Einzelpreis 20 Pfennig
Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
6rf6einttno8weffe: wSchentNch sechsmal nachmittag?. AvonnementSvreiS: für leit Monat 2,S0 Jt Bel freier Zu. ftellung ins HauS. in der Geschäirsstelle abgebolt 2,10 Jt. Durch die Post monatlich 2.30 Jt ausschlietzlich Zu. ftenuna8sebfiör. Zn Fällen von höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Lieferung der Zeitung oder aus Rückzahlung des Beziiasvreises. Verlag. Schriftleitung und Druckerei: Kölnische Strafte 10. — Televfton: Sammelirummer 6800. Juristische Svrechstunden Dienstag und Freitags 17—19 Uhr Kölnische Strafte 10, £
Hessische Abendzeitung
Geschäfts, und Samilien-Anzeigen die 30 mm • Zeile 11 Pfennig. Kleine Anzeigen au« Kassel das Sott 7 A. Auswärtige Kleme Anzeigen die 30 mm Breite Zeile 11 A. Anzeigen im Reklameteil die 78 mm breite Zeile 4a A. Onertgebübr 25 A (Bei Zustellung 85 A). — Für das Erscheinen von Anzeigen ttt bestimmten Ausgaben, an besonderen Platzen und tür telephonisch erteilte Aufträge keine Gewähr. Rech, nungsbetrage innerhalb von 5 Tagen zahlbar. Gerichksnand Kassel. — Postscheckkonto Frankiurt a. M. 6386,
Hummer 102*
Sonnabend/Sonntag, 2./3. Mai 1931
21. Jahrgang
Oer Widersinn der Reparationen
Or. Luther übt scharfe Kritik an der heutigen Wirtschaftsordnung / Unterzeichnung des Kirchenvertrags Mitte Mai / Vertagung der Flottenverhandlungen?
„Kein Weg zu neuem Leben" gene Drahtmeldung.)
(Et
Luxemburg, 2. Mai.
Auf dem Internationalen Rotarier-Treffen in Luxemburg ergriff Reichsbankpräftbent Dr. Luther das Wort zu längeren Ausführungen über die wirtschaftlichen. sozialpolitischen und kulturellen Probleme bei Gegenwart.
Nicht nur zwischen Einzelmenschen, sondern auch im Zusammenleben der Völker und Staaten gelte, so führte Dr. Sucher u. a. aus, der Grundsatz, daß, wie die gegenseitige Hilfe dem Einzölmenschen die Beachtung des Gemeinwohls der Welt jedem Volk nur Nutzen bringen könne. Sn Ausführung dieses Gedankens kam Dr. Luther auf das Reparationsproblem zu sprechen.
Daß die Reparationen, erklärte er, weil sie keine wirtschaftlich begründeten, sondern politische Zahlungen seien, das funktionieren der Geld- und Wirtschaftsordnung störten, diese Ueberzeugung gewinne immer mehr an Boden. Aber nur allzuoft werde die Beschäftigung mit den deutschen Reparationen mit dem Empfinden abgeschlossen, daß man da angekommen sei, wo man politischgefühlsmäßig gern sein möchte. .
Dr. Luther wies in diesem Zusammenhana aus die Fehlerhaftigleit der Berechnung der Steuerlast nach der Kopfquot« hm. Es liege nahe, für eine vergleichende Betrachtung mit Deutschland zum Beispiel Großbritannien hei- anzuziehen weil beide Länder gewisse äußere Aehn- lichkeiten aufweisen. Eine vergleichende Zusammenstellung ergebe aber mit Deutlichkeit, daß die Aufbringung der Reparationsleistungen besonders deshalb für das deutsche Volk so schwer sei, weil in Deutschland die Schicht der großen Einkommen und großen Vermögen erheblich dünner sei als in Großbritannien und z. B. auch in Amerika. Großbritannien und Amerika seien infolge des Vorhandenseins einer breiten Schicht mittlerer und hoher Einkommen in der Lage, die unteren Einkommen.schichten völlig von der Einkommensteuer freizulassen. Deutschland hingegen könne auf Besteuerung dieser Schichten nicht verzichten.
