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Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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Nummer 115*

Dkerisiaa, 19. Mai 1931

21. Jahrgang

Oer Stapellauf des Panzerkreuzers A

Massenbesuch in Kiel / Scharfer Angriff Benesch's auf die Zollunion / Abrüstungsfragen in Genf

Oer Aufmarsch der Zehniausende

Kiel hat seinen großen Tag

Kiel. 19. Mai.

Die alte Marinestadt Kiel steht im Zeichen des Panzerschiffes A. Seit Wochen bildet es in allen Kreisen das Hauptgesprächsthema, seit Tagen zieht es auf der gegenüberliegenden Wasserallee unwidersteh­lich die Blicke aller auf sich, seit Stunden sind Zehn­taufende auf den Beinen, um Zeuge zu sein, wenn das Schiff seinem Element übergeben wird; denn nach jahrelanger Vorarbeit ist es nun soweit: das erste deutsche Panzerschiff nach dem Kriege wird heute von Stapel gelassen.

Die Einheiten der deutschen Flotte, soweit sie nicht auf Auslandsreise begriffen, sind int Hafen versam­melt. In einer Reihe liegen die wuchtigen Linien­schiffe neben den schlanken Kreuzern an den Bojen, inmitten der Förde, flankiert von dem graziösen Se- grlschulschiffNiobe" und den SchulschiffenDeutsch­land" undElisabet" des Deutschen Schulschiffver­eins. Seit den Morgenstunden haben die Schiffe Flag­gengala angelegt. Auch die öffentlichen Gebäude und viele Privathäuser der Stadt, durch deren Straßen eine festlich gestimmte Menge wogt, tragen reichen Flaggenschnmck.

Schon in den frühen Morgenstunden beginnt der Anmarsch der Schaulustigen zum Stapellaufplatz in den Deutschen Werken.

56 000 Karten find von der Werft und der Marine ausgegeben worden.

Udber 1500 Kraftwagen müssen auf Keinem Raume uutergebracht werden für die Polizei eine schwere Aufgabe, die aber dank einer gut funktionierenden Organisation ohne Reibung bewältigt wird.

Schon bald, nachdem Vie Werst um 9.30 Uhr ihre Tore geöffnet hatte, begannen sich die zu beide» Sei­len des Schiffes befindlichen, etwa 25 000 Personen fassenden Publikmnsplätze zu füllen. Später trafen die Krieger- und Militärvereine mit ihren Fahnen, die studentischen Korporationen in Wichs und etwa 10 000 Schulkinder ein, Venen besondere Plätze zuge­wiesen wurden. Auch das Reichsbanner und der Stahlhelm sind mit größeren Formationen vertreten. Besondere Plätze hat das Marineofsizierkorps mit sei­nen Damen inne, während über 100 Pressevertreter

von dem Interesse der deutschen Zeitungen an dem Ereignis Zeugnis ablegen.

Auf der Tribüne der Ehrengäste sieht man die Reichsminister Dr. Dietrich, Stegerwald und Trevira­nus, Staatssekretär Dr. Pünder, Staatssekretär Dr. Weißmann, der als Vertreter des preußischen Mini­sterpräsidenten und mit dem bayerischen Gesandten Dr. von Preger und dem mecklenburg-schwerinischen Dr. Tischbein als Mitglied des Reichsrates erschie­nen ist. Der Reichstag ist durch den Vizepräsidenten von Kardorff und mehrere Reichs tagsabgeordnete vertreten. Die Städte Flensburg, Stralsund, Ham­burg, Lübeck, Bremen und Königsberg haben ihre Oberhäupter entsandt.

Vor der Tribüne nimmt eine Ehrenkompagnie Aufstellung. Mehrere 1000 Werft- und Marineange­hörige vervollständigen den Kreis der Zuschauer. Auch der Hafen ist dicht besät mit Schiffen aller Größen, und auf dem gegenüberliegenden Fördeufer drängt sich Kopf an Kopf.

