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Selle 2 2. Vellage.

Wicklung ist ja in letzter Zeit vielfach beobachtet wor­den Und so ist es ohne weiteres anzunehmen, daß diese Strahlen tot Lebenstätigkeit der Nordpflanzen in dem Maße beschleunigen, datz die Pflanzen in kurzer Zeit mit Blüten-, Frucht- und Samenbildung fertig werden.

Interessant ist der Einfluß der Strahlen auf die -anzx organische Welt des hohen Nordens. Unter­sucht man die dortigen Kinder int Winter, so zeigen sie auch im kleinsten Orte alle Schwächen, besonders Blässe, wie unsere Großstadtkindcr. Im Sommer da­gegen find diese Kinder rotwangig und frisch--

Die ultravioletten Strahlen begünstigen auch die Vi- taminbildung bei den Wasserpflanzen, den Algen. Diese werden von gewissen kleinen Tieren gefressen, diese Tiere von anderen und so kommen auf diese Weise auch die größeren Fische zu Vitaminen. Da­durch wird natürlich ihre Nährkraft und Heilkraft (Le­bertran) gehoben . . ,

Menschen, die der "Duff betäubt

Rosen, die Empfindliche narkotisieren. Goethe durch Schillers faule Aepfel in Ohnmacht gesunken. Die Idiosynkrasie" gibt die Erklärung.

Von

Professor Dr. Louis Lewin "fr

Diese» kleine Beitrag ist eine Ser lebten Zeitungs- pnblifatt«ww fas verstorbenen großen Pharmako- wWvl.

Die nicht gar zu seltenen Berichte über unange­nehmen Einwirkungen von gewissen Duftstoffen von Blüte» auf Menschen sind nicht etwa auf ihnen bei­gemengte Gifte, sondern auf eine individuelle beson­dere Empfindlichkeit gegen sie seine sogen. Idiosyn­krasie) zuruckzuführen. So erklärten sich Vorkomm- nlsse, die von Unwissenden als Fabel oder von Arg­wöhnischen als Vergiftungen bezeichnet wurden.

Der Duft von Pflanzen, zum Beispiel der Rose, des Veilchens, der Lilie, der Aurikel, der Zwiebel, er­zeugt bei manchen Menschen betäubende, narkotische oder örtlich reizende Wirkungen und nach alten Berichten sogar vereinzelt den Tod.

Der Geruch faulender Aepfel machte bei Goethe, der Schiller besuchte und in dessen Abwesenheit sich an seinen Schreibtisch gesetzt hatte, in dem solche Aepfel als Delikatesse lagen, Betäubung, welche sich schnell bis zur Bewußtlosigkeit steigerte und erst wie­der schwand, als man den Leidenden an die frische Luft gebracht hatte. Es gibt Menschen, die durch den Duft der Pfefferminze Kopfschmerzen, Schweiße u. a. m., und solche, die durch den Geruch des Essigs Ohn­mächten bekommen. _

Eine solche Idiosynkrasie könnte sich demnach ver­wirklichen. gleichgültig ob der betreffende Geruch einem »Duftapfel" oder Handschuhen oder einem Brusttuch entstiege, und der Schluß ist dann erlaubt, daß, wo eine Dufteinwirkung zu unangenehmen Symptomen ausnahmsweise einmal geführt hat, eine Idiosynkrasie, eine besondere Empfindlichkeit, die Ur­sache war.

Ein Vampyr

im Reich der Blumen

Anlehnungsbedürftig, aber gefährlich! Entkräftung und Untergang dessen, der den Halt gegeben hatte.

Soverkitscht" es oft flinaeit mag, wenn man Vorgänge bes menschlichen Lebens in Las Tier- oder Pflanzenreich hineintüftelt es gibt doch Gescheh- niste, die sich selbst in der exakten Schilderung eines Naturwigenschaftlers überaus dämonisch mache» las­sen, obwohl sie nur Naturvorgänge darstelle».

