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Nummer 129*
^reifoa, 5. 3uni 1931
21 Jahrgang
Ozeanflug des Do X geglückt
Zwölsflundenflug über den Atlantik / Deutsche Schicksalsfragen vor Ehequers / Wird der Fünfjahresplan glücken?
Wie soll es weitergehen?
Von unserer Berliner Schriftleitung.
Berlin, 5. Juni.
Morgen wird die deutsche Oeffentlichkeit voraussichtlich auf amtlichem Wege genaue Kenntnis von dem Inhalt der neuen großen Notverordnung erhalten, durch die wenigstens bis auf weiteres die schwersten finanziellen Mißstände im Reich und in den Ländern, in den Gemeinden und in der Sozialversicherung abgestellt werden sollen. Die Hauptpunkte dieser Verordnung sind schon in den letzten Tagen im wesentlichen bekannt geworden, so daß uns keine Uebcrraschungen mehr bevorstehen. Man hat bereits erfahren, wie außerordentlich schwer die Belastung ist, die der Bevölkerung durch die neuen Maßnahmen des Neichskabinetts wieder einmal zugemutet wird. Nun soll zwar der nächste Schritt der Regierung dazu führen, daß die Reparations- frage aufgerollt und eine
Herabsetzung unserer Tributlasten angestrebt wird. Es ist ja kein Zufall, daß am gleichen Tage, an welchem die Notverordnung verkündet wird, der Kanzler und der Außenminister in England mit den dortigen führenden Staatsmännern eingehende Besprechungen haben werden, von denen man zwar noch keine endgültigen Abmachungen, aber doch eine Vorbereitung für die in Aussicht genommenen neuen Reparationsverhandlungen erwarten kann. Mehr als eine Erwartung ist auf diesem Gebiete bis jetzt aber nicht gerechtfertigt, und deshalb wäre es falsch und verhängnisvoll, wenn man die Hoffnung aüf eine Besserung unserer Gesamtlage lediglich auf die Möglichkeit einer Neuregelung unserer auswärtigen Zahlungsverpflichtungen stützen wollte. Zwar verlangen heute fast alle politischen Parteien und alle Kreise der Bevölkerung von der Regierung immer stürmischer,
daß der dauernde Abfluß der int Aoungplan festgesetzten Milliardenbeträge in das Ausland schleunigst abgestoppt wird,
aber ob die Anstrengungen in dieser Richtung Erfolg haben werden, läßt sich vorläufig keineswegs mit Sicherheit Voraussagen. Es wäre ein schwerer Fehler, alles auf diese eine Karte zu setzen.
Das Ausland zur Reparaiionsfrage
Soweit man aus den Stimmungsäußerungen des Auslandes ein Bild von den Möglichkeiten einer neuen Reparationslösung gewinnen kann, ist die Eröffnungsbilanz für eine solche außenpolitische Aktion nicht gerade ungünstig, aber man wird solche unverbindliche Aeußerungen nicht bereits als Garantien für ein wirkliches Gelingen dieser Pläne hinnehmen dürfen. Stark beachtet hat man cie neueste Rede des italienischen Außenministers G r a n d i, der u. a. davon sprach, daß die finanziellen Verpflichtungen Deutschlands einer der gewichtigsten Gründe für das wirtschaftliche und politische Unbehagen seien, an dem Europa leide. Gran- di hat mit dieser Aeußerung offenkundig ein gewisses Verständnis für unsere Lage bewiesen, aber es ist ein schwacher Trost, wenn man angesichts dieser Rede darauf Hinweisen wollte, daß der italienische Außenminister es unterlassen hat, irgendwelche Verwürfe gegen uns zu erheben, wie es sonst in den Reden ausländischer Staatsmänner oft genug geschieht. Eine verständnisvolle Aeußerung und der Verzicht auf einen Angriff sind noch lange keine tar- kräftige Unterstützung.
Auch aus England kommen Stimmen, die einer Behandlung der Revisionsfrage günstig siao, aber England leidet selbst stark an einem großen Defizit
Fernando do Roronha. 5. Juni.
