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' Staffelet Neueste Nachrichten

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Briand wies hie Vorwürfe Franklin-Bouillons Zurück: Es sei in Genf hervorgehoben worden, daß man keinen Unterschied zwischen der politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit Oesterreichs machen könne. Sei das etwa ein Verzicht der französischen Regierung aus die französische These? Da Oester­reich und Deutschland nicht mit England und Frank­reich in juristischer Hinsicht einig gewesen seien, habe man die Angelegenheit vor den Haager Gerichtshof gebracht. Das entspreche der Gepflogenheit, und das sei kein Verrat. Die Anschlutzaffäre sei gehemmt Worden. Schober habe zweimal erklärt, Oesterreich würde sich der Fortsetzung der Verhandlungen mit Deutschland enthalten, solange das Haager Gericht nicht gesprochen habe. Was würde Franklin-Bouillon an seiner, Briands, Stelle getan haben? Die Rechte Frankreichs seien niemals aufgegeben worden und niemals sei er in Genf mit einer solchen Atmosphäre der Herzlichkeit und Shmpachie umgeben gewesen, wie diesmal.

Briand beteuerte dann, daß er nicht an seinem Posten klebe, aber der Staatsmaim, der nach ihm kommen würde, könnte nicht etwas unternehmen, was dem zu widerlaufen würde, was er getan habe. Wenn er als Minister zurücktrete, würde er im Lande seine Friedenspolitik verteidigen, aber man dürfe nicht einen Eentime zuviel für unnütze Ver­teidigungszwecke vergeuden, zumal das Land schon von Steuern erdrückt werde.

Kleine Tänzerinnen aus Kambodscha: Ihr seid Anfang und Endel A. Pütz.

Berlin, 29. Mai.

Sn der Kammer kam es gestern zu einer Aus­einandersetzung zwischen Franklin-Bouillon und Briand. Franklin-Bouillon erklärte, er habe eine Interpellation etngsbracht, weil das Kommunique über den letzten Ministerrat besagte, die Regierung habe Briand einmütig zu den in Genf erzielten Er­folgen beglückwünscht. Er. Franklin-Bouillon, könne Briand kein Vertrauen schenken. Die Kammer habe Briand den Austra« erteilt, den Anschluß zu be­kämpfen. Briand sei aber Henderson gefolgt, der durchsetzte, daß die Anschluß frage auf das wirtschaft­liche Gebiet geschoben würde.» Briand hätte sagen müssen, die Anschlußfrage fei nur 20 Prozent eine wirtschaftliche und zu 80 Prozent eine politische Frage. Der Auftrag, den die französische Kammer Briand gegeben habe, sei nur unvollkommen erfüllt worden. In Wirklichkeit habe also Frankreich nichts erreicht.

Rededuell BriandFranklin-Bouillon

Kammersieg der Regierung Laval

auch in der äußeren Erscheinung der Städte und In­dustriebauten dokumentieren. Das künstlerisch ausge­nommen« Flugbild mußte ebenfalls herangezogen werden. Schließlich galt es noch durch einige typische Bilder die deutschen Volkstrachten vor ihrem unauf­haltbaren Verschwinden festzuhalten. Während der frühere Band nur ein kurzes Geleitwort enthielt, ist dem neuen Band eine bedeutsame Einleitung von Ricarda Huch vorangestellt worden, in der eie be­kannte Dichterin einen vollkommenen, kulturhistorisch, geographisch, wie zeitgeschichtlich begründeten Quer­schnitt durch das heutige Deutschland zieht.

Paris, Ende Mai.

Gibt es auf der ganzen gewaltigen Pariser Kolo­nialausstellung, womit Frankreich gegenwärtig wie ein schwerreicher Prasser die Welt verblüfft, etwas Lieblicheres und zugleich Wehmütigeres als die klei­nen, lustigen Tänzerinnen von Kambodscha?