Man glaubt, durch ihren Körper hindurch den Erd­boden zu sehen, so zart und blaß ist sie, wie sie vor ihm liegt. Die Sonne hat ihr keinen Hauch von Farbe zu geben vermocht.

Er dagegen, wie reckt er den Kopf, geschwellt von der Krafl seiner Jugend. Kann man es ihm ver­argen, daß er sie nicht beachtet? Ihm, dem boden­ständigen, dem Antäus, sollte das schwache, wurzel­lose Geschöpf Schicksal werden?

Schlangenhaft sind ihre Bewegungen. Wie ein Wurm umschlingt sie ihn; er soll ihr Stütze sein, er ihr den Hali geben, den sie in sich selbst nicht findet.

Wirklich! Wie blüht sie auf, da sie weiß, paß er ihr gehört, daß er nie von ihr sich lösen wird. Immer fester preßt sie ihn an sich, immer tiefer verankert sie sich in ihm. Seine Lebenskräfte müssen in sie über­strömen. Alles gibt er nun für sie her, schwach ge­worden in ihren Armen.

Noch wenige Wochen, dann ist seine Kraft zu Ende, ist er geworden wie sie war: hinfällig, schwach. Er­schöpft sinkt er zu Boden, der Klee und noch in der Umklammerung seiner Leiche reckt die Kleeseide ihre Arme nach einem neuen Opfer. Dr, K. L.

Pflanzen,

dieUnglück bringen"

Der Glücksklee ruft die Kugel". Das Wurzel- Männchen zieht in die Erde. Wer weiße Blumen bricht, vermählt sich mit dem Tode.

Der menfchliLe Aberglaube hat sich auch der Pfla»- 8e»n>elt bemächtigt. Wir veröffentliche» drei Beispiel« Lafür, in Lenen einmal das Blatt, einmal die Wurzel und einmal di« Blüte ausschlaggebend ist. Di« Be­richte wurde» uns aus der Sammlung eines Irren­arztes zur Verfügung gestellt

Jede naturgewachsene Form, die ein von Men­schenhand erzeugtes bedeutsames Gebilde oder gar den Menschen selbst nachahmt, bringt Glück. Der Vierklee, der vielleicht das heilige Kreuz, vielleicht die heidnische Swastika ausdrückt, bringt so lange Glück, bis der Persönlichkeitszuwachs das Maß menschlichen Anrechts an Glück sprengt und der Dolch oder die Kugel des Gegners gerade durch das Kleeblatt ins Herz des Trägers dringt. »Der Glücksklee ruft die Kugel."

Ganz ähnlich gehfls mit dem Mräunchen. Das ist eine Wurzel, die wie ein altes Männlein aussieht. Sie wächst nur unterm Galgen. Wer sie aus dem Mutterschoß der Erde ausgräbt, der hüte sich, den Kindsschrei zu hören. Sonst muß er sterben. Am besten ist's man bindet die noch in der Erde Stek- kende ans Halsband eines Hundes, geht davon und pfeift dem Hund; dann reißt er sie aus der Erde, bringt sie verreckt allerdings dabei. Auch das Wurzelmännchen erhöht die eigene Macht um eben so viel, wie der Finstere brauchte, um einer Wurzel die Gestalt eines Menschen zu geben. Aber endlich bringt das Wurzelmännchen auch wieder Unglück. Es zieht in die Erde.

Auch die weiße Rose, das Sinnbild der Braut, bringt Unglück. Wird sie doch gleichzeitig gefühls­mäßig der toten Braut angeglichen, deren Hügel sie als Zeichen jungfräulicher Reinheit schmückt. Wer weiße Blumen bricht, vermählt sich mit der Toten oder, was übertragen dasselbe bedeutet, mit dem Tode....

Zuckerrüben in Dauernarkose

Pflanzen, die wir zumSchlafen" zwingen. Eine ganze Industrie wird rentabel gemacht. Chloro­form in der Landwirtschaft.

