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Nummer 122*

Donnerstag, 28. Mai 1931

21. Jahrgang

Hessische Abendzeitung

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Kasseler Abendzeitung

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Kasseler Neueste Rchnchjm

Professor piccards Ballon verschollen?

Dergebirches Forschen von Fliegern nach dem Stratosphärenballon / Veröffentlichung von Brünings Notverordnung während der Konferenz von Chequers

Jn einer Woche: Notverordnung

Von unserer Berliner Schriftleitung.

Der Zwang zum Handeln

Von Staatssekretär z. O. Frhr. v. Nheinbaben

Berlin, 28. Mai.

Die Besprechungen, die der Reichskanzler mit den zuständigen Ressortministern und Fachberatern über die neue Notverordnung geführt hat, sollten heute beendet werden, so daß die erste formelle Kabinetts- sttzung über diesen Gegenstand voraussichtlich morgen stattfinden wird. Dann bleiben allerdings nur noch 45 Tage bis zur Abreise des Kanzlers und des Außenministers nach England, aber man nimmt in unterrichteten Kreisen an, daß diese Zeit genügen wird, um die Notverordnung endgültig fertig zu stellen, da in dein erwähnten engeren Ausschuß in den letzten Wochen sehr intensiv gearbeitet worden ist und da hierbei alle Einzelheiten der neuen Not­verordnung so gründlich vorbereitet worden sind, daß das Gesamtkabinett voraussichtlich kaum noch etwas daran ändern wird.

Die Notverordnung soll, wie der Kanzler gestern betm Empfange der Führer der sozialdemokratischen rrraktton noch einmal betont hat, unbedingt noch vor der Abreise nach England fertig gestellt werden, aber mit der Veröffentlichung ist erst für einige Tage später zu rechnen, vielleicht schon während der Kon­ferenz von Chequers. Beschlüsse des Reichskabinetts smd zwar, wie gesagt, noch nicht gefaßt, jedoch dürfte frch am Inhalt der Notverordnung gegenüber den vtsher von uns veröffentlichten Mitteilungen nicht mehr allzuviel ändern. Zu diesen Mitteilungen ist noch zu ergänzen, daß man, soweit die Reform der ' .^Arbeitslosenversicherung in Betracht kommt, , wahr­scheinlich erst noch den dritten Teil des Gutachtens der Braunskommission abwartet, der in den nächsten Tagen erscheinen soll.

Die Erhöhung der Beiträge in der Arbeitslosen­versicherung wird wahrscheinlich 1 Proz. betragen. Die Invalidenversicherung soll in ihren Leistungen nicht geändert werden. Zu der Krisenunterstützung jedoch sollen, gegenüber dem bisherigen etatsmäßigen Beitrag von 400 Millionen wahrscheinlich 700 Mil­lionen Mark von Reichswegen geleistet werden. Bei der Beschäftigungssteuer ist voraussichtlich mit einer Staffelung zu rechnen, die sich, wie man annimmt, zwischen 4 und 6 Prozent, evtl, bis zu 1 Prozent, bewegen wird. Die Streichungen am Etat werden insgesamt wohl kaum die ursprünglich ange­nommene Höhe von 250300 Millionen, sondern vielleicht nur etwa 200 Millionen Mark erreichen, unter denen 50 Millionen allein beim Reichswehr­ministerium gekürzt werden sollen.

Eine andere wichtige Mitteilung, die der Kanzler gestern bei der Besprechung mit den sozialdemokra­tischen Führern gemacht hat, geht dahin, daß die Regierung möglicherweise zur

Senkung der Getreidezölle schreiten wird, wenn die sonstigen Maßnahmen zur Sanierung des Brotpreises sich nicht als ausreichend erweisen sollten. Damit ist ein Kurs angekündigt, der bereits heute bei der Landwirtschaft Opposition hervorruft

