7lr. 111 / Einundzwanzlgster Jahrgang
Kasseler Neueste Nachrichten
Mittwoch, 13. Mai 1931 / 2. Beilage
Aus aller Well
Revolte im Erziehungsheim
Zwei Prozesse um mißhandelte Fürsorge-Zöglinge.
Der Prozeß wegen der Vorgänge im Erziehungsheim Mcklinaen ist —-nmehr endgültig für den 2. Juni an beraumt worden. Die Große Strafkammer Kiel wird die Verhandlung im Germaniahotel in Bad Segeberg durchführen. Als Verteidiger der drei angeklagten Erzieher ist Rechtsanwalt Dr. Ms- berg bestellt. Als Vertreter der Fürsorge-Zöglinge werden Rechtsanwalt Dr. Frey und Dr. Litten auf- tteten.
Gleichfalls Anfang Juni wird in Lüneburg ein Prozeß beginnen, der sich wieder mit den Zuständen im Erziehungsheim Scheuen im Kreis Celle, das der Stadt Berlin gehört, beschäftigen wird. Es handelt sich um die Revolte im Februar vorigen Fabres. Dem Anstaltsleiter Straube wird vorsätzliche Körperverletzung in Ausübung seines Amts vorgeworfen, den Zöglingen Landfriedensbruch, Körperverletzung und Bedrohung. Die Revolte ist offenbar als Auflehnung gegen körperliche Züchtigungen anzusehen. Zwischen den revoltierenden Zöglingen und denen, die zu Straube hielten, entstand eine regelrechte Schlacht, bei der 375 Fenster in Trümmer gingen. Ein Zögling ist den erlittenen Miß- handlungen später erlegen. Ein zweiter Fall der zur Anklage stehenden Mißhandlungssülle spielte fich ab, als die geflüchteten Aufständischen nach Scheuen zurückgekehrt waren. Vor den zur Besichtigung nach Scheuen gekommenen Vertretern des Berliner Magistrats sollen die mißhandelten Zöglinge versteckt gehalten worden fein.
DoX2 feriiggestelli
Do X 1 noch nicht nach Amerika gestartet.
Das durch ein italienisches Luftfahrtkonsortium Lei den Dornierwerken in Auftrag gegebene Riesen- flugboot „Do X 2" ist seit etwa zehn Tagen fertig- gestellt und liegt auf der Werft Älltenrhein. Vergangene Woche wurde es zum erstenmal aus dem Bodenfee zu Wasser gebracht und Sonnabend nach- mittag machte es seine ersten Rollversuche auf dem Wasser zwecks Einrogulierung der Motore und Prüfung der Instrumente. Das Flugboot „Do X 2“ ist nn Gegensatz zu „Do X 1" mit zwölf italienischen Fiatmotoren Typ A 22 von je 600 PS. ausgerüstet. Die übrige Konstruktion ist genau die gleiche wie bei „Do X 1". Nach Eintreten besserer Witterung werden die ersten Flugversuche unternommen. Führer des Flugbootes ist wieder Chefpilot Wagner der Dörnierwerke. An diesen Flugversuchen nimmt die für „Do X 2“ bestimmte italienische Besatzung unter dem Kommoudanten Agnest teil. Die italienische Abnahmekommission ist ebenfalls bereits tn Altenrhein eingetroffen.
Das italienische Konsortium hat den Dornier- Werken in Altenrhein den Bau eines weiteren „Do X' in Auftrag gegeben. Der Rumpf desselben und die Tragflächen sind bereits fertiggestellt.
Zu den Meldungen, „Do X" sei am Freitag von Bolama aus dem Flug nach der Insel Fernando de Noronha aufgestiegen, erfahren wir von den Dor- nierwerken, daß diese Nachrichten den Tatsachen nicht entsprechen. „Do X“ ist nicht weitergeflogen. Bei der Besatzung des „Do X" ist insofern eine Aendc- rung eingetreten, als der amerikanische Pilot Schildhauer ausschied und für ihn der deutsche Pilot von Clausbruch eintrat. Als Expoditionsleiter befindet sich an Bord der Bruder des Chefkonstrukteurs Dr. Dornier, Maurice Dornier, und als technischer Leiter Direktor Paul Berner der Dörnierwerke Altenrhein.
