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WÖCHENTLICHE BEILAGE DER KASSELER NEUESTEN NACHRICHTEN . SONNTAG, 24. MA

'JTt d gl IdV- / Litera tu r-

Hanns Martin Elster

lian sah das Lebensfeiudliche ht der neuen Lehre deS Galiläers, er wollte ihr gegenüber wieder dem Le­den zum Sieg verhelfen. Er unterlag schließlich, er siel einem Attentat seiner eigenen Garde zum Opfer. Er war ein großer Geist, ein kühner Denker, jeden­falls eine der wenigen sympathischen Gestalten auf Dem römischen Kaiserthron. Ibsen -hat ihn mit viel Liebe und sehr großer Kenntnis gestaltet. Aber auch in diesem Werk lebte etwas von ihm selber und sei­ner eigenen Problematik: auch Ibsen wollte über das Reich des Galiläers hinausführea, auch er war ein philosophierender, verhinderter Tatmensch wie Juli­an, auch er scheiterte am eigenen Unvermögen, das Leben über die christlichen Werte hinaus neu zu rechtfertigen. Hier tritt Ibsen in eine Parallele zu dem viel größeren Nietzsche.

Ibsen hat jedenfalls zur Klärung der modernen Lage der abendländischen Menschheit viel beigetragen Er hat als Erster das Theater der Gesellschaft in den Dienst der Gesellschaftskritik gestellt. Er hat breite Kreise zum Nachdenken über ihre innere Lage ge­nötigt, die sonst im bürgerlichen Leben gedankenlos dahinlcbten. Und so hat er unserer Zeit der großen geschichtlichen Erschütterimgcn mit den Weg gebahnt. Er sah. was kommen mußte, aber er konnte selbst nichts tun, um die Entwicklung zu Guten, zum Besse­ren zu führen.

Dem Theater hat Ibsen sehr viel gegeben: vor allem sehr dankbare Rollen! Die besten Kräfte des modernen Theaters haben ihm gedient, haben vor allem in Deutschland seine Werke zu großen Siegen geführt. Die .Ibsen-Schule" hat gerade in Deutsch­land hervorragende Talente ans Ächt gebracht. Das moderne differenzierte Spiel, die aus dem Realis­mus der Jbseustücke hervorgegangene Natürlichkeit des Tones, hat förmlich eine neue Kunst des Schau­spiels hervorgebracht. Heute ist Ibsens bis aus seine romantischen Werke eigentlich Vergangenheit. Eine interessante Vergangenheit. Es wird aber eine Zeit kommen, da niemand mehr seine aufregende Wirkung von damals verstehen wird...

Wenn wir heute eines der gesellschastskritischen Stücke Ibsens ans der Bühne sehen, also etwa .No­ra",Rosmersholm",Hedda Gabler',Gespenster", so empfinden wir, daß hier Dinge verhandelt wer­den, die wir längst hinter uns haben. Es ist ves-

Es ist wohl ein Lebynsgesetz, daß das schöpferische Werk seineni Urheber die große Wirkung entweder von Jugend an mit plötzlichem Erfolge bringt, wie etwa bei Goethe und Schiller, oder erst in schwerem, langsamem, Nachwachsen der Menschheit zu der ihrer Zeit vorauseilenden Gipfelleistung, wie etwa bei Wil­helm Raabe und Nietzsche. Rudolf Pannwitz, der Dichter, Denker, Kulturkritiker. Ethiker, Psychologe, Erzieher, sieht heute erst einen kleinen Kreis Freunde und Jünger um sich und sein Schaffen versammelt. Sie grüßten nach der stillen, Ragusa vorgelagerten dalmatinischen Insel Kolocep, wo er wohnt, hinüber, ihm versichernd, .daß sie, wie sein maezenatischer Ver­leger Hans Carl in Feldafing, stets bemüht sein wer­den, seinem Wesen und Wollen den großen Durch­bruch zu erarbeiten.

