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Nummer 118*
Freitag, 22. Mai 1931
21. Jahrgang
Samstag Ende der Genfer Ratstagung
Scharfe Angriffe auf den Völkerbund / Brüning plant weitere Erhöhung der Einkommensteuer
Keine Erhöhung der Umsatzsteuer
Oie Sozialdemokratie und das Kabinett Brüning (Von unserer Berliner Schriftleitung.)
Bleibt Briand im Amt?
Heute «'großer Empfangs in Paris
Berlin, 22. Mai.
Das Reichskabinett wird in dieser Woche nun doch nicht mehr zur Beratung der Notverordnung kommen, da noch eine Reihe Ressortbesprechungen vorher erforderlich sind, aber unmittelbar nach den Pfingst- feiertagen wird eine Kabinettssitzung anberaumt werden, in der zunächst der Bericht des Außenministers Dr. Curtius über die gegenwärtige Tagung des Völ- kerbundsrates entgegengenommen und in der dann sofort mit der Erörterung des Inhaltes der kommenden Nowerordnung begonnen werden soll. Es verstärkt sich inzwischen der Eindruck, daß die Regierung mit Spar- und Reformmaßnahmen allein nicht zum Ziele der vollständigen Sanierung der öffentlichen Finanzen gelangen kann, sondern daß auch eine direkte Erhöhung der Reichseinnahmen dazu erforderlich sein wird. In diesem Zusammenhänge ist in letzter Zeit wiederholt die Vermutung aufgetaucht, daß schon jetzt die
Erhöhung der Umsatzsteuer
in Betracht gezogen werden könnte, aber nach neueren Informationen scheint es, als ob der Reichskanzler noch nicht zu einer derartigen Maßnahme greifen wolle, sondern, wenn sich eine Erhöhung der Einnahmen als unerläßlich erweisen sollte, dann zunächst neue Zuschläge zur Einkommen- steuer in Betracht kommen würden. Ueber die Sanierung der Arbeitslosenversicherung hat der Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald inzwischen ein Programm ausgearbeitet, über welches er gestern Besprechungen mit dem Reichssinanzminister und dem Reichskanzler gehabt hat.
Im Bestände des Reichskabinetts wird in nächster Zeit voraussichtlich keine Aenderung eintreten. Der Vorstoß der „Deutschen Allgemeinen Zeitung- bezw. derjenigen politischen Kreise, die hinter diesem Blatte stehen, gegen Außenminister Dr. Curtius werden ebensowenig zu politischen Konsequenzen führen, wie die Erörterungen innerhalb der Bayrischen Volkspartei, die sich auf eine eventuelle Zurückziehung des Reichspostministers Dr. Schätze! beziehen. Beide Aktionen werden voraussichtlich ohne praktische Konsequenzen bleiben. Der Kanzler ist nicht gesonnen, personelle Aenderungen in seinem Kabinett vorzunehmen.
In der bayrischen Frage
nimmt man an, daß der Vorstand der Bayrischen Volkspartei bei seiner für Ende des Monaks in München in Aussicht genommenen Zusammenkunft sich zu einer Verständigung mit der Reichsregierung bereit zeigen wird, sodaß keine Notwendigkeit eines Ausscheidens des Reichspostministers aus dem Kabinett entsteht. Der Außenminister Dr. Curtius wiederum genieße nach wie vor das Vertrauen des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten, sodaß auch in der Leitung des Außenministeriums bis auf weiteres nicht mit einem Wechsel zu rechnen ist.
werde davon gesprochen, daß die Folge eine große langfristige Anleihe für Deutschland sein werde, die die Gefahr seines völligen wirtschaftlichen Zusammenbruchs abwenden und hundert andere Probleme erleichtern würde.
Der Pariser ,^rimes"-Korrespondent weiß seinem Blatt zu melden, aus allen französischen Pressekam- mentaren über Genf gehe hervor, daß sämtliche Gruppen der französischen öffentlichen Meinung einen weiteren Schritt in Richtung auf Annäherung an Deutschland für notwendig halten.
Oer Borstoß gegen Or. EurtiuS
Englische Prefsestimmen.
London, 22. Mai.