Von

Dr.van der Straaten-Berlin

Daß Pflanzen- und Pflanzenteile noch Wachstums­und Reifungserscheinungen zeigen, auch wenn sie aus der Erde oder von der Mutterpflanze gelöst sind ist bekannt: Aepfel und Bananen reifen während des Lagerns. Es spielen sich also chemische Vorgänge ab, Aromastoffe werden gebildet, Zucker, Farbstcffe. In manchen Fällen ist uns aber diese vetwand- lungsfreudige Lebendigkeit der Pflanze sehr uner­wünscht. Mr sähen es lieber, der Organismus hielt Rühe, schliefe uns zu Gefallen.

Er tut es nicht: Die Zuckerrübe zum Beispiel, die wir möglichst lange im Boden lassen, bis sie den Höchstgehalt an Zucker in sich entwickelt hat, beginnt alsbald nach der Aberntung ihre .Süßigkeit" abzu­bauen. Verändernde »Enzyme", wie man diese kom­pliziert gebauten Stosse nennt, sangen an zu wirken, außerdem »veratmet" die Rübe einen Teil ihres Zuckers zu Kohlensäure, die als Gas entweicht, und zu Wasser. Um empfindliche Zuckerverluste zu ver­meiden, müssen sich die Fabriken beeilen, in möglichst kurzer Zeit die Rüben zu verarbeiten. Eine ganze Industrie ist so gezwungen, sich auf wenige Wochen einzustellen: was natürlich den Betrieb erschwert und verteuert.

Man hat schon versucht, die Rüben zu schnitzeln, einem Trockenprozeß iu unterwerfen und einzumie­ten, um sie auf diese Weise über große Zeiträume hinweg verarbeiten zu können. Aber diese Methode, das sogenannte »Oxford"-Verfahren, nach der die in der Nähe von Oxford gelegene Zuckerfabrik Eynsham arbeitet, hat noch manche Nachteile. Schließlich wird ja auch zur Trocknung viel teure Energie verbraucht. Das beste wäre eben, wir könnten d«n pflanzlichen Orgnismus einschläfern.

Und tatsächlich, solche Versuche sind gelungen Auffallenderweise wirken nicht etwa irgendwelche chemischen Mittel, deren Einfluß nur im übertrage­nen Sinn als narkotisch bezeichnet werden könnte, sondern man wendet wirkliche Narkottka an, vor­zugsweise in Dampf- oder Gasform: Chloroform, Acetylen, Kohlenoxyd, Leuchtgas, für sich allein und im Gemenge. Die Pflanzenteile es brauchen nicht nur Zuckerrüben zu sein werden zerschnitzelt in einem luftdichten Behälter eiugelagert und mit dem Gasgemisch behandelt. Auf diese Weise wird der Umwandlungsprozeß abgeswppt und eine langdau­ernde Haltbarmachung der vielen Zuckerarten und anderen chemischen Verbindungen erreicht, die man

Erinnerungen an Weine

Es gibt eine ganze Reihe von Landschaften, die mir in der Einnerung mit dem Genuß edler Weine aufs engste verbunden sind. Denkt man an solche Ge­genden zurück, so kann es sein, datz der Duft köstlicher Weine, die man in ihnen trank, stärker im Gedächtnis lebendig wird als der malerische Rhythmus des land­schaftlichen Bildes. Denke ich an den Rhein, so sehe ich nicht nur die Rebenhügel mit den romantischen Burgen und dem breiten, schnell fließenden Strom, sondern sofort steigen auch jene Stunden lebhaft herauf, die ich in derÄrone zu Aßmannshausen bei den erlesensten Jahrgängen verbrachte, und das Aroma unvergeßlicher Gewächse wird lebendig, die ich bei Wanderungen durch den gesegneten Rheingau in klei­nen Schenken weinberübmter Ortschaften genießerisch erprobte.

