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Stammet 120*
Dienstag, 26. Mai 1931
21. Jahrgang
Lieber Anleihe als Voungplan-Revision
Oie europäische Milliardenanleihe wird akut / SPD-Kurs gegen die Radikalisierung / Morgen Stratosphärenflug?
Oie „Beschäsiigungsfleuer"
Don Znserer Berliner Schriftleitung.
Ltnd die wirtschaftliche Bilanz?
Von unserem Genfer Sonderberichterstatter.
. - . Berlin, 26. Mai.
Die Pfingstfeiertage sind in politischer Hinsicht in Berlin völlig ruhig verlaufen. Der Reichspräsident von Hindenburg fährt Mitte der Woche nach Berlin zurück. Der Außenminister Dr. Curtius ist am Sonntag aus Genf wieder hier eingetroffen. Der Reichskanzler wird im Laufe des heutigen Tages erwartet und die erste Kabinettssitzung wird voraussichtlich morgen stattfinden, wobei der Außenmini st er Dr. Curtius den Bericht über die Genfer Tagung des Völkerbundrates erstattet und dann werden die Arbeiten an der Notverordnung des Kabinetts begännen.
Ueber den voraussichtlichen Inhalt dieser Notverordnung ist unseren bisherigen Mitteilungen nichts Wesentliches hinzuzufügen, abgesehen von den Kombinationen, welche die bereits angekündigte Eichung der Einkommensteuer m Form einer sogenannten „Beschäftigungssteuer" in Aussicht stellten. Diese soll darin bestehen, daß von den Einkommen aller in einer sichtbaren festen Beschäftigung stehenden Personen eine besondere Steuer erhoben wird. Ueber all das wird jedoch erst im Kabinett Beschluß gefaßt werden und es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß an einer Reihe einzelner Punkte dieses umfassenden Programms noch wesentliche Aenderungen borgenommen werden.
Ändert die SPD. ihren Kurs?
r Ein besonders wichtiger Teil wird die weitgehende Reform der Sozialversicherungen sein, wobei jedoch selbstverständlich eine gewisse Rücksicht auf den Parteitag der Sozialdemokraten genommen werden mutz, der am nächsten Sonntag in Leipzig beginnt und der voraussichtlich stark unter dem Zeichen der Entscheidung zwischen dem radikalen Opposttionsflü- gel und der regierungstreuen Mehrheitsgruppe der S. P. D. stehen wird. Nachdem auch der Reichstags- Präsident Loebe öffentlich die Frage aufgeworfen hat, ob die S. P. D. ihren Kurs ändern müsse, um der Radikalisierung der Wählerschaft zuvorzukommen, wird man in dieser Hinsicht von dem Parteitag eine bedeutsame Entscheidung zu erwarten haben. Auch der Reichskanzler wird dieser Sachlage bereits bei der Beratung der Notverordnung Rechnung tragen müssen, aber die Rücksichtnahme auf die Partei wird sich in verhältnismäßig engen Grenzen bewegen, da die Wiinschd der Fraktionen auf dem rechten und dem linken Flügel der Regierungsfront soweit voneinander abweichen, daß ihnen unmöglich in allen Stücken Rechnung getragen werden kann.
Das Kabinett wird trotz einiger Meinungsverschiedenheiten, die sich an den bekannten Vorstoß gegen Dr. Curtius anknüpfen, vom Reichskanzler fest beieinander gehalten werden. Dieser Vorstotz ist inzwischen im Sande verlausen, denn die eigentliche oppositionelle Rechte hat sich daran überhaupt nicht beteiligt, sondern sie bleibt bei ihrer Linie der Be-
London, 26. Mai.
Der diplomatische Korrespondent des „Daily Herold" meldet, daß jetzt die Frage einer internationalen Anleihe in Höhe von zwei Milliarden Mark für Deutschland ernstlich erwogen wird, die durch England, Frankreich und Italien zu garantieren wäre. Verantwortliche Kreise erachten dies als die einzige Möglichkeit, um einen Zusammenbruch des Young- planes und der Reparationszahlungen zu verhindern. Das Fallen der Weltmarktpreise und die Wirtschaftskrise in Deutschland hätten eine Lage hervorgerufen, die man nicht vorausgeskhen habe.
Sechs Monate Abrüstungskonferenz
London, 26. Mai.