Die englische Presse beschäftigt sich eingehend mit pey wachsenden Schwierigkeiten des Kabinetts
Mit dem durch den Vorstoß der „D. A. 3." entfachten Kampf um den Außenminister befaßt sich heute der Vorsitzende der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, der Abgeordnete Dr. Breitscheid in einem Artikel im „Vorwärts". Er weist darauf hin, daß die Außenpolitik der Reichsregierung in der letzten Zeit nicht mehr in allen Stücken den Beifall der Sozialdemokratie gefunden habe und daß insbesondere das Auswärtige Amt die Entwicklung der Dinge in der Frage der deutsch-österreichischen Zollunion besser hätte voraussehen können. Diejenigen jedoch, die jetzt das schärfste Geschütz gegen den deutschen Außenminister auffahren, seien bestimmt nicht berechtigt, die Rolle der Enttäuschten zu spielen. Sie hätten f. Zt. Bescheid gewußt, hätten sich aber trotzdem bemüht, Herrn Curtius vorwärts zu stoßen. Currins werde sich heute Wohl selbst fragen, ob die freundliche Unterstützung, die man ihm von rechts her gewährt habe, nicht dem Wunsche entsprungen sei, daß man ihn in eine diplomatische Niederlage hineintreiben wollte, um diese Niederlage dann als den Beweis für die unzureichende Vertretung der nationalen Belange durch das Kabinett Brüning auswerten zu können. Breitscheid betont weiterhin, daß die Sozialdemokratie sich in den letzte« Monaten in der Beurteilung der Politik des Außenministers große Zurückhaltung auserlegt habe. Es sei der S. P. D. nur darum zu tun, schwere Nachteile vom deutschen Volke abzuwehren. Das Recht Deutschlands und Oesterreichs, eine Zollunion abzuschlietzen, sei grundsätzlich gegeben, aber jede Aktivität in der Außenpolitik habe nur dann einen Sinn, wenn das angestrebte Ziel erreicht werden könne, ohne daß die Nachteile dabei größer würden als die Vorteile. Der Außenminister komme in eine einigermaßen zweideutige Position, aber sein Rücktritt würde nur eine Lösung für 'hn persönlich, nicht aber für das Land bedeuten. Erforderlich wäre vielmehr, daß er und das gesamte Kabinett die auswärtige Politik einer ernsthaften und genauen Nachprüfung unterzögen.
In Bezug auf die innere Politik haben die Sozialdemokraten inzwischen ebenfalls eine vorläufige Stellungnahme veröffentlicht, da der Vorstand der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion gestern eine Tagung abgehalten hat. Sie hat dabei unter anoerem beschlossen, beim Reichskanzler erneut ernsthafte Vorstellungen in der Brotpreisfrage zu erheben und zu verlangen, daß die Regierung durch eine allgemeine Senkung der Zölle für Weizen und Rogg-a dafür sorge, daß die Preissteigerungen rückgängig gemacht werden könnten. Der Reichskanzler ist von der S. P. D. ausdrücklich auf die politischen Folgen aufmerksam gemacht worden, die durch ein Versagen hu Regierung auf diesem Gebiet entstehen würden. In der Frage der finanziellen Ersparnisse und Reformen hat sich der Vorstand der Fraktion selbstverständlich wieder auf den Standpunkt gestellt, daß die ernste jinanzielle Lage nicht zu einem Abbau der sozialen Einrichtungen benutzt werden dürfte.
Brüning. „Morningpost" legt dem Angriff der „D. A. Z." gegen Dr. Curtius und den Reichskanzler besonderes Gewicht bei. Es sei bemerkenswert, daß die Zahl der überzeugten Kritiker viel größer sei als die Menge der begeisterten Anhänger von Dr. Curtius. Es sei jetzt ganz klar, daß in irgend einer Form das Reparationsproblem in der näheren Zukunft unter dem Druck der finanziellen Lage und der deutschen öffentlichen Meinung angeschnitten werden würde. Die Stellung der Regierung bei den Massen sei geschwächt, weil trotz aller Bemühungen und ge- sorderten Opfer kein Erfolg aufzuweisen sei. Der Berliner Korrespondent des „Daily Telegraph" spricht von dem Außenminister Dr. Curtius als dem unpopulärsten Manne in Deutschland. An seiner gegenwärtigen Isolierung sei er selbst schuld. Er habe nach Popularität gehascht und habe das Spiel verloren. Er sei von sachverständigen Beratern gewarnt worden, habe sich jedoch geweigert, auf sie zu hören.
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Genf, 22. Mai.
Der Beginn der deutfch-ungarischen Wirtschafts- Verhandlungen wurde in Genf zwischen der deutschen und der ungarischen Delegation auf den 27. Mai, sofort nach Abschluß der Genfer Verhandlungen, vereinbart.