Einst wanderte ich von Schlangenbad im Taunus durch di« Buchenwälder nach Süden, es kam der Augenblick, wo ich an den freien Waldrand trat, von dem aus sich eines der schönsten deutschen Panoramen in die sonnige Weite dehnte. Der Rheingau mit. sei­nen Rebenhangen lag schimmernd zu meinen Füßen, links in der Ferne verdämmerte Mainz mit dem Turm seines Domes, rechts die Berge von Bingen, und dazwischen dehnte sich bas Silberband des Rheins und belebte diese ergreifende deutsche Landschaft, die vom Himmel mit den edelsten Reben der Erde be­schenkt ist, auf eine wunderbare Art. Ich ftfiritt hinab in diesen lachenden Gau und kam durch Rauenthal. Ich hatte ein« Empfehlung an eine der besten Wein­wirtschaften dieses Weindorfs, ließ mich in einer Laube nieder, durch deren Eingang ich den Blick über das sonnige Land genoß und ließ mir einen 1911er geben, den ich nicht vergesse. Es war ein großer Wein, der nach Narzissen und Flieder schmeckte, ja wahrhaftig, man fühlte, daß der ganze Duft des Frühlings mit der ungebeugten Kraft der frühen Sonne in ihn hin­eingeflutet war. Ein großer, aber doch ein lyrischer Wern, ohne lastende Schwere, unendlich beflügelnd und wie ein Gruß aus den besten Regionen der Mensch­heit.

Rheinweine von solcher seltenen Güte habe ich sonst nur noch bei den reichen Familien zu Frankfurt ge­trunken, die den Ehrgeiz haben, gut gepflegte Wein­keller zu besitzen, und die jährlich einmal nach Eltville zu fahren pflegen, wo sie sich auf den großen Wein­auktionen die edelsten Gebinde erstehen. Uebrigens Öören der Stadt Frankfurt di« besten Lagen des am lin, nicht weit von seiner Vermählung mit dem größeren Strom, gelegenen Hochheim, und man kann die frische Blumigkeit dieser vortrefflichen Tropfen im Frankfurter Ratskeller probieren.

Denke ich an Sizilien, so sehe ich mich auf einer Landstraße in der Gegend von Marsala. Ich fuhr auf einem Bauernkarren zwischen wulstigen Rebenhügeln einem berühmten griechischen Tempel entgegen. Un­terwegs stieg ich vor einer Wirtschaft ab und ließ mir vom Besten der Gegend geben. Es war ein Wein, der wie flüssiges Gold glänzte, herbsüß, unendlich üppig, er rollte wie Feuer die Kehle hinab, und man schmeckte das Aroma der von der wilden, südlichen Sonne gereiften Trauben. Trinkt man reichlich da­von und raucht noch wie ich damals, eine Toscana dazu, die giftigste und widerwärtigste Zigarre auf die­ser Erdenkruste, so ist man verloren. Ich weiß noch, daß es mir vor den Augen flimmerte, als ich damals weiter durch die sizilianische Landkchaft fuhr.

Die Rotweine Dalmatiens haben ein seichtes Mousseux, sie bleiben gern etwas am Glase haften, aber ihr Geschmack ist sympathisch, sie sind kernig und von einer gesunden, schlichten Kraft. Auch die Weine Istriens sind so, dort gibt es eine berühmte Lage, den Refosco, er moussiert ziemlich stark und hat eine aro­matische Süße, man trinkt ihn in Triest und Abbazia, besonders nach Tisch. Hübsche Frauen, denkt man,

Sonnavend/Sonntag, 23-/24. Mai 1931

unter dem NamenKohlehydrate" zusammensa-ßt. Der Gasverbrauch ist sehr gering, nur 0,1 v. H. vom Gesamtgewicht der eingelagerten Massen ist notwen­dig, und selbst dies« Gasmengen lassen sich wieder gewinnen. Wie weit sich diese Erfindung in de» Praxis bewähren wird, muß noch abgewartet wer­den.

Zweifellos steht der Verwendung von Gasen in der Landwirtschaft noch eine große Zukunft bevor. Immer häufiger geht man dazu über, Schädlinge mit Giftgasen zu bekämpfen. Früchte noch am Baum in der Reife zu beieinslussen, den Boden mit Gasen zu düngen usw.