Warum sie so lustig sind, diese sagenhaften ,L>er- vidassi", ist allerdings nicht recht ersichtlich. Wohl gelten sie als königliche Bajaderen und Gattinnen des Herrschers, dessen persönlichem Verkehr mit der Gott­heit sie durch Tanz und Gesang so reibungslos wie nur möglich gestalten sollen: aber in Wirklichkeit sind sie doch nichts als arme Gefangene, die mit sechs Jahren bereits von ihren ehrgeizigen Eltern in den königlichen Palast gebracht werden, wo ihnen eine Erziehung im Hinblick auf ihren zukünftigen Beruf zuteil wird. In früheren Zeiten war ihr Schicksal noch beklagenswerter; sie unterstanden nämlich nicht nur dem König, sondern auch den Bonzen und Tempelpriestern, die sie auf alle mögliche Weise quäl­ten. Der gegenwärtige König Sisowath hat sie von dieser Abhängigkeit befreit und gestattet ihnen auch sonst noch allerlei Dinge, die ihr Leben erträglicher gestalten. Immerhin wird an ihnen nach wie vor jene grausame Operation vorgenommen, deren pla­stische Darstellung wir an dem Tempel von Angkor sehen können, und di« aus den kaum achtjährigen Kindern Frauen macht; daß man das gleiche Ergeb­nis auf natürliche Weise erzielen könnte, scheint selbst demguten" König Sisowath noch nicht in den Sinn gekommen zu sein.

Ueber den Ursprung der kleinen Tänzerinnen er­zählt die Legende folgendes: Gott Vichnu hatte die Gestalt - eines schönen Jünglings angenommen und begab sich des Nachts in die Stadt, der Menschen Herzensgüte zu erproben. Er klopfte an die Türen aller reichen Brahmanen an, wurde aber überall mit rauhen Worten abgewiesen. Da kam er schließlich draußen vor der stabt zu einer armseligen Hütte, daraus er den hellen Gesang einer frischen Mädchen­stimme vernahm. Hier wurde er freundlich ausge­nommen und mit allem bewirtet, was die sleitzigen Hände nur zubereiten konnten; Tanz und Gesang versüßten die einfache Mahlzeit des Gottes. Da es spät geworden und der Gast müde schien von langer Wanderung, bot ihm das holde Mädchen ihr eigenes Lager an: und da liebte sie der Gott und versprach ihr feinen besonderen Schutz, ihr und ihren Nach­kommen.

Zum zweitenmal haben die heiligen Tänzerinnen

entscheidender Schritt zur Herabsetzung unserer Tri­butlasten unternommen werden." Zu einer solchen Herabsetzung sind wir aber bekanntlich leider nicht allein in der Lage, und Zwangsmittel stehen uns seit dem Versailler Diktat verzweifelt wenig zur Verfü­gung. Nach Versailles und nach dem Londoner Ulti­matum bedeuteten jedoch der Dawesplan und dann der Youngplan die ersten Stufen einer allmählichen Erleichterung. Wir können es daher nicht als einen Vorwurf empfinde«, wenn der Briesschreiber zum Schlug sagt:

ruhenden Kräfte lebendig zu machen und den Willen zu stärken zur verantwortlichen Gestaltung von Staat, Wirtschaft und Kultur im Sinne einer Volksgemein­schaft. Gegenüber allen Strömungen auf Spaltung und Absonderung im öffentlichen Schulwesen betone er die innere und äußere Einheitlichkeit des öffent­lichen Schulwesens. Er verlange eine entschiedene Reichs-Kulturpolittk und eine sinnvolle Gliederung der organisch aufbauenden Schule. Die Einheit der deutschen Bildung könne jedoch nicht gefunden werden, wenn man hinter die Gegenwart zurückgehe und al­lein das historisch-gewordene Kulturgut als das ver­pflichtende Äildungsgut herausstelle. Vielmehr müß­ten die sozialen, politischen und weltanschaulichen Spannungen pädagogisch fruchtbar gemacht werden.

