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Nummer 153* streiiaa 3. 3ul« 1931 21 Jahrgang
Neue Maßnahmen der Reichsbank
Deutschland braucht schnellste Hilfe / Amerikanisch-f. anzösische Verhandlungen auf heute abend vertagt / Rätselraten um den englischen Konferenz-plan
Endgültige Einigung in zwei Tagen?
(Eigener Drahtbericht.)
Kreditrestriktion in Berlin
Eigener Drahtbertcht.
Paris, 3. Juli.
Die für gestern abend vorgesehene franzöfisch-ame rikanische Besprechung ist, wie es heißt, auf Wunsch Mellons auf heute vertagt worden. Der Zeitpunkt der nunmehr also für heute festgesetzten Zusammenkunft der französischen Unterhändler mit SchatzsekretärMellon steht jedoch heute früh noch nicht fest. Während man Donnerstag abend mit Freitag vormittag gerechnet hatte, geht aus Erklärungen der französischen Presse hervor, daß erst die Abendstunden dafür vorgesehen sind. Der „Matin", der gewöhnlich sehr gut unterrichtet ist, glaubt, daß die Minister sich gegen 15 Uhr im Innenministerium einfinden werden. Wenn man jedoch in Betracht zieht, daß Mellon im Anschluß an seine Unterredung mit dem französischen Finanzminister den französischen Standpunkt nach Amerika berichtet hat und nunmehr die Stellungnahme des amerikanischen Staatspräsidenten abwartet, so muß man den Angabe» des „Echo de Paris" glauben, wonach alle Besprechungen erftum21Uhr fortgesetzt Werhew.
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Paris, 3. Juli. Wie der „Matin" berichtet, ist man in bestunterrichteten französischen Kreisen der Auffassung, daß in zwei bis hrei Tagen zwischen Frankreich und Amerika eine endgültige Einigung erzielt werden wird.
Dieser Optimismus, der in den späten Abendstunden des Donnerstags über den Ausgang der französisch-amerikanischen Verhandlungen herrschte, geht zum größten Teil auch aus den Stimmen der Pariser Frühpresse hervor. Es
wäre jedoch übertrieben, wen« man schon heute von einer vollständigen Klärung der Lage sprechen und der für heute, Freitag, vorgesehenen Zusammenkunst rein formellen Charakter beimesien würde.
Finanzminister Flandin hatte noch in den Abendstunden des Donnerstags eine eingehende Besprechung mit Schatzsekretär Mellon, in deren Verlauf die einzelnen noch nicht geklärten Punkte der Reihe nach durchgesprochen wurden. Die Frage des Earantiefonds bot nach wie vor die Haupt- schwierigkeit.
Nur die Frage des Deutschland zu gewährenden Kredites scheint endgültig geregelt zu sein, ebenso die Frage der Kredite, die aus dem ungeschützten Teil der Reparationen zu gewähren find.
Zu diesem Punkte betont man heute, daß die französische Regierung stets von der Voraussetzung ausgegangen sei, der Reichsregierung selbst die Nutznießung dieser Kredite zu überlasten. Der Vorschlag der amerikanischen Regierung, die Unterstützung derjenigen Regierungen, die durch das Moratorium in ihrem Haushalt-Gleichgewicht betroffen werden könnten, der B. I. Z. zu überlasten, stößt insofern auf Schwierig
keiten, als die Statuten der B. I. Z. nicht erlauben, direkt mit der Regierung eines Landes in Verbindung zu treten.
Berliner Optimismus
th. Berlin, 3. Juli.
Die Entwicklung der in Paris geführten Verhandlungen zwischen der französischen und der amerikanischen Regierung, in die gestern auch England recht nachdrücklich eingegriffen hat, Hai in Berliner politischen Kreisen den Eindruck hervorgerufen, daß mit einer Lösung, und zwar mit einer für uns zünstigen Lösung, gerechnet werden kann.
Die letzten drei Streitpunkte, um die es sich gestern im wesentlichen noch handelte, dürften — wie man nach den bisherigen Meldungen annehmen kann — im wesentlichen im Sinne des ursprünglichen Hoover-Planes geregelt werden. Es handelt sich dabei einmal um die französische Forderung, daß die ungeschützte deutsche Annuität binnen fünf Jahren zurückgezahlt werden sollte, während die Franzosen sich nun dem amerikanischen Vorschläge angeschlossen haben, daß die Rückzahlung erst binnen 2 5 Jahren erfolgen soll. Zweitens handelt es sich um den Verzicht auf die von den Franzosen beabsichtigte Verteilung der ungeschützten Annuität an die kleineren europäische» Neparatiottsempfänger. Dieser Der zieht dürfte nunmehr feststehen. Schließlich war noch die Frage zu klären, ob Frankreich im Falle eines regulären Transfer-Moratoriums am Ende des Re- Parations-Feierjahres verpflichtet bleiben sollte, nach den Vorschriften des Uoungplanes 500 Millionen Mark an den Garantiefonds der B.J. Z. einzu- zahlen. Die Franzosen weigerten sich, diese Verpflichtung anzuerkennen und verlangten, daß Deutschland, da ihm ja während des Feierjahres die ungeschützte Annuität aus dem Anleihewege wieder zur Verfügung gestellt werden sollte, im Falle eines solchen Moratoriums seinerseits die Zahlung der 500 Millionen Mark an die B- I. Z. vorzunehmen babe. Dieser Forderung haben die Amerikaner auf das schärfste widersprochen.