Wer einmal wissend im Sinne von Rudolf Pann- witz geworden ist, ist fortan auch verpflichtet, zu sei­nem Ziel zu schwören:die Gründung einer ge­samten Kultur und mit ihr und aus ihr die Schöp­fung eines neuen Menschen..." Dies titanische Ziel empfing Pannwitz aus seiner Nachfolge Nietzsches, des Gesetzgebers, nach langem Ringen.

Aus einer mitteldeutschen Schulmeisterfamilie stam­mend, kam er, schon als Steglitzer Gymnasiast durch Ludwig Gurlitt, den Lehrer und Freund, über La­garde und den Rembrandtdeuischen Langbehu in jene Bewegung, die auf den Weimarer Kunsterziehungs­tagen die Erneuerung der Erziehung und damit des deutschen Menschen anstrebte. Er setzte sich mit Ber­thold Ottos Lehre und Schule auseinander, begrün­dete mit Otto zur Linde 1904 denCharon", rang mit dem humanistischen Ideal, der Universi'ätsphilo- sophie, dem Schuldenken und -wissen, der Antike und Stefan George. Mit seinen 1907 bis 1909 hervortre-

zählung, Dichtung um. Und so fand er nie Genüge an seinem eigenen wirklichen Leben. Es ist das eines vom Apothekerlehrling zum weltbekannten Schrift­steller aufgestiegenen Bürgers einer kleinen engen norwegischen Siadt. Ein hervorragender Kenner der Jbsenliteratur urteilt: Aus den vier letzten Dramen Ibsens spricht das Bekenntnis, daß Ibsens sein Lebenswerk für mißlungen 'hält. Er hat eine unerfüllbare Sehnsucht in sich getragen nach Freiheit und freiem Glück, das er persönlich in dem Leben eines gelehrten Bürgers, das er lebte, niemals ge­funden hab Do kam er aus eigenem Erlebnis zu den bitteren Anklagen seiner Gesellschaftsdramen. Er sah die Welt eines engen Lebens in kleinen Städten um sich in Norwegen, und er schilderte sie mit seiner Technik, die er in Paris studiert hatte, mit der Tech­nik des Gesellschaftsstückes. Es gab diesem flachen Gesellschaftsstück den erregenden Inhalt, der aber einer engen spezifisch norwegischen Welt angepaßt war. Daß es in den Städten Deutschlands nicht viel anders aussah damals, dafür spricht der große Er­folg der Dramen in Deutschland.

Ibsen hat aber neben den gesellschaftskritischen Dramen auch noch ein Werk geschaffen, das in die großen Zusammenhänge der Weltgeschichte mit be­sonderem Bezug auf unsere Zeit hineingreist:Kai­ser und Galiläer". Dieses große Drama hat den rö­mischen Kaiser Julian zum Gegenstand, der den Bei­namen Apostata trägt: der Feind des Christentums. Julian wollte die heidnische Antike erneuern, als in jenen ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung das Christentum immer mehr Boden gewann. Ju-

tcnden Schriftender Volksschullehrer und die deut­sche Sprache",der Volksschullehrer und die deutsche Kultur", in der er seines Freundes Kurt Breysig Ideen ausweitetedas Werk der deutschen Erzieher" undErziehung" gewann er die stärkste Beachtung unter allen Erneuerern der Pädagogik. Aber für ihn war diese Teilnahme am Erziehungsproblem nur ein Durchgang, waren doch schöpferische Kräfte in ihm lebendig. Er sah, einige Jahre auch Lehrer in Wik- kersdörf und in Auseinandersetzung mit G. Wyneken, daß Erziehung nur Vermittlung des schöpferisch" Ge­stalteten sei. Und im mächtigen Erleben Heraklits, der ihm an der Vereinigung Europas und Asiens den Logos gewordenen Mythos und das Bild eines geistigen Kosmos gab, Nietzsches, der ihm das We­sen und die Berufung des heutigen, deutschen, euro­päischen Schöpfermenschen schenkte, und Otto zur Linde, der ihm die Ehrlichkeit und die reine Sprache zeigte, ward er durch Dantesgöttliche Komödie", den alten Goethe, Jean Paul, Stefan George sowie Buddha, Laotse, Kungfutse wahrhaft frei für seine ihm zugeborene Aufgabe: das Ideal eines klassischen Europas zu schauen,.die Senduna des deutschen Vol­kes zu künden, wie der Mensch selbst ist:alle Kultur muß höhere Natur und aller Himmel wieder Erde werden".Ach möchte der Mensch doch erst Mensch werden".

