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Nummer 147* Sreifaa, 26. 3tmi 1931 21. Jahrgang

Das Programm für Giimsons Europareise

Keine Zusammenkunft mit -en englischen Ministern in Berlin / Mellon in Paris / Deutsch-französische Aussprache Anfang Juli?

Im Hintergrund die Abrüstungsfrage

(Eigener'Drahtbericht.)

den sein wird, die es der deutschen Regierung nicht unmöglich macht, mit den Franzosen nachträglich jn die erwähnten Sonderverhandlungen emzutreten.

Ltnmögliche Bedingungen

zunächst einmal festgelegt werden müßten. Die deutsch, französische Wirtschaft müsse wieder in geordnete Bahnen gebracht werden. Deutschland müsse z. B. auf die Zollunion verzichten und die Pläne für Gr e n z r e v i s i o n e n aufgeben.

Washington, 26. Juni.

Staatssekretär Stimson, der am Sonnabend auf derConte Grande- nach Europa absahren wird, erklärte Pressevertretern, die ihn um Einzelheiten über seine bevorstehende Enropareise befragte», di« Verhandlungen über den Hooverpla« seien an einem Punkte angelangt, wo sie sich so gut entwickeln, wie man nur erwarteu könnte. Na­türlich gebe es stets Detail-Fragen, deren Erledigung Zeit brauche, aber man habe gute Fortschritte gemacht, und da verschiedene wichtige Berabredunge« für ihn in europäischen Hauptstädten getroffen worden seien, so habe Präsident Hoover ihm geraten, am ursprüng­lichen Reiseplan festzuhalten.

Die Verabredungen beträfen Konferenzen mit ver­schiedenen europäische» Außenministern und ein Diner Leim Präsidenten der französischen Republik. Er werde vom 9. bis 15. Juli in Italien sein, also nicht zum französische» Nationalfeiertag in Frankreich eintressen, und e« plane keine Zusammen­kunft von Macdonald und Henderson in Berlin, wo er erst em 21. Juli ankommen werde.

London, 26. Juni.Times" berichtet aus Washing­ton, Stimsons Beschluß, schon am Sonnabend nach Europa abzureisen, ist auf die Ueberzeugung zurückzu­führen, daß jetzt die Zeit gekommen ist, wo er mit Nutzen persönlich an den inoffiziellen Besprechungen und Verhandlungen teil neh­men kann, die in Europa im Gange sind.

Stimson wird weiterhin sehr an den Aussichten der Abrüstungskonferenz interessiert sein, aber am meisten werden ihn die Besprechungen über die Einzelheiten des Hooverplanes beschäftigen. Ame­rika soll, derTimes" zufolge, bereit sein, dem fran­zösischen Wunsch nach einer Aenderung des Vorschla­ges, die die Integrität des Ponngplanes aufrecht er­hält, weit entgegenzukommen. Wenn ein Plan aus­gearbeitet werden könne, der die französische Oeffent- lichkeit davon überzeuge, daß der Poungplan nicht für dauernd aufgehoben werde, und der zugleich die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten da­von überzeuge, daß die amerikanischen Opfer eine wirkliche Hilfe für Deutschland bedeuten, so würde die amerikanische Regierung einen solchen Plan fast sicher aunehmen.

Mellons erster Tag in Paris

Paris, 26. Juni.

Staatssekretär Mellon, der gestern hier eingc- troffen ist, stattete noch in den Abendstunden des Donnerstag Finanzminister Flandi« einen Be­such ab, der etwa zwei Stunden dauerte. Dabei wurden, wie die Blätter melden, sämtliche Fragen erörtert, die den Hoover-Plan betreffen, Finanzmini­ster Flandin hat dabei dem Sckmtzsekretär die wirt­

schaftlichen und finanziellen Gründe auseinander­gesetzt, die neben den politischen die französische Re­gierung zu ihrer Stellungnahme veranlaßt hätten. Mellon soll diesen Ausführungen viel Verständnis entgegengebracht haben, so daß man hofft, der Kom­promiß werde nicht allzu große Schwierigkeiten bereiten.

Optimismus in Washington

Nvuyork, 26. Juni.

Die Regierung von Washington ist sichtlich bemüht, alles zu vermeiden, was eine Ver­wirklichung des Hoover-Planes zweifelhaft erscheinen lassen könnte. Sie verzichtet daher auf eine schriftliche Beantwortung des französischen Gegen­vorschlages, der übrigens nach wie vor streng geheim gehalten wird. Was Wer die Besprechungen Stim­sons mit Claudel durchsickert, klingt zwar recht opti­mistisch, doch macht man sich schon auf eine lange Dauer der Verhandlungen gefaßt.