Der Täufling

selbst, der bereits das. graue Kleid seiner Artgenossen trägt, glänzt im Schmuck grünen Laubgewindes und zahlloser Flaggen. Der langgestreckte, nicht sehr hohe Bau bietet mit seinen eigenartigen Konturen einen unvergeßlichen Anblick. Noch trägt der Neubau keinen Namen, da dieser nach der Tradition der Kriegs­marine erst bei der Taufe bekannt gegeben wird. Ohne jede Stütze ruht der Körper des Schiffes jetzt allein auf der schrägen Gleitbahn, gehalten nur von einigen Bremsklötzen, ungeduldig, die erste Fahrt an­zutreten.

Reichspräsident von Hindenburg

traf gegen 10 Uhr aus dem Kieler Hauptbahnhof ein, empfangen vom Ehef der Marinestation der Ostsee, Vizeadmiral Hansen. Mit dem Einlaufen des Zuges setzte der an der Scharithorftbrücke in der Wik liegenve KreuzerKönigsberg", auf dem Hindenburg während seines Kieler Aufenthaltes Wohnung nehmen wird, die Standarte des Reichspräsidenten, die von allen im Hafen liegenden Kriegsschiffen und der Salutbat­terie mit 21 Schuß salutiert wurde.

Oie Parteien zu

Brünings Plänen

(Von unserer Berlin

Berlin, 19. Mat.

Nachdem über Brünings neue Sanierungspläne allerlei bekannt geworden ist, beginnen sich auch die Parteien für diesen Gegenstand zu interessieren. Die Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspariei hat be­reits am Sonnabend in Saarbrücken eine Sitzung abgehalten, in der auf diese Materie näher eingegan­gen wurde. Der Vorstand der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, auf die in dieser Lage besonders viel ankommt, wird am Donnerstag dieser Woche zu­sammentreten, um sich mit der gesamten politischen Lage und selbstverständlich vor allem mit den in Aus­sicht genommenen Maßnahmen der Reichsregierung zu beschäftig-»

Den unmittelbaren Anlaß zu dem Zusammentritt des sozialdemokratischen Fraktionsvorstandes bildet, wie derVorwärts" heute mitteilt, die mangelhafte Regelung der Frage des B r o t p r e i s e s. Das Ver­sagen der Reichsregierung in dieser Frage kann, wie das Blatt ausführt, zu einer schwierigen und gefähr­lichen Zuspitzung der politischen Situation führen, der nur ausgewichen werden könne, wenn die Reichs­regierung jetzt unverzüglich durch Herabsetzung der Zölle für Weizen, Gerste und Futtermittel eine all­gemeine Senkung der Getreide- und Mehlpreise ein- leite. Von den Gegenständen, die in der Notverord­nung geregelt werden sollen, interessiert die Sozial­demokraten vor allem die beabsichtigte Kürzung der Ausgaben für den Sozialetat. Dagegen machen sich bei der S. P. D. erhebliche Widerstände bemerkbar. DerVorwärts" erklärt, wenn der bekanntlich noch nicht vorliegende dritte Teil des Gutachtens der Braunskommission Vorschläge zur Kürzung des Auf­wandes für die Unterstützungen enthalten sollte, so werde damit immer noch nicht der Fehlbetrag in der Arbeitslosenversicherung gedeckt werden können. In­folgedessen taucht jetzt die Frage einer Beitragser­höhung erneut auf. Ebenso schwierig sei aber die Neuregelung der Krisenfürsorge und der Wohlfahrts- sürsorge. Jedenfalls m''fse man sich des vollen Ernstes der jinanzpolitischeu Situation und der große» Ge­

er Schriftleitung.)

fahren für die sozialen Einrichtungen bewußt fein. Die Sozialdemokraten betrachten diese Situation jedenfalls als sehr schwierig und beabsichtigen, noch vor dem auf den 31. Mai angesetzten Leipziger Par­teitag eine Fraktionssitzung abzuhalten, von der wahrscheinlich wieder starke Rückwirkungen auf die in Aussicht stehenden Beschlüsse des Kabinetts zu er­warten sind. Auch der Vorstand der Zentrumsfr.iktion des Reichstags wird im Lause dieser Woche zur Be­ratung zusammentreten.

Stimmung für Revision

London, 19. Mai.

