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Freitag, 29. Mai 1931

ftaffeter Neueste Nachrichten

Abenteuer unserer Zeit:

Marthe Hanau spekuliert mit Frankreich

Don Rens Kraus

L

Dämon von Parts

Da redet man von dämonischen Frauen und meint wahrhaftig die Greta Garbo oder die- Mar­lene Dietrich! Unergründliche Augen unter schrägen Brauen, überlange Wimpern, bebende Nasenflügel, das Antlitz seltsam schief zusammengesetzt, die Stimme blechern, was besonders sündhaft klingt und fertig ist die Dämonie. Die Flimmerdämonie zumindest.

Der wahrhaft von seinem daimonion gehetzte Mensch, Mann oder Frau, das ist ein anderer Typ. Nicht die männermordende Hennablondine ist eine dä­monische Frau, sondern die von ihrem Dämon Be­sessene. Nicht die liderliche Stuart-Königin Maria war dämonisch trotz ihrer zahlreichen Herrenbekannt­schaften und trotzdem Deutschlands größter Drama­tiker ihr ein jambisches Denkmal setzte, sondern die jungfräuliche Königin Elisabeth, die Häßliche, die Einsame, die immerhin das moderne England schus. Und was die dämonische Frau unserer Zett betrifft, so werden Greta und Marlene gütigst entschuldigen, wenn nicht ihnen der Preis zuerkannt werden kann, sondern einer kaum mittelgroßen, rundlichen, sehr blassen und unhübschen Frau von über 40 Jahren, die mitunter sogar Kneifer trägt und die dennoch ihre Umgebung und, über diese hinaus, die Weltstadt Paris und die französische Republik, ein paar Mil­lionen kleine Leute und ein halbes Dutzend der Gro­ßen dieser Erde, Mr. Poincarö darunter und selbst Muffolini, unwiderstehlich in den Bann ihres einzig­artigen Geistes schlug.

Im Mittelalter hätte man sie als Hexe verbrannt. Wir aber leben in einer aufgeklärten Zeit und diese Zeit begnügt sich, die Teufelin ins Gefängnis zu sperren: Eben wurde Marthe Hanau zu zwei Jah­ren verurteilt. Warum eigentlich das weiß man nicht ganz genau. Der Schuldspruch, den das Pa­riser Gericht fällte, ist sehr umstritten. Leicht möglich, daß die zweite Instanz ihn aushebt.

Kommt es zur Revision, so wird diese zweite Verhandlung gegen die, schwindelhafter Börsen­manöver angeklagte Präsidentin des Konzerns der Gazette du Franc, Marthe Hanau, in Paris ehr­fürchtig und ironisch zugleich Madame la President geheißen.

ein Prozeß über das herrschende System der Grande Nation sein.

Kaum einer unter den politischen Primadonnen von Paris, der nicht irgendwie verwickelt wäre, sei es als Ankläger, als Mitbeschuldigter, als Zeuge oder meistens, dunkel sind die Wege der Pariser Herren, in allen drei Eigenschaften zugleich.

In den Fall der Marthe Hanau hat Tardieu und Cheron. Loucheur, Barthou und ein halbes Dutzend anderer Träger von Weltnamen eingegriffen. Kein geringerer als Poincars war es, der die Unterneh­mungen der Marthe Hanau erst protegiert und dann zertrümmerte. Ein entfesselter Reigen von Ministern und berufsmäßigen Schuldenmachern, von Deputier­ten, Erpressern, Bankgewaltigen, Grafen, Journa­listen, Mitglieder der Academie Francaise und Win­kelagenten sind die vielfach unfreiwilligen Akteure des "Kolossalfilms ,der hier abrollt.