Henderson hat der »Daily Mail" gegenüber verlauten lassen, daß nach seiner Ansicht die Wrüstungs- konferenz etwa sechs Monate dauern werde. .Er hält cs aber nicht für notwendig, daß er die ganze Zeit über in Genf bleiben muß. Es würde eine Anzahl von Ausschüssen gebildet werden, bei deren Beratungen seine Anwesenheit nicht erforderlich wäre. Während der Sitzungen dieser Ausschüsse werd« er sich feinen Pflichten im Auswärtigen Amt widmen. Es fei daher sehr unwahrscheinlich, daß für die Dauer
kämpfung des gesamten Kabinetts, ohne diesen Kampf auf die Person eines einzelnen Ministers abzustellen. Der Vorstoß ist im wesentlichen von wirtschaftlichen Kräften geführt worden, die der Regierungsgruppe nahestehen, aber der Reichspräsident und der Reichskanzler können und werden es nicht zulassen, daß int jetzigen Zeitpunkt, in welchem uns in Gestalt der Notverordnung, des sozialistischen Parteitages, der Unterredung von Cheguers und der Revision der Tributlasten, innen- und außenpolitische Entscheidungen von größter Wichtigkeit bevorstehen, am Bestände der Reichsregierung irgendwie gerüttelt wird.
Die Spitzenorganisationen der drei Arbeitergewerkschaften haben gemeinsam eine Eiktgabe an das Reichsarbeitsmintsterium, an den Reichskanzler und den Reichspräsidenten gerichtet, in der sie zu der gesamten Lage der Sozialversicherung Stellung nehmen. insbesondere aber gegen eine beabsichtigte Verschlechterung der Unfall- und Invalidenversicherung protestieren.
In der Eingabe heißt es. daß die Leistungen der Sozialversicherung bereits über das tragbare Maß hinaus eingeschränkt seien und daß noch stärkerer Leistungsabbau breite Volksmassen dem Radikalismus in die Arme treiben werde. Wenn auch die Gesamtsumme der Sozialversicherung groß sei, so sei zu bedenken, daß sie sich aus zahlreichen Einzelleistungen zusammensetze. Die Invalidenrenten betragen in Deutschland durchschnittlich 36 Mark im Monat und trotzdem werde von den Unternehmern ein weiterer Abbau der Invalidenrente um etwa 30 Prozent gefordert. Die Kleinrenten bei der Unfallversicherung, die ebenfalls verschwinden sollten, bedeuteten für den Arbeiter keine Lappalie,
Paris, 26. Mai.
Nach Informationen aus zuverlässiger Quelle foll Außenminister Briand sich endgültig entschlossen haben, sein Rücktrittsgesuch zurückzuziehen. Wie das „Echo de Paris" am Dienstag früh meldet, soll diese Entscheidung am Mittwoch nach Schluß des Ministerrates amtlich veröffentlicht werden. Der Ministerrat wird sich last ausschließlich mit den Ergebnissen der Genfer Tagung befassen. Die Kammer tritt am Donnerstag wieder zusammen, doch soll Ministerpräsident Laval angeblich beschlossen haben, die Behandlung der Interpellation auf die Zeit nach der Neubildung des Kabinetts zu vertagen. Das „Echo de Paris" nimmt an, daß das Kabinett nicht umgebildet wird, da der neue Staatspräsident den Ministerpräsidenten Laval
der Abrüstungskonferenz ein stellvertretender Außenminister ernannt werde.
Tragödie in der Wüste
Das Schicksal der Beduinen von Kusra.
Kairo, 28. Mai.
Zugleich mit der Nachricht, daß der englische Leiter der Vermessungsabteilung in der Wüste, Clayton, für die Verdienstmedaille vorgeschlagen worden ist, werden Einzelheiten einer Tragödie bekannt: Ende Februar fand Clayton in der Wüste eine Gruppe völlig erschöpfter Beduinen. Sie erzählten ihm, daß sie bei der Besetzung der Oase von Kusra durch die Italiener geflüchtet und nun schon vier Wochen in der wasserlosen Wüste umhergeirrt seien. Noch weitere Gruppen von Beduinen seien unterwegs.
Nachdem die Erschöpften nach Wadi Haifa gebracht worden waren, machte sich Claydon sofort mit drei Automobilen auf die Suche. Er fand noch drei Gruppen von Flüchtlingen, die er in Sicherheit brachte. Wieviele Beduinen in der Wüste zugrunde gegangen sind, steht noch nicht fest. Die letzte Gruppe von Geretteten hatte ursprünglich aus 42 Personen bestanden und war auf 19 zusammengeschrumpft; die anderen waren unterwegs liegengeblieben und verschmachtet.
Gens, 26. Mai.