Lurtius erstattet Bericht

Die gestrige Kabinettssitzung hat lediglich der Entgegennahme des Berichtes gedient, den der Außenminister über die Genfer Tagung des Völker­bundsrates gegeben hat. Das Kabinett stellt sich voll­kommen auf den Standpunkt des Ministers Dr. Cur- lius, wie auch in einem amtlichen Kommunique mit­geteilt und ihm der Dank für seine Tätigkeit aus­gesprochen wurde.. Dieser Umstand schließt selbstver­ständlich die Tatsache nicht aus, daß man auch in Regierungskreisen die Schwierigkeiten in vollem Maße erkennt, die sich aus der Genfer Tagunq bei einigen der dort behandelten Problemen ergeben haben. Das gilt in erster Linie für die Zollunion, bei der jedoch die Regierung unbedingt auf dem Standpunkte bleibt, daß diese Aktion durchgesührt werden müsse. Auch hat man auf Grund einer Reihe von Aeußerungen neutraler Sachverständiger die best­begründete Hoffnung, daß das Urteil im Haag un­bedingt zu unseren Gunsten ausfallen wird.

Im Uebrigen wendet man sich in Berlin in die­sem Zusammenhänge mit großer Aufmerksamkeit dem Problem der

Sanierung der österreichischen Kreditanstalt zu, an dem nicht nur Oesterreich und eine Relhe Nachbarstaaten, sondern auch die europäischen Groß­mächte und Deutschland stark interessiert sind. Die Tatsache, daß dieses wichtige Geldinstitut.überhaupt in derart große Schwierigkeiten geraten konnte,-wird übrigens allgemein als ein neuer Beweis dafür an­gesehen, daß Deutsch-Oesterreich in seiner jetzigen Struktur wirtschaftlich nicht zu einer selbständigen Existenz befähigt ist,.sondern daß es Anlehnung an einen großen, wirtschaftlich stärkeren Nachbar suchen muß, so daß auch diese unglückselige Affäre als ein

neuer Beweis für die Notwendigkeit der deutsch­österreichischen Zollunion angesprochen werden kann.

Sorgen der SPD.

Neben der Notverordnung ist das wichtigste inner­politische Ereignis der nächsten Zeit im Leipziger Parteitag der Sozialdemokaten zu erblicken. Man hat bekanntlich in letzter Zeit wiederholt Erwägungen darüber angestellt, ob angesichts der starken Wider­sprüche des linken Flügels gegen die Politik der Parteileitung und der Fraktion, evtl, der Gedanke einer neuen Spaltung der S. P. D. in Frage komme. Zu diesem Thema ergreift heute der sozialdemokra­tische Abgeordnete Künstler in einem Artikel im Vorwärts" das Wort. Da Künstler früher selbst zur unabhängigen Sozialdemokratie gehört hat, so ist es umso bemerkenswerter, daß er heute mit großem Nachdruck den Standpunft vertritt, daß eine Spal­tung unter keinen Umständen in Frage kommen könne. Selbstverständlich bestünden innerhalb der sozialdemokratischen Partei politische und taktische Differenzen, aber in dem Augenblick, in welchem irgendwelche Spaltungspläne auftauchen sollten, wür­den sich, so erklärt Künstler, gerade diejenigen Partei­genossen, die nicht immer mit der Politik und der Taktik der Mehrheit einverstanden sind, den Spal- tungspläneu mit leidenschaftlicher Energie entgegen- stellen.

Kammerdebatte um Briand

Paris, 28. Mai.

Für den Fall, daß sich heute Donnerstaa in der Kammer wieder sine außenpolitische Aussprache entwickeln sollte, haben die Radikalsozialisten be­schlossen, eine Tagesordnung bzw. Entschließung zu formulieren, für die die Radikalsozialisten die Pri­orität fordern wollen. Die Raidikalsozi<üisten wollen die Fraktionen der Mitte und der Rechten durch die Abstimmung dazu zwingen, aus ihrer unklaren Hal­tung herauszutreten und sich ohne Umschweife für oder gegen Briand zu erklären. Es wird sich wahr­scheinlich eine lebhafte Aussprache über das Ver- hleiben Briands entspinnen.

München, 28. Mai.

SBte von der Fabrik Riedinger in Augsburg mit­geteilt wird, wurde der Ballon Piccard am Mittwoch um 22.30 Uhr über Bozen gesichtet. Wie neuerdings bekannt wird, hat Professor Piccard mindestens für 20 Stunden Sauerstoff und für zwei Tage Lebens­mittel bei sich.

Innsbruck, 28. Mai (5 Uhr).