/ Von Hans Bethge

während man ihn trinkt, warum find keine hübschen Frauen da. Die Weißweine jener Gegend sind viel­fach trübe, auch ohne rechten Charakter, und man mei­det sie am besten.

In der Touraine wächst ein angenehmer Weißer mit leichtem Mousseux, der Vouvray. Er paßt gut zu Langusten und Austern und ähnlichem Seegetier, man trinkt ihn ausgezeichnet zu Paris bei Titine, tn der BrasserieA la pomme de pin" in der Rue de petite champs, besonders am Freitag, wenn es die meisterlich bereitete Bouillabaisse gibt, denn die Wiege Titines stand in Marseille.

In Athen trank ich den berühmten Marathon und erlebte eine furchtbare Enttäuschung. Die Griechen lassen ihre Weine über Pinienzweige laufen und ver­leihen ihnen dadurch ein Aroma, das für uns völl.g unerträglich ist. Der eigentliche Duft des sicher edlen Weines wird durch den fienigen Geschmack grausam gemordet. Wir empfinden diese Behandlung als Bar- harei und wenden uns geärgert ab.

Reben dem Rhein gibt es in Deutschland eine an­dere Landschaft, die bedeutende Weine hervorbringt: Franken. Die auf den Höhen des Main gewachsenen Frankenweine sind äußerst füllig, herzhaft, von einem besonderen Feuer durchflutet und steigen mehr z« Kopf als die Gewächse vom Rhein.» Komme ich durch Würzburg, eine unserer schönsten Städte, von der Atmosphäre des deutschen Barock und Rokoko zauber­haft erfüllt, so unterlasse ich es nie, den Abend im Stachel", in derÄette, imÄilian oder irgend­einer andern dieser alten, ausgezeichneten Weinknei­pen zu verbringen und mich in das Studium eines alten Steinweins, eines alten Leisten zu versenken. Man zieht die Frankenweine bekanntlich nicht auf die gewöhnlichen schlanken Weißweinflaschen, sondern auf die dicken pausbäckigen Bocksbeutel, die ko gut zu ihnen passen. Denn diese Weine find in der Tat nicht schlank und elegant, sondern gleichsam pausbäckig und von einer reifen, runden Fülle.

Eines Sommers wanderte ich in Franken am Main entlang, und zwar von Ochsenfurt nach dem kleinen, durch seine mittelalterlichen Architekturen höchst male­rischen Frickenhausen. Die Weinberge, die sich die Hügel hinanziehen, sind unten begrenzt durch eine am ganzen Weg hinlaufende graue Mauer, die von zahl­losen Heiligenfiguren gekrönt ist. Ich schrieb einen Aufsatz über diese sommerliche SBanoerung und sagte in ihm daß ich zwar niemals Weinberge von so vie­len Heiligen beschützt gesehen hätte, daß mir aber trotzdem nie ein Lob der Frickenhäuser Weine zu Ge­hör gekommen sei.

Einer der Frickenhäuser Winzer las diesen Aufsatz, und nun gab es Helle Empörung in dem gekränkten Städtchen. Die Winzer schrieben mir, ich sei in einem schweren Irrtum befangen, sie luden mich nach Fricken­hausen ein, mit der Bitte, mich in ihren Kellereien von der Güte ihrer Weine zu überzeugen. Zunächst aber schickten sie mir eine Kiste mit einer Auswahl ihrer 1921er, und ich gestehe reumütig, daß ich in der Tat einen Frevel beging, als ich damals aus einer verwerflichen Unkenntnis heraus einen Zweifel an der Güte dieser Weine zu äußern wagte. Diese Bocks­beutel, die man mir da schickte, gehören zu den besten Erlebnissen, die mir jemals durch Frankenweine be­schert worden sind, diese firnen Frickenhäuser Gewächse sind erfüllt von einer wunderbaren, untergründigen Traubenglut, und die gesättigte Fülle der besten La­gen ist erhaben.