Die französische Forderung, daß die Reichsre­gierung den ungeschützten Teil der nächsten Jach- reszahlung als Sicherheit für eine entsprechende Anleihe der BIZ. hinterlegt, wird von der ameri­kanischen Regierung, wenigstens in der von Frank­reich vorgelegten Fassung, abgelehnl. Wie der Kompromiß ausfallen wird, ist völlig ungewiß, doch erwartet man in Washington, daß die Pariser Regierung letzten Endes nachgeben und sich von Mellon und Stimson Überzeugen laffen wird, daß der Hooversche Vorschlag keineswegs eine Bedro­hung des Aoungplans bedeute.

Gleicher Auffassung sind die Finanzkreise, die in der 25 Millionen-Dollar-Beteiligung der Federal Re­serve Bank an dem internationalen Kredit für die Reichsbank ihre Bestätigung für ihren Optimismus sehen.

Interpellationen am laufenden Ban-

Paris, 26. Juni.

Die Kammer beginnt am heutigen Freitag die Verhandlungen über den Hoover-Plan und die Antwort der französischen Regierung. Angesichts der zahlreich vorliegenden Interpellationen rechnet man mit einer außergewöhnlichen ausgedehnten Aussprache, die kaum vor Mitternacht beendet sein dürfte.

Zu Beginn der Nachmiltagssitzung wird der Mi­nisterpräsident die französische Antwort an Amerika verlesen, worauf er den verschiede­nen Interpellationen das Wort erteilen wird. Nach der Aussprache wird sodann Finanzminister Flan­din das Wort ergreifen, um die Gründe darzulegen, die die Regierung zu ihrer Haltung veranlaßt haben. Es besteht kein Zweifel darüber, daß die Entschlie­ßung der französischen Regierung mit großer Mehr­heit angenommen wird.

Berlin wartet ab...

Das -französische Ehequers" vom 4. bis 6. Juli?

th. Berlin, 26. Juni.

Das Problem der deutsch-französischen Auseinandersetzung über die von den Fran­zosen gewünschte Aenderung des Hoover-Planes und die im Zusammenhänge damit stehende Frage der Reise des Reichskanzlers und des Außenministers nach Paris beginnt sich allmählich zu klären. Der amerikanische Staatssekretär Mellon, der gestern in Paris eingetroffen ist, dürfte, wie man in Berlin annimmt, seinen Einfluß in Paris in dem Sinne tend machen, daß eine Beschleunigung der Ent­scheidung des französischen Ministerrates und zugleich eine Einschränkung der französischen Aenderungs- wünsche erzielt werden. Man rechnet deshalb damit, daß noch vor dem Beginn der heutigen Kammer­debatte in Paris die französische Antwort eine Korrektur erfahren wird und in er­neuerter Form nach Washingtoun geht. Man glaubt, daß diese neue Fassung eine generelle Zustim­mung der Franzosen zum Hoover-Plan in den Vor­dergrund stellen, und daß damit lediglich ein Vor­behalt verknüpft wird, daß die Franzosen nach dem Inkrafttreten des eigentlichen Hoover-Planes noch eine Sonderregelung über die ungeschützte Annuität mit Deutschland vereinbaren wollen. Man wartet in Berlin selbstverständlich ab, ob ein« derartige Ein­

stellung der Franzosen die Zustimmung Hoovers fin­den wird. Jedenfalls

hat man in Berlin keinerlei Beranlaffung, vor dem Inkrafttreten des Reparationsfeierjahres irgend­welche Sonderverhandlungen mit den Franzosen zu führen.

Vor allem respektiert man es hier auch ganz ent­schieden, daß die Initiative vorläufig noch durchaus aus Seiten des amerikanischen Präsidenten liegt Demgemäß kommt auch ein Besuch des Kanzlers und des Außenministers vor dem 1. Juli, also vor dem Beginn des Inkrafttretens des Hoover-Planes nicht in Betracht. Den deutschen Jntereflen entspricht es. in erster Linie zunächst die formale Sicherung des Hoover-Planes abzuwarten und erst dann, falls die Franzosen nur unter einem derartigen Vorbe­halt ihre Zustimmung erklären, nach dem Inkraft­treten dieses Plaues die von den Franzosen ver­anlaßten speziellen Verhandlungen zu führen. Des­halb

wird für den Besuch des deutschen Reichskanzlers und des Außenministers in Paris als frühester Termin das Wochenende vom 4. und 6. Juli in Betracht kommen.