Der zur Verfolgung des Ballons Piccards ent­sandte Vertreter des WTB. berichtete aus Innsbruck, daß dort bis 5 Uhr morgens keinerlei Nachrichten über eine Landung oder den mutmaßlichen Standort des Ballons Piccards eingelaufen sind. Die bekannt­gewordenen Berichte besagen, daß der Ballon durch das Stubeital anscheinend vor einer starken Gewitter­front her nach Süden abgetrieben wurde. Für die Meldungen über eine Sichtung des Ballons in Bozen und Meran am Mittwoch nach 22 Uhr war eine Be­stätigung bisher nicht zu erlangen.

Innsbruck, 28. Mai (7 Uhr).

Zur Stunde ist das Schicksal Piccards und seines Begleiters noch vollkommen in Dunkel gehüllt. Seit der letzten Sichtmeldung um 22.20 Uhr über Bozen, die aber von keiner Seite bestätigt worden ist, fehlt jedwede Nachricht. Es ist jetzt nicht einmal mit Wahrheit zu sagen, ob der Ballon tatsächlich diesen Weg eingeschlagen hat oder ob er im hintersten Stubeital niedergegangen ist.

Von der Flughafenleitung in Innsbruck, die gestern abend durch Abschuß von Raketen Verbindung mit dem Ballon aufzunehmen versucht hat, wird uns er­gänzend mitgeteilt, daß diese Signale von der Ballon­besatzung nicht beantwortet worden sind Die Flug­wetterwarte Innsbruck nimmt auf Grund der letzten Wettermeldungen an, daß der Ballon, wenn er in der zuletzt gemeldeten Sichthöhe von etwa 3000 Me­tern geblieben ist, noch weiter südlich bzw. südöstlich, also in die Gegend von Trient abgetrieben worden ist. Die Flugwetterwarte wird mit den Stationen Bozen, Trient und Mailand in kurzer Zeit in tele­phonischer Verbindung stehen und es ist zu hoffen, daß dann neue Nachrichten über das Verbleiben des Ballons zu erwarten find.

Genf, Ende Mai 1931.

Eine ernste und für Deutschland unerfreuliche Genfer Tagung ist vorüber. Die Auseinandersetzung der öffentlichen Meinung über die Ergebnisse hat im Anschluß an die tägliche Berichterstattung der hier weilenden zahlreichen Korrespondenten begonnen. Sie wird je nach Parteischattierung und sonstigen Ten­denzen wiederum sehr verschieden ausfallen. Sie wird entsprechend dem ganzen Jammer deutscher Ohnmacht und innerer Spannung mit Vorwürfen nicht sparsam sein, aber nach allem, was wir bisher auf diesem (gebiete erlebt haben, ist es mehr als ungewiß, ob sie positiv vorwärts führend für die Verantwortlichen den Weg zu neuen Entschlüssen freimachen wird. Die Lage unseres Vaterlandes er­fordert wieder einmal in besonderem Maße nüch­ternste Prüfung der außenpolitischen Bedingtheiten und Möglichkeiten, damit das, was jetzt geschehen mutz, wirklich auf der rechten Linie deutschen Frei­heitsringens liegt. Aus persönlicher Anschauung her­aus soll hier in gedrängtester Kürze unter Weglas­sung alles Unwesentlichen der Versuch gemacht wer­den, die gewonnene Erkenntnis zu nutzen und für das Kommende auszuwerten.

Schon aus jeder Aeußerlichkeit springt es her­vor, datz die Epoche 1924/30 abgeschlossen ist. Was die Anhänger der Stresemannschen Außenpolitik immer behauptet haben, ist eingetreten: Erst die Räumung deutschen Bodens von fremder Besatzung hat für Deutschland die Möglichkeit neuer Aktivität gegeben und der sranzösischen Politik wenigstens die Möglichkeit genommen, eine solche unter dem Druck der Besatzung, Verlängerung der Fristen oder gar Neubesetzung deutschen Bodens zu ersticken. Gerade aus der Erkenntnis der elementaren Bedeutung des deutsch-französischen Verhältnisses für die deutsche Zukunft und die Befriedung Europas ist es klar: Wir stehen sichtbar am Anfang eines langen weiteren Kampfes mit Frankreich um ein größeres Maß deutscher Lebensmöglichkeit, der nun allerdings andere Methoden erfordert, als sie in der Vergan­genheit richtig gewesen sind . ..