330 Kilometer m der Stunde
Berlin, 13. Mas.
Dor amerikanische Rekordflieger Frank M. Hawks, der mittags um 12 Uhr in London startete, ist nachmittags um 2,55 Uhr, also nach noch nicht drei Stunden auf dem Tempelhofer Flughafen glücklich gelandet. Hawks W damit eine beispiellose Leistung vollbracht, indem er die rund 1000 Kilometer lange Luftstrecke mit 330 Kilometer Stundengeschwindigkeit zurücklegte.
Ungeklärter Tod des Fürsten zn Innhaufen
Emden, 13. Mai.
Der Tod des Fürsten zu Inn- und Knyphausen, der heute vormittag gegen 8 Uhr im Park seines Schlosses Lüttesburg bei Norden mit einem Brust- schuß neben seinem Jagdgewehr tot aufgefuüden wurde, ist in völliges Dunkel gehüllt. Während die Tatsache, daß der Fürst lungenkrank war und deshalb in jedem Jahre den Winter in der Schweiz zubrachte, die Vermutung zuläßt, daß er Selbstmord begangen haben könnte, wird von anderer Seite darauf hingewiesen, daß er sich in den letzten Tagen besonders wohl gefühlt und keinerlei Anlaß zum Selbstmord gehabt habe. Fest steht jedenfalls, daß noch den um 7 Uhr abends abgeschlossenen Ermitt
lungen und der Sektion der Leiche fremde Schuld nicht in Frage kommt. Man nimmt in den mit der Untersuchung betrauten Kreisen an, daß der Fürst über das Jagdgewehr gestolpert ist.
Der Fürst stand im 55. Lebensjahr und führte bis vor einem Jahre den Vorsitz im Landwirtschaftlichen Hauptverein für Ostfriesland, dem er schließlich aus Gesundheitsrücksichten niederlegte.
Ein Lebender für tot erklärt
Berlin, 13. Mai.
Getreide^'nigimgswerk aus, von dem es auf die Mühlenabteilung übersprang. Mitverbrannt sind trotz aller Löschversuche etwa 16000 Zentner Getreide. Da das Mühlenwerk vernichtet ist, dürfte sich der Schaden auf annähernd eine Million RM. belaufen. Die gesamte Belegschaft von etwa 50 Köpfen ist durch das Unglück brotlos geworden.
Die Umbenennung der rheinischen Stadt Gladbach-Rheydt in Gladbach, die bei den Bewohnern
von Rheydt heftige Proteste hervorgerufen hat, ist jetzt vom preußischen Staatsministerium rückgängig gemacht worden.
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In England, wo der von den Postbeamten im Dienst getragene Tschako sehr unbeliebt ist. soll jetzt für die Bamten ein neues Mützenmodell eingeführt werden. Es wurde nach dem Muster der von den deutschen Beamten getragenen Mützen ausgewählt.
Josef Klemms Klucht aus dem Bagno
Oer deutsche Generalstabsches Abdel Krims aus Cayenne entkommen
Im Neuköllner Krankenhaus in Berlin-Britz hat stch. wie erst jetzt bekannt wird, am 2. Mai folgender merkwürdige Fall abgespielt. Dei Patient H wurde durch amtliches Zeugnis des Arztes für tot erklärt und in den Baderaum geschafft, wohin man die Verstorbenen zunächst zu schaffen pflegt, bevor sie in die eigentliche Dodeskammer kommen. Die Angehörigen des Verstorbenen wurden telephonisch von dem Todesfall benachrichtigt und machten sich alsbald auf den Weg nach dem Krankenhaus. Bevor sie eintrafen, hatte eine Krankenschwester im Bade- raum zu tun. Sie sah, wie der „Tote" sich bewegte. Als nun die Verwandten ankamen, war der „Tote" dem Leben wiedergegeben. Er lobt heute noch.
Ein Millionär ermordet aufgefunden
Haag, 13. Mai.