Es ist ein grandioses Schauspiel,

diese Selbstenthüllung des herrschenden Frankreich. Freilich eines, das miserable Komödianten spielen. Zuweilen möchte man meinen, die Schauspieler alle miteinander, auch die Stars mit dem bißchen Welt­ruhm seien nichts anderes als Marionetten. Die Drähte, an deren Enden Paris tanzt und Frankreich zieht, auch in der Haft noch, Madame la President. Gigantisch wächst der Schatten dieser häßlichen klei­nen Frau empor über die -trüben Lichter der bitte lumisre, der Lichtstadt Paris,

Das häßliche Mädchen

und der schöne Mann

Nein, diese stubenblasse Vierzigjährige, die sich so blendend vor Gericht verteidigte, schlagfertig, ironisch und temperamentvoll zugleich, kann auch als Zwan­zigjährige nicht hübsch gewesen sein. Trotzdem hei­ratete das Mädchen Marthe einenschönen Mann" wie er im Modejournal steht, den Herrn Lazare Bloch.

Zwei Jahrzehnte nachher, als ich-den Schönling auf der Anklagebank von der Nähe betrachtete, sah er immer noch aus wie die Traumvorstellung eines Commis. Etwas verfettet freilich aber hochgewachsen und elegant, gar zu elegant mit seinen weißen Ga­maschen, seiner Krawattennadel, seinen Ringen und seinem messerscharfen Scheitel. Das Gesicht nicht ge­rade durchgeistigt, aber auch nicht unsympathisch. Im Untersuchungsgefängnis richtete der Häftling Lazare Bloch eine Kartenpartie ein, die Strafgefangene und Aufseher freundschaftlich verbanden. Außerdem war er berühmt ob seines gesegneten Appetites. Er ließ sich, aus eigene Kosten verpflegt, dreimal hinterein­ander ein reichliches Frühstück servieren.

So viel über den Mann im Leben der dämonischen Frau, den einzigen, der in diesem kämpferischen und abenteuerlichen Leben eine Rolle spielte. Es wäre noch zu bemerken, daß er sowohl die Mitgift seiner jungen Gattin, dreihunderttausend Goldfranken, im Jahre 1911 ein sehr beträchtliches Vermögen, in kur­zer Zeit durchgebracht und dazu noch das vom eigenen Vater ererbte Textilgeschäft ebenso rasch verwirtschaf­tet hat. Lazare Bloch war Spieler, Schürzenjäger, Stammgast in allen Nachtlokalen sein Leben lang Kein schlechter Mensch dabei: auch nach der Schei­dung, über die noch ein Wort zu sagen bleibt, blieb er seiner Gattin bis ins Gefängnis ergeben.

Als ich, den Gründen und Abgründen des Phä­nomens, das Marthe Hanau heißt, nachspürend, diese selbst einmal in ein Gespräch über das Wunder der Liebe, verkörpert in der verfetteten Figur des schönen Mannes Lazare Bloch zu verwickeln versuchte, sagte das weibliche Geschäftsgeni« und da war sie plötz­lich, wenn auch nur für einen Augenblick, ggstz lei­dendes Weib, wie irgend eine andere auch

Aber er ist ein so ausgezeichneter Verkäufer ge­wesen! Keiner konnte akquirieren wie er! . . .

Ihre Stimme war mild und tränenfeucht. Seltsame Ausdrücke hat die Sprache der Liebe!

Oer parfümierte Weltkrieg

Nach zwei Jahren Ehe, 1911, ich sagte es eben, waren Mitgift und väterliches Geschäft dahin. Der schöne Lazare sand eine bescheidene Anstellung als Vertreter einer Textilfabrik. Von den mageren Pro- Visionen konnte das verwöhnte junge Paar natürlich nicht leben. Damals schon erwies sich Marthe als dcr überlegene Kopf und als der führende Teil Mit zwei Arbeiterinnen begründete sie eine Parfum-Erzeu­gung. Indes die Provisionen des Herrn Gemahl im­mer kleiner wurden, wuchs das Parfumgeschäst der Frau zu einer regelrechten Fabrik. Nach einem Jahr, 1914, beschäftigte sie zweihundert Arbeiter. Lazare, der immer für Parfums etwas übrig gehabt hat noch auf der Anklagebank duftete er nach allen Wohl­gerüchen Arabiens vertrat als Reisender das Un­ternehmen der Gattin. m

