148 / Einundzwanzigster Jahrgang
Kasseler Neueste Nachrichten
Sonnabend/Sonntag, 27./2S. Juni 1931 / 4. Beilage
Oer Freiherr vom Stein
Zum Hunderisten Todestage des deutschen Staatsmannes nnd Patrioten am 29. Juni 1931
Steins Persönlichkeit
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die Wirtlichkeit des politischen Lebens umzusetzen, nicht als einen abstrakten philosophischen Grundsatz, sondern als etwas, was im Volksleben draußen, in der Gliederung der Stände, im Leben der Bauern, der Handwerker, Händler und Intellektuellen bereits Wirklichkeit war.
Die Kraft des Gottesglaubens beschwingte den Freiherrn vom Stein allezeit. Er war im tiefsten Sinne des Wortes ein gläubiger Christ. Er Pflegte nicht viel Worte davon zu machen. Die sittlichen Grundgeda’nken des Christentums leiteten ihn jedoch durch fein Leben. Und seine im tiefsten rejchs- r i t 1.erliche Gesinnung war der andere Quell, aus dem sein politisches Denken und Wollen floß. Er war Konservativer und Liberaler, Aristo- (lat und Demokrat zugleich, nur seine geistige Selbständigkeit, seinen nationalen Willen und seine reirve moralische Gesinnung hat er stets und nachdrücklich vor jedermann, mochte der andere auch den Omziersrock tragen oder gar auf dem Fürstenseffel sitzen, vertreten.
. , Daß Stein mit dieser durch niemand zu wandelnden Gesinnung und mit diesen großen Zukunftszielen damals auf verlorenem Posten stand, ist selbstverständlich. Als die Befreiungskriege vorüber waren, schied der fast Sechzigjährige endgültig •JPf ber Politik aus. Er blieb zu Hause auf seinen ischloffern in Nassau und Koppenberg. Allein an der Selbstverwaltuna der westfälischen Provinzial- stande beteiligte er sich, als deren, lebendigstes Mitglied und als ein trefflicher Beweger, Erreger, Beleber und Treiber des öffentlichen Geistes." In seiner privaten Tätigkeit aber wandte er sich hauptsächlich wissenschaftlichen Arbeiten zu. Der größte politische Führer Deutschlands in dieser Zeit ersah für sich keine bessere Tätigkeit, als die Sammlung und Herausgabe von Urkunden und Schriftdenkmälern der deutschen Geschichte des Mittelalters. Mit dieser Tätigkeit verbrachte er in der Hauptsache das letzte Jahrzehnt seines Lebens.
Wenn überhaupt, so toarf man hier von einer wirklichen Tragödie Steins sprechen, auch wenn sie stern selbst nicht so empfand. Denn eine Tragödie war es, daß das deutsche Volk aus der Bahn seines ersten großen Einheitsstrebens herausgeworfen wurde. Alles was danach kam, hat die- |
Die Persönlichkeit des Reichsfreiherrn vom Stein ist im kaiserlichen Deutschland durch die Gestalt eines «anderen großen Deutschen verdeckt worden, durch Bismarck. Wenn man an die reinste Verkörperung des deutschen Nationalgedankens dachte, blickte man zu dem eisernen Kanzler nach Friedrichsruh. Daß ein halbes Jahrhundert zuvor ein Westfalenschädel die Gedanken Bismarcks vorgedacht und zum Teil größer gedacht hatte, vergaß man. Das preußische Deutschland schob sich vor das deutsche Preußen und die Idee eines deutschen National-Volksstaates. Man sah das Reich Bismarcks durch Blut und Eisen festgefügt und man ahnte nicht, daß es nach vier Jahrzehnten zerbrechen und mahnend noch einmal der Staatsgedanke Steins als ein unverwirklichtes Ideal über dem Chaos ausleuchten würde. Erst heute erkennt man, wer Stein war und was er eigentlich feinem Volke sagen wollte. Und hinter der Klausel semes Testaments, die man lange Zeit für fein einziges Vermächtnis hielt, der Städteordnung, erscheinen die Umrisse seiner kraftvollen und starken Persönlichkeit, des größten Deutschen, wie man mit Recht gesagt hat, der neben Goethe im 19. Jahrhundert lebte.