Man ist in Berlin davon überzeugt, daß bis dahin der Plan Hoovers in aller Form in Krast getreten fein wird, und daß außerdem vorher zwischen Paris und Washington eine Verstand igungsformel gejun-

Paris, 26. Juni.

Das Hauptaugenmerk der Pariser Presse ist heute aus die geplante deutsch-französische Zu­sammenkunft gerichtet. So sehr die BWtter diese Zusammenkunft, die man für Ende nächster Wcche vermutet, begrüßen, so warnen sie doch vor über-. triebenem Optimismus und vor allem davor, dem spontanen deutschen Angebot rückhaltloses Vertrauen zu schenken.

Pertinax erklärt imEcho de Paris", es stehe zu befürchten, daß die liebenswürdige Haltung, die man drei Monate nach dem Anschlußversuch und in der gegenwärtigen Offensive gegen den Noungplcm gegen­über Berlin an den Dag lege, deutscherseits a l s eine Schwäche ausgelegt würde und zu neuen For­derungen führe.

Der außenpolitische Berichterstatter desJournal" betont, daß man die deutsche Haltung ^ehr wohl ver­stehe. In Berlin dürfe man sich jedoch nicht einbilden, daß Frankreich tatenlos feine finanzielle Macht in ein Abenteuer stürze. Die französische Haltung gegenüber der Sstereichischen Krise sei hier­für der beste Beweis. Jeder Versuch der Zusammen­arbeit sei gewissen Bedingungen untergeordnet, die

prompt un- restlos

will Italien den Hoover-Plan durchführen.

Washington, 26. Juni.

Das Staatsdepartement veröffentlicht eine vom italienischen Botschafter überreichte zweite Rote, in der erklärt wird, Italien beabsichtige, den Mora­toriumsvorschlag Hoovers am 1. Juli prompt und restlos auszuführen.

*

Neuyork. 26. Juni. Wie dieTimes" aus Washington meldet, erwägt Hoover auch eine Hilfs­aktion für Südamerika, die selbstverständlich andere Formen annehmen müßte, als die Aktion für Europa, da es sich dort um vorwiegend wirtschaft­liche Probleme und private Schulden, also nicht von Regierung zu Regierung, handele. Es sei eine Wirt- schaftskonferenz für Südamerika in Aussicht ge­nommen.

*

Kapstadt, 26. Juni. General Sntuts, der Füh­rer der Opposition int südafrikanischen Parlament, er­klärte in einer Rede, der Hooverplan sei eins der größten Dinge, die in den letzten Jahren geschehet' sind. Smuts drückte die Hossnung aus, daß die ame­rikanische Freundschaftshand rasch ergriffen wird.

Pianist un- poliiiker

pa-erewfti will wieder polnischer Staatspräsident werden

Aus Warschau kommt die anfiebeeetresettbe Mel­dung, datz Jgna, Paderewskl in de» nächsten Tagen »ach Pole» znrückledren wird, am dort mit dem Marschall Piliudski eingehende Besprechungen za pslrge« darüber, ob der grotz« Mniiker wieder ein­mal polnischer Staatspräsident werden soll.

Irgendwie kann man das Leben bes Pianisten und Politikers Ignaz Paderewfli mit dem Leben Paganinis öder dÄlberts vergleichen: hier wie dort ein ewiges Umhergetriebensein, ein Wandernmüssen von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, ein Beses­sensein von der '. .usik, der über alles geliebten Kunst (wenn auch d'Albert sowohl wie auch natürlich Pa- ganini künstlerisch weit über dem kleinen, lebhaften Polen stehen), eine ewige Unruhe, ein immer wa­cher Ehrgeiz.

Und doch zwischen den drei Männern ein grund­legender Unterschied: während d'Albert und der Gei­ger Paganini sich darauf beschränkten, nur Künstler, nur Musiker zu sein, wollte Paderewfli weit mehr! Ihm genügte es nicht,König des Konzertpodiums" zu bleiben, seine Träume gingen weiter, bis zu dem alten Starostenschloß in Warschau, in dem er einmal residieren wollte als Wahlkönig eines wiederer­standenen Polen oder mindestens doch als sein Prä­sident . . .

Paderewfiis Traum von Macht und Herrschaft über Land und Menschen, von einer führenden Rolle in der Weltpolitik ist tatsächlich in Erfüllung gegangen; nicht durch seine Tüchtigkeit al­lerdings, sondern ihn trug gewissermaßen die .Kon­junktur" zum Gipfel seiner Wünsche hinauf. Ihm blieb es auch hier ein besonderer Günstling des Glücks überlassen, diese Konjunktur nur auszu­nutzen und sich tragen zu lassen. Wäre der Welt­krieg nicht gekommen und der Zusammenbruch der Mittelmächte Ignaz Paderewfli wäre fein Leben lang geblieben, was er war: ein hervorragender Pia­nist, ein ewig unruhiger Bohemien, ein mäßiger Opernkomponist und ein guter Leiter der Mustk-Aka- demie in Warschau.

