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Kasseler Neueste Nachrichten

Bette 4

Oer Orisdiener

Bon Ä. Liest.

Wer ist 6er Ortsdiener? Nun zuerst kommt der Reichspräsident; und dann kommen so viele viÄe Beamten, die regieren, und dann na dann kommt als letzte ausführende Staatsgewalt der Ortsdiener.

Eigentlich gab es früher aus den Dörfern 5 wich­tige und gefürchtete Beamte, bas waren der Bürger­meister, der Ortsdiener, der Gendarm, der Förster und der Schornsteinfeger. Der Bürgermeister, weil er den Bauern konnte oder auch nicht bestrafen. Vor dem Gendarm hatte das ganze Dorf bis auf den kleinsten Jungen Angst, wenn nur aus größter Entfer­nung die goldene Helm spitze sichtbar wurde. Man könnte einmal? Ja, die Bauern mußten die

Nachtwachen selbst ausführen, und wenn nun einer die warme Stube der kalten Dorfftraße vorzog und er wurde um Mitternacht vom Gendarm erwischt, so war ein Taler sättig.

Mit dem Schornsteinfeger Hattens die Bauers­frauen zu tun; denn sie machten sich straffällig, wenn sie bei feinem Auftreten desselben im Ort die Herd- feuer nicht auslöschten. Und nun hingen doch die Würste und der Speck und Schinken im Rauch im Schornstein und der Mann wollte in den Schornstein klettern und fegen. Dann fluchte er hundert Gewitter und konnte erst durch eine schöne Zervelatwurst oder ein Dutzend Hühnereier wieder beruhigt werden.

Und der Förster, der konnte einem viel antun, wenn er einem erwischte, wenn man ohne Holzzettel Streuzeug oder gar eine neue Wagendeichsel heimlich holte. Vielleicht machte er ein Auge zu, wenn er einem auf frischer Tat erwischte! Oder auch nicht!!

Und der Ortsdiener, der war angesehen und auch gefürchtet wegen seines vielseitigen, wichtigen Amtes. Mußte er doch in einer Sprache, wie sie nur der Herr Pfarrer oder ein Advokat übten, den Leuten des Bür­germeisters Willen verkünden. Er war dessen Laut­sprecher. Und darauf war seine Frau nicht wenig stolz! Was lag ihm daran, wenn beim Antritt seines Amtes die Dorffrauen sich tot über seine gekehrte Sprache lachen wollten! Und am Sonntag hatte er neben dem Kantor den wichtigsten Posten in der Kirche, denn da lieferte er dem ersteren seinen Wind ;um Orgslspiel. Und wenn er da einmal versagte, dann mußte der Kantor da Pausen machen, wo in sei­nen Noten keine standen. Und wenn er nach beendeter Kirche nach Hause kam, so erzählte er seiner Frau, wie er und der Kantor heute wieder so schön gespielt hätten.

Ach, und im Winter verfolgte er die bösen Buben,

Donnerstag, 7. Rai IM

welche die Dorfftraße zum Sportplatz gentaM asÄ beschlagnahmte ihre Schlitten, was er aber nicht mehr fertig brachte, wenn er in seinem hohen Alterfpo* tenlahm" geworden war; denn' er machte treu tu® ehrlich seinen Dienst bis zu seinem Tode, der Äte Ortsdiener. Dabei war er die reinste Auskunfts­stelle, das Verkehrsamt für den Ort. Er wußte un» weiß noch heute, wo die jungen verkäuflichen Schwei­ne, fette Schweine, Kälber, Kühe, Ochsen und was nicht alles sichen. Er war daher bei dem Weimaus, der heute natürlich recht mager ausfällt, die erste Per­son. Und in manchen Orten mußte er die öffentliche Wache noch ausführen und mußte auch da den Gen­darmen fürchten, der seinen Dienst kontrollierte.

Aber bei allen saß unter der altertümlichen, fetti­gen Mütze mit dem Adler, dem Zeichen der obrig- festlichen Gewalt das Muster eines von höchst«, Pfkichtbewußtsein erfüllten Beamten.

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