Der Direktor der niederländisch-indischen Zuckerunion, der Millionär und Zuckermagnat Gschauzier, der seit Sonnabend der vergangenen Woche vermißt wurde, wurde in einem Lagerhaus in einer Kiste er« tnarbet aufgefunden. Er war mit Chloroform betäubt worden. Die beiden Täter sind bereits von der Polizei verhaftet worden. Sie haben im Lause des gestrigen Abends die Mordtat eimgeftanbqn. Es handelt sich nach ihren Angaben um einen Erpressungsversuch
Eine Mühle vernichtet
Pasewalk, 13. Mai.
Hier brach in dem großen Mühlenwerk der Firma Stege ein Brand aus, der das mächtige vierstöckige Gebäude in wenigen Stunden bis auf die Umfassungsmauern zerstörte. Das Feuer brach in dem
O, es gibt noch abenteuerliche Schicksale ht diesem rationalisierten Jahrhundert, wenn sie sich auch meist nicht gerade in unserem alten, friedfertigen und ein bißchen faul gewordenen Europa abspielen. Erinnert man sich noch des Namens Joses Klemmt Jenes Mannes, der als Generalstabsches Abd el Krims den erbitterten Kamps der Rifstämme gegen Frankreich und Spanien organisierte und fast leitete, der nach Cayenne deportiert wurde und dessen Leben damit abgeschlossen schien?
Klemm soll nach einer Pariser Nachricht, die allerdings noch nicht offiziell bestätigt ist, aus Cayenne geflüchtet fein. In den dortigen Bagnos haben Massenausbrüche stattgefunden, die anscheinend von ehemaligen Fremdenlegionären (Klemm gehörte ja zu ihnen) in Szene gesetzt wurden, und verschiedene Deutsche, unter ihnen auch Klemm, scheinen der sadistischen Justiz von Cayenne entkommen zu sein.
Daß diese Nachricht vorläufig noch nicht die offizielle Bestätigung durch französifche Stellen gefunden hat, braucht nicht wunder zu nehmen. Gehört Klemm doch zu den bestgehaßten Leuten in Frankreich, hat die französische Justiz doch, als sie auf das dringliche Ansuchen der deutschen Regierung das 1927 gegen Klemm ausgesprochene Todesurteil in lebenslängliche Deportation umwandelte, gegenüber der spanischen Regierung die Verpflichtung übernommen, dafür zu sorgen, daß Klemm auf Lebenszeit unschädlich
gemacht werde. Und wenn heute auch andere Machthaber in Madrid sitzen als vor vier Jahren, so ist dpch das Eingeständnis, daß die Bagnos von Cayenne versagt hätten, mehr als peinlich. Daher ist auch bis jetzt nicht zu erfahren, ob Klemm seine Flucht die ihn wohl in die Sümpfe und Dickichte von Hol- ländifch-Guyana geführt haben muß (Holland würde ihn nicht ausliefern) glücklich durchführen konnte, oder ob er am Ende dabei umgekommen ist.
Josef Klemm gehör, zu jenen Menschen, deren Schicksal in Deutschland noch viel zu wenig bekannt ist — denn sein Schicksal ist tvptsch für das Los. das junge Deutsche in der Fremdenlegion erwartet. Warnend sollte es allen jenen vor Augen stehen, die meinen, in der Legion Arbeit und Brot finden zu können oder dort irgendeiner Strafe, die sie in ihrem Vaterland erwirkt haben, entgehen zu können.
In der Legion aber gibt es durchaus nichts, das sich auch nur entfernt einem schweren Schicksal in Deutschland vergleichen ließe — die Legion ist schlimmer als alles, ist die bitterste Buße, die sich jemand für ein Vergehen selbst diktieren kann — die Legion ist das Ende unendlich vieler Deutscher — der Fall Klemm beweist, was die Legion ist.
Als junger Bursch ging Klemm — aus Abcntcu- rerluft wohl — zur Legion. Zunächst ging es ihm wohl nicht allzu schlecht, er avancierte sogar zum Sergeanten. Aber nach dem Kriege wurden die Verhältnisse schlimmer und schlimmer — so schlimm endlich,
„Graf Zeppelin" probiert neue Landevorrichtungen
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daß selbst der chargierte Legionär Klemm, der alte - erfahrene Soldat sie nicht mehr ertrug. Krank vor Heimweh, krank und körperlich von ungeheuerlichen Strapazen, von schlechter Behandlung, unzureichender Nahrung — so sah er 1922 keine Rettung für sich als die Flucht aus der Legion.