Nun hätten sie zusriedene Bürgersleute werden können, wenn ja wenn das daimonion nicht ge­wesen wäre in der Brust dieser seltsamen Frau. Sre träumte . . . nicht aerade di« üblichen Träumereien der unverstandenen Flau. Sondern Vorstellungen von neuen Maschinen und neuen Rezepten, von Kon­zernaufbau und Kapitalsbildung, Träume von der Beherrschung über den Weltmarkt für Parfum. Wah­rend der Herr Gemahl Friseure und Drogerien be­sucht, soweit seine Besuche bei Buchmachern, auf Renn­plätzen. in Spielclubs und bei kleinen Frauen ihm dazu Zeit lassen, ist sie am Werk. Im Sommer bricht der Weltkrieg aus. Der Weltkrieg ist eine Konjunk­turbelebung. Lazare erkrankt rechtzeitig. Ein altes Herzleiden" und eine frische Disenterie retten ihn vor Frontdienst und Heldentod. Millionen anderer, die weniger vorsichtig sind, müssen hinaus. Ihre Stelle in Fabriken und Geschäften nehmen die Frauen ein.

Der Weltkrieg bringt wir alle haben diese un­geheure Umwälzung viel zu wenig beachtet die Emanzipation der Frau, die einzig wahre Emanzi­pation, die in der Arbeit liegt. Hunderttausend fran- S Fabrikarbeiterinnen haben nun ihr eigenes nmen und wollen es ausgeben. Marthe Hanau beglückt die Unzahl ihrer namenlosen Schwestern durch die Schöpfung einesParsum der Arbeiterin", das ein ausgezeichnetes Geschäft wird, weil es billig und gut ist, wenn man auch die Zngredinezien lieber nicht untersuchen sollte. Die ingemeuse Marthe Hanau hat auch ein Herz für die Männer. Oh, nicht für den einzelnen, ihr Leben gehört Lazare. Aber ihr Ver­ständnis, das damals schon den Massen der Nation gehört, begreift, daß die braven Piou-Pious etwas Warmes im Magen haben müssen. Das Getränk, das sie nun fabriziert, heißt Röchaud du Soldat. Das Kriegsministerium bestellt ungeheure Mengen. An Armeelieferungen ist noch niemand zugrunde gegan­gen, auch Marthe Hanau nicht. Nun erwacht in Laza- re's Brust der Geltungsdrang des Mannes. Was sie kann, das kann er noch lang. Auch er erfindet ein

neues GetränkTube du Soldat", eine Mischung von Rum und Kaffee. Diese Mischung bleibt zweifelhaft, Lazare Bloch wird wegen schwindelhafter Ankündigun­gen zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt, die eine Amnestie später auslöscht.

Sie sind nun reiche Leute, beide. Marthe hat ein Auto und bald darauf einen Autounfall. Sechs Mo­nate Krankenhaus. Diese Zeit reicht aus, daß Lazare die Fabrik seiner Frau inzwischen gründlich herunter­wirtschaftet. Wieder muß sie etwas Neues beginnen. Sie bleibt zunächst noch bei der Branche. Es wird eine Seifenfabrik. Aber diesmal hat sie Pech: dies­mal bricht der Frieden aus. Schluß mit den Armee­lieferungen Ungeheure Seifenlager werden zu Spott­preisen versteigert. Solide Geschäfte gibt es über­haupt nicht mehr. Alle Welt stürzt sich auf die Spe­kulation.

Jahre vergehen im Helldunkel. Bittere Frhre. Das Geschäft ist verloren und der Mann auch Er hat ein Kind mit einer Anderen. Marthe, faßt den heroischen Entschluß ihres Lebens. Sie läßt sich scheiden, obwohl er sich gegen die Scheidung sträubt. Sie muß ihn förmlich zwingen, die Mutter seines Kindes zu heira­ten. Sie selbst wird ihren Lazare bemuttern. Nur noch bemuttern in Zukunft. Sie wird dafür sorgen, daß er wieder zu einem rentablen Geschäft kommt. Vielleicht hätte es den französischen Skandal der Ga­zette du Franc überhaupt nicht gegeben, hätte Marthe ihren Lazare, den sie als Frau verlieren mußte, sich nicht wenigstens als Mutter erhalten wollen.