Der „europäische Ausschuß" hatte versprochen, rasche und praktische Arbeit zu leisten. „Die Völker können nicht mehr warten!" rief es allenthalben. Das deutsch-österreichische Protokoll hatte sogar die in wirtschaftlicher Beziehung mehr als zurückhaltenden Franzosen auf den Plan gerufen: wochenlang berieten sämtliche Minister in Paris, und der junge, ehrgeizige Unterstaatssekretär Francois-Poncet arbeitete schließlich eine Denkschrift aus, die das Gewaltigste darstellen sollte, das man auf diesem Gebiete je gesehen: eine Art Allheilmittel, das Jedem nicht nur etwas bringen, sondern mit einem Schlage seine Nöte heilen sollte.
Der Plan wurde schließlich im europäischen Ausschuß vorgelesen und verblüffte in der Tat — aber aus ganz andern Gründen. Voller Schrecken fahen sich die einzelnen Delegierten an, und in ihren Gesichtern stand geschrieben: Was soll dieses phantastische Machwerk bedeuten? Kann es überhaupt ernst gemeint sein? Wer vermag damit etwas anzufangen? Rasch beeilten sich die Italiener, ihrerseits mit einem „Plan" herauszurücken, der nichts als eine Fortsetzung und Verallgemeinerung der gegenwärtig von Rom betriebenen Politik zweiseitiger Handelsverträge darstellt. Und Herr Litwinosf hielt eine Rede, die nach allgemeinem Zeugnis das Vernünftigste war, was je in einer europäischen Versammlung aus Sowjetmund geflossen. Sie gipfelte in einem „Protokoll", dem sämtliche Staaten beitreten sollen, und das einerseits jedes offene oder versteckte „Dumping" verdammt, anderseits den Abschluß eines wirtschaftlichen Kelloggpaktes fordert. Nachdem man nun auch noch gnädig genug gewesen, die von
vermutlich bitten wird, die Regierungsgeschäfte unverändert weiter zu führen. Briand ist am Dienstag früh aus Cocheril nach Paris zurückgekehrt.
Spanien rüstet ab
Dezimierung des Heeres.
Madrid, 26. Mai.
Der Kriegsminister hat dem Ministerrat einen Heeresreforrnentwurf vorgelegt, über den. heute endgültig entschieden werden soll. Dieser Entwurf sieht die Auflösung vieler Regimenter und die Verkleinerung des Offizierskorps vor. Es sollen von den bisherigen 76 Infanterie-Regimentern künftig nur 39 bestehen bleiben, von 27 Kavallerie-Regimentern nur 10. Statt bisher 22000 Offizieren sämtlicher Grade steht der Reformentwurf nur 7000 vor, statt 280 Generälen nur 48.
Morgen Start Professor piccards?
Augsburg, 26. Mai.
Bei der zur Zeit herrschenden Hochdruckwetterlage besteht die Wahrscheinlichkeit, daß Professor Piccard morgen erneut versuchen wird, seinen Stratosphärenflug durchzuführen. Professor Piccard, der während der Psingstseiertage verreist war, traf heute morgen mit feinem Assistenten Kipser wieder in Augsburg ein und begab sich sofort nach der Ballanfabrik. Der endgültige Entschluß zum Starten wird im Laufe des Tages bekanntgegeben werden. Als Zeitpunkt des neuen Startes ist die vierte Morgenstunde anzunehmen.
Schauspielertruppe verunglückt.
Todtmoos, 26. Mai. Ein mit 12 Personen besetzter Schnellastwagen des Knrcheaters Bad Türrheim geriet zwischen St. Blasien und Todtmoos infolge Versagens der Bremsen uni) der Steuerung in ein so schnelles Tempo, daß er sich überschlug. Die Schauspielerin Sprettke wurde getötet, während die übrigen Mitglieder der Theatertruppe, die sich zum Teil durch Abspringen zu retten versuchten, mehr oder weniger schwer verletzt wurden. Die Truppe befand sich auf dem Wege nach Todtmoos, wo sie am Abend spielen wollt
Die drohende Tribut-Revision
Zweimilliarden-Anleihe für Deutschland von den Gläubigermächten erwogen
Briand tritt nicht zurück
Eigener Drahtbericht).
Deutschland und Oesterreich verfochtene Zollanglei- gungspolitik nicht von vornherein als „friedensfeindlich" zu verdammen — in einem europäischen Ausschuß war dies wirklich nicht gut möglich — wurde nach bewährter Genfer Weife ein Unterausschuß gebildet, dem diese vier Pläne überwiesen wurden, mit dem Auftrag, daraus einen fünften zu schmieden.