Nachdem Reiber-Darmstadt überSchule in Ge­fahr" gesprochen hatte, nahm die Versammlung auch zu diesem Thema eine Entschließung an, worin die Notwendigkeit sparsamer Wirtschaftsführung aner­kannt, jedoch unter Betonung des Verantwortungs­gefühls zür die geistige, sittliche und körperliche Aus­bildung der deutschen Jugend schärfster Protest erho­ben wird Legen solche Sparmaßnahmen, die das Ni­veau der «chule gefährden. Die Abstriche an den Bil­dungshaushalten von Reich, Ländern und Gemein­den, die Ueberfüllung der Schulklassen usw. drückten die deutsche Volksschule auf einen für längst über­wunden geglaubten Tiefstand herunter. Die Ent­schließung wendet sich Wetter gegen die fortgesetzte Etnziehung von Lehrerstellen und schließt mit einem Appell an die gesamte deutsche Oeffeutlichkeit, be­sonders die Elternschaft, mit dem Deutschen Lehrer­verein gemeinsam die Durchführungdieser bil­dungsfeindlichen Pläne" zu verhindern.

Deutschlands Schule ist in Not, Deutschlands Ju­gend in Gefahr. Deutsches Volk, hilf!" so schließt die Resolution.

Abschluß der Lehrerinnentagung

Stuttgart, 29.-Mai.

Unter dem ThemaElternhaus und Schule" fand im Rahmen der Tagung des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnen-Vereins eine öffentliche Versammlung statt, in der Frau Direktorin Glinzer-Hamburg über die Erziehungsschwierigkeiten sprach, die heute für Eltern und Schule beständen. Wertvolle Ansätze einer planvollen Ausbildung der Erziehungskunst seien in den Mütterschulen gegeben.

Die Vorstandswahlen ergaben die Wiederwahl der bisherigen ersten Vorsitzenden, Frau Oberschulrat Beckmann-Hamburg und der übrigen Vorstandsm.t- glieder. In einer weiteren öffentlichen Versammlung führten drei Vorträge überGegenwartsforderungen an Unterricht und Leben der Schule" mitten in die innere Berufsarbeit. Vom Standpunkt der höheren Schule, der Volksschule und der Berufsschule aus wiesen die Rednerinnen Frau Studiendirektorin Dr. Susanne Engelmann-Berlin, Frau Hauptlehrerin Zehringer-Furtwangen und Frau Berufsschullehrerin Gerstner-Nürnbera darauf hin, daß Stoffauswahl und Methode unter den Anforderungen der Gegen­wart gesehen werden müßten. Mit dem Wort Ste­fan GeorgesHerr der Zukunft ist, wer sich wandeln kann" und mit dem BekenntisWir wollen unsere Arbeit leisten im Dienst« an der Jugend des deut­schen Volkes", schloß Frau Beckmann die Tagung.

Sie traten einst selbst für die Unterzeichnung des Boungplanes ein, heute rufen Sie auch nach Revi­sion!"

Darauf könnte man nur antworten:Selbstver­ständlich!" Wir haben niemals gesagt, daß der Doungplan di« letzte Lösung der Reparationsfrage darstelle. Er konnte immer nur eine Stufe fein, die man aber nicht überspringen konnte. Selbstverständ- lich verlangen wir mit dem ganzen deutschen Volke, daß der Weg der Lastenerleichterung nun bald eine Stufe weitergehen muß, daß also der Doungplan nicht länger unverändert in Geltung bleiben darf. Darin liegt eine realpolitische Entwicklungslinie, vor der man die Augen nicht verschließen kann, wenn man sich nicht in politischen Phantasien verlieren will.