Das deutsche Flugschiff Do X ist heute früh 2.12 Uhr (Greenwicher Zeit) nach glänzendem Fluge Pro- grammäßig in Fernando do Roronha (Brasiliens gelandet. Die Besatzung des To X bezeichnete den Flug als durchaus erfolgreich, doch habe der Zustand der Atmosphäre eine Funkverbindung bis kurz vor der Landung verhindert. Die Fahrtgeschwindigkeit betrug 240 Stundenkilometer.
Der Abflug von den Kapverdischen Inseln erfolgte mit einem Zwischenfall: Tas Flugschisf war gestern 10,50 Uhr zu seinem Fluge nach Südamerika zum ersten Mal gestartet, mußte aber bereits kurz nach seiner Abfahrt infolge Ueberlastuny mit Brennstos mit einer Entfernung von rund 60 Meilen vom Startplatz notlanden. Die von vielen Weltblättern veröffentlichte irrtümliche Nachricht von einem Absturz des Do X wurde von einem Dampfer verbreitet, des-
und an einer drückenden Arbeitslosigkeit. Aebnlich liegen die Dinge in Amerika, und von der Reise des amerikanischen Staatssekretärs Stimson n.tch Europa wird man zwar eingehende Studien und Besprechungen, aber auch nicht mehr als das, erwarten können. Wenn jetzt auch in der französischen Oeffentlichkeit gewisse besorgte Stimmen auftauchen, aus denen zu erkennen ist, daß man die Unmöglichkeit einer Aufrechterhaltung des jetzigen Zustandes in der Reparationsfrage auch in Pans einsieht, so ist aus diesen Aeußerungen doch viel mehr der Wille zu einer Abwehr, als zu einer Mitwirkung an der Revision der Tribute zu erkennen, und selbst der Hinweis auf den französischen Kapitalmarkt, von welchem Deutschland Anleihen zur Belebung seiner Wirtschaft bekommen könnte, liegt keineswegs in der Linie einer Befreiungspolitik, wie man sie sich in Deutschland denkt.
Oie Zerreißung des ^oungplanes
Der Weg, auf dem wir durch neue internationale Verhandlungen zu einer weitgehenden Herabsetzung unserer. Tributleistungen und zunächst zu einer langfristigen Zahlungsunterbrechung gelangen könnten, ist weit und mühevoll. Ob und-wann man dabet zum Ziele kommt, bleibt so lange ungewiß, als Nicht bei allen maßgebenden Verhandlungspartnern, also in London, Washington und auch in Paris der Wille zur Mitarbeit vorhanden ist.
Eine einseitige Lösung dieser Frage, etwa in der Form, daß die deutsche Regierung unter Verzicht auf das im Aoungplan vorgesehene Moratorium einfach erklärt „Wir zahlen jetzt nicht mehr'", bedeutet nichts anderes als die sogenannte Zerreißung des Noungplans.
Für diesen Fall ist jedoch im Haager Abkommen die damals vielumstrittene Sanktionsklausel vorgesehen, ans die wir seinerzeit eingegangen sind, weil wir dazu gezwungen waren, und weil außerdem jedermann davon überzeugt war, daß eine solche einseitige Durchbrechung des gesamten Vertragswerkes durch irgend eine deutsche Regierung niemals unternommen würde. Es mutz nun zwar unter den jetzigen in ganz Europa herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen immerhin zweifelhaft erscheinen, ob unsere Gläubiger bei einer einfachen deutschen Zahlungseinstellung wirklich wieder zu miliätrischen Zwangsmaßnahmen greifen würden, aber schon durch Plötzliche Zurückziehung umfangreicher kurzfristiger Guthaben und ähnliche wirtschaftliche Maßnahmen, mit denen man für einen derartigen Fall rechnen müßte, könnte in Deutschland unabsehbarer Schaden angerichtet werden. Man wird also in der Reparations- srage den Verhandlungsweg schwerlich verlassen können, und gerade deshalb wird man sich fragen müssen, was innerhalb Deutschlands weiterhin geschehen kann, wenn in der Reparationsfrage zunächst noch teilte reifen Früchte vom Baume fallen.