Der Ausschuß arbeitete buchstäblich zum Beinaus- reitzen, denn innerhalb zehn Sitzungsstunden mutzte das gewaltigste Wirtschastsinstrument vollendet sein, das je in schwerster Zeit der Welt geboten wurde. Auf die Minute pünktlich verlas der ebenso liebenswürdige wie optimistische schweizer Bundesrat Motta seinen „Bericht": ein winziges Mäuslein war geboren. Das Kind von vier Riesenvätern mutz eben _ nicht notwendigerweise auch ein Riese sein . . .
Sehen wir uns nun dieses „Aktionsprogramm" der zukünftigen europäischen Wirtschaftspolitik etwas näher an. Seine Hauptbestimmungen gipfeln in der Bildung von neuen — Ausschüssen, und zwar gleich vier an der Zahl. Der wichtigste davon ist der „Koordinationsausschutz", in dem alle europäischen Staaten vertreten sind, am besten durch offizielle Sachverständige, und der alle Arbeiten, alle Pläne und Anregungen zusammenfaßt, die von irgendwelchen internationalen Körperschaften auf wirtschaftlichem Gebiete gemacht werden. Er sammelt wie in einem gewaltigen Kraftwerk alle zerstreute Energie, wandelt sie um, leitet sie weiter an den europäischen Ausschuß, der die letzten Beschlüsse faßt. Mit ein wenig Phantasie vermag man die Aufgabe dieses Wirtschaftsparlaments ins Ungeheure steigern: in der Praxis aber werden die Dinge ganz anders aussehen, und es hat den Anschein, als ob man auf diese Weise das Elend der Völker in einer gewaltigen Papierflut ersticken wollte.
Der zweite Ausschuß ist rein technischer Art und setzt sich ans zehn „hochqualifizierten" Sachverständigen zusammen, die von den Regierungen (darunter die deutsche, französische, englische, italienische, russische) ernannt werden. Seine Ausgabe besteht darin, die Mtttel und Wege zu prüfen, die zu einer engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Völker und einer besseren Organisation der Erzeugung und des Austausches der Güter führen können. Hier finden wir sowohl den deutschen, wie auch den französischen, italienischen und russischen Wirtschaftsplan wieder; Kartelle und Trusts werden nur behutsam gestreift, und als einzige Richtlinie wird den Sachverständigen anempfohlen, sich „vom Geiste weitesten Verständnisses" leiten zu lassen. Im Schoße dieses Ausschusses werden demnach alle Rezepte behandelt, di« sich auf die eigentliche industrielle Krisis beziehen; der italienische Vorschlag auf Inkraftsetzung der bekannten Zollkonvention vom 24. März 1930 wird in dem gleichen Zusammenhang wieder aufgegriffen und der Völkerbundsrat ersucht, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen: ein rein platonischer Wunsch, dessen Wirkung ungefähr die gleiche ist wie die der „Bitte", alle europäischen Staaten möchten sich doch bei ihren Handelsabmachuugen an die Grundsätze des Zollwaffenstillstandes halten!
Ein dritter Ausschuß wird vom Rate ernannt und begreift fünf Mitglieder ohne nähere Bezeichnung. Er beschäftigt sich mit den internationalen Kreditproblemen und studiert besonders die Möglichkeit von staatlichen Anleihen internationalen Charakters, die durch Vermittlung des Völkerbundes abgeschlossen werden. Der Gedanke ist an sich natürlich interessant: doch macht man sich in hiesigen Kreisen keine Illusionen darüber, daß die Nationen, die als Geldgeber in Betracht kommen, einzig und allein nach politischen Rücksichten handeln. Das Kapital trägt heute eben keinen rein technischen, finanziellen Charakter, sondern steht im Dienste einer nationalen Politik: mischt sich der Völkerbund ein, so besteht die Gefahr, daß er sich zum Strohmann für gewisse nationale Ziele macht und die Völker über den wahren Charakter der ihnen erwiesenen finanziellen „Hilfe" täufdjt. Diese Angelegenheit ist also mit äußerster Sorgfalt zu behandeln, da sich hieraus eine weitere Ausdehnung des französischen Golddikiatur- kreises-ergeben kann.
Ein vierter Ausschuß endlich, aus sechs staatlichen Vertretern und ebenso vielen Mitgliedern des Verwaltungsrates beim Internationalen Arbeitsamt bestehend, soll das Arbeitslosenproblem untersuchen und im Besonderen die Vorschläge prüfen, die zu dessen Lösung von dem Direktor des Arbeitsamtes vorgeschlagen werden: Auswanderung und Bildung einer europäischen Arbeitsbörse als
Heute Artikelserie: Abenteuer unterer Zeit