In diese Situation haben die Engländer mit einem ebenso einfachen wie wirksamen Vermittlungsvorschlag eingegriffen, welcher dahin ging, daß die Zahlung der 500 Millionen Mark an den Garantiefonds überhaupt unterbleiben sollte.
Es scheint, daß man sich auch mit Amerika auf dieser Basis einigen kann. Allerdings ist dabei zu bemerken, daß es sich bei diesem englischen Vermittlungsvorschlag um den ersten regulären Eingriff in das System des Youngplanes handelt, ein Verfahren, gegen welches wir natürlich nichts einzuwenden haben.
Man hat den Eindruck, daß die Franzosen sich außerordentlich hartnäckig gegen alle Zugeständnisse gesträubt haben, daß es aber den Engländern und Amerikanern durch gewisse Zusagen auf anderem Gebiete — deren Einzelheiten man noch nicht kennt — gelungen ist, ihren Widerstand allmählich zu überwinden. Deswegen sieht man in Berliner politischen Kreisen der endgültigen Erledigung dieser Auseinandersetzungen in Paris mit einem gewissen Optimismus entgegen. Man hat hier den Eindruck daß der Hoover-Plan aus diese Weise nicht nur in "seiner finanziellen Auswirkung, sondern auch in feiner völkerrechtlichen Konstruktion in allen wesentlichen Punkten aufrechterhalten bleibt.
Der er l He Konferenz-plan
th. Berlin, 3. Juli.
oen teilweise sehr widerspruchsvollen Meldungen, die im Laufe des gestriges Tages über die Pariser Verhandlungen eintrafen, dürfte der englische Plan möglichst bald eine Konferenz der Signatarstaaten des Uoungplanes einzuberusen, den Anspruch auf besondere Beachtung erheben. Dabei spielte auch ein französischer Gegenvorschlag eine Rolle, der sich vor allem mit der Frage beschäftigte, ob man sich nach dem englischen Vorschläge noch heute in London zu einer Konferenz der Reparationsmächte treffen sollte, oder ob — wie die Franzosen es wünschten — die Engländer nach Paris kommen sollten. Nach der Aus- faffung Berliner politischer Streife dürfte dieser auf den Augenblick abgestellte Konferenzplan inzwischen wieder ausgefchaltet worden sein, wohl aber rechnet man mit der Wahrscheinlichkeit, daß mit dem In- kraftreten des Reparationsseierjahres, also nach der grundsätzlichen Einigung an einem späteren Zeitpunkte eine Reparations-Konferenz Wer die Regelung der technischen Fragen stattfinden dürfte.
Noch in der Schwebe...
London, 3. Juli.
Zu dem englischen Borschlag, eine Konferenz der Bertreter der hauptsächlich iuterefsierten Mächte zur
Regelung der aus den internationalen Schuldender. Handlungen sich ergebenden Schwierigkeiten einzuberufen, meldet „Daily Herald" ergänzend, daß an einer solchen Konferenz auch Deutschland teilnehmen müsse. Diese Auffassung wird von anderen Zeitungen einschließlich der „Times" bestätigt. Der englische Vorschlag, so sagt der diplomatische Korrespondent des „Daily Herald", sei infolge der bisher ablehnenden Haltung Frankreichs noch völlig un» entschieden. Sollten aber die Verhandlungen in Paris zusammenbrechen, so werde die Einladung wiederholt werden, und die Zusammenkunft werde voraussichtlich in der nächsten Woche in London statt- finben.
Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" meldet, daß der englische Vorschlag auf dem üblichen diplomatischen Wege allen alliierten Mächten und auch Deutschland übermittelt worden sei.
*
Paris, 3. Juli. Ministerpräsident Laval hat sich bisher noch nicht dazu entschließen können, die E i n l a d u n g der englischen Regierung zur Teil- nahme an einer Konferenz der Signatarmächte des Aoungplanes anzunehmen. Er Hai darauf hiu- gcroiefen, daß er zunächst einmal mit den Amerikanern ins Seine kommen wolle. mk
Berlin, 3. Juli.