In mächtiger Schasfensfülle entströmte nun Werk um Werk aus seinem Innern. In zwei großen Grup­pen: dem Gedankenwerk und der Dichtung gliedert es sich. Aus jeder Gruppe heben sich neben dem Be­ginndie Krisis der europäischen Kultur", dem Auf­rufDeutschland und Europa", dem Mathematisch- Vokalmusikalisch-Naturphilosophtschen WerkKosmos Atheos", derStaatslehre" sowie auf der anderen

Rudolf Pann witz

Zu seinem 50. Geburtstage am 27. Mai.

Ibsen und die Gegenwart

Zum 25. Todestage von Henrik Ibsen am 27. Mai, Von Curt Hotzel

Halb fraglich, ob die lebende junge Generation noch etwas mit den Problemen dieser Stücke anzufangen weiß. Die Erfahrung zeigt,, daß die damals, beim ersten Erscheinen dieser Werke Ibsens so sensationel­len Probleme also: Recht der Frau. Emanzipation von der herkömmlichen Moral, Uöberwindung der bürgerlichen Lebcnslüge, der gesellschaftlichen Kon­vention im Sittlichen daß all diese Probleme die Jugend heute beim Anhören dieser Stücke nicht mehr rühren. Aber der Zauber der erregenden, glänzend aufgebauten Stücke bleibt. Die Schauspieler sind immer noch glücklich, diese Stücke spielen zu können, da es wirkliche Dramen sind, da sie dem Theater geben, was des Theaters ist.

Das ist das Schicksal der Werke des großen Nor­wegers in unseren Tagen. Er wird heute weit mehr als der glänzende Theatraliker gewertet, denn als der Problematiker, der vor .30 Jahren noch die Welt in höchste Aufregung versetzte. Ibsen das war damals eine Revolution! In breitesten Krei­sen des Bürgertums galt er als der kühne Neuerer, als der Wortführer der kommenden Zeit. Damals beachtete man feine wirklich dichterischen Werke, also Mne romantischen Dramen, vor allem sein größtes WerkPeer Gynt", längst nicht mit dem Interesse, das etwa den genannten Zeitstücken entgegengebracht wurde. Heute ist die Würdigung beinahe umgekehrt. Heute istPeer Gynt" eines der geschätztesten Reper­toirestücke des deutschen Theaters geworden. Im vorigen Jähre würde es sogar im Freien aufge­führt, und dabei erwies sich der erste, rein dichterische nicht spekulierende und kritisirende Teil als der wirk­samere. Hier ist Ibsen der Dichter seiner norwegi­schen Bergheimat, des Ewigen dieser Landschaft und ihrer Figuren, ihres Mythos, ihrer Sage und ihres Bauerntums. Peer Gynt ist dort der phantastische Aufschneider, der tolle Bauernbursche, der aus den Graten und Felsen des Gebirges seine phantastischen Erlebnisse hat. wahre und erträumte, der die Braut dem tumben Tor raubt und mit Mutter Aase in die Ewigkeit kutschiert... Kurzum: hier ist eine un­sterbliche Gestalt, die noch nicht in die gebrochenen Lichter der Zeitproblematik getaucht ist. Das ist ewiges oder wenigstens langlebiges Gut in Ibsens Werk.