Es ist geradezu unerhört, . . ." so schließen die meisten anonymen Briefe, und auch der vorliegende macht davon keine Ausnahme. Die Zeitungen sind an diesen Kummer gewöhnt, aber sie können sich durch solche Vorwürfe in ihrer Aufgabe nicht irre machen lassen. Wenn die Zeitungen der Spiegel der öffentlichen Meinung sein sollen, so müssen sie zu­nächst dieser ösfenttichen Meinung durch sachliche Unterrichtung die notwendigen Grundlagen für eine zutreffende Urteilsbildung liefern. Wem wäre da­mit genützt, wenn wir alles das, was wir über die bevorstehenden Maßnahmen der Reichsregierung er­fahren, sorgfältig verschweigen, ober es unseren Lesern nur in vorsichtigen kritischen Andeutungen vorsetzen wollten? Die sachliche Nachricht ist immer noch der erste, das kritische Urteil der zweite Teil in der Arbeit einer Zeitung und bei der Bildung der öffentlichen Meinung. Es ist nicht unerhört, was wir geschrieben und berichtet haben, es war vielmehr unsere Aufgabe und unsere Pflicht auch Ihnen gegenüber, verehrter Herr Artikelschreiber!

Dr. Thum.

Beschlüsse des Deutschen Lehrervereins

Frankfurt, 29. Mai.

Am letzten Verhandlungstag des Deutfchen Lehrer­vereins wurde eine Entschließung angenommen, in der es heißt, daß der Deutsche Lehrerverein an seiner Grundforderung festhalte, alle in unserem Volkstum

Das Heinrich schütz-Fest 1931 der Neuen Schütz-Gesell, schäft e. B. findet am 14. und 15. November in Flensburg unter Leitung von Johannes Röder statt. Das Festvro- gramm siebt für Sonnabend zwei Konzerte, in der Nikolai, kirche^vor: Nachmittags Vorläufer. Zeitgenossen und Hein. rfsh_e>chud <u. a. -schütz: Deutsches Magnificat, Vurteyude: Mrffa brems in Gurlitts Bearbeitung), abends große « capella-Werke von Tckütz (u. a. die Exeauie», Uraufsütz- rung -es 116. Psalm ) Schutzs, ferner eines unbekannten Werkes von LechnerChrist der du bist der helle Tag'». Am Lvnntag nach dem Feitgottesdienft sFestvrediger Hauol- vastor Heinr Koehler) ein weltliches Konzert im Ttadrrhea- ter mit Madrigalen, Bokal- und Cembalosoli. Am Sonn- tag nachmittag ein --»listen- und Orchesterkonzert in der Wunderschönen. «uw des humarttMschen Gymnasiums: abends im groyen Saal des Deutschen Hauses grobe drei- und vierckchnge Werke tu. aJ stnicht Ephraim mein teurer $oön , ..HerrenHier Herrscher":Zion spricht, der Herr bat "sich verlaffen ; KonzertJauchzet dem Herrn alle Welt" ^lstlt am der eben vollendeten großen Orgel des De«»

Wie Ricarda Huch in ihrem Essay versucht, das Wesentliche an Doutschlanid auf.zuzeigen, so setzt der Bild erteil das Wort in optisches Erlebnis um. Die Auswahl der Bilder, unter Venen sich wahre vhotogrWhische Wunderwerke in Komposition, Licht- spiel und Ausdruckskraft des Motivs befinden, sucht die Intimität mit dem Leser nicht dadurch zu errei­chen, daß auf die bekanntesten Motive unserer Heimat zurückgogriffen wird. Vielmehr ist die Kamera aus Enuoeckungen ausgegangen und zeigt uns Deutschland mit einer Unmittelbarkeit, di« uns umso mehr in Er­staunen setzt, als wir selbst schon glaubten, die Welt nach der Zertrümmerung, mancher angelernter Be­griffe mit völlig neuen Augen zu scheu. Eine ganz moderne Perspektive, die des Fliegers, hat besonders dazu 'beigetragen, Struktur von Landschaften und Städten zu offenbaren. (Es gibt da einige süddeutsche Parkbilder von verblüffender Formensprache.) Nur da, wo es nicht zu vermeiden war, ist der berühmte Stern im Baedeker Bild geworden, z. B. auch bei Kassels Wahrzeichen, dem sarnesischen Herkules mit den Kaskaden, sonst ist immer das wenig Bekannte, aber durchaus Charakteristische bestimmens bei der Auswahl der Bilder für das neue Deutschlandbuch ge­wesen.