Wie der „Börseakurier" berichtet, beabsichtigt die Reichsbank durch verschärfte Restriktion den Rücklauf der llltimobewegung hinsichtlich der Wechseleinreichungen zu erzwingen. Die Restriktion werde im wesentliche« eine Berliner Angelegenheit sein, denn in der Provinz hätten schon die früheren Maßnahmen gut gewiry.
Das Blatt bezeichnet es als selbstverständlich, daß die Reichsbank bei ihren Maßnahmen die Banken durchaus individuell behandeln werde. Maßnahmen, die irgendwelche Schädigung der Kreditorganisation bedeuten könnten, kämen nicht in Frage. Deswegen habe man auch teilten starren Plan für das technische Vorgehen. Sehr wesentlich sei, daß die jüngst vereinbarten Ziffern durch die neuen Maßnahmen nicht gekürzt werden.
Das Blatt schreibt dann weiter: Bon vornherein war es deutlich, daß der Rediskontkredit eine Notdeckung von geborgten Devisen schuf, die bei andauernder politischer Ungewißheit über das Ergebnis des Hooverschrittes in dieser Form keine Lösung bringen konnte. Die Devisenabzüge von Mittwoch betrugen etwa 35 Millionen Mark und find gestern auf etwa 30 Millionen Mark herabgegangen. ’■« mit Hilfe des Rediskontkredtt,« gehaltene tvpro- „Utige Deckung ist, wie erklärt n cd, damit noch nicht unterschritten.
Deutsche Bedenken
gegenüber den englische« Konferenzplänen.
Berlin. 3. Juli.
Die Morgenblätter äußern säst alle mehr oder minder starke Bedenken gegen den Vorschlag der britischen Regierung, eine Konferenz der am Reparationsproblem interessierten Mächte einzuberufen.
Der „Vorwärts" nennt diesen Vorschlag sicherlich herzlich gut gemeint. Aber wie lange wolle man noch verhandeln? Die Situation Deutschlands werde von Tag zu Tag schwieriger. Von dem Deutschland kürzlich zur Verfügung gestellten Rediskontkredit in Höhe von rund 400 Millionen Mark stehe nur noch ein kleiner Rest zur Verfügung. Angesichts der finanziellen Situation der Reichsbank sei die Besorgnis der Reichsregierung, daß
die uns zugedachte Hilfe schließlich zu spät komme, angebracht.
Die „Vossische Zeitung" unterstreicht die Schwierigkeiten, die der große und schwere Apparat einer internationalen Konferenz brauche, um in Funktion zu treten. Eine Konferenz über den Ga- rantiesonds würde eine Verzögerung der Inkraftsetzung des Hooverschen Vorschlags über den 15. Juli hinaus bedingen, und das wäre gleichbedeutend mit Unwirksammachung des Hooverschen Vorschlages, dessen nicht geringster Vorzug die Schnelligkeit der Hilfsaktion sei.
Die „D. A. Z." spricht von einem „unglückseligen englischen Konferenzvorschlag". Deutschland habe auf einer solchen Konferenz gar nichts zu suchen. Di« „B ö r s e n z e i t u n g" ist der Ansicht, daß auch in amerikanischen Kreisen die Auffassung über das englische Vorgehen sehr geteilt sei. Man befürchtet dort, daß, wenn den Franzosen der Rücken gestärkt werbe, die Absicht Hoovers, schnell zu handeln, durchkreuzt werbe, unb daß sich bie Welt wieder vor langwierige Verhandlungen alten Zieles gestellt sehe, obwohl di« Lage in Deutschland dringend eine sofortige Lösung verlange.
Madrider Kapuzinerttoster in Brand gesteckt!
Madrid, 3. Juli.
Gestern tarn es hier zu schweren Ausschreitungen. Nach Schluß einer von Mitgliedern des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes einberufenen Versammlung begab sich ein Demonstrationszug zum Kapuzinerkloster und steckte es in Brand. Das Feuer griff auf die neben dem Kloster liegende Kapelle über, die gleichfalls zerstört wurde. Die Poliz'ei ging gegen bie Demonstranten vor, wobei sechs Personen verletzt wurden, darunter eine Person sehr schwer.
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Achtstundentag in Spanien. Die spanische Regierung hat eine Verordnung unterzeichnet, durch welche für Spanien der Achtstundenarbeitstag in genauer Anlehnung an das Washingtoner Abkommen eingeführt wird.
Wochenende und Diplomatie
Mae im diplomatische« Lebe« erfabre«« PerfS«- lichkeit stellt uns de« folgeeben Aufsatz ,«r Beifügung, der im Hinblick auf bie fommenbcn diplomatischen Berbaablunge« besonderes Interesse beanspruchen bars.