Ibsen aber war ein Mensch ähnlich wie Peer: er erträumte sich große Taten und setzte sie in Er-

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Seite neben denMythen", denDionysischen Tragö­dien",Baldurs Tod",das Kind Awn". den Ge­dichtenUrblick" zwei Bücher heraus, die jeder ehr­lich um Pannwitz Bemühte lesen sollte:Die deutsche Lehre" (1919) und der RomanDas neue Leben" (1927), zu der man vielleicht noch die Zarathustravoll­endungTrilogie des Lebens" (1929) hinzunehmen muß, um Pannwitz fürs Erste zu erfassen.

Als Nachfolger Nietzsches, im Fortbau von dessen besonderer literarischer Form, die durch Stefan Ge­orge weitere Läuterung empfing, lehrt Pannwitz hier sprachlich schön, daß der Geist der Herr des Menschen ist, daß Volk und Propher zueinander stehen müssen, daß des Menschen menschlichste Aufgabe ist, Mensch zu werden, die deutschen Tugenden zum europäischen Menschen der Mitte führen und eine neue Naturwis­senschaft, neue Religion, ein neues Ethos, die das Heilige und Göttliche nicht außerhalb, sondern als Element der Welt, also kosmisch wissen und den hö­heren Menschen gebären, im Entstehen sind.Das neue Leben" zeigt dies Werden zwischen reifen Men­schen. Und in derTrilogie des Lebens" kündet Za­rathustra:Der Aeon der Erde ist geboren!" Es ist die ewige und selige Liebe.

Diese Andeutung vom Wesen und Werk Pannwitz' müssen genügen. Eine Kritik oder Auseinandersetzung kann in Kürze nicht unternommen werden. Tatsache ist, daß Pannwitz' Philosophie und Dichtung eine schöpferische Leistung ist, berufen, mitzuhelfen am Siege des Geistes über den Materialismus. Solche Leistung ist aber aller Liebe und Mitarbeit aller Gut­denkenden wert.

Emil Pirdian.'

Theater-Späße

An einer kleinen ProvinzbüHne wurde unlängst Franttsek Langers KomödieDas Kamel geht durch ein Nadelöhr" angekündigtmit Herr Direktor in der Titelrolle".

Siegfried, sein Horn an der Sekte, kämpft mit dem Drachen: dabei gibts viel Dampf.Eine musika­lische Bezeichnung", sagt ein witziger Korrepetitor: Gedämpftes Horn".

In der Kapelle gab es gestern einige Seiten­sprünge", meldete ein Inspizient, der mit der Orcho- graphie aus Kriegsfuß stand.

Der Anschlag über den Aufschlag zu den Frei­karten soll in 5 Durchschlägen mit Umschlag an die Ressorts geliefert werden" lautete eine Verordnung für die Tcheaterbüros. *

Jedes Zugstück hat ein Mann zu bedienen", lautet die Verordnung des Maschinendirektors. Nein, so einfach ist die Sache mU einem Zugstück doch nicht.

Vom Handwerk des Schauspielers" heißt es im­mer wieder bei den Tagungen und Kongressen. Sollte es nicht besser heißen:Dom Mundwerk des Schauspielers?"

Gastspiel in Landsberg am Lech oder an der Warte mitDon Carlos". Nach Schluß langt ein Telegramm ein:Habe mich eben im Grabe umge­dreht, Friedrich von Schiller".

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Dem irren KönigBoris Godunoss" hat eine aus- gestopfte Kindersigür zu erscheinen, die aber bei der Hauptprobe fehlt. Aus die Ruse des Regisseurs er­scheint entschuldigend der Kopf des Requisiteurs: Das Kind wird erst gemacht!"

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Korrepetitoren, Direktoren, Elektroformatoren, Ju- quisiioren, Inspektoren, Inszenatoren, Regulatoren soviel Toren des Theaters!

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Eine Primaner,» hat das ThemaTheater" zu behandeln. Sie schrieb:Zu ebener Erde oder Wer Fuß-Tritte vollziehen sich in der Szene die Aus- und Abtritte".