die Reise nach Europa angetreten. Die älteren unter ihnen wissen noch von dem guten Meister Rodin-zu erzählen, der sie auf alle mögliche Weise verhätschelte. Um sie zu bewegen, ihm zu seinen Werken Modell zu stehen, kaufte er ihnen alles, was ihr Herz nur begehren konnte: da sie besonders auf hübsche Schuhe erpicht sind, plünderte der Künstler die vornehmsten Schuhhäuser von Paris und Berlin, und die Rück­reise nach Hinterindien machte infolgedessen einige Schwierigkeiten, denn es mußten tausend und aber­mals tausend Schuhkartons befördert werden. Hof­fen wir, daß die kleinen Tänzerinnen auch diesmal solch begeisterte Verehrer finden: die Zeiten sind zwar ungleich prosaischer, aber der Aga Khans gibt es noch immer genug.

Im Verlaufe eines märchenhaften Nachtfestes im Ständigen Kolonialpalast haben sie zum erstenmal ge­tanzt. Tout-Paris war versammelt: die Minister, die Marschälle und Generäle, die Spitzen der Behörden und der Gesellschaft, dazu zahllose Würdenträger der Kolonien, der Kaiser von Annam, die Maharad- schahs und Kaids, deren Ahnen bereits herrschten, als Frankreich noch eine römische Provinz war. In einer Sinfonie von farbigen Lichtbündeln traten erst die Tänzer der Antillen auf, dann die Gladiatoren von Annam, funkelnde Riesengestalten, die hieratisch die Bühne umschreiten, ehe sie sich in klirrendem Kampfe miteinander messen; die Schlangentänzerin- nen von Sigutri, die Säbelschlucker von Samorv, die akrobatischen Neger der Elfenbeinküste, die tunesischen und marokkanischen Musiker, mit ohrenbetäubendem Lärm ihre Instrumente schwingend. Schließlichdas königliche Ballettkorps von Kambodscha", wie die kleinen Tänzerinnen offiziell heißen. Die mächtigen Scheinwerfer lassen all ihr Feuer spielen, die juwelen­bedeckten Frauen der Pariser Gesellschaft richten ihre Lorgnons. In goldfunkelnder Rüstung, auf dem Kopf einen spitzen, strahlenden Helm, zwischen den winzigen Fingern eine sterbende Rose, so treten sie auf. Man weiß nicht: sind es Kinder, sind «S Frauen? Leben, atmen sie, fließt warmes Blut durch ihre Adern? Berühren ihre Füßchen den Erdboden, oder schweben die Körperchen libeklenhaft über die Bühne? Der Anblick ist hinreißend, halluzinatorisch. Mit jeder Bewegung wechseln die schimmernden Ge­stalten die Farbe, schillern abwechselnd in Türkisblau, in Gold und Mauve, in Grün, in Silbergrau . . . flammen auf, glühen, sterben ab, versinken ins Nichts.

Wie prosaisch dünkt uns nachher das prunkvolle milttärijche Schauspiel.: all hie glorreiches LgMes