Um die dem deutschen Volke durch die Reparationen erwachsende Belastung zutreffend beurteilen zu können, müsse man sich vergegenwärtigen, in welchem Umfang« das deutsche Volksvermögen vernichtet worden ist und welchen hohen Anteil infolgedessen die Reparationsleistungen von der Erwerbskraft der Nation beanspruchen.
Die Leistungen Deutschlands an die Siegerländer und die sonstigen Kapitalvernichiun- gen würden — ohne Gebietsverluste — schon jetzt auf mehr als die Hälfte des deutschen Volksvermögens berechnet. In dem Sinken des Anteils des Volkseinkommens aus Kapitalvermögen am gesamten Volkseinkommen, im Rückgang der Zahl der Millionäre und im Vergleich der Ergebnisse der Erbschaftssteuer in Deutschland und in Großbritannien drücke sich der Unterschied eines verarmten Volkes, wie des deutschen, von anderen Völkern aus, die große Kapitalreserven haben, mit deren Hilfe sie die Zeit der Not überstehen können. Im Lichte dieser Betrachtung gewännen auch die zwei Milliarden Reparationszahlungen Deutschlands ein anderes Gesicht.
Zunächst dürfe man nicht vergessen, daß ein großer Teil der Gesamtbelastung Deutschlands für öffentliche und soziale Zwecke — 1929 z. B. 28 Milliarden — nicht ein Ergebnis deutscher Verschwendungssucht, sondern deutscher Armut sei. Ein entscheidender Unterschied zwischen den sonstigen deutschen öffentlichen Ausgaben und den Reparationen liege auch in. der Tatsache, daß die Reparationszahlungen transferiert werden müssen, also an andere Volkswirtschaften ohne Gegenleistung zu bewirken sind. Endlich dürfe nicht vergessen werden, daß jede neue Last, welche schon vorhandenen Lasten hinzugefügt wird, für den Belasteten relativ schwerer wird als die vorhergehenden.
Deutschland habe gewiß einige Jare hindurch mehr Geld für öffentliche Zwecke ausgegeben, als notwendig war. Tie große Umkehr habe aber längst begonnen. Der Truck der Armut habe sich mit voller Schwere erneut auf das deutsche Volk gelegt. Es seien erhebliche, für die Bevölkerung sehr schmerzhafte Eingriffe geschehen, um Einnahi.icn und Ausgaben ins Gleichgewicht zu bringe».
Tas große Hindernis, schloß Dr. Luther seine Rede, die Entwicklung des menschlichen Geistes nach den Grundsätzen, wie Rotarv sie vertritt, zu fördern, sei das Jahrtausende alte Mißtrauen der Men
schen gegeneinander. Was seien unter der Losung „Aufbau einer neuen Welt" nach dem Kriege für Rückschritte gemacht worden. Statt 13 verschiedener Währungen vor dem Kriege gäbe es in Europa jetzt deren 27. Die Zollgrenzen haben sich von 8000 Kilometer auf mehr als 20 000 Kilometer erhöht. Die heutigen Zustände Europas fern kein? Wege zu neuem Leben. So könne Europa schließlich nur müde zusammensinken. Stoffwechsel:rkrc>nkung der Weltwirtschaft, Stoffwechselstörung im Geld- und Kapitalverkehr seien die Wirkungen der Rcparatiens- zahlungen, die jährlich den durchschnittlichen Gewinn neuen Goldes auf der'Erde nicht unerheblich übertreffen.
Ein unerwünschtes Thema
Washington will vom Schuldenproblem nichts hören.
Neuqork, 2. Mai.
Die gesamte Morgenpresse veröffentlicht am Vorabend der internationalen Handelskammertagung übereinstimmende, offensichtlich von höchster Stelle inspirierte Berichte aus Washington, wonach Präsident Hoover und die amerikanische Regierung, trotz des voraussichtlichen Versuches europäischer und amerikanischer Teilnehmer, auf der Tagung das. Schuldenproblcm aufzurollen, ihren bisherigen ablehnenden Standpunkt bezüglich der Schuldenreduzierung und eines Moratoriums beibehalten werden.
Auf -em toten Punkt
Wiederaufnahme der Flottenverhandlungen erst nach der Ratstagung?