Ich grüße dich, reizendes, liebenswürdiges Fricken­hausen. Gewiß, einst werde ich kommen, werde in die Hallen deiner kühlen Kellereien hinabsteigen und dort bei den gepflegten Kostbarkeiten deiner sonnenüber- glühten Rebengärten für eine Weile den Gram dieser fragwürdigen Erde zu vergessen suchen.

sengende Freude, ein glühender Wille weiter durchs Leben zu schwimmen, wie ein Habicht feine Kreise über die Steppe zu ziehen, auf der Suche nach wei­ßem Lämmerfließ der menschlichen Seele; und in feinem Herzen toste ein Wind, wie er ihn bis dahin nie gekannt hatte.

. . . In den allerletzten Heipfttagen, als die Steppe von weißen Reifperleu bedeckt dalag, kamen eines Tages die Dorfweiber in dem Witwengehöft zur gemeinsamen Arbeit zufammen. Ließen sich auf die Bänke längs der Wände nieder, tuschelten und mun­kelten miteinander und stimmten plötzlich dann ihre Lieder an leise, schwermütig, wie es alle Bäuerinnen tn Rußland zu tun pflegen, wenn sie gegen Abend über ihr eigenes^ Los fingen und unter den Frauen war eine Schwangere. Agafja lauschte den Frauengesängen, fang selber mit und als die Weiber wieder fort waren, trat sie an den Stuhl der Alten, ließ sich vor ihr in die Knie nie­der, verbarg ihren Kopf an der greifen Brust. Da strich eine trockene dürre Hand über ihren Kopf, streichelte ihn, Preßte ihn an sich . ..

»Jetzt hat sich auch dein Licht entzündet, Gascha, jetzt hast du deinen Trost wie oft habe ich darum den Himmel gebeten . . . wenn du geboren hast, wirst du satt fein wie die Erde, die mit Wasser ge­sättigt ist . . . Und er war ein netter Bursche, hatte ein Herz für fremdes Leid . . .*

Da hob Agafja ihre dunklen, eingefallenen, leuch­tenden Augen, richtete sie auf das Gesicht der Alten und dieses Gesicht schimmerte in einem solch wun­dervollen Licht, daß ihr Herz im Gefühl der Sehn­sucht und der Ruhe, wie sie diese nie vorhin ge­kannt hatte, erzitterte; und noch nie hatte sie solchen Drang zu leben in sich gefühlt, zu leben mit vollen Zügen, solange der Atem und die feurige Frauen­glut ausreichten ..

Wieder wird es Weizenfelder im Herbst geben, wieder werden die goldenen Mehren woge» und alle und alles muß um biete Zeit reifen, Nehren an­setzen und die Frucht austragen.

(Autorisierte Ue6«rtatgints aus dem Russisch«» vo» Enge» W. Meves.j

Der kleine Heilige /

Von Dorothea Hollatz

Daß sie eigentlich Mistkäfer heißen, weiß feder Mensch, aber Brombeerkäfer klingt schöner. Es entspricht mehr unserem ästhettschen Gefühl. Und ebenso, wie man Käser nach der OerÄchkeit be­nennt, da sie sich mit Vorliebe aufhalten, kann man fte auch nach dem nennen, dem sie gleichen in diesem Falle den Broncheeren. Ihnen selbst ist es

gleichgültig.

Ihre Vorliebe für Mist ist übrigens lückenhaft, denn im Buchenwald fern von allem Mist und dergleichen sah ich jüngst hundert und aberhun- bert zwischen den welken Blättern nachdenklich und langsam einberfrabbeln.

Es ist etwas Tragiiches um das Schicksal der Brombeerkäfer. Erstens werden sie von vielen iwer die Achsel angesehen, obwohl ihr runder fester Lchild von einem wundervoll schillernden Blauschwarz ist. und zweitens und das ist das größte Hebel vermögen sie sich nicht selbständig umzudrehen, wenn sie durch Ungeschick oder Zufall auf den Rücken ge­fallen sind. Wie auf einer Halbkugel schaukeln sie hilflos hin und her, ohne den Schwung aufbringen zu können, sich zur Erde zurückzudrehen. Flöhend zappeln die zierlichen Beinchen an dem leuchtend stahlblauen Bauch. Sie sterben den grausamen Tod des Verhungerns, wenn nicht vorher ein Vogel sich ibrei erbarmt. Noch nie habe ich gesehen, daß einer dem andern geholfen hätte. Und es wäre doch so leickt . . . Auch darin gleichen ne uns Menschen.