Bei -en heiligen Tänzerinnen

Von unserem Pariser Korrespondenten

Die politisierte Justiz hat nun, gleichsam zum Aus­gleich, andere Opfer gesunden: das sind die deutschen Spione, von denen heute an allen Stammtischen und in allen Kaffeehäusern des Landes eifervoll die Rede ist. Schon vor einigen Wochen wurden drei solche Staatsverbrecher aufgegriffen. Zwei weitereAgen­ten Hindenburgs" wie finden Sie diese Bezeichnung aus dem Munde aktiver politischer Beamter der fran­zösischen Republik? wurden später verhaftet, einer von ihnen mutzte freilich unmittelbar freigelassen werden. Und nun hat sich der dritte Fall ereignet: ein sicherer Herr Heinrich, der seit mehreren Wochen im Straßburger Untersuchungsgefängnis sitzt, obwohl seine Verhaftung erst vor drei Tagen befanntgegeben wurde man braucht eben Zeit, um ein schönes Ge­ständnis zu konstruieren, gab zu, daß er von der Stuttgarter Spionagezentrale" erst ein Gewehr aus einer Straßburger Kaserne zu stehlen versuchte und dann die Aufmarschpläne der Armee aus dem Kriegs­ministerium in Paris. Die deutsche Oeffentlichkelt hat keinen Anlaß, sich dieses Herrn Heinrich besonders anzunehmen. Er ist ein alter Zuchthäusler und polizei- bekannter Profefsiönsdieb, dieser Kronzeuge, den oas im Elsaß herrschende System sich zum Beweis der viel­zitiertenpangermanistischen Mache" verschreibt. Ein Mann, der 'Phantasie hat, man muß es zugeben. So erzählt er, die deutsche Spitzelzentrale, die, wie er­wähnt, in Stuttgart ihren Sitz hat, verfüge über Zeich­nungen und Grundriße sämtlicher Pariser Ministerien und vom Kriegsministerium wisse man in Stuttgart sogar, wann die Reinemachfrauen morgens zur Arbeit anträten, wann der Herr Portier abends in die Kneipe ginge und was ähnliche Geheimnisse des nächsten Weltkrieges mehr sind. Freilich: er hat ein paar Wochen Zeit gehabt, gemeinsam mit dem Unter­suchungsrichter, dem nun zum Nationalfeiertag das rote Bändchen der Ehrenlegion sicher ist, die Sache auszudenken. Und so gut ist der Spionageroman, den die beiden ausgetnobelt hallen, wieder doch nicht, daß er ernsthafter Kritik lohnte.

Ein anderes freilich fordert zu autzerordentlich nachdenklicher Kritik heraus: das ist die Unbedenklich­keit, mit der hier, an der Grenze und im deutsch­sprachigen Land, Deutschland Tag für Tag verdächtigt und verleumdet werden darf. Zum Teil mögen An­griffe, denen man freilich etwas kultiviertere For­men wünschen würde, auf der Linie der Tagespolitik liegen. Da der übergroße Teil der Bevölkerung aus seiner Ueberzeugung, daß es früher besser war, kein Hehl macht, ist es geradezu die Aufgabe der von Frankreich subventionierten Politiker und Zeitungen, tagtäglich gegen die deutsche Vergangenheit anzuren- nen, da andere Argumente zur Ehre und zum Preis der sranzösisterten Gegenwart wohl nicht zur Verfü­gung stehen. Daß solche kommandierte Angriffe gegen die entschwundene deutsche Vergangenheit am lär­mendsten von den elsässischen Sozialisten ausgehen, deren Presse keinen Tag vergehen läßt, ohne dem deutschen Nachbarn eins auszuwischen, will seltsam zur Versöhnungspolitik passen, der die Linke sich sonst widmet.

Wenn man auch die Tatsache, daß der deutsche Komplex im Schatten des Straßburger Münsters, des deutschesten aller Dome, besonders umkämpft fein muß, in Rechnung stellen will, bleiben dennoch die Formen, die dieser Kampf auf national-französischer Seite an­nimmt, für europäische Begriffe unverständlich. Es gibt, außer vielleicht im Machtbereich des angenehmen Herrn Grascinsky in Kattowitz, keine zweite politische Verwaltung, die, wie die elsaß-lothringische, die Nach­barnhetze zur Staatsweisheit letzten Schluß erheben möchte. Der Effekt ist freilich beschämend genug: die Mißstimmung steigert sich von Tag zu Tag, die nach politischen und nationalistischen Gesichtspunkten kom­mandierte Wirtschaft stockt und ein Land, von Natur und Kultur zum Garten Gattes ausersehen liegt in ständigen Fieberkrämpfen.

Das Deutschland-Buch

Ein neuer ,/Orbis Terrarum"-Band.