Der Kampf der Dichtung von heute Gerade in den letzten Jahren ist das deutsche Schicksal und die deutsche Krise, der Weg, auf den wir getrieben wurden, und der Weg, den wir, wollen Wir nicht für immer versinken, noch zu durchmessen Haben, klarer und unabwendbarer geworden. Wir alle loben wohl unter dem Bann des Gefühls, daß die Nachwirkungen des Krieges und der folgenden Umwälzung nun erst in ihrer ganzen Schwere sich zeigen und daß die Entscheidung über unsere Zukunft über Sein unv Nichtsein, nun unwiderruflich naht. Auch von der deutschen Dichtung ist mancher Nebel gewichen. Es zeigt sich in viel schärferen Umrissen, was sie ist und was ihrer wartet."

Mit solchen Worten leitet der bekannte Kölner Literaturhistoriker Prof. Friedrich von der Leyen eine Uebersicht über die deutsche Dichtung von 1925 30 ein, die er unter dem TitelDie Forderung des Ta­ges. Das neue Reich" bei Eugen Diederichs in Je­na veröffentlicht. Die deutsche Dichtung der letzten Jahre enthüllt uns manche Gründe und Abgründe des Weltgeschehens und, was noch wichtiger ist, man­ches Bild der Zukunft. Ein Teil der Dichter hat die Forderung des Tages" auf ihr Panier geschrieben; sie schaffen nur in der Gegenwart und für die Gegen­wart, und manche betrachten die Kunst nur noch als eine Werbemittel für ihre Ideen. Den Hauch der Größe, der Ewigkeit hat diese Literatur ganz ver­loren. Besonders ist es das Drama, das so für den Tag wirkt und mit ihm vergeht:Rasch, start laut und erplosiv, so will doch dies neueste Drama wir­ken. in die Breite, nicht in die Länge und Tiefe. Wir wissen, wie das Evangelium dieser neuen Wirkung sich vorbereitete und wie es durch den Krieg und nach dem Krieg immer stärker und rücksichtsloser um sich griff. Tas eine Stück ist kaum aus der Bühne, so bringt ein anderes Theater ein noch verwegeneres, und der letzte Eindruck macht den vorletzten bald ver­gessen. Darum haften auch die starken Wirkungen nicht lange, sie warten nur darauf, durch stärkere überboten zu werden." Der Krieg und seine Nach­wirkungen beherrschen noch immer die Stunde, auch die Stunde der Dichtung und die eigentliche Abrech­nung ist erst jetzt in der Literatur im Gange.

Daneben gibt es aber eine stillere Dichtung, die der Verfasser unter dem BegriffDas neue Reich" zusammenfaßt. Diese Dichtung, die sich nicht nur

der Gegenwart verschreibt, will das ganze unver­gängliche Erbe der Väter wieder erwerben als beste Gewähr für unsere Zukunst.

Die Zuversicht stirbt nicht aus", so betont von der Leyen,daß die natürlichste und größte Bestim­mung deutscher Dichtung eben nur das Deutschtum sei; bisher habe es sich nur in einzelnen, wenn auch noch so wunderbaren Ausstrahlungen gezeigt, sein ganzer Tag werde noch kommen, aus ihm werde der Glanz aller großen und deutschen Vergangenheiten und Ewigkeiten ruhen, er endlich werde das ganze deutsche Wesen offenbaren. Mag das Schwärmerei fein, mag dieser deutsche Tag ebensowenig kommen wie der Messias, mag das beißen; die deutschen Stär­ken überschätzen, die deutschen Schwächen unter­schätzen, das lebendige Recht dieser Schwärmerei ist die Zuversicht, daß die deutsche Kraft und die deutsche Bestimmung noch nicht erschöpft sein dürfen, daß aus ihnen noch neue deutsche Dichtung aufblühen wird!"