Er riskierte diese Flucht, die kaum einem von hundert glückt. Wurde sofort von dem wilden 93er« herstamm der Ait Abdellah gefangen, die sonst jeden Legionär abzuschlachten pflegten. Ihn ließen sie leben — freilich in unerträglicher Haft. Stemm machte mehrere Fluchtversuche, keiner gelang. Sein Schicksal schien von Dauer fein zu sollen, als Abd el Krim, der gerade feinen Freiheitskampf gegen Frankreich und Spanien begonnen hatte, von ihm hörte und ihn zu feinem Chasseur machte. Nicht lange blieb der befähigte Soldat in dieser Stellung. Sehr bald rückte er auf, bis er endlich Generalstabsches des Kabylen- häuptlings wurde, besonders die Kampfpläne und die Artillerie leitete und der böse Geist der Franzosen und Spanier wurde.
Sehr bald wandelte sich Klemms Heimweh nach Deutschland, das ihn im Beginn seiner Gefangenschaft gequält hatte. Der Haß gegen die Franzosen brach elementar durch — er wurde ihr erbitterster Gegner. Kein Wunder, daß sie ihn nach Abd el Krims Kapitulation endlich jagten, bis er in ihre Hände fiel. Das Ende war das Todesurteil des Militärgerichts von Meines. Vor einem Jahr wurde es endlich in lebenslängliche Deportation umgewandelt und Klemm wurde nach Cayenne verschickt, von wo er sich nun gerettet zu haben scheint.
Hat der abenteuerliche Roman dieses Lebens nun fein Ende gefunden? Wird Klemm nun die deutsche Heimat Wiedersehen, in die er 1922, vor neun Jahren feine Flucht richtete u. die er nach dem Willen seiner „Richter" nie hätte Wiedersehen sollen? Vielleicht. Vielleicht aber auch ist diese Nachricht feiner Flucht das letzte, was wir von ihm hören, vielleicht haben die Sümpfe des füdamerikanischen Dfchungels, Fieber, wilde Tiere, Hunger, Not, ihn schon vernichtet, während diese Zeilen geschrieben werden.
Schicksal der Fremdenlegion — einzuhämmern allen jungen Deutschen, allen jenen verblendeten Jünglingen, die es aus irgendwelchen Gründen nach der Legion gelüftet. Wüßten sie alle, was ihnen dort bevorsteht— keinen würden die französischen Werber, die trotz aller Vereinbarungen, trotz aller Gesetze immer noch ihr Unwesen in Deutschland treiben, über«
Oben Bitte: Die Verankerung der Lustschiffspitze am Siaakener Haltemast.
reden können.
Oben rechts: Skizre der neuen Landevorrichtung.
Unten: Der neue Schienenwagen, auf dem während der Landung die hintere Maschinengondel fest- montiert wird.
Bei feinem Berliner Befuch wird „Graf Zeppelin" tat Lustschiffhafen Staaken eine neue Landevorrichtung ausprobieren, die sich allerdings an eine bereits in Betrieb genommene amerikanische Anlage anleb"« Rund um den Ankermast ist eine Kreisschiene gelegt, die von einem Wagen befahren wird. Während hie Luftick«sfspitze an dem Ankermast befestigt wird, wird die hintere Maschinengondel auf dem Wagen festinontiert, der je nach der Windrichtung in die für das Luftschiff günstigste Lage gebracht werden kann.
Ein englisches Kriegsstück der Frauen. Rach dem Dorbilde englischer Kriegsromane, die sich meist sehr ausführlich mit der Rolle der Fran im Kriege und im Etappendienst befassen, ist jetzt auch das Leben der Lazarettschwefteril und der Kraftwagen-Führerinnen für die Bühne dramatisiert worden. Das Stück Elsme Beringers führt den Titel „Lovers' Meeting" und spielt an der französischen Front 1918 in der Kantine einer Verpflegungsstation.
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