Orbis Tervarum, i>ie Reihe der berühmten Bil- deriverke des Atlantis-Verlages (früher Ernst Was- much), von denen bis jetzt zwanzig erschienen sind, ist soeben um einen neuen Band vermehrt worden: Deutschland", herausgegeben von Martin Hürli- mann, cingelettet von Ricard,a Huch. Das erste Deulschlanvbuch vonOrbis Terrarum", das aller- weiteste Verbreitung gesunden hat, wind nicht mehr »du aufgelegt uns ist ourch ven vorliegenden Band erjetzt worden.

Bestimmend für die vollständige Neubearbeitung des Deutschlandbandes war für Verlag und Heraus­geber allein die gebieterisch an ihn herantretenden Wunsche der Freunde der Orbis Terrarum-Jdee: L-ert Herausgabe des ersten Bandes haben sich nicht nur Photo und Tiefdruck weiter entwickelt, sondern auch das Verlangen wurde immer reger, Deutschland möge in der repräsentativsten Photolluch-Sammlung der Wett nicht nur als Land lisbenswert alter Win- M dgzgeAhllt werden, deren gewaltige Leistungen sich

gewiesen wird, daß England viel höhere Alkoholsteuern als Deutschland durchgeführt hat. Gewiß ist es sehr wichtig, dem Auslande klar zu machen, daß wir an »er Grenze unserer Leistungsfähigkeit angekommen sind, und die neue Notverordnung wird ja im beson­deren Maße dazu bestimmt sein, dem Auslande diesen Beweis zu liefern, und die Grundlage dafür abzu­geben, daß wir den Reparationsgläubigern erklären können:Deutschland ist an der äußersten Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt, und nun mutz entscheidender Schritt zur Herabsetzung unserer

Straßburg, Ende Mai.

Sie^e.r einmal recht nervös geworden im Elsaß, ^zn Versailles gaben sechs heimatrechtliche Ab- geordnete ihre Stimmen für den Doktor Ricklin, den c tenßöroen vom Sundgau", als Präsidenten der tranzosifchen Republik ab. Ein anderer leistete sich gar Öen Witz den Bankier Oustric, dessen Skandalaffären, m°n weiß es, das Kabinett Tardieu stürzten, für das höchste Amt im Staate vorzuschlagen. Die malaise aliactenne, die berühmte elsässische Mißstimmung, fin­det wie man steht, mitunter eine drastische Ausdrucks­welse.

Nicht minder drastisch ist freilich die Methode des Systems, das diese Mißstimmung bekämpft. Was an Unzufriedenheit, an Oppositionslust, an Enttäuschung unb Verbitterung in diesem Volke gärt, wird von einer erleudjteten Obrigkeit kurzerhand alspanqer- manistijche Mache" abgetan. Es ist die einfachste Er­klärung für sämtliche Probleme^ die das neue Regime nicht zu meistern vermochte. Wie, der Landwirtschaft geht es schlecht? In Bauernversammlungen klingen mitunter sehr scharfe Worte auf? Pangermanistische Mache natürlich, nichts anderes! Die Stagnation des Handels, die ersten, drohenden Anzeichen einer Ar- bettskrise die Schwierigkeiten der Rheinschiffahrt, die Verschlechterung des Schulwesens, die demonstrative Vernachlässigung der heimattreu verwalteten Landeshauptstadt durch die Parifer Zentrale, die un­befriedigende Hopfenernte, das kalte Frühjahr und der brennhelße Frühsommer pangermanistische Wiche und sonst gar nichts!