Den Menschen Stein hat am schönsten Ernst ,M o r l tz A r n d t in seinen „Wanderungen und Wandelungen mit dem Freiherrn vom Stein" beschrieben. Sein leider vergessenes Buch ist auch heute noch ein rechtes Volksbuch. In der größten Zeit seines Lebens spricht daraus Stein zu uns. als er als ein von Napoleon Verfemter am russischen Karserhof in Petersburg lebte und gleichsam .als der kommende Diktator Deutschlands den europäischen Befreiungskampf gegen Napoleon organisierte. Die Größe und Wiahrheitskrast seines Wesens setzte sich auch in der recht astatischen Ruffenumgebung in kurzer Zeit durch. Der 55jährige Mann von gedrungenem mittleren Wuchs und schon ergrauendem Haar wurde zum maßgeblichen Berater des russischen Kaisers. Er eroberte sich eine Verantwortung, wie sie nach ihm niemals mehr ein Deutscher in Rußland besessen hat. Großartig, ihn zu beobachten! „Stein war in jedem Augenblick ganz und voll, was er war, er hatte in jedem Augenblick Gerät und Waffen immer fertig. In ernsten Stunden war er von mächtiger, ungestümer Gewalt, aber doch immer beherrscht und Zielsicher. Selbst in heftiger Aufregung in zornigem Mute purzelten und stürzten seine Worte niemals unordentlich durcheinander. Gradaus! und Grad- durch! war sein Wahlspruch Wenn dieser Mann als Minister ein Parlament vor sich gehabt hätte, würde er für einem alles niederdonnernden, zerschmetternden Redner gegolten haben mit seinem unbezwinglichen Mute und seiner Tugend und Kraft. In Hellen, frischen Stunden aber blitzte nicht bloß Verstand, sondern auch Witz aus seinem Munde. Wer mit Stein verhandeln wollte, mußte soldatisch auf ihn losgehen. Die zu schüchtern oder zu fein auftraten, hielt er für Tröpfe und Schleicher. Wo aber Großes auf dem Spiel stand, fiel alles Kleine, und alle kleinen alltäglichen Rücksichten bei ihm zusammen und nur ein großer Grundgedanke herrschte".
Mit diesem persönlichen Ungestüm verfocht Stein alle seins-Ziele. Leitschnur seines Handelns war natürlich sein tiefer nationaler Haß gegen Napoleon; keine leere Phrase, sondern inneres Schicksal' Aber Stein wußte, daß mit Fürstenmacht allein dem Kor- fön nicht zu begegnen war. Die Sicherung Deutschlands konnte nur durch einen Staat, der von unten 'nach oben aufgebaut war, erzielt werden. Der Strom der Intelligenz und der prccktischen Erfahrung, der rn allen Volksschichten vorhanden war, mußte in die Verwaltung hineingeleitet und miwerantwortlich werden. Ten Freiheits- und Selbstbestimmungsge- danken der geistigen Führer Deutschlands galt es in
fen geheimen inneren Bruch niemals ganz verwinden können. W—m.
Oie Geburt
des Staatsbürgers
Bon Professor Dr. Drews.
Die Ideen der englischen und französischen Revolution von dem natürlichen Rechte der Bevölkerung ihr Geschick im ganzen wie im einzelnen entscheidend mit zu bestimmen, hatten an der Wende ' des 18. Jahrhunderts auch in Deutschland Wurzel geschlagen. Gegen den alten absoluten Staat hatten sich im ganz überwiegenden Teil des Volkes zum mindesten eine große Apathie und Gleichgültigkeit verbreitet. Wenn man über den Gang der Dinge im ganzen wie im einzelnen doch nicht entscheidend mitzusprechen hatte, wenn in den engeren und weiteren öffentlichen Verbänden der Staat sich überall entscheidend hineinmischte, alles dauernd bevormundete ^md am Gängelbaiide führte, — nun. so mochte der Staat allein sehen, wie er sich mit den Dingen abfinde; mochten sich die staatlichen Behörden allein den Kopf darüber zerbrechen, was jeweils zu tun oder zu lassen war. Die Staatsgewalt war dem Volke etwas von ihm selbst ganz Getrenntes, dem Untertan als äußere, ihm wesensfremde Macht Gegenüberstehendes geworden. Der Untertan, der ausschließlich Objekt war, fühlte sich für das Subjekt des Staates nicht verantwortlich.
Es fehlte in der großen Masse des Volkes an eigentlichem Staatsbewußtsein, das den Einzelnen und die öffentlichen Verbände sich als integrierende Bestand!eile, als organische Zellen und Zeükomplexe des einheitlichen Staatskörpers fühlen, das ihn in der Ueberzeugung leben ließ: „Du gehörst mit dem Staat und der Staat gehört mit Dir aus Gedeih und Verderb zusammen". Die einzelnen Kreisen noch zustehenden Privilegien verstärkten das Gefühl, daß der Staat ein fremder, wenn nicht gar feindlicher Dritter sei.