Börse und presse in Paris

Spekulation ist alles. Nach den Staaten brechen die Währungen zusammen, und nicht allein jene der verruchten Feinde, sondern selbst der geheiligte Franc. Don der Panik, die sich der französischen Oeffentlichkeit bemächtigte, kann der Fremde sich keine Vorstellungen machen. Auch wir haben eine Inflation erlebt und eine, die tausendfach grauenhafter war als die fran­zösische. Die Nation aber, deren Ideal und klassische Verkörperung der Kleinrentner war, vermochte das fürchterliche Phänomen der Geldentwertung überhaupt nicht zu begreifen. Die besten Köpfe des Landes arbeiteten fieberhaft Rettungspläne aus, indessen die Gerissensten ihre höchst individuelle Rettung und Be­reicherung im allgemeinen Zusammenbruch suchten. Der besten Köpfe einer und einer der gerissensten be­gegneten einander Ende 1924. Aus dieser Begegnung zwischen dem Grafen Maurice Bernard de Courville,^ dem Gelehrten, Großindustriellen, Aestheten und Grandseigneur mit der Heereslieferantin _ Marthe Hanau entstand jenes Finanzblatt, dessen Aufstieg und Absturz eines der abenteuerlichsten Kapitel unserer Zeitgeschichte bildet.

Graf Courville suchte eine Plattform zur Ver­tretung seiner Ideen. Die Marthe Hanau wollte sich ein Organ schaffen, das ihr Einfluß auf die seit Jah­ren eifervoll studierte Börse von Paris sichern sollte. In Paris sind ja die Beziehungen zwischen Finanz

Hans Reimann:

Sächsisch als Gesellschaftsspiel

Hans Reimann, der Neu-Entdecker des sächsischen Humors, tritt jetzt als Lehrer der sächsischen Sprache vor uns in dem von uns schon besprochenen Buch Sächsisch" (3t. Piper u. Co. in München). Daß der sächsische Dialekt nicht nur ein komisches, sondern auch kniffliges Idiom ist, erkennt man bald aus feinen tiefgründigen Beobachtungen und versteht daher, daß er die Hebung in unterhaltsamer Form empfiehlt, nämlich so:

Früher spielte man Blindekuh oder Zimmerchen vermieten oder Domino oder Mühle oder Rätsel­raten. Heute setzen sie sich hin und spielen Bridsch oder Rommeh, Freigeister von Beweglichkeit spielen Pingpong. Oder man stellt die Electrola an und läßt Tanzplatten laufen, egal Tanzplatten, egal Tanz- platten. Die Geselligkeit ist bankerott, die Menschen wissen nichts mit sich anzusangen, jeder redet Mono­loge.

Ich wage einen Vorschlag. Man imitiere einmal eine sächsische Familie, einen sächsischen Gaffeeglaosch oder überhaupt eine sächsische Zusammenkunft. Die einen sind eingeladen, und die anderen haben einge­laden. Die Eingeladenen und die Eingeladenhaben« den begrüßen sich aufs Umständlichste.Guddndaach"! Scheenguddndaach auch"!Nu, das ja grohsaardj, "daßässich auch ämmahl bai uns bliggen lassn".Wie gehdsdnn Immr?"Ach, wißn Se, rnr zufriedn, wämurers Lähm noch hadd". Achrnähm, bei uns kläggrds auch so hin". Nahm Se Bladz, machn Se sichs gemiedtich". Dangke. bangte".Wo schdäggdnn Ihr Oddoh?" Oddoh? Tähr doch in Sied-Ammehriggah dähr bei Ongkl Gußdahf auf ainr Blanudahsche in Rio Janaihro". Dängkn Se mal an". Dähr jädzd schon ain hallwes Jahr driem dähr jädzd".Jjajjah Wiede Zaip frgehd. Mr wärrv egal ättdr unn aus dn Ginndrjn währu Männr. «Schrägglich, schrägglich". Es empfiehlt sich, alles zu wiederholen.

