles, was hier verschwindet in Schränke und Kisten, wohlbehalten, Stück für Stück, wiederbekommen? Das Herz hing sehr am Besitz. Für meinen kostbaren Stein bangte mir am meisten. Er war das letzte, von dem ich mich trennte, als schon die Packer in unseren Zimmern herumliefen
Nach langer Zeit, in der neuen Wohnung, bekamen wir endlich alles wieder. Alles war da. Alles war wohlbehalten. Das einzige, was fehlte unp nicht mehr zum Vorschein kam, war — mein Stein.
Alle anderen Steine waren da, der wie eine Nuß aussah und der wie ein Vogelnest beschaffen war, aber mein blau und gelber, kostbarer Stein war verloren.
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Ich habe mich später in jedem fremden Land, in jeder fremden Landschaft, durch die ich ging, noch den Steinen gebückt und sie in die Hand genommen. Keiner glich dem andern. Jeder war von jedem verschieden, an Farbe und Gestalt, und bei der Berührung mit der Hand. Jeder offenbarte ein anderes Geheimnis der Erde, spiegelte eine andere uralte Erinnerung. Meinem verlorenen Stein aber glich keines der Gesteine. Er war wie eine kleine leuchtende Wolke geworden, die man
einmal gesehen hat und die am Himmel verging, wie ein Schneesturm, der bei der Berührung mit der Hand erlischt.
Nach den Jahren der Fremde ging ich in Deutschland wie einer, der ins Vaterhaus zurückkehrt und seine Liebe nun durch alle Räume trägt.
Ich berührte das Gestein des Gebirges, ich fühlte den märkischen Sand unter meinen Füßen, ließ ihn durch meine Finger riefeln. Und eines Tages schloß sich jenes halbvergessene Kindererlebnis zum Ring.
Ich lag im Sande und fpielte mit den Steinen. Ich fühlte eine unwahrscheinliche, seltsam köstliche Glätte, sah leuchtende, unwahrscheinliche Farben und hielt auf einmal meinen verlorenen Kinder- ftein wieder in der Hand.
Da sah ich das lächelnde Antlitz der Erde, zugewandt mir. in Freundlichkeit und mütterlich allgegenwärtiger Treue, die war, ist und sein wird, so lange ich lebe.
Kasseler Konzerte
Vortragsabend im Kasseler Konservatorium der Musik.
Das Kasseler Konservawrium gab in feinem Schülervortrag vor den Ferien wieder den Beweis, daß durchweg ehrlich gearbeitet wurde. Die Vortragsfolge wies nur Schüler mit fortgeschrittenem Können auf, und darunter waren verschiedene Leistungen, die für den Konzertsaal reif sind. — Aus der UeberfüUe des Gebotenen möchte ich nur das Veste erwähnen: Frl. Zinth (Herr Seliger) mit „^s-Dur-Walzer von Chopin", Frl. Mense die sich sowohl als Sängerin (Dir. Hallwachs): .Lieder von Brahms" mit einem ansprechenden weichen Alt. sowie als Klavierspielerin (Frau Hoffmann-Schlutz): „Etüde E-Moll aus op. 10 von Chopin" auszeichnete. Sehr dezent wirkte „An- bantino und Menuett" für drei Violinen und Cello (Dir. Böhmer) von Schubert, das wohl aus Platzmangel im Nebenraum gespielt wurde. Einen echten Mozart bot uns Frl. Heckmann (Fr. Hoffmann-Schlutz) tm 1. Satz des „^-Dur-Konzerts". Ferner war sehr gut Herr Kerndorff (Herr Müller) „Konzert L-Dur für Violoncell" von Boccerini; Frl. Kirschmann (Frl. Kohl) spielte Beethoven .„Konzert O-Moll 1. Satz". Sympathisch ist auch die Stimme von Frl. Blum (Frl. Pennrich), die Händel und Mozart vortrug. Frl. Engel (Herr Schleiden) bot in „Rhapsodie U-Moll, op. 79" von Brahms eine beachtliche Leistung; aber sie kann die Tiefe dieses Werkes bei ihrer Jugend noch nicht erfassen. — Um die ermüdende Länge der Vortragsfolge zu nehmen, wäre es angenehmer, wenn von den vielen schweren Sonaten und Konzerten immer nur ein oder höchstens zwei Sätze zu Gehör gebracht würden, Hng,
Mut
Alfons XIII. und das Attentat von Barcelona.