*

An der Wiege wurde es dem kleinen, schwächli­chen Sohn eines großpolnischen Großgrundbesitzers jedenfalls nicht gesungen, datz er einmal der Freund des amerikanischen Präsidenten Wilson werden wür­de, dessen 14 herühmte oder berüchtigte Punkte einer ganzen Welt ein vollkommen neues Bild geben sollten. Am 18. November 1860 in Kurylowka in Po- dolien geboren, gipfelte fein Ehrgeiz zunächst nur darin, ein berühmter Musiker zu werden: Den Hatz gegen Rußland und das Zarentum, de» er in seinem .siegititmstischeu" Baterhause gewissermaßen schon mit der Muttermilch in sich aufnahm, hatte er Wohl längst vergessen, als er mit 27 Jahren anfing, Konzertrei­sen zu unternehmen. Beweis hierfür scheint mir am ehesten trie Tatsache zu sein, datz er trotz der seht scharfen anri russischen Politik seines Vaters 1908

noch die Stellung des von Moskau aus bezahlten Direktors des Warschauer Konservatoriums annahm!

Gegen Ende des Jahres 1913 ging Paderewfli in die USA. über, die dem berühmten Klavierspieler begeistert zu-jubelten. Aber lange hielt es ihn nicht am Flügel: Der Weltkrieg brach aus, und im gleichen Augenblick flammte in dem unruhigen Musikerher- zen der Hatz wieder auf gegen Rußland, aber auch der Hatz gegen Deutschland. Und gleichzeitig entdeckte der Musiker, datz er doch eigentlich und letz­ten Endes--Politiker sei!

Zusammen mit dem alten .Legitimisten" und Na­tionaldemokraten Dmowski entfaltete Paradewfli eine sehr eifrige, für Deutschland und seine Verbün­deten sehr unangenehme Tätigkeit in den Vereinigten Staaten: er hetzte zum Krieg! ! Wo er spielte, trat er nach Schluß des Konzerts an die Rampe des Po­diums, hob in den knatternden Beifall hinein die schlanke, Weiße Hand mit den liebevoll gepflegten und manieürten Frauenfingern und hielt eine An­sprache für die Befreiung des unterdrückten Polen, für die Wiederaufrichtung des polnischen Königrei­ches, gegen Deutschland und Oesterreich, gegen die amerikanischen Fricdensvorschläge, aber für den Ein­tritt der USA in die Front der kämpfenden Alli­ierten!

Paderewfli hat Glück gehabt, immer und überall: als Künstler, bei oen Frauen, in der Politfl--

Durch Zufall hörte den politisierenden Pianisten einmal Woodrow Wilson, auf den Pade- rewflis Schlußanfprache einen solchen Eindruch machte, daß er sich den Künstler vorstellen ließ. Uno in Wilson fand Paderewfli -den großen Bundes­genossen und Freund, den er brauchte!

Dmowski und Paderewfli organisierten lange vor der amerikanifchen Kriegserklärung schon die polnische Hilfe" in Amerika, die die auf Seiten Frankreichs und Englands fechtenden polnischen Legionen unter Haller mit Geld und Lebensmit­teln ausrüstete. Dmowfli und Parewski propagierten (wohÄvollend von Wilson toleriert) den Eintritt Amerikas in den Krieg gegen Deutschland! Und wei­ter propagierten ste die Zerreißung des Deutschen Reiches, das nach Paderewfliawffletetit werden ntiTß zwischen Frankreich, der Tschechoslowakei und Polen!"

Vier Jahre hat der unstete Musiker mit gerabeju fanatischem Eifer gegen Deutschland, Rußland und Oesterreich gekämpft. Dann kam das Ende, der Zu- sammenbruch der Mittelmächte. In Begleitung eines amerikanischen Offiziers reisten Dmoski und Paderewski nach Europa, der eine nach Pa­ris, um auf der Friedenskonferenz die unerhörten Forderungen Polens Verlegung der Westgrenze bis Frankfurt a. d. Oder, Breslau und Gleiwitz, Einbeziehung West- und Ofchreutzens in den polni­schen Staatsverband, restlose politische und verwal­tungstechnische Polonisierung Danzigs anzumch