Nummer 144*
Diensiaa, 23. 3uni 1931
21. Lahrgang
Kasseler Abendzeitung
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Kasseler Neueste Nachrichten
Frankreich gefährdet den Hoover-Plan
Paris fordert Weiterzahlung -er ungeschützten Zahlungen / Ablehnende Haltung Washingtons und Londons / Prittwitz in Berlin
Reklame für den Aoungplan
Eigener Drahtbericht.
Zuversichtliche Stimmung in Berlin
(33on unserer Berliner Schriftlettung.)
Paris, 23. Juni.
Finanzminister Flandin hat im Laufe des Montags in Gemeinschaft mit den Sachverständigen seines Ministeriums die Vorschläge des Präfidenten Hoover geprüft und die französische Antwort ausgearbeitet. Am Nachmittag wurde Flandin zu weiteren Unterredungen vom Staatsprästdenten empfangen, worauf er sich zum Ministerpräsidenten Laval begab, wo eine bis 21.30 Uhr währende Besprechung stattsand. Vor dem Zusammentritt des Ministerrates am heutige« Dienstag wird eine eingehende Vorbesprechung mit Außenminister Bri- and erfolgen, der am Montag zu spät in Paris ein- traf, um an den bisherigen Verhandlungen teilzunehmen. Im Verlaufe des Ministerrates soll der Wortlaut der Antwort noch einmal geprüft und endgültig formuliert werden. Nach ihrer Fertigstellung wird die französische Antwort beschleunigt dem französischen Botschafter in Washington zur Weitergabe an Präsident Hoover zugeleitet werden, da letzterer um eine möglichst rasche Bekanntgabe des französischen Standpunktes gebeten hat.
Der «diplomatische Mitarbeiter der Agentur Ha- vas glaubt zu wissen, daß der französische Botschafter in Washington sich Staatssekretär Stimson gegenüber zu dem Vorschlag des Präsidenten Hoover dahin geäußert habe, daß Frankreich die edelmütigen Gefühle begrüße, die Hoovers Initiative hetzbeigeführt haben und daß Frankreich bereit wäre, dem Vorschlag des Präsidenten zuzustimmen, daß es aber den Wunsch habe, das Problem einer aufmerksamen Prüfung zu unterziehen, ehe es amtlich seine Antwort zur Kenntnis bringt. Mit internationalen finanziellen oder diplomatischen Verhandlungen vertraute Persönlichkeiten seien der Ansicht,
Amerika gik
Reupork, 23. Juni.
Wie Affoziated Preß aus Washington von maß- „ebenster autoritativer Stelle erfährt, bezieht sich der Vorschlag des Präsidenten Hoover eines einjährigen Zahlungsaufschubes der Kriegsschulden- und der Reparationszahlungen auch auf die ungeschützten deutschen Reparationszahlungen.
Frankreichs Zustimmung müsse von Garantien begleitet sein, daß das Moratorium Hoovers, das nur für ein Fahr Geltung habe, den Uoungplan nicht verletzen dürfe und die Unantastbarkeit der ungeschützten Annuitäten Deutschlands beachten müsse. Bestimmte Finanzkreise Frankreichs faßten deshalb ins Auge, daß Deutschland für 1931/32 500 Millionen Mark oder die ungeschützte Tranche in nationalen Devisen zahlt, die Frankreich für Darlehen an interessierte Nationen zur Verfügung stellt.
Das im französischen Budget auftretende Defizit könnte durch die Ausgabe kurzfristiger Schatzscheine zum Ausgleich gebracht werden. In keinem Falle werde inan zur Auferlegung neuer Steuern schreiten. Um diese verschiedenen Maßnahmen, die auf Frankreich viel schwerer als auf England und Italien lasten werden, zu rechtfertigen, müsse man betonen, daß Frankreich sowohl in politischer wie in sozialer Beziehung besonders an der Wohlfahrt Europas interessiert sei.
Das »Echo de Paris" schreibt, daß der Vorschlag des amerikanischen Präsidenten
in der französischen Kammer ein ungünstiges Echo gefunden habe. Die meisten Abgeordneten übten an dem amerikanischen Vorstoß erbitterte Kritik.
Sie wiesen darauf hin, daß im französiscyen Haushalt ein Loch von etwa drei Milliarden Franken entstehen müsse, wenn der Vorschlag angenommen werden sollte. Die Abgeordneten der Kammermehr- hcit rechneten auf die feste Haltung des Ministerpräsidenten Laval und des Finanzministers Flandin, die diese drohende Gefahr abwenden müßten.