Er mußte der Revolution weichen, und vielleicht war es eine gefchichtliche Notwendigkeit. Er ist in guter Form gegangen und das war so gefcheit wia manche kluge Handlung feiner oft stürmisch bewegten Herrschaft. In einem Beitrag des Juliheftes von Velhagen u. Klasings Monatsheften wird eine Erinnerung an König Alfons mitgeteilt und so die Eigene schäft beleuchtet, welche ihm mehr als einmal den gefährdeten Thron gerettet hat: der Mut.
„Als ich die ersten spanischen Ferientage in San Sebastian verlebte, weilte der königliche Hof gerade zur Badekur in dem herrlichen Seebadestädtchen. Der König und die Königin kannten hier kein strenges Zeremoniell. Sie bewegten sich frei auf der mit Tamarisken bepflanzten Promenade unter den eleganten Badegästen, und als sie dem beliebten baskischen Pelotaspiel beiwohnten, gab es keinerlei Polizeiaufgebote. keinerlei Absperrungen. Das Pelotaspiel wird mit harten Weißen Bällen und schaufelförmigen gekrümmten Schlägern gegen eine hohe Steinmauer gespielt. König Alfons liebte es sehr. Ich sehe ihn noch in dem dichtgefüllten Peloia-Haus dem Sieger begeistert Beifall spenden. Und nun war das Spiel zu Ende, die Tribünen leerten sich. Tausende umringten den Platz. Aber es gab keinerlei Gedränge. Auf Alfons XIII. war erst wenige Tage zuvor in Barcelona ein Attentat ausgeübt worden, dem er nur wie durch ein Wunder entgangen war. Es machte einen tiefen Eindruck auf mich, die vertrauensvolle Ruhe zu fehen. mit der der schlanke junge König fein Auto bestieg. In dem offenen Wagen blieb er aufrecht stehen, feine Basken begrüßend. „Hier bin ich, hier ist mein Schädel", fehlen er zu sagen, „aber ich weiß, daß ich nirgends in meinem Königreich so sicher bin wie in eurer Mitte!" Königlicher Mut sprach sich in den großen dunklen Augen aus. Unter Viva-Rufen rollte das Geführt dem Sommersitze an der Concha d'oro zu."
Bilderspiele tntb Denksport-Ausgaben. Von Leovolü Simmermann. Mit Lösungsheft. 80 S. 4° —Format. 2.50 RM. Ludwig Voggenreiter Verlag. Potsdam 1930.
Dieser Ergänzungsband zum „Deutschen Svielhandbuch" bringt ganz neue Spiele, vor allem Bilderspiele und Denkaufgaben. Diese Bilder verlocken schon beim ersten Sehen, eine Lösung zu versuchen. Der große Vorieil dieses Buches ist. dan einer allein sich ebenso damit beschäftigen kann wie eine ganze Gruppe. Zu der Freude des Einzelnen -ritt also auch der Wettbewerb mit anderen. Da sind Zeichnungen mit so witziindig verborgener» Fehlern, öan man bestimmt die Halste überiieht: Ausgaben, bei denen eine Lösung undenkbar erscheint, Mordgeschichten sollen aus den Einzelheiten eines Bildes aufgeklärt, Diebe ntf* einem Sieck- bner tm L-trakengewühl erkannt werden, und last jede Ausgabe bringt nicht nur neuen Stoss, sondern erlangt garr andere Denk- und Arbeitsmethoden.