Nun ging ich Pfingstsonntag durch den festlichen

Wald. Weit vor mir gingen zwei Frauen, und w diesen Frauen mochte das Büblein gehören, das ich beobachtete. Es trippelte auf seinen dünnen Bei­nen zwischen den welken Blättern einher und bückte sich mit unermüdlichem Eifer, als sammle es Ane­monen oder Veilchen. Ohne daß es mich bemerkte, näherte ich mich ihm, um mir Klarheit über seine Tätigkeit zu holen, die es mit bewundernswerter Konsequenz nicht unterbrach, obwohl die beiden Frauen es in milden, dann in ungebulbigen und zuletzt in zornigen Worten herbeiriefen.

Da erlebte ich etwas Wunderbares. Es war ein kleiner Heiliger, der durch den Wald schritt. Beim Anblick eines jeden Brombeertäfers, der hilflos auf dem Rücken zappelte, bückte er sich und drehte mit feinem zierlichen Finger das Käferlein auf die rich­tige Seite und feufzte befriedigt. Das tat er hun­dert und aberhundert mal mit einem unerschütter­lichen Ernst, mit innerer Selbstverständlichkeit, aus einer zwingenden Notwendigkeit heraus.

Ich lächelte Wer das rührende Bild, aber ich hätte mich schämen sollen. Beim Wettergehen sah ich mich oft nach ihm um, und immer sah ich chn kauernd am Waldboden.

Es war ein Büblein, oas den MifWfern half, weiter nichts, und doch hat es mich an diesem stillen, hohen Feiertag erschüttert. Ob es ein Mensch werden wird, der willig und fähig sein wird, später auch Menschen zu retten, wenn sie sich dem Schicksal

geliefert glauben, wenn sie keine Rettung mehr Er wäre einer von Zehntausenden. Einer der wissen, und nur schweigend flehen, daß einer kom- wenigen, auf die das Flämmchen des heiligen Gei- men möge und sie auf den rechten Weg zurückführen? stes hernieder schwebte.

Franz Dingelstedt:Die neuen Argonauten

Neu herausgegeben von Paul Heidelbach im Bärenreiter-Verlag zu Kassel.

Wenn man heute das köstliche, höchst amüsante Spießbürger- und Eulenspiegelbuch in seinem sati­rischwitzigen Plauiderton mit Behagen wieder auf sich wirken läßt und dabei an die besten komischen Ro­mane des 18. Jahrhunderts fröhlich erinnert wird, an die naive Horizontenge ihrer Lebenssphäre, mit ihrem gemächlichen Rhythmus des Daseinsgenießens, so ist man höchlichst erstaunt, wie gerade dieses Werk von Fran; Dingelstedt so völlig verschwinden konnte, daß vor einigen Jahren für ein Exemplar mehrere hundert Mark gezahlt wurden, Julius Rodenberg, der Freund, hatte recht, wenn er den Roman bewun­derungswürdig nannte und meinte: wer die neuen Argonauten unbefangen lesen würde, mußte dem Verfasser fchon größte Erfolge auf dem Gebiete des historischen Romans zutrauen. Ja, er sieht in dem Helden, dem Marktmeister und Kaufherrn Treuttel- futz eine selbst eines Dickens nicht unwürdige Ge­stalt. Wenn man nun gar die Dinglstedtsche Erzäh­lung mit ihrer Vorlage, der komischen Liebesgeschichte Magister Zimpels Brautfahrt" (1820) des galanten Modeschriftstellers August Langbein (von dem übri- gens das Gedicht:Als der Großvater die Großmut­ter nahm", stammt), vergleicht, die nach Paul Heidel­bach Dingelstedt stofflich angeregt haben mag, so springt sofort die unendlich viel farbenreichere, geistvollere launig-ironisch zugespitzte, journalistisch beweglichere Darstellungskunst des Hessischen Dichters in die Äu­gen, der gewiß alle Mittolchen der Satire und Persi­flage, des lächelnden Spottes und der vergnüglichen Spannung, der zeitgenössischen Anspielungen und grotesken Anschaulichkeit beherrschte, dabei ober mit feinem Geschmack ihre Wirkungen abzuwägen wußte, fo datz man sich auch heute noch mit seltenem Ge­nüsse an dieser bürgerlichen Don Ouichoterie der hes­sischen Kleinstadt ergötzt. Dazu aber ist das Werk noch ein Schlüsselroman, gemünzt auf Kasseler, Ful­daer und Hersfelder Verhältnisse, deren leicht ver­schleierte Gestalten, Geschehnisse, Urbilder und An­lässe Heidelbach mit sicherem Spürsinn herausge­bracht hat.