Der ehemalige Präsident der Reparations-Kommission Dubois (Marin-Gruppe) hat dem Ministerpräsidenten Laval mitgeteilt, daß er eine Interpellation über den Vorschlag Hoovers einzubringen gedenke. Eine Behandlung der nun bereits vorliegenden drei Anfragen ist für Freitag vorgesehen. Man rechnet mit einer sehr lebhaften Aussprache.
f nicht nach!
Planes sei, und daß der Plan völlig bedeutungslos roörc, wen» man auf diesen Punkt verzichte. Die ganze Welt blicke daher aus Paris. „Daily Herald" fordert von Frankreich eine schnelle Zusage und hofst, daß die französische Regierung sich von ihren Gegnern nicht beeinflussen lassen werde.
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th. Berlin, 23. Juni.
Die Entscheidung über die Annahme des vom amerikanischen Präsidenten Hoover vorgeschlagenen Reparations-Feierjahres wird im wesentlichen von der Stellungnahme der französischen Regierung abhängen. Deshalb sieht man in Berliner politischen Kreisen der Stellungnahme des französischen Ministerrates mit besonderer Spannung entgegen. Diese Sitzung wird heute nachmittag in Paris stattfinden; man ist in Berlin davon überzeugt, daß sich in Paris beträchtliche Widerstände geltend machen werden (eine Ansicht, die durch die oben wiedergegebenen Meldungen bestätigt wird! D. Red.), daß aber
schließlich doch die Zustimmung der Franzosen erteilt
werden wird, weil die französische Regierung sich schwerlich gegenüber allen anderen Großmächten in Opposition begeben kann. Frankreich wird es bei seinem bekannten Kapitalüberfluß ohne Mühe möglich sein, die rund 400 Millionen, die es seinerseits stunden muß, in seinem Etat aus eigenen Mitteln auszugleichen. Außerdem muß man darauf Hinweisen, ,daß, ](
die Franzosen auch bei Ablehnung des amerikanischen Vorschlages ein finanzielles Opfer bringen
müßten. In diesem Falle würde nämlich die deutsche Regierung selbstverständlich genötigt sein, sofort innerhalb des Youngplanes ein. Moratorium zu erklären, und dann wäre Frankreich nach den Bestimmungen des Planes verpflichtet, 500 Millionen Markin den Garantiefonds der B. I. Z. einzuzahlen. Man fleht, daß diese finanzielle Belastung sogar noch größer wäre als der Verzicht auf die Differenz zwischen den deutschen und den französischen Zahlungen während des Feierjahres, so daß der finanzielle Gesichtspunkt für die Franzosen bei ihrer Stellungnahme zum Hoover-Plan keinesfalls ausschlaggebend sein kann.
Nun liegen allerdings aus Washington neue und sehr entschieden gehaltene Meldungen vor, wonach die amerikanische Regierung jede Vorkonferenz und jede politische Diskussion vor der Annahme des
Hooverschen Vorschlages unbedingt verwirft,
weil sie mit Recht auf dem Standpuntte steht, daß alle derartigen Diskussionen nur zum Scheitern des ganzen Planes führen könnten. Man glaubt deshalb, daß die Franzosen ihre Vorbehalte und Sonver- wünsche zunächst zurückstellen, aber beim ersten geeigneten Zeitpunkte vorbringen werden, und als diesen Zeitpunkt spricht man die Zusammenkunft an, die wahrscheinlich zum Zwecke der technischen Durchführung des Feierjahres in nächster Zeit anberaumt werden muß. Es soll sich dabei nicht um eine politische Vorkonferenz, sondern lediglich um eine
Zusammenkunft der Finanz- Sachverständigen
zur Regelung der Einzelheiten handeln. Eine derartige Konferenz könnte z. B. im Zusammenhänge mit der Tagung des Völkerbundsrates in Genf Anfang September zusammentreten. Es gilt aber von Anfang an als außerordentlich fraglich, ob die Franzosen mit ihren Forderungen irgendwelche" Aussicht auf Erfolg haben. Jedenfalls gilt es nicht als wahrscheinlich, daß dadurch die große Linie der Hoover- Aktion noch endgültig unterbrochen werden kann.
Besprechungen mii priiiwitz
,vi L---rlm luetaen tnzwifa^n Die Befprewumv-n über den Plan des amerikanischen Präsidenten Ta« für Tag fortgesetzt. Der Kanzler hatte gestern eine längere Unterredung mit dem Außenminister Dr. Curtius und dem inzwischen in Berlin eingetroffenen Botschafter in Washington von Prittwitz. Außerdem hate er eine Unterredung mit dem Prä- sidialmitgliede des Reichsverbandes der deutsche« Industrie Dr. Bücher.
In der Reichsbank stellt man ebenfalls eine wesentliche Entspannung der Lage fest, und man kann nunmehr darauf verzichten, zu schärferen Kre- diteinfchränkunakn zu greifen. Vielmehr wird man sich für die nächste Zeit nur mit einer Prüfung der angebotenen Wechsel begnügen und im wesentlichen auf kurzfristige Wechsel beschränken.