Die .Times" widmet dem Stea der National­sozialisten in Oldenbura eine sehr eingehende Be­trachtung. Das Blatt weist auf die Stimnmng auf dem Lande, die gute Disziplin der nationalsoziali­stischen Sturmtrupps, die drückenden Sorgen der deutschen Landwirtschaft und insbesondere auf die schweren auf der deutschen Bevölkerung ruhenden Lasten der Tribute hin. Die .Finanzial News" er­klärt, daß der Erfolg der Nationalsozialisten in Oldenburg außerordentlich bezeichnend sei. Der deutsche Kanzler habe bei den verantwortlichen Ele­menten der deutschen Oesfentlichkeit erheblich an An­sehen gewonnen, aber unter der Bevölkerung, die die Lasten der Armut und der Arbeitslosigkeit schwer fühle, sei dies keineswegs der Fall. Die deutsche Bevölkerung wolle nicht länger mehr stillschweigend eine Politik ertragen, die sie dazu verurteile, sich un­nötigen Härten auszusetzen, lediglich um Verpflich­tungen zu erfüllen, die ungerecht seien.

Es sei wahrscheinlich, daß ein Moratoriumsbegeh­ren, wie es der Youngplan vorsehe, im Hinblick auf die nachteiligen Folgen auf den deutschen Kredit ver­hindert werden würde. Stattdessen müsse die B. I. Z. ersucht werden, die Lage zu untersuchen und Stel­lung zu nehmen. Sollte die Entscheidung günsttg für eine Revision ausfallen, dann würde die Frage ent- sichen. wie man die Meinungsäußerung der B. I. Z.

in die Tat umzusetzen habe. Dann würde auch die Frage der internationalen Kriegsschulden aufgewor­fen werden. Man müsse sich auf jeden Fall darauf einstellen, daß die Reparationsfrage eines Tages wie­der neu erwogen würde.

Gestern Zollunion heute Abrüstung

Genf, 19. Mai.

Nach Erledigung der Zollangelegenheit wird im Völkerbundsrat die Abrüstungsfrage behandelt. Es handelt sich zunächst um die verschiedenen Anträge auf Offenlegung des Rüstungsstandes. Während Deutsch­land bekanntlich in den von ihm vorgeschlagenen Ta­bellen auch eine Erfassung der ausgebildeten Reserven und des lagernden Materials verlangt, beschränkt sich der englische Antrag auf die Offenlegung gemäß den Tabellen, die dem vom Vorbereitungsausschuß ausge­arbeiteten Entwurf einer Abrüstungskonvention bei­gefügt sind. Der englische Antrag spricht sich auch für die sog. budgetäre Methode aus, hat aber die Ergeb­nisse der kürzlich hier abgehaltenen Konferenz der Budgetsachverständigen noch nicht berücksichtigt. Der deutsche Außenminister wird den deutschen Antrag ausführlich begründen. Sollte er nicht angenommen werden, so wird sich Deutschland bei der Abstimmung über den dann im Vordergrund der Debatte stehen­den englischen Antrag der Stimme enthalten.

Im Völkerbundsrat sprach heute der tschecho-slowa- kische Außenminister Dr. B e»e sch über die Zoll- |

union. Er erklärte sich mit der Anregung Hendersons vollkommen einverstanden, daß der Rat sich im Au­genblick nur mit der juristischen Seite zu befassen ha­be, versuchte aber, ähnlich wie in seinen Darlegun­gen im tschechoslowakischen Parlament, mit der juri­stischen Frage auch politisch und wirtschaftliche Affekte zu verbinden und die ganze Angelegenheit als einen Konflikt darzustellen, der in seinen ganzen Auswir­kungen zur Zuständigkeit des Völkerbundsrates gehö­re. Die Zollunion sei für die Tschechoslowakei eine schwere Bedrohung nicht nur in wirtschaftlicher, son­dern auch in politischer Hinsicht.

