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Die Kriegsbeschädigten protestieren

gegen die Kürzung -er Renten

Die Notverordnung der Reichsregierung schmälert leider auch die Bezüge der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen zum Teil recht erheblich, was den Landesverband Hessen-Kassel dieser Organisation gestern zu einer Protestversammlung veranlaßt hatte, um vor aller Oeffentlichkeit darzulegen, in welcher Weise die Kriegsopfer, insbesondere die im öffent­lichen Dienst stehenden kriegsbeschädigten Angestellten davon betroffen werden.

Zu den, den Saal bis auf den letzten Platz füllen­den Zuhörern sprach Herr Röder, der in scharfen Worten die Maßnahmen der Regierung als Ungerech­tigkeit bezeichnete. Gebrochen an Leib und Seele, sehe die Generation des Todes, die bisher, in größter Not gelebt habe, nun ihre letzte Versorgung gefährdet. Die Opfer seien zu groß für sie, die schon so viel geopfert haben für Volk und Vaterland. Deutschland solle lie­ber seine Parteipolitik vergessen, als seine Kriegs­opfer, die keinen Widerstand zu leisten in der Lage sind. Ihrem Aushalten und ihrem Opfersinn wäre

es vielleicht zu verdanken, daß noch eine Notverord­nung herausgegeben werden könne.

Nachdem der Redner die tieferen Ursachen unserer Verarmung gestreift, erhob er Anklage gegen die Na­tion, die sich zum großen Teile ihrer Kriegsopfer nicht mehr erinnere. Wohl sei eine Wirtschaftskrise zu verzeichnen, doch er hoffe, daß unser Volk diese Krise überwinden und wieder zur £>öfie, besseren Zei­ten, entgegengehen werde. Scharfe Abrechnung hielt er mit den politischen Parteien, die zum Teil gegen die Versorgung der Kriegsopfer eingestellt seien. Man werde ihnen bei den nächsten Wahlen die Quittung daraus geben.

Seit 1929 hätte man schon mehrere Abbauerlasse erlebt, doch die Notverordnung setze allen die Krone auf und schaffe eine tiefe Verbitterung auch bei den Empfängern der Witwen- und Waisenrenten, desglei­chen bei den Kriegereltern.

Wenn jetzt eine 3Iköpfige Familie eine Einbuße ihrer Rente von etwa 20 Mark erleide, so sei dies

Donnerstag, 11. Juni 1931

Reffder Neueste Nachrichten

Sette 3 2. Beilage

kaum zu ertragen. Außerdem lasse die Notverordnung keine Möglichkeit zu, daß seitens der unter 40 Pro­zent Erwerbsunfähigen noch Anträge gestellt werden können. Die Ortsftasse D sei vollkommen fortgefallen. Mit dem Fortfall der ersten Kinderzulage erfolge gleichzeitig eine Kürzung der Ortszulage, so daß in den meisten Fällen die Bezüge der Leichtbeschädigten eine Kürzung von 25 Prozent erfahren. Ferner komme die Sterbezulage tn Fortfall. Art, Umfang und Dauer der Rente bestimme in Zukunft nicht mehr der Arzt, sondern das Dersorgungsamt. Badekuren werden verringert. Die individuelle Behandlung der Kranken sei beseitigt, ebenso wird eine Schmälerung des Versorgungskrankengeldes in Erscheinung treten. Die Folge |ei, daß die Wohlfahrtsämter der Städte größere Belastungen erfahren. Ein Oberfchenkel- Amputierter, der bisher mit Frauen- und Kinder­zulage monatlich etwa 95 Mark Rente bezog, erhalte tn Zukunft, nur noch etwa 7075 Mark Viele Sied­ler seien dann nicht mehr in der Lage, ihre Sied­lungshäuschen zu halten oder ihre Kinder auf eine höhere Schule zu schicken. Diese rücksichtslosen Kür­zungen erschüttern Tausende der Kriegsopfer und Hin­terbliebenen, für die solche Opfer nicht tragbar seien.

Reichspräsident und Regierung hätten erneut zwei Millionen Menschen enttäuscht. Man solle doch end­lich die ganz großen Einkommen mehr erfassen oder die Reparationszahlungen einstellen, da 5 Millionen Deutsche hungern und darben müßten. Der Redner warnte trotzdem die Zuhörer eindringlich, nicht den

Schritt der Verzweiflung zu tun, wenn die Auswir­kungen in wirtschaftlicher und in seelischer Hinsicht auch furchtbar seien, sondern in Einigkeit im Verband den Weg des Kampfes zu beschreiten. Jetzt müsse sich die wahre Volksgemeinschaft zeigen im Kampf um da» Recht. Das sei jetzt zugleich eine historische Aufgabe. In der Hoffnung, daß die Notverordnung wieder auf­gehoben und für die Kriegsopfer wieder bessere Zei­ten kommen, schloß er seine mit starkem Beifall auf­genommenen Ausführungen mit der Aufforderung an den Reichstag, jetzt das Wort zu nehmen auf die Klagen der deutschen Kriegsopfer.

In der anschließenden Aussprache ergriffen Rektor Waldschmidt von der DNVP., Lengemann von der NSDAP., sowie ein Kommunist das Wort zu kurzen Ausführungen bezüglich der Notverordnung. Von der Versammlung wurde eine Entschließung einstimmig angenommen. s.

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9tr. 134 n. 3uni 1931

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