Run war der altpreußische Staar zusammengebrochen, die Bevölkerung hatte, wie die trüben Erfahrungen nach Jena und Auerstädt bewiesen hatten, unter der alten Staatsform in entscheidender Stunde versagt. Der neue Staat mußte darum auf ganz
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anderen Grundlagen aufgebaut werden, wenn anders er überhaupt wieder lebensfähig werden sollte. Der neue Staat durfte dem Einzelnen nicht mehr als fremde Macht gegenüberstehen; an die Stelle des Untertanen, der bloß Objekr war, mußte der Itaalsbürger, der auch als mithandelndes Subjekt fungierte, treten; der einzelne mußte am Staat selbst teilhaben; er durfte nicht bloß vom staatlichen bürokratischen Behördenapparat ständig gegängelt werden, sondern er mußte verantwortlich und entscheidend an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten mitwirken, seine Kenntnisse und Erfahrungen, seinen Willen und sein Herz mitschaffend in den Dienst der staatlichen Gemeinschaft stellen. Man muß darüber Steins eigene Worte hören:
„Das zudringliche Eingreifen der Staatsbehörden in Privat- und Gemeindeangelegenheiten muß aufhören, und dessen Stelle nimmt die Tätigkeit des Bürgers ein, der nicht in Formen und Papier lebt, sondern kräftig handelt, weil ihn seine Verhältnisse in das wirkliche Leben hinrufen und zur Teilnahme an dem Gewirre der menschlichen Angelegenheiten nötigen. Man.mutz bemüht sein, die^ ganze Masse der in der Nation vorhandenen Kräfte auf die Besorgung ihrer Angelegenheiten zu lenken, denn sie ist mit ihrer Lage und ihren Bedürfnissen am besten bekannt, und auf diese Art nimmt die Verwaltung eine dieser Lage gemäße Richtung und kommt in Uebereinsttm- mung mit dem Zustand der Kultur der Nation . .. Hat eine. Nation sich über den Zustand der Sinnlichkeit erhoben, hat sie sich eine bedeutende Masse von Kenntnissen erworben, genießt sie einen mäßigen Grad von Denkfreiheit, so richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre eigenen National- und Kommunal- angelegenheiten. Räumt man ihr eine Teilnahnie daran ein, so zeigen sich die wohltätigsten Aeußerun- gen der Vaterlandsliebe und des Gemeingeistes, verweigert man ihr alles Mitwirken, so entsteht Mißmut und Unwille, der entweder auf mannigfaltige schädliche Art ausbricht oder durch gewaltsame Maßregeln unterdrückt werden muß . . .
Steins ruhig und klar denkende Sinnesart wollte diesen neuen Staat, der Ausdruck einer der bisherigen völlig entgegengesetzten Staatsauffassung war, systematisch von unten aus aufbauen, um ihm die denkbar breiteste und solideste Grundlage zu geben. Die Zusammenfassung der einzelnen und ihre Heranziehung zur tätigen Mitarbeit in öffentlichen Angelegenheiten sollte von unten nach oben, zunächst in den engsten, örtlichen Verbänden, die von jeher bestanden hatten, erfolgen; auf dieser Basis sollten in den Höheren Schichten weitere kommunale Verbände für ausgedehntere Bezirke gebildet werden, und der Aufbau sollte gekrönt werden durch den organischen Zusammenschluß des ganzen Volkes zu einer Nationalrepräsentation für das gesamte Staatsgebiet. Die Urzellen öffentlichen Lebens waren von jeher die örtlichen Gemeindeverbände, die Städte und die Dorfgemeinden. Zu ihrer Umgestaltung im neuen Geiste setzte daher Steins Reform zunächst ein. (Der vorstehende Aufsatz ist mit Erlaubnis des Verlages Carl Hepmann, Berlin, dem soeben erschienenen Buche „Freiherr vorn (stein* von Drews entnommen.)
Steins politischer Glaube
Staat und Volkscharakter.
Aus den Tagebüchern in Brünn (1809/10): „Die Auflösung Deutschlands in viele tteine ohnmächtige Staaten hat dem Charakter der Nation das Gefühl von Würde und Selbständigkeit genommen, das bei großen Nattonen Macht und Unabhängigkeit erzeugt, und hierdurch das Eindringen fremder Sitten erleichtert; es Hai ihre Tätigkeit abgeleitet von den größeren Nationalintoreffen auf kleinere örtliche und staatsrechtliche Verhältnisse, es hat Titelsucht und das elende Treiben der Eitelkeit, Absicht« lichkeit, Ränke, durch die Vervielfältiigung der kleinen Höfe vermehrt ... Es liegt in der Natur eines Bundes kleiner Staaten, daß seine Mitglieder eine herrschende Neigung zur Unabhängigkeit. Selbständigkeit und Vergrößerung haben".
Staatsbürger und Staat.
Stein in seinem „Polittschen Testament": „Wo Repräsentation des Volkes unter uns bisher stattfand, war sie höchst unvollkommen eingerichtet; mein Plan war daher, jeder aktive Staatsbürger, er besitze hundert Hufen oder eine, er treibe Landwirtschaft oder Fabrikation oder Handel, er habe ein bürgerliches^ Gewerbe oder sei durch geistige Bande an den Staat geknüpft, habe ein Recht zur Repräsentation . . Von der Ausführung oder Beseitigung eines solchen Planes hängt Wohl und Wehe unseres Staates ab, denn nur auf diesem Wege allein kann der Nationalgeift positiv erweckt und belebt werden . . ."
Deutschland.
Steins Glaubensbekenntnis: „Ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland; und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teil desselben angehöre, so bin ich auch nur ihm, nicht einem Teil desselben von ganzem Herzen ergeben."
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