Paris, 22. Mai. _
Die Rückkehr Briands nach Paris wird für heute abend erwartet. In parlamentarischen und politischen Kreisen neigt man immer mehr zu der Annahme, daß Briand sich von seinen Freunden und Ministerkollegen überreden lassen werde, auf seinen Rücktritt zu verzichten. Selbst nach den Aussagen seiner politischen Gegner soll der Außenminister infolge seiner letzten Erfolge in Genf seine Niederlage in Versailles verschmerzt haben. Die Fortschritte (?), die die Verwirklichung seines Paneuropa-Gedankens gemacht haben, sollen ihn so befriedigt haben, daß er daran denke, seine Pläne zu Ende zu führen.
Für die Ankunft Briands in Paris sind große Kundgebungen vorgesehen, die vor allem von den republikanischen Vereinigungen ausgehen. Abordnungen von Vertretern ehemaliger Kriegsteilnehmer, republikanische und sozialistische Studentenvereinigun- gcn sowie die internationale Liga gegen den Antisemitismus werden Briand am Bahnhof empfangen. Da die Royalisten Gegenkundgebungcn beschlossen haben, hat die Polizei umfassende Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um Zwischenfälle zu vermeiden.
Genfer Scheinheiligkeit
Englische Kritik am Völkerbund.
London, 22. Mai.
Zu den Vorgängen in Genf berichtet der Sonderkorrespondent des „Daily Expreß", daß einflußreiche Personen, die bisher den Völkerbund stets unterstützt hätten nunmehr ihren Abscheu über die in Genf bewiesene Scheinheiligkeit aussprechen. Ein hervorragender französischer Journalist, der seit der Gründung des Völkerbundes jede Sitzung und Vollversammlung mitgemacht habe, habe ihm gesagt,
daß der Völkerbund auf dem letzten Loch pfeife.
Ein belgischer Sozialist habe erklärt, wenn die deutschen Staatsmänner den Mut hätten, dem Völkerbunde das zu sagen, was sie sonst ganz offen außer-
Genf, 22. Mai.
L.crttoürbig genug: seit einigen Jahren hat der wundervolle Genfer See mitsamt der unvergleichlichen Natur ringsum in den Redeturnieren des Völkerbundes die früher so starke sinnbildliche Kraft verloren. Es gehört nicht mehr zum guten Ton, im ehemaligen Hotelpalast am Wilsonkai von dem blauen Wasser, den weihen Schwänen, den grünen Matten und gelben Firmen zu sprechen und daran symbolische Bemerkungen zu knüpfen. Und doch ist die ganze Herrlichkeit des Sees und seiner Ufer, der duftenden Wiesen, des tannendunklen Voironberges wie der eiserstarrten Zacken des Mont-Blanc auch heute noch vorhanden, und kaum ein Besucher dieses gesegneten Erdcnwinkels vermag sich ihres bestrickenden Reizes zu entziehen. Warum ist man ausgerechnet im Völkerbund so prosaisch geworden? Warum ist in den nüchternen Glashallen des Rates, in den verschwiegenen Sälen der Ausschüsse kein Hauch mehr von all der Schönheit zu verspüren? Daß man schwere Sorgen hat, kann für sich allein nicht genügen; selbst der bedrückteste Mensch und gerade er liebt es, die Bürde von Zeit zu Zeit abzuwerfen, in dem ewigen Jungbrunnen der Natur Heilung und Trost zu suchen. Welches mögen also die tieferen Gründe sein? Wohl ein radikaler Gesinnungswechsel, eine Abkehr von Rousseau, dessen Wiege hier stand, ein skeptischer Rationalismus, der jede Schwärmerei nachsichtig belächelt. So alt ist man schon geworden int Völkerbund. Schade um den schönen See, die grünen Matten, die gelben Firne, schade nm die weißen Schwäne, die sich eben ganz entzückende Schwänlein zugelegt haben.
Oie Herren Photographen
Noch ein Zweites. ist merkwürdig: Daß sich die Herren Delegierten, Außenminister von siebenundzwanzig Staaten, darunter soviele Großmächte, samt ihren Sachverständigen, Diplomaten, Attaches aller Sorten, von den Photographen wie richttge Schuljungen behandeln lassen. Ehe noch der Vorsitzende es wagt, einem Redner das Wort zu erteilen, müssen sie alle stramm sitzen, mutvoll und energisch geradeaus blicken, keinen Muskel ihrer steingemeißelten Gesichter zucken zu lassen. Diktatorischer und rücksichtsloser
halb dieses Kreises sagen, so könnte man vielleicht etwas mehr „Wirklichkeit" in dem Völkerbunde haben. Hunderte von Menschen, die sich im Zusammenhang mit der Völkerbundstagung in Genf befänden, kritisierten die Torheit, die sogenannte Ab- rüstungskonferenz einberufen zu wollen, da Frank« reich jetzt 400 Millionen Mark nur für seine Befestigungen ausgebe, die sich von Dünkirchen nach Osten und nach Westen bis an das Mittelländische Meer erstreckten.