Innsbruck, 28. Mai (9 Uhr).

Die Gendarmerie von Sölden, der höchstgelegene Poften des Oetztales, meldet, daß Piccards Ballon um 21 Uhr, also genau vor zwölf Stunden, in etwa 5000 Meter Höhe von Sölden aus zu beobachten war daß er um 9.15 Uhr über Vent im hintersten Oetz- tal stand, und datz er dann die österreichische Grenze gegen Italien zwischen dem Nöderkogel und dem Storkkogel überflogen habe, die beide etwa 3000 Me­ter hoch sind. Der Ballon hat demnach also gestern abend zweifellos die Stubeier Alpen noch glücklich überquert und ist auf italienischem Gebiet, aber in das weit gefährlichere Gletscheraebiet der Oetztaler Alpen mit ihren fast 4000 Meter hohen Gipfeln und ihren viele Quadratkilometer umfassenden Gletscher- fcldern gelangt.

München, 28. Mai (10 Uhr).

Donnerstag früh um 4 Uhr war eine Verkehrs- maschine der Süddeutschen Lufthansa in München zur Suche nach Piccard gestartet. Flugkapitan Dol- di, der heute früh mit einer Verk.'hrsmaschine nach Piccards Ballon Ausschau gehalten hatte, meldet nach seiner Landung telephonisch, daß er von dem Ballon nichts gesehen habe. Allerdings ist südlich des Brenners der Himmel vollständig bedeckt. In der Frühe herrschte leichter Südwind, so daß der Ballon wieder nach Norden getrieben weiden wird. Bei der starken Sonnenbestrahlung dürfte der Ballon wieder eine Höhe von mindestens 7 bis 9000 Meter errei­chen. Eine Rückfrage bei der bekannten Bozener ^itung, .Dolomiten" am Donnerstag früh hat die Auskunft ergeben, daß dort, entgegen den bisherigen Meldungen nichts davon bekannt sei, daß der Bal­lon Piccards von Bozen aus geachtet worden ist.

T-er gestern abend auf Dem Münchener Flugplatz zur Beobachtung des Ballons aufgestiegene Münche- ner Flieger Schechner berichtet, daß an der Kugel, in der sich Piccard und sein Begleiter befinden, nichts außergewöhnliches festzustellen war.

Innsbruck, 28. Mai (HUhr).

Zahllose Erkundigungen bei hochgelegenen Gen- darmerieposten blieben bis jetzt ergebnislos. Im Flughafen Innsbruck sind zwei Augsburger Persön­lichkeiten eingetroffen, die von Professor Piccard vor seinem Aufstieg den Auftrag erhalten haben, ihn zu suchen, wenn am kommenden Tage keine Nachricht von ihm vorlieae. Ein Flugzeug mit den Augsbur­ger Herren an Bord wird noch heute mittag zur Suche nach Picngrd starten.

Deutschland ist in dem Sinneisoliert", daß ihm das französische europäische Vormacht-System noch in voller Kraft gegenübersteht, und daß sich bisher noch keine offen mit Deutschland zusammengehenden Kräfte gebildet haben, die ihm Widerstand leisten. England sucht zwar auf seine besondere Weise zu vermitteln, aber es hält hierfür engste, die wirk­lichen Gegensätze verhüllende Zusammenarbeit mit Frankreich für richtig. Italien, weit entfernt von den kindlichen, illusionären Hoffnungen gewisser deutscher Kreise, führt eine sogenannteselbständige" Politik durch, die je nachdem nach der einen oder anderen Seite optiert, sich unter vorsichtiger An­meldung von Kompensationsforderungen alle Mög­lichkeiten offen hält und wenig durchsichtig man kann vielleicht auch sagen allzu durchsichtig ist. Die neutralen Staaten halten sich vorsichtig zurück. Sie wissen zum Teil nicht, wo alles dieses hinaus will . . .

So ist diese letzte Genfer Tagung geradezu zu einem Anschauungsunterricht dafür geworden, daß für Deutschland derZwang zum Handeln" besteht, wenn es die unaufrichtige und verwaschene Phrase­ologie, die leider immer noch in Genf vorherrscht, brechen und seine Lebensintereffen so wahrnehmen will, daß es endlich festen Boden unter die Füß» bekommt ...