Darüber, daß es mit dem System immer neuer finanzieller Belastungen nicht ins Unendliche weitergehen kann, dürfte nur eine Meinung bestehen. Wenn nun aber 'die Erwerbslosigkeit angesichts der Fortdauer der Wirtschaftskrise nicht in dem erwünschten Maße zurückgeht, und wenn die europäische Zusammenarbeit — etwa zwischen dem industriellen Deutschland und den ebenfalls notleidenden Rohstoffländern in Südofteurepa — nicht ausreichende Abhilfe bringt, wird man sich aus einen schwierigen Herbst gefaßt mach.n müssen. Die Gefahren einer solchen Entwicklung sind recht vielseitig. Die Radi
fen Mannschaft geglaubt hatte, das Flugschiff ab- siürzen zu sehen. *
Neuyork, 5. Juni.
Nach einer Meldung der Associated Preß aus Fernando do Roronha hat das Flugschiff Do. X die 1429 Seemeilen lange Strecke von den Kap Ver- dischen Inseln nach der Insel Fernando do Noronha in 12 Stunden und 26 Minuten zurückgelegt. Die Fluggäste des Flugschifses äußerten sich begeistert über den Flug. Die Motore arbeiteten ausgezeichnet bei einem Brennstoffverbrauch von stündlich 1700 Litern. Der portugiesische Admiral Gago Coutinho betonte, daß der Flug glatt verlaufen sei. Do. X wird nach der Einnahme neuen Brennstoffes nach dem 300 Seemeilen entfernten Pernambuco auf dem südamerikanischen Festlande weiterfliegen.
kalisierung der Wählerschaft würde zweifellos fort- schreiten, und die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der staatlichen Autorität könnte zu einer recht ernsten Aufgabe werden. Zwar braucht man kaum Sorge vor bolschewistischem Umsturz zu haben, denn gegen eine solche Welle sind sehr starke Abwehrkräfte vorhanden. Immerhin könnte durch derartige Versuche die Notwendigkeit einer diktatorischen Regierungform und die Konjunktur für eine Gegenbewegung von rechts herbeigeführt werden. Die parlamentarischen Rückwirkungen einer derartigen Zuspitzung der Verhältnisse würden für das jetzige Kabinett Brüning wohl ebenfalls sehr ungünstig fein, und gerade deshalb wird das Reichskabinett neben seiner außenpolitischen Aktion alle Sorgfalt darauf verwenden, das Nebel im Innern an seiner wirtschaftlichen Wurzel zu heilen.
Was die Reichsregierung bis jetzt in dieser Hinsicht unternommen hat, ist der Anlaß zu vielseitigen schweren Bedenken geworden. Führende Kreise der Wirtschaft wollen dem Kabinett Brüning nicht mehr Gefolgschaft leisten, weil die Bestimmungen der neuen Notverordnung eine freie Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte nicht fördern, sondern in mancher Hinsicht einengen. Tie Kundgebung des Langnamver- eins in Düsseldorf hat darüber keinen Zweifel gelassen. Man hat dort jedoch auch gewisse positive Vorschläge gemacht, die für den Augenblick zwar nicht mehr berücksichtigt werden können, die aber Richtlinien für die weitere Entwicklung enthalten. Neben der Umstellung der Triibutlasten auf ©mMeiftungen wird die Stärkung des Binnenmarktes und der Kapitalbildung gefordert, aber es ist nicht im Einzelnen angegeben worden, mit welchen Mitteln dieses Ziel erreichst werden soll. Die Regierung geht vorläufig in enger Anlehnung an sozialdemokratische Vorschläge einen anderen Weg und strebt
die Verringerung der Zahl der Erwerbslosen mit dem Hilfsmittel einer Kürzung der Arbeitszeit an, ein Verfahren, welches scharfe Kritik bei den
Mit der Annäherung des Fünfjahrsplans an seine offizielle Vollendung mehrt sich die Aufmerksamkeit, die ihm im Auslande geschenkt wird. Ein Engländer, M. Farbrnan, der längere Zeit als Korrespondent in Sowjetrnßland war, hat im Londoner „Economist" über den Plan eine Reihe von Aussätzen veröffentlicht, die eben auch in deuifcher Ausgabe (Verlag von S. Fifchcr, Berlin) erschienen find.