In unterrichteten Kreisen erwartet man die Ent­scheidung des Haager Gerichtshofes vor der Sep­tembertagung des Völkerbundsrates. Im übrigen ist darauf hinzuweisen, daß nach Auffassung der hiesigen maßgebenden Kreise die Wirtschaftsverhandlungen mit den Oststaaten, die feit längerer Zeit schweb m, durch die vorläufige Stellungnahme des Völkerbunds­rates in der Zollunionfrage nicht beeinträchtigt wer­den. Was die deutsch-österreichische Zollunion selbst betrifft, so wird nach der Annahme von Hendersons Antrag lediglich der formelle Abschluß des deutsch- österreichischen Zollunion-Vertrages hinausgeschoben, bis das Haager Schiedsgericht gesprochen hat, die bis dahin notwendigen Einzelverhandlungen zur Vorbe­reitung des Vertragsabschlusses werden selbstverständ­lich weitergeführt.

Es muß etwas geschehen!

(Von unserer Berliner Schriftleitung)

Berlin, 19. Mai.

Das Wahlergebnis von Oldenburg braucht man ebensowenig zu überschätzen wie den Vorstoß Briands gegen die Zollunion mit Oesterreich, auch inie ab und zu wieder in die Oeffentlichkeit kommende» und jedes Mal etwas höheren Zahlen der Fehlbeträge in den öffentlichen Finanzen braucht man noch nicht als ka­tastrophal anzusprechen, immerhin wird man unter dem Eindruck aller dieser Dinge immer mehr zu der Auffassung kommen, daß die Ereignisse in Deutschland nicht einfach ihren Lauf nehmen dürfen, sondern daß möglichst bald etwas geschehen muß, um gründliche Abhilfe zu schaffen. Nun ist allgemein bekannt, daß oder Reichskanzler schon seit längerer Zeit mit den zuständigen Ministern und Sachbearbeitern in gründ­liche Vorberatungen über die zur Sanierung der Reichsfinanzen erforderlichen Maßnahmen eingetreten ist, und je näher man dem Zeitpunkte der Veröffent­lichung der neuen Notverordnung kommt, um so mehr verstärkt sich der Eindruck, daß die in Aussicht stehen­den Schritte von sehr einschneidendem Charakter fein werden. Noch will man an den amtlichen Stellen mit feinem Sterbenswörtchen auf den voraussichtlichen sachlichen Inhalt der kommenden Nowerordnung ein­gehen, und noch werden allen autzeramtlichen Mel­dungen schroffe Dementis entgegengesetzt. Es liegt aber in der Natur der Sache selbst, welcher Kreis von Erwägungen und Beschlüssen überhaupt in Frage kommen kann, und man wird in der Oeffentlichkeit gut tun, sich allmählich darauf vorzubereiten, daß abermals neue scharfe Zugriffe aus den verschieden­sten Gebieten kommen müssen, wenn die innere Sa­nierung di ja heute schon ungleich schwieriger ist, als es noch kurz vor Oestern der Fall war wirllich durchgeführt werden soll.

Ob nun die eigentlichen Abstriche am Etat WO bis 300 Millionen betragen können, ob tatsächlich eine neue Kürzung der Beamtengehälter beschlossen wird, ob diese eine gestaffelte Form annehmen soll (obwohl eine hochprozentige Kürzung der hohen Gehälter sinanziell kein nennenswertes Ergebnis bringt, da es verhältnismäßig sehr wenig hochbesoldete Beamte im Reiche gibt), ob trotz des Widerstandes der Sozial­demokraten eine beträchtliche Herabsetzung der sozialen Versicherungsleistnngen durchgeführt wirs, ob Kinder­zulagen gestrichen, einzelne Stenern erhöht oder son­stige Maßnahmen, vielleicht auch wieder auf dem Anleihewege, ins Auge gefaßt werden, alles das mag vorläufig im Einzelnen wirklich noch den für die nächste Woche zu erwartenden Beschlüssen des Kabi­netts Vorbehalten bleiben. Das eine aber steht fest, daß diese Beschlüsse nun nicht mehr lange auf sich warten lassen können, denn von allen Seiten machen sich deutliche Anzeichen bemerkbar, wie sehr die Zeit drängt, und wie unmöglich es ist, den gegenwärtigen Zustand, der ja automatisch dauernde Verschlechterun­gen mit sich bringt, weiterbeftchen zu lassen. In die­sem Zusammenhang gewinnen die oldenburgi- schen Wahlen eine weit über die Grenzen dieses kleinen Landes hinausgehende Bedeutung, denn sie zeigen, daß die Welle der extremen Politik immer noch im Ansteigen begriffen ist. Selbst wenn man das Land Oldenburg angesichts seiner besonderen wirt­schaftlichen und geographischen Struktur keineswegs als ein Spiegelbild der für das gefamte Reich gelten­