Paris, 2. Mai.
Der französische Flottensachverständige M a s s i g l i ist am Freitag im Flugzeug aus London einge- t r o f fe n und dürfte bis zum Eintreffen der italieni-
th. Berlin, 2. Mai.
Die Regierung hat ihrer amtlichen Veröffentlichung vom Donnerstag noch einmal ein zweites Kommunique folgen lassen, sodaß nun durch zwei amtliche Mitteilungen das Wichtigste über die Zollbeschlüsse des Kabinetts und Wer die Maßnahmen zur Stabilisierung des Brotpreises bekannt geworden ist. Allerdings ist
auch die neue amtlich« Meldung noch in manchen Punkten unzulänglich und lückenhaft,
und man fvird erst noch weitere offizielle Mitteilungen abzuwarten haben, ehe das Bild dieser Maßnahmen und Beschlüsse vollkommen abgerundet ist.
Das Merkwürdige an der ersten Mitteilung vom Donnerstag abend war vor allem, daß der wichtigste Punkt, die Senkung des Weizenzolles, darin vollständig fehlte, und auch in der gestern abend von der Reichsregierung herausgegebenen neuen Mitteilung, die speziell von der Regelung der Weizeneinfuhr handelt, sind die Mitteilungen darüber nur sehr allgemein gehalten. Dieses Verfahren wurde damit begründet, daß zunächst noch Verhandlungen mit den Müllern geführt weiden müßten, um sicherzustellen, daß der durch Zollherabsetzung verbilligte Weizen nun auch tatsächlich zur Herstellung von verbilligtem Mehl und verbilligtem Brot benutzt werden würde. Die neue Veröffentlichung der Regierung spricht aber wieder nur davon, daß diese Verhandlungen erst eingeleitet seien. Von einem Beschluß ist noch nicht die Rede. Trotzdem wird behauptet, daß die bisherigen Pressemeldungen Wer die Herabsetzung des Weizenzolles, soweit zahlenmäßige Angaben gemacht wurden, unzutreffend seien. Man wird abzuwarten haben, welche Zahlen die Regierung nun ihrerseits in den nächsten Tagen veröffentlichen wird, urtb man wird voraussichtlich feststellen können, daß die Abweichugen gegenüber den bisherigen nicht amtlichen Meldungen kaum nennenswert sein dürften. In formeller Hinsicht ist
nicht der Weg einer eigentlichen Zollsenkung, sondern der Weg der Zollvergütung gewählt
worden, was in der Praxis natürlich aus dasselbe herauskommt. Die Höhe des Kontingents wird noch nicht genannt. Wer im wesentlichen bestätigt die neu« amtliche Mitteilung alles das, was bisher bereits über die Erleichterung der Weizen-
schen Antwortnote aus die französischen Flotten-Vor- schläge in Paris bleiben. Die französische Regierung wird sofort nach dem Eintreffen der italienischen Antwort eine Note vorbereiten, über die Pcrtinax im „Echo de Paris" schon heute bemerkenswerte Ausführungen macht. Nach seinen Informationen wird man französischerseits di« englisch-italienischen Gegenvorschläge ablehnen und auf dem bisherigen Standpunkte beharren.
Der „Matin" will erfahren haben, daß die Verhandlungen erstnachder Genfer Ratstagung wieder ausgenommen würden. In französischen politischen Kreisen verspricht man sich im Augenblick nichts von einer Wiederaufnahme, sondern hält es für dringend notwendig, in Genf zunächst einmal einen persönlichen Meinungsaustausch zwischen den Ministern der drei Staaten herbeizuführen. Die italienische Antwortnote stimmt mit der englischen Note, die die französischen Vorschläge ablehnt, weitgehend überein.
Briand sucht einen Nachfolger
• Paris, 2. Mai.
