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Seite 4 2. Beilage

Kasseler Neueste Nachrdtru

Freitag, 29. Mai 1931

Helene Mayer trainiert

Von der Schulbank zur Kampfbahn.

8« diese« Tage« wird io Wien die diesjährig« Europameifterschait im Dameofechteu ausgetrageu.

Frankfurt a. M., Ende Mai.

In der Frankfurter Universität sitzt in der ersten Bankreihe der mristischen Vorlesungen ein junges Mädchen Von dunklem Messing tn Helles Kupfer Überspielend, sind die Haare straff gescheitelt, zu Hopfen geflochten, die, an den Ohren herumgesteckt, ?te ,^®lne ®rtl!e (festhalten besonders in Kurven!) herabhangen Das Gesicht ist ebenmäßig, zeigt eine klare freie Stirn, einen überaus fein geschwungenen Mund. ^Zeder, der diese große schlanke Gestalt zum erstenmal sieht, wird merken, daß es sich hier um ???" außergewöhnlichen, besonderen Menschen han- Die Bewohner Frankfurts und die Besucher der Universität im besonderen, wissen aber, das ist He Mayer die Tochter des jüngst verstorbenen Offen« batt)er Slrjtes und die Weltmeisterin im Florettfech­ten. Nur kurze Zeit braucht man mit Helene Mayer gesprochen zu haben, um zu erkennen, wie schwer es Ut, das Bild ihres Wesens mit wenigen charakteristi­schen Strichen zu umreißen. Bald aufmerksame Stu­dentin, bald unbekümmertes Kind, Sportsmädel von drollig betonter Männlichkeit, dann wieder ganz große formvollendete Dame, zeigen sich die Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit ihres Wesens und seine ver­schiedensten Ausdrucksmöglichkeiten. Stets aber wie sich Helene Mayer auch gibt, ist die Haltung echt, ent­stammt einer ungezwungenen naturhaften Ursprüng­lichkeit und bezaubert durch ihren persönlichsten Charme.

.Es ist merkwürdig, bei jedem Menschen denke ich gleich, ich kenne ihn schon seit langer Zeit und er ist mir in seiner Art vertraut," sagte Helene Mayer eiii- mal und gab damit unbewußt einen wertvollen Cha­rakterschlüssel. Gleichzeitig auch einen Schlüssel zu bcm in manchen Frankfurter Kreisen gängigen Ge­rücht ihrer Hochmütigkeit. Rein instinktmäßig hat Helene Mayer, abgesehen von der angeborenen Da- meiihaftigkeit, mit der sie allzu große Neugierde und Zudringlichkeit kühl abweist ein feines psychologisches Gefühl. Aus diesem Gefühl heraus weiß sie sich durch ein intuitives Erfassen vor manchen Menschen zu schützen, einem anderen dafür gleich dies ursprüng­liche Vertrauen zu schenken, wenn sie in der Vielseitig­keit ihres Wesens der Eigenart des anderen instinkt- sicher entgegenkommt.

Das Florettfechten ist fast mehr noch ein geistiger als ein körperlicher Sport. Natürlich ist ein gesun­der, gefestigter und gewandter Körper Voraussetzung Was würde er jedoch nützen ohne die geistige Beweg­lichkeit und Ueberlegenhei't. Im Bruchteil von Sekun- den ist die augenblickliche Situation zu erfassen, nach

ihr zu entscheiden. Dies Erfassen bet momentanen Situation ist zum größten Teil psychologischer Art. Es ist kein Zufall, das die geistig beweglichen und auf» saMngsschnellen Italiener im Florettfechten Meister sind. Die geistige Gewandtheit und Ueberlegenheit machten auch Helene Mayer zur Weltfechtmeisterin. Diese Begabungen sie werden dem juristischen Stu­dium, das Präzision und Konzentrarion des logischen Denkens verlangt, nützlich sein auszubilden, in der richtigen Weise verwenden, konnte aber erst die starke, energische Persönlichkeit, die hinter allem steht und die dem Beschauer auch wenn er in Unkenntnis über' Helene Mayer und ihren Ruhm ist die Erscheinung des jungen Mädchens auffällig macht und die man trotz He Mayers junger Jahre eine geschlossene und gefestigte nennen kann.

*

Sitzt also Helene Mayer den Vormittag in den Hörsälen der Universität, oder brütet sie im juristi­schen Seminar über ein bürgerlich-rechtliches Problem, ist sie des Nachmittags oft schwimmend im Frank­furter Stadion zu treffen, am Abend findet man sie in ihrem eigensten Milieu, dem Fechtklub in der Kaiserstraße. In diesem Klub, einem großen hellen llebungssaal, hört man am meisten die klaren akzen­tuierten Laute der italienischen Sprache. Sind doch die Hauptvertreter ebenso wie der Hausherr und Fecht­meister Taaliabo Italiener. Fechtmeister Tagliado ist es, der Helene Mayer zu dem bald zu erwartenden Kampf um die Europameisterschaft letzte Instruktio­nen erteilt und bei dem die jugendliche Weltmeisterin ihr. ausgezeichnetes Italienisch verwenden kann. Außer diesen interessierenden Uebungen sieht man auch andere gute Kämpfe. Frankfurt-Öffenbach ist be­kanntlich die Hochburg des Fechtsportes. Der deutsche und der italienische Meister int Florettfechten halten sich hier auf und so erlebt man zwischen diesen beiden Ländermeistern einen langen und scharfen Kampf. Beim Dastehen dieser schlanken sehnigen Gestalten, deren jede Muskel gestrafft ist, ist man wieder ent­zückt von der Eleganz des Fechtsports. Nach diesem Kampf ficht Helene Mayer mit dem deutschen Meister Rosenbauer. Als einzige, inmitten dieser weißen Ge­stalten, trägt sie ein schwarzes kurzes Trainingskleid. Die linke Hand steil emporgereckt, steht sie, herrlich ge­wachsen, da. Auffallend durch Haltung und Eleganz. Jede ihrer Bewegungen ist beherrscht, durchdacht, zweckvoll. Glänzend und besonders charakteristisch für ihre Kampfesweise ist das plötzliche Zurückweichen und der dann folgende heftige Ausfall, bei dem sie meistens den Gegner erledigt. Das Ganze zu sehen ist ein ästhetischer Genuß. Am schönsten und ein« drucksvollsten ist es das Gesicht Helene Mayers zu