So hat es kultur- und zeitgeschichtlich feilte eigene Bedeutung und gewinnt für den Kenner der Ver- ganaenhcit höchst pikanten Reiz. Es fallen mancher­lei interessante Schlaglichter auf das Leben und Trei­ben in Hersfeld (Gersfeld), in Rotenburg (Stauten»

bürg) und Kassel (Kesselstadt), in der Gemäldegalerie und im Wilholmshöher Park und auf der Fulda (Dulfe), ohne daß die Reflexionen den Fortgang der Handlung überwuchern. Die närrischen Gestalten wer­den mit Jean Panischer Sonderlingsmanier gezeich­net, ohne das Dingelstedt, in dessen skurrile Weitschwei­figkeit »erfaßt

Die ernsten und heiteren Szenen, die Bilder der hessischen Kleinstadt, des Fulda-Flußverkehrs vo» Anno Dazumal, des Duodez-Revolutionierens und der geräuschvollen Residenz mischen sich so vergnüg­lich zu einem Ganzen, daß man der mißglückten Brautwerbung des edlen Vieh- und Fleischbeschauers und Seehelden-Enkels wohl dieses Mal ein längeres Leben Voraussagen darf. Es sei auch noch betraten, datz diese hessischen Abenteurer als neue Argonauten wiodererstanden sind, weil sie wie ihre Ahnen vom goldenen Vlietz auf dem Fuldakahne, ihrer neuen Argo die unvorhergesehensten Hindernisse und Wi­drigkeiten überwinden müssen. Will man aber wis­sen, was es sonst auf sich hat mit dem Herrn Euse­bius und seinen Reisegefährten, der schüchternen französischen Offizierstochter Marion und dem schwärrnerifchen sächsischen Lehramtskandidaten, be: Frau Hofremereischreiberakzessist mit ihren Mahago­nimöbeln und ihrem vorsichtigen Gatten, überhaupt mit den geschilderten Heiratsplänen des alten Hage­stolzes, der reumütig zu feiner treu fotzenden Haus­hälterin Frau Margarethe Schleichlein zurücttchrt, nachdem er auch mit dem Metzger-Schimmel und der Postkutsche die Phantasterei feiner maritimen Neigungen nicht hatte wieder gut machen können, das mutz man schon selber lesen in diesem munteren, anmutigen, frischen, von immer neuen Einfällen über» sprudelnden, keck und kokett schillernden Sprachstil, der autzerdem noch durch die vorsichtig karikieren­den, gelungenen Federzeichnungen von Richard Sprick in ihrer krausen Strichmanier eindrucksvoll il­lustriert wird.

Wem sich bislang nur bet politische Lyriker Din­gelstedt, der la neben dem Weserlied feinen ei­gentlichen poetischen Ruhm begründete, erschlossen hat, der Hai hier eine ausgezeichnete Gelegenheit, ihn von einer neuen, allzu schnell vergessenen Seite, vielleicht seiner besten ass Epiker und Prosaist überhaupt kennen zu lernen. Dr. Gustav Struck.

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