Sobald Gassee und Guhchn aufgetragen werden, muß man sich nötigen lassen. Die Hausfrau weist zwanzigmal darauf hin, daß bei ihr nich gennehdjd wird, und sagt immer wieder:Ahwr langn Se zu! Ich aähwes gärrne". Der Besuch muß immer wie­der beteuern, daß er schon zu Hause Gaffee getrun­ken hat. Bei jedem Stückchen Kuchen mutz der Be­such sagen:Ich will Sie ahwr nich berauhm". Oder: Ich bin so frei"! ^Frei" hat nebenbei noch die Be­deutung vonobszön" undunschicklich".Brädd- schnaidrsch ihre Dochdr die lätzdsj doch jädzd fr Biehne ausbilldn die soll doch so frai sein" (Da­mit ist der Stab über bas arme Wesen gebrochen). Man darf jeden Widerspruch (vorsichtig) und jeden Einwurf (sanft) mit einemErlauhm Se mal"! ein­leiten. Stattnein" darf maneuah"! sagen. Euah" bedeutet eigentlicho ja" und ist in der Regel eine Lüge. Stattnein" in striktesten- ableh­nender Form darf manäjja"! sagen. Der Ton liegt auf dem ganz kurzen, geschmettertena". Bei

schlechterdings unglaublichen Dingen muß man aus- rusen:Da heerdsj doch alles aus"! oberAhwr da heerd ahwr bi Gurrgnhannbl auf"!

Alsbann ist ein Krach,u'inszenieren. Einer muß behaupten, ber andere habe das unddas gesagt. Der andere muß protestieren und Zeugen aufrusen. Der erste muß seinerseits protestieren und Zeugen an­rufen. Der zweite mutz Dinge auspacken, die nicht zur Sache gehören und längst erledigt und begraben sind. Ein dritter muh Schlichtungsversuche unter­nehmen und dabei alle andern bona fide beleidigen. Die Wut sämtlicher Anwesenden muß sich nun auf den dritten konzentrieren. Der erste und der zweite sind im Handumdrehen solidarisch. Der dritte gibt klein bei und will nischd gesaachd hahm. Und zu gu­ter Letzt verlassen die Eingeladenen tiefbesriedigt die gastliche Stätte.Verschwinden, abschwirren, sich ver­ziehen" heißt: sich driggn sich schwach machn sich dinne machn. Auf Wiehdrsähn scheen guddn Daach gomm Se bald ämmahl wiedr scheen Gruß zu Hause laß' Sessich bald ämmahl wiedr bai uns bligan nochmals unsrn bäßdn Dang! auf Wiedrbegucken! Und sobald der Besuch hinaus ist, müssen die Zurückgebliebenen über die Gäste her- satten. Der bissigen Phantasie sind keine Grenzen ge­setzt. Eine muntere Stunde ist gesichert.

Das fällige Plagiat

Zum Fall Chaplin-Sarment.

Von Zeit zu Zeit ist eine Plagiataffäre in der Literatur fällig. (Nb.: dieser Satz ist nicht von mir, ich plagiiere damit Werner Milch). Von Zeit zu Zeit muß einem Mann, der etwas erreicht hat, von einem Schmock vorgeworsen werden, daß er ihn plagiiert habe. Anders gehts anscheinend nicht.

Diesmal heißt der Plagiator Charlie Chaplin und das Opferlamm Jean Sarment, nach dessen Roman angeblich ChaplinsLichter der Großstadt" uner- laubterweise gedreht worden sind. Die Maßstäbe haben sich ein bißchen verschoben: der Plagiaior ist nicht nur ein Mann, der etwas erreicht hat, son­dern eine Art Genie, das Opferlamm nicht ein Schmock, sondern ein mittelmäßiger französischer Stückeschreiber. Der Abstand aber bleibt der gleiche, davon beißt keine Maus einen Faden ab.

