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Morgenfeier

Ein Ereignis für Kassel I Feind im BiUt Ein Tonfilm aus dem intimen Leben r der Geschlechter.

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Balkon . . . . 1.00 M.

Beginn: U/s Uhr

Seite 4 1. Beilage

Kasseler Neueste Nachrichten

Oie Siebzehnjährigen / Von Paul Leppin

Lieber Heinrich!

Du wirst dich wundern, wenn du zu Hause dein Präparationshest aufschlägst und diese Zeilen vor­findest. Oder vielmehr, ich glaube, du bist es ge­wohnt, datz deine Mitschülerinnen dir heimlich Lie­besbriefe in die Schultasche stecken, wenn du in der Zehnuhrpause draußen auf dem Anstandsorte deine Zigarette rauchst. Ich konnte nicht anders, ich mußte dir sagen, wie sehr ich dich immer bewundere. Tas Gefühl, das mich leitet, ist stärker als weibliche Schamhaftigkeit und alle Bedenken, die ich seit Wo­chen erwogen habe, bevor ich mich zu diesem Schritte entschloß. Du wirst es ja niemals erfahren, wer von uns Mädchen in unserer Klasse dir das Ge­ständnis ablegt, daß ihr Herz von deinem Bilde er­füllt ist. Ich' habe diesen Brief einer Freundin in die Feder diktiert, die du nicht kennst, deren Hand­schrift dir fremd ist. .

Ach Heinrich, was bist du für em Mann! Ich kann es verstehn, daß uns die Leidenschaft zum willenlosen Spielball macht und manchmal sogar auf die Bahn des Verbrechens treibt. Als in der letzten Stunde Professor Wols deinen deutschen Aufsatz vorlas, der natürlich wieder der beste war, wie hat meine Seele gezittert! Meine Hände waren ganz feucht und ich schwitzte vor Aufregung. Du bist ein

ganz großer, wunderbarer Dichter. Selbstverständlich weiß ich, daß unsere Stilübungen kein Feld deiner Betätigung sind, daß du unter dem Schulzwange leidest. Zuweilen, wenn uns der alte Algeb'aschiv- der mit L-Quadrat und Hpsilon seckierte, war ein Ausdruck in deinem Gesicht, halb Romeo und halb Prometheus. Ich weiß auch, daß du dich mit Psycho­analyse beschäftigst. Um Gotteswillen, Heinrich, was ist das? Dein Banknachbar Müllerberg hat uns zur Kenntnis gebracht, daß du ein philosophisches Werk vollendest, das bestimmt sei, die Weltanschru- ung unserer Zeit zu revolutionieren. Er hat tiefe Gedanken daraus zitiert, die wir nur mühsam be­griffen haben. Ich erinnere mich zum Beispiel, datz du schreibst, die platonische Idee eines bellenden Hundes sei im letzten Grunde völlig geräuschlos Wer. einmal so glücklich wäre, das aus deinem Munde erklärt zu bekommen! Aber du kümmerst dich ja nicht um deine Kolleginnen, die dich alle so sehr verehren, gehst mit dem Müllerberg nach dem Unterricht immer gleich ins Kaffeehaus. Wir sind zu unbedeutend und altmodisch für dich. Meine Ku­sine Herta sagt, datz dich nur Weiber mit einem Komplex interesiieren.

Ob mein unerhörtes Bekenntnis der Anlah sein wird, mich endlich zu bemerken? Ich fürchte mich vor

dem Tag, der den Schleier zerreitzt, der das hoff­nungslose Geheimnis meines Lebens offenbart. Denn siehst du, wenn ich auch jung und töricht sein mag, eins ist gewitz, datz Männer Ivie du uns Frauen nur Trübsal bringen. Du hast das Rätsel im Blick, das tödlich ist und beseligt. Wenn ich nur wützte, was Herta mit dem Komplex gemeint hat! Für dich, mein Heinrich, mutz ich das auf mich nehmen, obzwar ich fühle, datz es etwas qualvoll Verruchtes ist, das mich unwiderstehlich mit sich ins Verderben reiht. Wenn ich dich morgen früh im Physiksaale wiedersehe, will ich auf deiner Stirne lesen, ob mein ratloser Brief deinen Unmut ent­fachte, ob es mein Schicksal ist, an dieser Liebe zu verbluten.

Eine unbekannte Bekannte. Liebe Trude Eisenschimmel!

Der Wisch in meinem Lateinheft hat mir bestä­tigt, was mir schon lange klar war, was ein Mäd­chen wie du auf die Tauer nur ungenügend verheim­licht. Und wenn es dessen bedurfte, ich hätte dich unzweifelhaft an der Kusine Herta erkannt, die du erwähnst, die eine alberne Gans ist. Es war mir schon letzthin ausgefallen, als du bei der mathema­tischen Schularbeit mir unaufgefordert den Schwin- delzettel zuwarfst, für den ich dir nachträglich danke. Die romanhafte Limonade deiner Erklärung ist gut gemeint, aber du wirst es verstehn, wenn ich die Kinderei freundschaftlich mit einem Lächeln abtue. Du weißt, ich bin ein Mensch, der das Leben schon hinter sich hat. Noch im verflossenen Semester war

________Sonnabend-Sonntag, 6/7. Juni 1931

ich so ziemlich mit den Weibern fertig, und der Ueberschwang, den du auf Angelegenheiten verwen­dest, die weitab vom wirklichen Inhalt unserer Zeit liegen, ist ein bedauernswertes Zeichen infamster Gesinnung. Es gibt größere Probleme, die jetzt an der Reihe sind, Sturm über Asien und Untergang des Abendlandes. Was Müllerberg von meine» philosophischen Arbeiten erzählt, dürfte dartun, wie sehr ich gegen sentimentale Anwandlungen gefeit bin. Die Tänzerin aus der Floridabar, die mich mS dem Prokuristen betrog, war meine letzte Etappe. Es soll mir angenehm sein, wenn du mir weiterhin bei den mathematischen Prüfungen beistehst, aber ein Recht auf den unantastbaren Besitzstand meiner Per­sönlichkeit darfst du daraus nicht ableiten. >;ch bin ein ausgebrannter Krater und die rosenrote Welle deiner ahnungslosen Schwärmerei kommt viel zu spät für meine Skepsis. Unsere Wege gehn dahin und dorthin, aber sie laufen nicht nebeneinander. Du wirst in der Tanzstunde einen Beamten kennen ler­nen, der dich am Ende heiratet. Ich bin schon heute ein einsamer Denker, der den bitteren Bodensatz der Genüffe schmeckte, die für dich noch Zukunft bedeu­ten. Die Kraft, die mir übrig blieb, will ich der Menschheit widmen. Mein Entschluß ist stahlbart, läßt sich auf keine Weise ändern.

Mit kollegialem Gruß Heinrich Altmeier,

Obersekundaner und Mitglied des geheimen Welt» klubbrüderbundesS. O. S." für Mittelschüler.

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Bente und folgende Tage!

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