Natürlich muß irgendetwas geschehen gegen diese pangermanistische Mache". Bücherprämien für Schul­ender, die den schönsten französischen Aufsatz schrei­ben und Kerkerstrafen für die Wortführer der Hei- matbewegung mögen ja sehr probate Mittel fran­zösischer Kulturpropaganda sein, abkr es fehlt ihnen doch einigermaßen die werbende Kraft, denn die Straßburger Schuljugend interessiert sich doch weit un- mittelbarer für Fußballschlachten als für unverständ- ftche französische Hausklassiker und was die Verurteil­en von Colmar betrifft, so lassen sie noch aus dem Gefängnis erklären, daß kein Kerker der Welt sie von ihrer Heimatliebe und von ihrer autonomistischen Ueberzeugung abbringen wird. Sie hätten mehr als einmal ihre Freiheit für eine Loyalitätserklärunq cinljanbeln können. Tun sie aber nicht. An ihrer französischen Loyalität dies ist der Standpunkt aller maßgebenden Autonomisten kann ja lein Zweitel lein da sie sich die Verwirklichung ihrer Ziele- innerhalb des französischen Staatsverllandes vor- tellen. Aber weil diesergemeinsame Staatsver- band das elfasfische Volk bisher in so verständnis­loser und brutaler Manier behandelt hat, sehen sie ich ihrerseits zu keinerlei Ueberbetonung .einer Loya­lität veranlaßt, die, von Bajonetten erzwungen, auch weiter nur von Bajonetten gesichert sein kann.

Sie bitten nicht um Gnade. Aber immer einmüti­ger fordert die gesamte elsässische Oeffentlichkeit die Amnestie der Verurteilten von Colmar als ihr gutes Aecht. Drei Jahre lang sitzen sie nun im Gefängnis, ^n diesen drei Jahren haben ihre Namen eine Popu­larität in der zutiefst freiheitsliebenden elsässischen Bevölkerung errungen, die selbst den nach Paris orien­tierten Parteien und Politikern auf die Nerven geht Auch diese Kreise erklären heute ganz offen, daß man bie Manner der Heimatbewegung, deren tendenziöse Verurteilung ganz allgemein mißbilligt und als eine Diskreditierung der französischen Justiz empfunden wurde, je eher, je lieber freilassen muß. Es ist an­zunehmen, daß ihre Amnestie auch chließlich am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, erlassen wird. Gewiß keine ungeschickte Geste aber eine, die drei Jahre zu spät kommt, als daß sie sehr in die tiefe wirken würde. 1

Fieberndes Elsaß

Don Rene Kraus

A.luulolregimenter, die blitzenden Uniformen, I auch in der äußeren Erscheinung der Städte und eine Wiederauferweckung von Jahrhunderten, die von -----~ - --- --

(Frankreichs Größe und Macht zeugen. Die kleinen Tänzerinnen haben sich inzwischen in ihre Gemächer zurückgezogen; eine richtige Gefängnisstadt im Innern des gewaltigen Angkortempels, die sie nur bei be­sonderen Anlassen verlassen dürfen. Man behauptet übrigens, sie seien in den letzten Jahren viel selbst­bewußter geworden und hätten zum Beispiel mit einem richtigen Streik gedroht, wenn man ihnen nicht die Schönheiten der Pariser Ausstellung zeigte, «o sah man sie am Sonntag abend unter starker Bedeckung annamilischer Reiterschützen die herrlichen Wasserwerke bestaunen, die auf dem künstlichen See von Daumesnil errichtet sind, und die weder an Technik und an Großartigkeit auf der Welt je ihres­gleichen befaßen; sah ihre kindlichen Augen trunken ob der feenhaften Beleuchtung, der phantastischen Prunkpalaste, die alle Märchen aus Tausendundeine Nacht zu verwirklichen scheinen, und den Glanz des Orients weit in den Schatten stellen. Aber auch: Mit ihrer vieltausendjährigen, stummen Geschichte heben sie noch stärker das Sinnbild eitler Vergänglich­keit hervor, die besonders das allbeherrschende Frankreich dazu führt, durch eine solche stolze Gegen­überstellung zu uralten Werten der eignen Kultur den Schwanengesang zu singen.

Freitag, 29. Mai 1931

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Die Karniner lehnte dann mit 318 gegen 261 Stimmen die von der radikalen Kammersraktion be­antragte Priorität für die radikale Tagesordnung, eine Priorität, gegen die sich die Regierung durch Ministerpräsident Laval ausgesprochen hatte, ab. Die Regierung hat also eine Mehrheit erhalten. Die Abstimmung über die übrigen Tagesordnungen e» gab eine Mehrheit von 62 Stimmen für die Regt» rung.