Warum eigentlich fällt allen denen, die anschei­nend ihr ganzes Leben lang nichts besseres zu tun haben als nach Plagiaten zu suchen, es niemals auf, daß sich das Verhältnis von Plagiator und Plagi­ierten niemals umkehrt? Daß immer der Erfolg­reiche der gewiffenlofe Räuber sein soll und ber Er­folglose d-s Opfer? Immerhin wäre es doch nicht nur benkbar, sondern eigentlich logisch das einzig mögliche, wenn der Erfolglose sich den Erfolgreichen

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und Publizistik ganz andere als bei uns. Daß die Zeitungen, unter ihnen die größten und angesehensten die Spalten ihres Finanzteils meistbietend verkaufen, gilt als durchaus legitim. Ebenso selbstverständlich rst es, daß große Börsenintereffenten sich ihre eigenen Blätter, ihre Agenturen und Zeitschriften halten. Die Millionen, die hier ausgegeben werben, fließen reich» lich toieber zurück.

Marthe Hanau hatte nun die Idee, ber allgemeiN üblichen Verquickung von Börseninteressen mit de? Finanzpresse ihren natürlichsten Ausdruck zu geben. Sie schuf mit dem Kapital des Grafen Courvilles ein Unternehmen, das zugleich finanzielles Wochenblatt war und Bankgeschäfte besorgte: die Gazette du Franc.

Geschäfte mit Petroleum und Weihwasser

In ber nächsten Nähe ber komischen Oper, in einem ber oorstehmsten Winkel der konkurrenzlos oornchm- ften Stabt Europas also, werden luxuriöse Bureaus gemietet. Place Boieldieu 1. Das Haus, in dem der jüngere Dumas geboten ist und in dem das Literatur­cafe Raoul seinen Sitz hat, ist nun von seltsamen Geschäften erfüllt. Die beiden ersten großen Geschäfte sind die Gründung des Comptoir des Textiles du Nord mit zwei Millionen Kapital und der Gesellschaft Petroles de Madagaskar". Die Gazette entfaltet für beide Unternehmungen eine ungeheuere Propaganda. Trotzdem wollen sie sich nicht recht entwickeln. An Pe­troleum haben schon viele Leute ihr Geld verloren, so auch an den sagenhaften Erdölschätzen der fernen Insel Madagaskar. Wo einer verliert, muß ein ande­rer gewinnen In dieser Erkenntnis beschließt ein Kolonialfranzose namens Nimoun Amar, nicht nur ein dunkelhäutiger, sondern auch ein dunkler Ehren­mann, der beim Zusammenbruch der Mme. Hanau noch eine große Rolle spielen sollte, ein großes Pa­ket wertloser Petroleumaktien zu dem Spottpreis, auf den sie bald gesunken waren, aufzukaufen und, ge­stützt auf diesen Besitz, Madame la President mit Strafantrag wegen Börsenschwindels zu drohen, wenn sie seine billig erworbenen Papiere teuer zurssck- zukaufen sich weigert. Es ist ber erste Betriebsunfall. Aber der saubere Herr Nimoun Arnar gleicht sich schließlich mit einer Monatsrate aus und das Ge­schäft geht weiter. Schon das nächste Geschäft der Hanau greift in die höchsten Sphären. Sie will nun Geschäfte mit dem Katholizismus machen. Sie will eine Parfümfabrik der Schuster bleibt eben bei seinem Leisten gründen, deren Produkt Weihwasser von Listeux beizumengen ist. Es soll ein rechtes Wunberparfiim werden, mit dem Bildnis der heiligen Therese etikettiert. Zugleich will die Gazette eine religiöse Filmgesellschaft ins Leben rufen. Die Hanau wendet sich mit ihrer Idee an den Kardinal Erzbischof von Paris, Monsignore Dubois. Aber der Kirchen- fürst winkt ab. Im Palais des Kardinals hat man wenig Sinn für so übelriechende Geschäfte.