Die Arbeit ist nüchtern, und ihre Lektüre ist zu empfehlen. Sie operiert notgedrungen ziemlich viel mit amtlichen fowjetrussischen Angaben, aber sie tut es mit Kritik. Die beiden wichtigsten Momente werden klar herausgearbeitet:
1. Der Plan bedeutet eine Offensive des Bolschewismus gegen die „kapitalistische" Welt.
2. Während der Aufbaujahre werden dem russischen Volk die schwersten Entbehrungen auferlegt, um das Ziel zu verwirklichen, mit dessen Erreichung der Generalangriff nach außen beginnen soll. Da Rußland weder eigenes Kapital besitzt, noch sich ausländisches verschaffen kann, so müssen das gesamte nationale Einkommen und die gesamte nationale Arbeitskraft in den Dienst des Planes gestellt werden. Während dieser Zeit Hunger und Zwangsarbeit über das Volk zu verhängen, macht der Sowjetregierung nichts aus.
Die Hälfte des Volkseinkommens, wenn nicht mehr, bleibt während der Planjahre dem Konsum entzogen und wird der Produktion zugeführt.
Das durchschnittliche' Arbeitseinkommen in Sowjet- rußland war schon vor dem Beginn des Fünsjahrs- plans gering. Nach seiner ursprünglichen Anlage sollte der Plan von diesem geringen Einkommen in fünf Jahren 86 Milliarden Rubel abzweigen: zur Errichtung riesenhafter Jndustriewerke, vieler tausend Fabriken, und zur vollständigen Umwandlung der russischen Landwirtschaft. 86 Milliarden Rubel sind nach dem nominellen Kurswert der russifchen Währung nahe an 200 Milliarden Mark. Durch die inzwischen eingetretene Inflation — man schätzt die Kaufkraft des Rubels nur noch auf ein Fünftel bis ein Viertel seines Nominalwerts — würden sich die Zisfern entsprechend vergrößern.
Farbman ist in seinem Urteil darüber, ob der Plan gelingen wird oder nicht, vorsichtig. Er betont, und das mit Recht, neben den rein technischen auch die psychologischen Momente: Vor allen Dingen, daß dem Volk die Aufhebung auch der letzten Reste von individueller Freiheit und die zunehmenden Schwierigkeiten der Ernährung nur unter der Voraussetzung zugemutet werden können, daß in weni-
Unternehmern findet. Schon diese Gegensätze zeigen, wie schwer ein Mittelweg zu finden ist.
Es ist eine der großen wirtschaftspolitifchen Merkwürdigkeiten der Gegenwart, daß nicht nur in Deutschland sondern beinahe in der ganzen Welt trotz einer Ueberfülle von Rohstoffen und Arbeitskräften in den meisten Ländern schwere Notstände vorhanden sind. Damit charakterisiert sich
jede wirksame Abhilfe als ein Finanzierungsund Verteilungsproblem, das schwerlich innerhalb der Grenzen eines einzelnen Landes gelöst werden kann.