Wie „Figaro" behauptet, habe sich die Einstellung des Kabinetts Laval in der Frage der Präsidentschaftswahlen in den letzten Tagen zuungunsten Bri- ands verschoben. Es sei — einen Augenblick lang — Lavals Plan gewesen, die Kandidatur „des Mannes von Locarno" zu lancieren, indem Tardieu die Nachfolge Briands im Außenministerium übernehme. Aber man kenne ja die Erklärung Tardieus in Toulouse, daß er ablehnen würde, wenn ihm in den kommenden Wochen ein wichtigeres Portefeuille als das Landwirtschaftsministerium angeboten werden würde. Bertrauten Freunden gegenüber soll er sich, wie „Figaro" erklärt, noch etwas derber geäußert hWen. Briand, der nur Kandidat sein werde, wenn er die Gewißheit HWe, daß er durch einen Politiker ersetzt werde, den er billige, suche jetzt nach einem anderen Nachfolger.
einfuhr gemeldet worden, d. h. eine Zollermäßigung für ein bestimmtes Quantum kanadischen Weizens, daS über Hamburg und Bremen eingeführt und den deutschen Müllerei-Betrieben zur Verfügung gestellt werden soll, damit ein billigeres Mehl jur die Brocherstellung geliefert werden kann. Die Höhe der Zollvergütung soll von Monat zu Monat neu festgesetzt werden.
Das KWinett hat im Wrigen seine zollpolitischen Beratungen nunmehr abgeschlossen und wird sich jetzt anderen Gegenständen zuwenden. Eine neue Kabinettsitzung ist noch nicht anberaumt. Zunächst werden Ressort besprechungen stattfinden, um die finanziellen und sozlalpolittschen Reformmaßnahmen vorzWereiten, über die das Kabinett dann in der nächsten Woche Beratungen abhallen wird.
Mitte Mai Unterzeichnung
des Kirchenvertrags
Berlin, 2. Mai.
Der Vertraq zwischen der preußischen Staatsregie- rung und den evangel. Kirchen soll wie der Gcrnmnia zufolge verlautet, Mitte Mai durch die Vertreter der Regierung und die Vertreter der preußischen Kirchen offiziell unterzeichnet werden. Der Vertrag wird alsdann sofort dem Staatsrat zugeleitet werden und soll nach Pfingsten im preußischen Landtag die endgültige Bestätigung finden.
Oas Schenker-Abkommen
Die Reichsbahn hat beim Vcrkehrsminister die Genehmigung nachgesucht.
Berlin, 2. Mai.
Die Deutsche Reichsbahngesellschaft hat bei dem Reichsverkehrsminister die Genehmigung zum Schenker-Abkommen nachgesucht. Die Verhandlungen zwischen der Reichsbahn und Wirtschaft werden nunmehr unter Beteiligung von Vertretern des Reichsverkehrsministeriums wieder ausgenommen werden. Wie wir erfahren, glaubt die Reichsbahn nach den inzwischen weitergepfwgenen Besprechungen, auf diese Weise zu einer allseitig befriedigenden Lösung (die Botschaft hört man wohl... Die Red.) dieser Frage zu ge- langev
Rätsel um die'
'IX’
eizenzoll-Senkung
Von unserer Berliner Schriftleitung.
Start und Ziel
W. P. Vor einiger Zeit erschien in einer Pariser Zeitung «ine köstliche Karrikatur, die sich mit dem großen Ereignis des dreizehnten Mai, der Wahl des — wie a»gemerkt sei, dreizehnten — Präsidenten der französischen Republik befaßte. Der Kampf um das Elysee, dessen Frcud- und Reizlosigkeit fein bisheriger Bewohner, Gaston Doumergue, mit beweglichen Worten geschildert hat, wurde von dem Zeichner mit einem Pferderennen verglichen: Das StartZeichen war gegebnn und nun galoppierten sie los, diese zentaurenhafien Wesen, deren Pserdeleiber jeweils mit dem Kopfe eines der Violen Präsidentschaftskandidaten geschmückt waren. Raymond Poincare, der inzwischen freilich durch seine Krankheit zur Zahlung von Reugeld gezwungen wurde, Aristide Briand, Andre Tardieu, Doumer, der dicke Eheron, Maginvt und einige der durch Qustricskandal und andere Affären M Fall gebrachten Größen — sie alle waren von dem Zeichenstift als Starter festgehaltcn worden, und sie alle steuerten dem großen Ziel zu, und nur der gute Paul Painleve, in ganz Frankreich berühmt durch seine Zerstreutheit, hatte die falsche Bahnrichtung eingc- fchlagen. Er soll übrigens auch, so erzählt man sich schmunzelnd, 1924 bei der Präsidentenwahl, die ihm eine Niederlage und seinem Konkurrenten Doumergue den Sieg brachte, versehentlich die weißen Kontrollkugel in die Wahlurne geworfen uno dem Wahlobmann seinen Wahlzettel abgeliefert haben. Die Figur des zerstreuten Professors erfreut sich also offenbar interuatiokälcr Beliebtheit . . .