Die Hanau sieht ein, daß es eines Mittelmannes von anerkanntem Ruf und Ansehen bedarf, um die gewünschte Verbindung mit bcn hohen und höchsten Kreisen herzustellen. Sie findet ihn in Pierre Audi- bert. Dieser, ehemals hoher .Regierungsbeamter und nun Journalist von untadeligem Ruf, Leiter eines einflußreichen Blattes in Marseille, Politiker von Format und, trotz seiner Linkseinstellung, intimer per­sönlicher Freund von Poincare, sagte, vom Feuer an- gefteckt, das in ber Präsidentin lodert, nach einigem Zögern zu.

>.... /.- (Fortsetzung folgt.)

zum Muster nähme und gelegentlich ein bißchen 3U treu nach ber Vorlage arbeitete . . .

Ader das geht nicht aus einfachen Gründen: es gäbe bann keine Sensation. Es wäre keine Sen­sation, wenn Chaplin von Sarment ein bißchen be­stohlen würde denn, wer ist schon Herr Sarment? Nur umgekehrt ist es möglich, daß für alle Kaftee- hausliteraten und solche, die es werden wollen, ber nötige Klatschstoff gegeben ist. Nur so ist möglich, daß man sich über die Skrupellosigkeit bet Arrivierten den Mund »erteilt (die Skrupellosigkeit der anberen ist eben eine Selbstverständlichkeit, über die braucht man nicht zu sprechen).

Was, zum Kuckuck, heißt denn schon Plagiat? Ist es ein Plagiat, wenn Plato des Sokrates Ideen auf« zeichnet, wenn aus lebendiger und darum nur zu vergänglicher Rede weisheitvolle Werke werden, die Jahrtausende überdauern oder wenn Shakespeare aus Plutarchs ledernen Historien glutvolle, heiße Dramen formt (mit welchen beiden Beispielen, die ausgezeichnet sind, ich Egon Friedell plagiiere)? Was taten diese beiden Genies anderes als was Chaplin heute tut oder in kleineren Graden, tiefer gelege­nen Ebenen, vor- etlicher Zeit Bert Brecht und Ler- net-Holenia taten und wie die Plagiatoren alle hei­ßen? Warum schimpft man nicht über Plato und Shakespeare?

Weil hier eben keine Sensation zu konstruieren ist. Es ist unmöglich, aus diesen Tatsachen Ge- fprächsstosf zu machen, es ist unmöglich, diese beiden Genies durch die Zitierung von Sokrates und Pln- tarch herabiufetzen. Zu scsi sind sie vom Bewußt­sein von Jahrhunderten und Jahrtausenden mit ihrem Ewigkeitssockel verkittet worden.

*

Es ist gewiß nicht gerade schön, wenn man sei­tenweise abschreibt «was auch vorkommen soll). Sol­che Herrschaften foll man abfaffen und anprangern, wo man sie findet. Es ist aber mehr als überflüs­sig, fosort das Plagiatgebrüll zu erheben, wenn man irgendwo eine stoffliche Aehnlichkeit spürt. Weitz man denn immer noch nicht, daß «Stoffe überaus häufig «in ber Luft liegen und nur darauf Warten, ergrif­fen zu werden und daß das bann von ein paar Leuten zugleich geschieht? War es Plagiat, als vor ein paar Jahren zugleich vier Napoleon-Dramen auf ber Deutschen Bühne erschienen, Emil Ludwigs Biographie nicht mitgerechnet? War es Plagiat, als im Zeitraum eines einzigen Jahres Hunderte von Kriegsromanen geschrieben Würben, die sich stoff­lich ähnelten wie ein Ei bem andern?

Geht doch mix der Rede von Plagiat. Es ist immer nur halb so schlimm und meist sollte der arme, bedauernswerte Plagiierte sich noch dafür be­danken, daß es ihm geschah. Daß aus einem Stoff, den er zufällig fand, der ihm zufällig einfiel, ein anderes Gehirn mehr machte, als er selbst. Damit ich zum «Schluß noch einmal plagiiere: Wir sind schließlich alle nur Plagiatoren des Weltgeistes, Se­kretäre, die sein Diktat niederschreiben: die einen passen besser auf, die anderen schlechter: das ist vielleicht der ganze Unterfchied. (Dieser Satz ist nämlich von Pascal.)