den durchschnittlichen Strömungen und Stimmungen ansprechen kann, so geben die dortigen Wahlziffern doch zu denken. Die Ueberwindung extremer Politik darüber ist man sich immer und überall einig gewe­sen ist jedoch niemals mit Polizeimaßnahmen oder mit bloßen Versprechungen, sondern immer nur durch wirkliche Sanierung und durch einen wirtschaftlichen Wiederaufschwung denkbar, dem die politische Beruhi­gung erfahrungsgemäß auf dem Fuße zu folgen pflegt.

Brüning ist sich deshalb darüber klar, daß etwas geschehen muß, und zwar bald, und in großem Stile. Vor allem ist es die Verbindung der inneren Sanie­rung mit der außenpolitischen Aktion für eine Erleich­terung unserer Tributlasten, die dem Gesamt­pläne Dr. Brünings den entscheidenden Eharakterzug gibt. Die Tributfrage liegt allerdings beinahe noch stärker im Unklaren, als der Inhalt der kommenden Nowerordnung. Nur darüber herrscht einigermaßen Einigkeit, daß es unzweckmäßig und unzulänglich wäre, einfad) den Mechanismus des Doungplanes spie­len zu lassen, und demgemäß ein Moratorium in Anspruch zu nehmen. Alle Wege, die abseits davon verlaufen, bedürften selbswerständlich einer politische» Verständigung mit unseren Reparationsgläubigern, während die Anwendung der Moratoriumsflausel uns bekanntlich freigestellt ist. Es ist begreiflich, daß in dieser schwierigen Frage noch mancherlei verschiedene Ansichten über die richtige Form und den richtigen Zeitpunkt einer derartigen großzügigen Aktion vor­handen sind, besonders wen» diese auf eine langfri­stige Aussetzung unserer Zahlungen hinauslaufen soll­te. Persönlichkeiten, wie Dr. Brüning, Dr. Dietrich, Dr. Luther und Dr. Schacht haben auf diesem schwie­rigen Gebiet naturgemäß ihre eigenen Meinungen, aber schließlich bestimmt nach der Verfassung der Reichskanzler die Richtlinien der Politik, und es dürfte wohl kein Zweifel daran bestechen, daß Dr. Brüning entschlossen ist, den Weg zur Revision unse­rer Tributlasten unter allen Umständen noch in diesem Sommer zu beschreiten. Eine formale Revision des Youngplanes wird dabei aber wahrscheinlich weniger in Frage kommen, als eine politische Aktion, bei der die anderen Staaten jedoch erst von der Notwendig­keit ihrer Mitwirkung überzeugt werden müssen. Die europäischen Schuldner des großen amerikanische» Gläubigers haben nun zwar auch ihrerseits die Mög­lichkeit, ein Moratorium zu verlangen, aber nach de» bestehenden Abmachungen würde sich ein solcher Zah­lungsaufschub nur auf einen verhältnismäßig gerin­gen Teil der Leistungen beziehen, so -daß eine Lösung hier wohl nur im Einverständnis mit Amerika in Aussicht steht.

Amerika ist allerdings ein schwieriges Kapitel. Man hat dort beinahe ähnlich wie in Deutschland ebenfalls mit einer bedenklichen Wirtschaftskrise zu kämpfen, und» vor allem müßten wohl ernsthafte Fort­schritte in der Abrüstungsfrage gesichert sein, ehe aus nennenswertes Entgegenkommen der Amerikaner tn der Reparationsfrage zu rechnen ist. Schon aus die­sem Grunde kann die Reichsregierung chre getarnte Politik nicht auf diese einzige Karte setzen. Sie muß sich vielmehr auch in der übrigen Welt umtun, Ute Fortschritte zu erzielen, wo es nur irgend möglich ist Eine der hervorragendsten Aktionen auf diesem