Es verlautet, daß der Haager Spruch über das deutsch-österreichische Protokoll schon Ansang Juli vorliegen wird. Wie man auch zu allen mög­lichen Einzelheiten der vorläufigen Genfer Erledi­gung stehen muß, eins ist gewiß: Noch ist nichts Entscheidendes verloren und die Möglichkeit oer Weiterverfolgung des am 19. März beschrittenen Weges gegeben. Eine andere Frage ist die, ob ange­sichts der zwangsweise herankommenden neuen deut­schen Aktion in der Tributfrage und angesichts des internationalen von England beeinflußten Aufmar­sches zur Abrüstungskonferenz die ganze Mion Üdcr- haupt zeitlich richtig angesetzt war. Was wir auch gemeinsam mit Oesterreich sagen und schreiben mö­gen: Frankreich und England und mancher andere Staat sehen und beurteilen sie leider bisher politisch und nicht wirtschaftlich. Wie dem aber auch fein mag: Ich glaube, daß erst die Entwicklung selbst über die Richtigkeit und Zweckmäßigkeit die letzte Entscheidung treffen wird. Die Verantwortung der deutfchen Staatsführung in der grundsätzlichen Li­nienführung ist groß, und man mutz erwarten, daß sie den Nachweis erbringen wird, gewisse augenfällige Zusammenhänge der Großen Politik rechtzeitig er­kannt und richtig eingeschätzt zu haben . . .

Soll Deutschland, wie in der ersten gefühlsmäßi­gen Aufwallung auf Grund der Ereignisse der letz­ten Woche manche forderten, nunmehr aus dem Völkerbund austreten? Ich glaube nicht! Allerdings ist diesmal die Grenze des noch für Deutfchland Erträglichen beinahe erreicht. Preußen konnte einst nach Olmütz gehen im Bewußtfein einzelner weit­blickender Staatsmänner, daß die zeftweife Demüti­gung künftige Größe vorbereite. Ader eine jahrelange und systematisch von Friedensphrasen überdeckte demütigende Behandlung eines 64 Millionenvolkes tolzester Tradition unter freiwilliger deutscher Assi- lenz ist schlechterdings eine Unmöglichkeit. Kein deutscher objektiver Teilnehmer an der letzten Genfer Tagung konnte sich dem Gefühl entziehen, daß die Krisis des Völkerbundes, jedenfalls die der deutschen Mitarbeit, herannaht. Vielleicht erbringt sie die Abrüstungskonferenz, vielleicht kommt sie schon eher. Auf jeden Fall muß sie sich nicht auf eine Einzelfrage oder gefühlsmäßige Ablehnung, sondern auf die nationale Schicksalsfrage gleichen Rechtes mit den Siegerstaaten stützen!

Das Auftreten der Russen in Genf hat ein all­gemeines Liebeswerben um Sowjetrußland zur Folge gehabt. Weit ab sind wir von den Träumen einer gemeinsamen antirussischen europäischen Front. Deutschland erlebt eine volle Rechtfertigung seiner selbständigen deutsch-russischen Politik und wird dem­gemäß seinen Sondervertrag mit Rußland auf wei­tere fünf Jahre erneuern ...

Wie man das deutsch-österreichische Protokoll auch beurteilen mag, es hat die Gesamtentwicklung der europänchen Politik aufgerührt und beschleunigt; gleichzeitig zeigt die Entwicklung der innerdeutschen -Finanzen und des deutschen Wirtschaftslebens die Notwendigkeit, schnell zu handeln, um Schlimmstes zu verhüten. Mit anderen Worten: die Tribut­frage wird in den nächsten Wochen wieder in den Vordergrund der Tagespolitik treten. In Anbetracht öer Einstellung des Auslandes, in Einschätzung der unendlichen Schwierigkeiten infolge der Schlüssel­stellung des unwilligenamtlichen" Amerikas, würde jeder nach außen trotzdem mögliche Erfolg von vorn­herein vereitelt fein, wenn die Mion nicht gleich-

Notlandung in den Alpen?

Eigener Drahtbericht).