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Voraussichtliches Ende der Ratstagung am Samstag.
Genf, 22. Mai.
Die Tagesordnung des Rates ist erschöpft bis auf den polnischen Rechtsertigungsbericht, die oberschlesische Minderheitenbeschwerde, die Memeler und die Danziger Frage. Sämtliche Fragen sind noch offen. Es wird wegen ihrer Erledigung noch verhandelt und man rechnet, daß sie am Samstag zum Abschluß gelangen. In der Danziger Frage sind die Schwierigkeiten besonders groß, da Polen die Erstattung des Gravina-Berichtes über die letzten politischen Vorgänge vor dem Rat verweigern will. Gravina droht deshalb mit seinem Rücktritt, falls Polen den Bericht vor dem Rat nicht annimmt.
Paris mit Genf zufrieden
Paris, 22. Mai.
„Petit Parisien" faßt das Ergebnis der 63. Tagung des Völkerbundes jetzt dahin zusammen, daß man im großen und ganzen mit der Aussprache zufrieden sein könne. Nichts von dem, was man hätte befürchten können, habe sich ereignet und alles was man hätte hoffen können, sei erreicht worden. Im Augenblick bestehe nichts mehr, was die internationale Lage trüben könne. Auf keiner Seite dürfte heute noch irgendwelche Verstimmung bestehen (!). Wenn man überhaupt von einem Siege sprechen könne, so sei es derjenige der Friedenspolitik, der Wahrhit, Offenheit, der Gemessenheit und des Taktes.
kann niemand vorgehen als diese Platten- und Kameraleute. Ihre Befehle klingen metallscharf, mit einem Wort, einer Geste weisen sie den großmächtigen Politiker zurecht. Es ist der augenfällige Triumph der Technik, der Maschine über den Menschenwillen; und Herr Curtius hatte diesmal Galgenhumor genug, seine und des Rates bedingungslose Unterwerfung offen einzugestehen. Allerdings gibt es immer noch Einzelne, die gegen den Stachel löcken; doch sind sie viel eher in den Reihen der internationalen Journalisten zu suchen, als der Staatsmänner, welch letztere im Uebrigen ja auch von Haus aus mehr und mehr ans Strammstehen vor einer oft sehr zweifelhaften „öffentlichen Meinung" gewöhnt werden.
Oas Publikum
Damit steht im Zusammenhang, daß bei den großen Sitzungen in Genf das Publikum nach und nach alle Dämme einzureißen droht. Was ist das überhaupt, dieses Genfer Publikum? Aus welchen Elementen setzt es sich zusammen, von welchen Himmeln kommt es her, und was wjll es eigentlich in den Kulissen — und allzuoft auch auf der Bühne — des Völkerbundes? — Fragen, die alle viel leichter zu stellen, als zu beantworten sind. Jedenfalls hat das Genfer Publikum ein ganz besonderes Gesicht, und es unterscheidet sich von allen andern anonymen Menschengruppen, die man anderorts antreffen mag. Es ist zugleich jünger und älter, begeisterter und platt-neugieriger, interessanter und nichtssagender, disziplinierter und anarchistischer. Also im Grunde durchaus widerspruchsvoll, und sehr schwer definierbar. Trotzdem hat es sich längst zu einer Art „Massenseele"" geformt, die jeder sofort erkennt, der in Genf berufsmäßig tätig ist.
Trotz der strengsten Vorsichtsmaßnahmen gelingt es diesem Publikum immer wieder, sich zu den wichtigen Sitzungen des Rates wie des europäischen Ausschusses Eintrittskarten zu verschaffen; wie es eigentlich die Sache anstellt, konnte nie ergründet werden. Sofort nach Oeffnnng der Saaltüren flutet es hinein, besetzt alle verfügbaren Plätze, wankt und weicht nicht, solange noch ein Redner, und wäre es der langweiligste aller Kontinente, das Wort verlangt. Nicht einmal die endlosen Uebersetzungen vermögest
Langfristige Anleihe für Deutschland?
pariser presse für weitere Annäherung an Deutschland
London, 22. Mai.
Der Genfer Korrespondent des „Daily Herald" bezeichnet die Ernennung eines Ausschusses zur Erleichterung internationaler Anleihen unter den Auspizien des Völkerbundes als hochwichtig, denn es
Gireifbilder vom Genfer See
(Von unserem Genfer Sonderberichterstatter.)