Im übrigen glaubt man aber bereits, daß die Reichsbank ohne den ursprünglich in Aussicht genommenen fo genannten „Bereitschaftchkredit" von 300 Millionen Dolwrs über Ultimo Juni Hinwegkommen werde.
Das Mparaiions-Feierjahr
Das Wesen der internattonalen Schuldenverflechtung
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In Kreisen des Weißen Hauses und des Staatsdepartements herrscht die Meinung vor, daß- die morgen erwartete Antwort der französischen Regierung, wenn sie auch nicht ablehnend ausfallen wird, doch von bestimmten Forderungen bezüglich des ungeschützten Teiles der Reparationsleistungen begleitet sein wird. Aber selbst frankophile Leute innerhalb der Regierung dürften eine bedingte Zusicherung Frankreichs nicht annehmen, sondern auf der Annahme des Hoover-Planes in der vorliegenden Fassung bestehen.
Bezeichnend für die Haltung der Washingtoner Regierung ist der heutige Leitartikel der »Herald Tribüne", in dem es u. a. heißt: Der Versuch der Pariser Regierung, den auf Frankreich entfallenden Anteil der ungeschützten Jahreszahlungen von dem Zahlungsaufschub auszuschließen, würde voraussichtlich den ganzen Hoover-Plan zum Scheitern bringen. Dieses Scheitern des Morawriumsgedankens würden den Zusammenbruch Deutschlands in doppelt bedrohliche Nähe rücken, und Frankreich hätte die völlige Verantwortung für die Zerstörung des Reparations° und Friedens-Systems zu übernehmen.
Noch schärfer äußert sich Hearst in einem groß aufgemachten Leitartikel in den achtzehn Zeitungen feines Konzerns. Frankreich fei eine ständige Kriegsdrohung. Es benutze gsswhlene Gelder, um eine gigantische Kriegsmaschine aufzufahren und Europa zu unterjochen. Die grobipre- cberriche französiscbe Nation müßte vor ein Welt- Kriegsgericht gestellt und gezwungen werden. Frieden zu halten oder die vernichtenden Folgen seiner Politik zu tragen.
,/Ein integrierender Teil des planes"
Auch London für Einstellung der ungeschützten Zahlungen.
London, 23. Juni.
In großer Ueberschrift sagt der der Regierungspartei nahestehende „Daily Herald", daß der Hoover- Plan in Gefahr sei, weil ihm Frankreich im Wege stehe. In den zuständigen Kreisen Londons vertritt man die Ansicht, daß die Einstellung der ungeschützten Zahlungen ein integrierender Teil des Hoover-
Zu dem Vorgang, der zu der grundsätzlichen Annahme des Hoover-Planes durch die englische Regierung führte, meldet die ,Mmes", Maedonald habe Bie Angelegenheit am Montag mit den führenden Mitgliedern seines Kabinetts besprochen. USbereinstimmung habe darin bestanden, daß der Hoover-Plan eine Reihe von Punkten enthalte, die noch der weiteren Auklärung bedürfen, bevor eine endgültige Entscheidung getroffen werden könne.
„Times" weist darauf hin, daß beim Besuche Hendersons in Paris und während des Besuches der englischen Minister in Berlin reichlich Gelegenheit gegeben sei, sich mit den anderen Regierungen über die Lag« in Europa auszusprechen.
England distanziert sich
vo« der französischen Politik gegenüber Oesterreich.
Köln, 23. Juni.
Wie der Londoner Vertreter der Kölnischen Volkszeitung" aus zuverlässiger Quelle erfährt, hat das Foreign Office die französische Regierung aus Anlaß der schwebenden Anleiheverhandlungen mit Oesterreich davon unterrichtet, daß die britische Regierung nicht wünsche, an irgendwelchen Maßnahmen beteiligt zu sein, die, solange das Verfahren des Haager Gerichtshofes wegen des österreichisch- deutschen Zollangleichs in der Schwebe sei, auf Oesterreich einen Druck im Sinne eines Verzichts auf seine Zollvereinbarungen mit Deutschland ausüben könnten.
Wien-Berlin
Berlin, 23. Juni.
Der neue österreichische Bundeskanzler Dr. B u r e s ch hat an Reichskanzler Dr. Brüning ein Telegramm gerichtet, in dem er aus Anlaß der Ueber- nahme der Bundesregierung darauf hinweist, daß dte unter seiner Leitung stehende Regierung bestrebt sein werde, die Freundschaft zwischen Deutschland und Oesterreich zu pflegen und zu vertiefen.