Das russische Beispiel ist in dieser Hinsicht eminent lehrreich zugleich, aber ein warnendes Signal. Aus diesem Eharcckter der Weltwirtschaftskrise, für die es keine Patentlösung gibt, geht aber wiederum hervor, daß ihre Bekämpfung wohl immer wieder von der finanzpolitischen Ecke her angepackt werden muß. Wenn man daraus den Hinweis auf die Möglichkeit und vielleicht auf die Notwendigkeit neuer ausländischer Kredite für die deutsche Wirtschaft herleiten will, so braucht dies kein grundsätzlicher Widerspruch zur gegenwärtigen Außenpolitik der Reichsregierung zu sein, die ja im letzten Jahre wiederholt den Ueber- gang von der Rcparationspoliiik zur Anleihepolitik und umgekehrt vollzogen hat. Man wird mit einem solchen Hinweis lediglich andeuten können, daß. ein Land in der schweren Bedrängnis Deutschlands keine Türen zuschlagen und keine möglichen Hilfsquellen verschütten darf, felbft wenn sie nur einen Uebergang und nur eine Anbahnung zu besseren und endgültigen Lösungen bringen können. Wenn wir uns als Staat und "als wirtschaftlicher Organismus während der Fortdauer der Krisenzeit einigermaßen ungefährdet behaupten wollen, wird die Regierung bis auf Weiteres jedenfalls kein auch nur irgend wie brauchbares derartiges Hilfsmittel außer Acht lassen
gen Jahren die Not tatsächlich ihr Ende erreicht, und daß dann ein neues Zeitalter des Behagens und Ueberslusses in Rußland selbst anbricht, und dazu ein großer Sieg der Weltrevolution.
Entscheidend für die prinzipielle Beurteilung des Planes ist, wie gesagt, sein offensiver Charakter. Alle Bestellungen von Maschinen und technischen Apparaturen, die jetzt von der Sowjetregierung im Auslande gemacht werden, sollen nur dazu dienen, die große bolschewistische - Angriffsrüstung fertig zu schmieden.
Auch die Methode des geplanten Angriffs ist klar: Erfchütterung der kapitalistischen Wirtschaft zunächst durch ^konkurrenzlose Angebote von Fabriken und Brotgetreide auf dem Weltmarkt. Das jetzige sogenannte russische Dumping wäre dazu nur ein kleines Vorspiel. Im Hintergründe ist natürlich zu allem Uebrigen stets der unvergleichliche Vorteil der Sowjetregierung in Rechnung zu stellen, daß sie, wenn die Produktion nach dem Fünfjahrsplan teurer wird, als berechnet, immer noch auch in Zukunft einen so wesentlichen Faktor der Produktionskosten wie den Arbeitslohn, mehr oder weniger nach ihrem Belieben regeln kann.
Man braucht dazu nur an die jetzige Zwangsarbeit der wegen Widerstandes gegen die Kollektivwirtschaft in die nördlichen Wälder zum Holzfchlagen verschickten Bauernfamilien zu denken. Dort kommen Zehntausende an Nahrungsmangel, Krankheit und Ueberarbeitung um, aber das Reservoir, aus dem Ersatz gehol. werden kann, ist ja groß.
Eine Tatsache, die Farbman nur andeutungsweise erwähnt, die aber zunchmend stark eingcschätzt werden muß, ist die Opposition aus dem Rusfentum selbst. Ta es in Rußland nicht möglich ist, dem offiziellen Kurs etwas wie eine Opposition entgegen« zusetzen, so ziehen sich ihre Vertreter, wo sie können ins Ausland. Viele von ihnen sind Sowjetfunktionäre, die, weil sie nicht mehr ans System glauben, oder aus anderen Gründen, die Rückkehr nach Rußland verweigern. Man nennt sie
die „dritte Emigration". e
Die erste waren die russischen Revolutionäre, die zur zarischen Zeit Zuflucht im Auslande gefunden hatten. Die zweite sind die bürgerlichen Russen, die vor dem Bolschewismus geflohen sind. Tie dritte sind jetzt die Ex-Bolschewisten, deren Zahl merklich zunimmt. Einer ihrer Führer ist der frühere bol- fchewistifche Botschaftsrat in Paris, Befledowfki. Von ihm ist neulich, auch in deutscher Sprache (bet Gustav Engel, Leipzig), unter dem Titel „Die 9fr Vision des Bolschewismus" ein Aktionsprogram-.
Do X in Brasilien gelandet
-ßtgener Drahtbericht'
Ein Rußland drinnen und draußen
Don Or. Paul Rohrbach