Das große Ziel— darf man den Posten des französischen Staatspräsidenten schlechtweg und ohne Einschränkung mit dieser Bezeichnung verschenk Wenn demnächst in Versailles das Schau- und Prunkstück der Präsidentenwahl ans,geführt wird, dann erleben die Senatoren und Deputierten ihre große" Stunde. Sie vereinigen sich für den Wahlakt zur Nationalversammlung, und von den achtundeinhalbhundcrt Parlamentariern, nicht aber unmittelbar vom Volke, wie es bei uns und trotz' der Einschaltung von Wahluzän- nern arch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika geschieht, empfängt der Nachfolger Doumergues sein Amt. Schon dieses Wahlverfahren charakterisiert die verfassungsrechtliche Stellung des französischen Prästdenten: Das Parlament steht über dem Präsidenten, es ist der eigentliche „Souverän" im Staate, und in ihm konzentriert sich die politische Macht. So ist in Frankreich der Typ der „dekorativen Präsidentschaft" am reinsten entwickelt. Selbst in Deuffchland, in dem doch die Erfüllung der Forderung „Mehr Macht dem Reichspräsidenten!" von immer größeren Kreisen als Notwendigkeit erkannt wird, ist das Staatsoberhaupt verfassungsrechtlich noch besser gestellt als sein Pariser Kollege. Jin schroffsten Gegensatz zu dem französischen System stehen aber vollends die Bestimmungen der amerikanischen Verfassung, die das Fundament einer „politischen Präsidentschaft" im wahrsten Sinne des Wortes abgebcn und den Prästdenten zum maßgebenden Faktor des politischen Lebens der Union machen.
Lohnt es sich also — um die eingangs gestellte Frage wiederaufzunehmen — für den französischen Politiker, sofern er ein Mann von Format ist, überhaupt, seine Meldung für dieses Rennen nach dem Präfidentenposten Wzugeben, täte er nicht besser, auf diesen Start zu verzichten, weil ihm selbst ein Sieg statt politischer Rechte in erster Linie doch nur die Ehren und Pflichten der Repräsentation einbringen würde? Nichts wäre verkehrter, als wenn man diese Frage nur nach staatsrechtlichen Eefichtspunkten betrachten würde. Die Praxis hat die Theorie schon mehr als einmal Lügen gestraft, und sie hat auch in diesem Falle bewiesen, daß ein Posten, der theoretisch vorwiegend „dekorative" Bedeutung hat, doch zu einer starken realpolitischen Stellung ausgebaut werden kann, wenn er von einem willensstarken, klar denkenden Manne verwaltet wird. Als Raymond P o • ittcate im Jahre 1913 Prästdent der französischen Republik wurde, HWen wir Deutsche die Erfahrung machen müssen, daß auch das Elyste ein Kraftzentrum sein kann, von dem stärkste politische Energien ausgehen, und nur allzu schnell hat sich damals die düstere Prophezeiung, die Jaurös nach der Wahl des Lothringers aussprach, erfüllt: „Poincars, c'est la guerre!" Ein Jahr nach dem Einzuge Poincarss ins Elyfse brach der Weltkrieg aus, uni) der erste Schuß, der in ihm fiel, traf den Warner Jaurös. Aber nicht allein die Aera Poincare, selbst die Präsidentschaft einer ungleich schwächeren Persönlichkeit, wie es zweifellos Gaston Doumergue war, hat immer wieder bewiesen, daß bei' Prästdent auf Tendenz und Methoden der französtschen Politik trotz aller ihm auferlegten
Heute Artikelserie: Abenteuer unjererZeit