beobachten, das durch einen fliegenstülpenartigen Schutz beschattet wird. Das ganze Gesicht dunkle, zielsichere Augen, ein halbgeöffneter Mund, die den­kende und arbeitende Stirn hat den Ausdruck höch­ster Gespanntheit und Konzentration Und diese un­geheure, aber beherrschte Erregung, diese Spannung und Anspannung geben dem gleichmäßig geschnittenen feinen Gesicht den Ausdruck einer leuchtenden und sieghaften Schönheit.

*

Die diesjährige Europameisterschaft wird He Mayer größere Schwierigkeiten bereiten als in früheren Zeiten. Der durch sie berühmt gewordeneDamen­sport" hat viele tüchtige neue Vertreterinnen gefun­den. Der Ruhm der Weltmeisterin hat ihr viele Konkurrentinnen geschaffen. Erschwerend wirken aber auch die neuen Kampfesbestimmungen bei denen ein einmaliger Verlierer sofort ausscheidet (Pokalsystem). So stehen sich jetzt 16:16, bann 8:8 gegenüber, bis bie letzten zwei den Entscheidungskampf zwischen sich aus­tragen. Möge diese letzte wie schon so oft auch dies­mal Helene Mayer heißen. Peter Rens.

Attentat auf einen Berliner Bankier

Berlin, 29. Mai.

Am Donnerstag erschien in dem Bankgeschäft W. Pohle u. Co. in der Charlottenburger Straße in Ber­lin ein Mann, der sich Hofrichter nannte und den In­haber Pohle zu sprechen wünschte. Er wurde in des­sen Privatzlmmer geführt und gab nach kurzem Wortwechsel mehrere Schüsse ab, von denen zwei den Bankier trafen und schwer verletzten. Dann brachte sich der Täter selbst einen Kopfschuß bei. Das lieber« fallkommando wurde alarmiert und nahm den Täter fest. Der Bankier Pohle befindet sich int Kranken­haus. der angebliche Hofrichter als Polizeigefangener int Staatskrankenhaus.

Schwere Bluttat eines Geisteskranken

Berlin, 29. Mai.

Gestern nachmittag gegen 5,30 Uhr ereignete sich auf der Chaussee von Karow nach Buch eine schwere Bluttat. In einer Kraftdroschke wurde ein Geistes­kranker von Mutter und Braut auf dem Wege zur Anstalt begleitet. Kurz vor der Einfahrt in das An­staltsgebäude zog der Kranke ein Messer und stach auf die beiden Frauen ein. denen er sehr schwere Ver­letzungen beibrachte. Nach vollbrachter Tat verübte der Irre einen Selbstmordversuch,' indem er sich Schnitte in den Unterleib beibrachte. Tie beiden ver­letzten Frauen wurden zunächst in das Kindergene- sungsheim gebracht, wo die Brant ihren schweren Verletzungen noch im Laufe des Nachmittags erlegen ist. Der Täter wurde dem Krankenhaus zugeführt. Die Personalien der an der Bluttat Beteiligten stehen no^nich^es^^

Ein Deutscher in Neuguinea ermordet

London, 29. Mai.

DieTimes" melden ans Canberra, die Regn» tung erwarte einen Bericht des Vorstehers des Mo» rove-Bezirkes im Mandatsgebiet Neuguinea über du Ermordung eines deutschen 2änbereiunternebincr< namens Braun, am 27. April am oberen Wern« Fluß. Braun wurde mit seinen zwölf eingeboren.« Dienern im Lager während des Frühstücks von Wil­den überfallen,' die ihn und sieben feiner Begleitet niedermachten, während fünf Diener entkamen Die Leiche des Deutschen soll von den Wilden verstüm­melt und mit Farben bemalt als Fetisch bet einer religiösen Zeremonie verwendet rooroen fein.

Ter Direktor des städtischen Landwirtschaftsamtes, Eckert in Nürnberg, der sich wegen Untreue und Be­trugs vor dem Erweiterten Schöffengericht verant­worten follte, hat sich auf feinem Anwesen in Wein­zierlein erschossen.

Die heutige Mininer umfofit 14 Selten

Verantwortlich für den politischen Teil: I. V. German M Vonaui.sür das Feuilleton: German M. Vonau: für lokalen und Heimatteil: Dr. Hans Joachim Glatzer: für Handel: Dr. Hans Langenberg: für' Sportteil: Herbert Sveich: Photo-Redakteur: Eduard Schulz- Ke f f e I: für den Anzeigenteil: Konrad Wachs mann. Berliner Schriftleitung: Dr. Walter Thum. Ber­lin SW. 68. Druck und Verlag: Kasseler Reuest« Nachrichten G. m. b. H., Kassel, Kölnische Straße 10.

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Veranstalten

Hyglewe-Museuin, Dresden Arbeitsgemeinschaft der Sozialversicherung Stadtgesundheitsamt Kassel und Wohlfahrtspflege für Hessen-Nassau