In dem Danktelegramm des Reichskanzlers Dr. Brüning wird dem Bundeskanzler der aufrichtigste Wunsch für guten Erfolg übermittelt und betont, daß Deutschland dem Brudervolk in Oesterreich in allen ernsten Sorgen, die es jetzt zu überwinden habe, in Ms gleicher inniger Verbundenheit zur Seite stehe.
Der Stein ist ins Rollen gebracht — von einer anderen Stelle aus, als es die Welt gestern noch erwartete. Man hatte sich darauf vorbereitet, daß ein Moratorium, eine Stundung der Schulden, von dem Hauptschuldner beantragt werden würde. Herbert Hoover, der Präsident der Vereinigten Staaten, löste die Spannung mit seinem Vorschlag eines Reparations-Feierjahres. Die wenigsten von denen, die über Hoovers Aufforderung zu einem allgemeinen einjährigen Schnldenmorawrium jetzt erleichtert aufatmen, wissen genauer über die Natur der in Betracht kommenden Schulden befcheid. Selbst die Zahlen der deutschen Reparationsverpfli ungen sind vielen nicht bekannt. Wir wollen daher im folgenden die wichtigsten Tatsachen der internationalen politischen Schuldenverflechtung zusammenstellen.
Oie Schulden der Alliierten in Amerika
beruhen auf den verschiedenen, während des Krieges drüben aufgelegten „Freiheitsanleihen", die in den 4 „Liberty Bond Acts" (Freiheitsanleihe-Eesetzen) geregelt find. Auf Grund dieser Gesetze gewährt die Staatskasse der Bereinigten Staaten den Alliierten Kredite in Höhe von rund 9,6 Milliarden Dollars, das find etwas über 40 Milliarden Mark. Hiervon hatte den größten Anteil Großbritannien erhalten, nämlich 4,27 Milliarden Dollar, ihm folgte Frankreich mit 2,99 Milliarden Dollars, während an dritter Stelle Italien mit 1,64 Milliarden Dollars steht. In weiterem Abstand folgten Belgien, Rumänien, Jugo- flavien und Griechenland; außerhalb der eigentlichen alliierten Länder stehen mit meist kleineren Beträgen die Tschechoslowakei, ferner Rußland, das seine Anleihe nicht zurückgezahlt hat und schließlich die beiden von Amerika völlig abhängigen Staaten Cuba und Liberia, deren Kredittransaktionen als interne amerikanische Angelegenheiten zu betrachten sind.
Diese Forderungen hingen lange Iuhre nach dem
Kriege ziemlich in der Luft, da die Alliierten ihre Eintreibung durch Amerika als halb und halb unmoralisch oder zum mindesten nicht feljr buudesgenös- fisch empfanden. Erst im Jahre 1923 einigte man sich mit Großbritannien über eine langfristige Rückzahlung, und erst 1926 gelang es in Frankreich Poin- care, die Oeffentlichkeit von der Notwendigkeit eines Schuldenabkommens mit den Vereinigten Staaten zu überzeugen. In der Zwischenzeit hatte Amerika sich auch mit den meisten anderen Schuldnerländern geeinigt. Der Kern dieser Schuldenabkommen, in dem die Amerikaner stets ein großes von ihnen gebrachtes Opfer gesehen haben, besteht darin, daß die
ursprünglich kurzfristigen Schuldverschreibuuge« über einen Zeitraum von vollen 62 Jahre« verteilt
werden. Ferner hat Amerika den ehemaligen Alliierten zum Teil sehr günstige Zinssätze gewährt. Die meisten, wie z. B. Großbritannien, haben 3,3 Prozent zu zahlen, Frankreich jedoch nur 1,6 Prozent und Jta. lien gar den lächerlichen Satz von 0,4 Prozent. Auch vom Kapital ist ihnen ein erheblicher Teil erlassen worden. Zwar beträgt die von Deutschlands Reparationsgläubigern bis zum Jahre 1990 aufzubringende Summe, wenn man sie schematisch addiert, 21,3 Milliarden Dollars, also anscheinend das Doppelte des von Amerika geliehenen Kapitals. Eine solche schematische Addition ergäbe jedoch ein ganz falsches Bild, da man diesen Betrag nach der Zinseszins-Rechnung auf seinen Gegenwartswert umrechnen mutz. Legt man nun einen unter den heutigen unsicheren Verhältnissen als normal zu bezeichnenden Zinssatz von 5 Prozent zugrunde, so haben
unsere Reparatiousgläubiger zusammen nur 5,64 Milliarden Dollars oder 48,2 Prozent ihrer nr- sprünglichen Scholven z« zahlen.
Auch hier hat den größten Schnitt Italien gemachh dem volle 80,2 Prozent seiner Kapitalschuld erlass«»