Der Kampf der deutschen Dichtung ist wie der Kampf Deutschlands", sagt der Verfasser zum Schluß, auch die deutsche Dichtung will sich die deutschen Fahnen zurückholen, die besten deutschen Kräfte. Ob sie in diesem Kampf gegen die Mächte siegt, die nur der Gegenwart dienen und die sich der falschen und gleißnerischen Welt des Geistes und der Freiheit, wie sie sie auffassen, ergeben und ob sie diesen Kampf groß und besonnen führt, das wissen wir nicht. Sie allein wird darüber nicht entscheiden, über ihre Ge­sundung und Besinnung entscheiden die Gesundung und Besinnung von Volk und Zeit. Wir wünschen uns eine Zukunft, in der von der deutschen Dichtung das Vergängliche und Gegenwärtige Stück für Stück absällt dann könnte man wieder die Dichtung selbst und ihre Ewigkeiten erkennen und betrachten. Aber die letzte Entscheidung über Werden und Vergehen liegt in der Hand von Mächten, die wir nicht kennen".

Der Zauberer

der amerikanischen Bühne

Mit David Belasco, der jetzt im 78. Jahr in Neu- york dabin geschieden ist, verliert die amerikanische Bühne eine ihrer hervorragendsten Persönlichkeiten. . Dieser Mann, der jode Kunst und jedes Handwerk vor und hinter dem Vorhang in der Theawrwclr ausgeübt hat, ist bei uns verhältnismäßig wenig be­kannt geworden. Wer weiß z. B., daß die Texte zu den beiden berühmten Opern PuccinisMadame Butterfly" undDas Mädchen aus dem goldenen

Westen" nach erfolgreichen Dramen Belascos ge­arbeitet sind?

Für die Vereinigten Staaten war er lange der führende Theatermann. Nachdem er schon als Kind, ncch auf dem Arm getragen, die Bekanntschaft der weltbedeutenden Bretter gemacht hatte, wurde er nacheinänder Laufbursche beim Theater, dann Statist Bühnenarbeiter, Darsteller kleiner Rollen, Aushilss- Dramatiker, der noch einige Effekte und Witze in die bereits vorhandenen Stücke hineinflickte, dann Sekre­tär und Kassierer, Schauspieler in großen Rollen, Regisseur, Dramatiker, Direktor, und schließlich war er der Besitzer zahlreicher Theater und Gesellschaften, die nach ihm genannt waren.

Belasco hat viele große Namen der amerikani­schen BWne und des Films entdeckt. Unter den Film­sternen, die ihm ihre Laufbahn verdankten, ist be­sonders Mary Pickford zu nennen. Als ganz junges Mädchen hatte sie es sich in den Kopf gesetzt, die Be­kanntschaft des mächtigen Mannes zu machen und sie jagte ihm wochenlang nach, um ihn um eine kleine Rolle zu bitten. Die Hartnäckigkeit des Kindes rührte ihn, und er half iür weiter. Ms sie dann nach we­nigen Jahren als berühmter" Star 500 Dollar die Woche verdiente, bat sie Belasco, er möge ihr wie­der eine Rolle in einem seiner Stücke geben, und als er sagte, er könne nicht so hche Honorare zahlen wie der Film, da meinte sie dankbar, sie wolle bei ihm für jeden Preis spielen. Die künstlerisch« Bedeutung seines Werkes liegt nicht in seinen erfolgreichen Stücken, die er höchst effektvoll und melodramatisch aufputzte, sondern in seiner Kunst der Inszenierung. Belasco war ein ausgezeichneter Regisseur, der eben­so durch üppige Prunkentfaltnng wie durch sachlichen Realismus die passende Stimmung sür ein Bühnen- werk zu schaffen wußte.