Als vor Jahren die deutsche Delegation zur Londoner Konferenz fuhr, gehörten ihr nicht mehr und nicht weniger als 79 Personen an. Neben den bevollmächtigten Delegierten kamen vier zuständige Staatssekretäre, sieben Ministerialdirektoren, neun Ministerialräte, neun sonstige Referenten, vier Dolmetscher, vier Expedienten, drei Beamte für den Chiffredienst, drei für den Fernsprechdienst, zwölf Stenotypistinnen und fünf Amtsgehilfen mit
Wenn demnächst die englische Delegation nach Deutschland kommt, um den deutschen Ministerbesuch in Chequers zu erwidern, dann geschieht nichts weiter, als daß dem fahrplanmäßigen Zug vier oder fünf Herren int grauen Anzug entsteigen und der Beamte auf dem Bahnhof Friedrichstraße zum Publikum sagt: „Ach, wollen Sie nicht einen Augenblick Platz machen für den Herrn englifchen Ministerpräsidenten."
So hatten es Maedonald und Dr. Brüning einge- fuyrt. Und so foll es in dieser Zeit, in der das erste Gebot Sparsamkeit heißt, bleiben!
In diplomatischen Kreisen weiß man, daß das Weekend der deutschen Minister in dem romantischen Schlößchen Chequers einen völlig neuen Umgangs» ton, einen neuen Stil im diplomatischen Verkehr der Völker geschaffen hat. Bildlich gesprochen: die Cut-Hose wird mit den Knickerbockers vertauscht — auch wenn man sich in der Wirklichkeit Dr. Brüning und den Reichsautzenminister Curtius höchstens im hellen Sommeranzug vorstellen kann. Maedonald hingegen hat einmal allen Ernstes erklärt, datz er die richtige Frische und Herzlichkeit gegenüber einem Besucher nur in frischer Luft und in Knickerbockers haben könne. Und er hat sich beklagt, datz man bei internationalen diplomatischen Verhandlungen nicht weiter käme, Weil einem die schwarzen Röcke und steifen Gesichter alle Phantasie, allen Schwung nähmen.
Hubertusstock, das deutsche Chequers, ist kaum ein Schlößchen zu nennen. Der Besucher hat den
Eindruck eines einfachen Jagdhauses, wunderschön im Grünen und in der Einsamkeit gelegen. Hier werden Brüning und Maedonald die Wochenendbewegung der Diplomatie fortsetzen.
Wer wollte leugnen, daß ein solch elementarer Stilwechsel einen tieferen Sinn hat, der über den Rahmen einer reinen Geschmacksfrage weit hinausgeht? Ich sprach in diesen Wochen mit einer ganzen Anzahl Kollegen aus der Diplomatie. Manche zöge« saure Gesichter. „Jetzt fangen auch die Völker an, Befuche im Straßenanzug zu machen." Oder: „Solange es Grenzen gibt, ist der große und, wie auch zugegeben werden mutz, umständliche Apparat der Diplomatie die einzige Brücke zwischen den Völkern." Andere, jüngere aber fagen: „Endlich, endlich ziehen die Staatsmänner einmal den festverschlossenen Ueberrod aus, wenn sie sich miteinander unterhalten. Die Völker verstehen es schon lange nicht mehr, Weshalb es immer grotzer Zeremonien bedarf, um sich miteinander über gemeinsame Interessen zu verständigen." Und im Auswärtigen Amt ist man sogar soweit zuzugeben, datz eine Unterhaltung zu tasten auf Liegestühlen, beim Sonntagnachmittagskafsee sachlich hundertmal wertvoller und inhaltsreicher sein kann, als eine große Konferenz mit riesengroßen Kosten und endlosen Reden. „Wir sind mit Konferenzen übersättigt und stehen uns doch ferner als je. Wir haben lange, lange den Fehler begangen, zu glauben, daß man sich unter ungeheurem Repräsentationsauswand, mit einem Schwall formeller und dabei unverbindlicher Reden auf ein gemeinsames europäisches Interesse einigen könne. Die Zeit bitterer Not hat uns jetzt eines besseren belehrt. Nur beireinmenschlichen Zusammenkünften kann die notwendige Vertrauensatmosphäre geschaffen werden, denn Europa kann heute nicht vom politischen, sondern nur vom menschlichen Standpunkt aus gerettet werden." — Das hat Herbert Hoover kürzlich in Washington einem hohe« Diplomaten erklärt.
Ist es nur die Not der Zeit, aus der die „Wochenendbewegung der Diplomatie" erwachsen ist? Aus dem Gesichtsfeld des Diplomaten heraus möchte ich