Belasco hat die ganze Entwicklung des amerika­nischen Theaters vom Schmierentum zur Weltbedeu­tung mitgemacht. Er erzählte, daß er in San Fran- zisco, wo er sein erstes StückJim Black oder die Rache des Regulators" einstudierte, für die Massen­szenen sich einfach den Pöbel von der Straße holte, und dieser lebte sich so heftig in seine Rolle ein, daß es auf offener Bühne zu einer wilden Schlägerei kam. fcdaß man rafch de» Vorhang fallen lassen mußte. Ws echter Amerikaner war er um Reklame nie verlegen und zwar benutzte er zu feiner Propa­ganda besonders gern die Moral. So erklärte er einige Jahre vor dem Krieg, als das Tcheidunqs- sieber um sich zu greifen anfing,' er werde keinen Schauspieler und keine Schauspielerinnen mehr en­gagieren, die schon einmal vor dem Scheiduugsgericht

gestanden hätten, und würde de» Darstellern den Vorzug geben, die in glücklicher Ehe lebten und zahl­reiche Familie hätten. Die erste Aufführung, die er nach diesem Entschluß herausbrachte, war em Stück mit dem TitelIst Ehe ein Reinfall?" Von den 55 Mitspielenden waren 35 verheiratet und zwar, wie sie wenigstens behaupteten, glücklich. Viele gute Ge- schichtchen aus dem Munde Belascos sind in Amerika im Umlauf.

Zum Schluß sei als Probe seines Humors eine solche An^dote milgeteilt: Ein Dramatiker saß bei der Premiere seines neuen Stückes in der Loge, hin­ter ihm eine junge Dame. Es war ein böser Durch­fall. Ws der Vorhang unter Zischen und Pfeifen zum letzten Mal gefallen war, beugte sich die hinter ihm sitzende Dame zu ihm vor und sagte:Entschul­digen Sie, bitte, aber da ich wußte, daß Tic der Autor des Stücks sind, nahm ich mir die Fr'ih it, bei Beginn der Verstellung eine Locke von ihrem Haar abzuschneiden. Gestatten Sie mir, sie Ihnen wie­der zuznstellen."

Die Auflösung der Augsburger Selbstmord-Bibliothek. Die der Augsburger Staatsbibliothek testamentarisch zugefallene Sammlung der Selbstmord-Literatur des Dr. Rost wird in ihrem Bestände, der in der Welt einzigartig ist, nicht erhalten bleiben. Die Augsbur­ger Staatsbibliothek hat beschlossen, die Bibliothek aufzuteilen und nach den Wlichen bibliothekarischen Grundsätzen in die Sammlungen der Staatsbibliothek einzuordnen. Für Aerzte und Wissenschaftler, die sich mit dem Selbstmordproblem befassen, geht hierdurch ein Studienmaterial von unermeßlichem Wert ver­loren, da die Bibliothek in ihrer jetzigen Zersplitte­rung kaum noch ausgenutzt werden kann.

Der Hauptmann von Köpenick, rote ihn die Literatur­geschichte steht in Wilhelm Schäfers Erzählung und in Karl Znckmavers Lustspiel und wie sein Lebensgang in Wahr­heit war, ist im Mai-Heft derWeltftimme" (Franckhsche Verlagsbuchhandlung, Smttgatt, monatlich ein Seit sür RM.80) dargestellt. DieWeltstimmen" verstehen es in glücklicher Weise, die Literaturwerke, mit denen ste stch befassen, in den Rahmen tatsächlichen Geschehens zu stellen und ans diesem Geschehen zu erklären. So erläutert eilt weiterer AussatzFriedrich List, der tragische Deutsche" Persönlichkeit und Schassen des hervorragenden Volkswirt­schaftlers und führt damit in alle die Aufgaben ein. die er stch gestellt hat und die znm Teil gerade heute wieder be­sonders akTllen erscheinen. Bon den weiteren wichtigen Werken, die im Maiheft der.Weltkimmen" besorochen stnd, seien erwähnt der neue Roman von Jakob Wasser, mann.Etzel Andergast", dem Paul Wittko eine ausführ­liche Belvrechung widmet, derRobinson" (aus Aniah von Deioes äöO. Geburtstag), das Werk Stijn Streuvels, beä großen flämischen Dichters.

Lerarttwortlich: Girmii M. Venen.