3fr. 101 / MnandManzigfier Zahrgang
Kasseler Ärmste AachEea
Freitag, 1. Mai 1931 /1. Beilage
Neues aus Kassel
Mel, 1. Mai.
Hellende Frauen
Sta diesen Tagen weilte die Vorsitzende der gesamten deutschen evangelischen Frauenhilfe, Frau von Oppen-Eberswalde, in unserer Stadt, um die Arbeit des Kurheffischen Landesverbandes kennen zu lernen. Dessen Leiterin Frau Geh. Rat Orth hatte zu diesem Zwecke eine Verwaltungsrats-Sitzung einberusen, die von allen Vereinen der Kurheffischen Frauenhilfe beschickt war. Ihr Geschäftsführer, Pfarrer Itter, Nordshausen, die Berufsarbeiterin Fräulein Bruer-Kaffel sowie die Vertreter und Vertreterinnen des Kaffeier Stadwerbandes und größere Gruppen-Verbände berichteten über die Gesamrar- beit und boten ein anschauliches Bild von der überall fortschreitenden und aufblühenden Arbeit der Kurheffischen Frauenhilfe.
Um der allseitig verehrten Vorsitzenden Gelegenheit zu geben, zu einem größeren Kreis von Mitgliedern und Freunden der Frauenhilfe sprechen zu können, hatte der Kasseler Stadtverband mit seiner Vorsitzenden, Frau Kirchenrat Eisenberg, einen Teeabend veran'ialtet. Der Saal der Jugend in der Wolfsschlucht war dicht gefüllt. Frau von Oppen, die als Mitglied der preußischen Generalshnode und des deutschen Kirchentages mitten im Strom des kirchlichen Lebens steht, berichtete in überaus fesselnder Weise von der vielseitigen und gewaltig wachsenden Arbeit der evangelischen Frauenhilfe, die mit ihren 700 003 Mitgliedern zurzeit den größten evangelischen Verband überhaupt darstellt, und im Leben der gesamten evangelischen Kirche einen be- achtenwerten Faktor bildet. Kreispfarrer D. Bachmann faßte in packenden Worten die Eindrücke des durch Fräulein Blume verschönten reichen Abends zusammen und rief die große Versammlung zu tatkräftiger Mitarbeit an den Nöten der Zeit auf.
SPD. und Kasseler Etat
»Die Verdoppelung der Bürgersteuer unerträglich".
In einer Mitgliederversammlung der Kasseler SPD. äußerte sich der Stadtverordnete Ehr. Wittrock u. a. auch über die Aussichten des städtischen Etats, der bekanntlich vor Pfingsten von der Stadtverordnetenversammlung verabschiedet werden soll. Wie Wittrock erklärte, werde die Fraktion den Standpunkt vertreten, daß die vorgesehene Verdoppelung der Bürgersteuer für die städtische Bevölkerung unerträglich sei. Wenn es in den Beratungen der Spar'ommission bisher gelungen sei, den voraussichtlich verbleibenden Fehlbetrag auf etwa 260 000 RM. herabzudrücken, so
müßten noch weitere Einsparungen gemacht werden, um die Verdoppelung der Bürgcrsteuer zu vermeiden.
Er gab in seinen Llusführungen zahlreiche Etatspositionen an, bei denen nach seiner Meinung noch gespart werden könne. Vor allem könnten die persönlichen Ko st en noch vermindert werden, eventuell durch Zusammenlegung von Dienststellen. Im einzelnen führte der Stadtverordnete das Statistische Amt, das personell übersetzt sei. Auch das Presseamt müsse in dieser Zeit als überflüssig angesehen werden (?), sodaß die 6000 RM. Zuschuß, die es erfordert, eingespart werden könnte. Gleichermaßen wären bei der Baupolizei und bei der Obdachlosenpolizei erhebliche Einsparungen möglich.
Mit besonderem Nachdruck wandte sich Wittrock gegen eine Senkung der Richtsätze für die Unterstützungsempfänger des Wohlfahrtsamtes; eher könne man bei den Sonderleistungcn Abstriche ertragen,
vorausgesetzt, daß die Verteilung dieser Mittel einer schärferen Kontrolle unterzogen würde.
In der sich an das Referat anschließenden Aussprache kritisierte Stadtrat Ritsche mit auffallender Schärfe den Vorschlag, die Richtsätze für die Unterstützungsempfänger abzubauen. Es fehlte in den Ausführungen des Stadtrats nicht an scharfen Angriffen gegen Mitglieder der städtischen Verwaltung.
Eine besondere Note hatten auch die Schlutzaus- führungen des Stadwerordnetenvorstehrrs Hofacker, der sieh mit der Landtagsdebatte über die Kasseler Polizei befaßte. Hofacker sprach sein Bedauern darüber aus, daß sich der preußische Innenminister anscheinend nur einseitig informiert hätte. In der Behandlung der Polizeifrage hätten die Landtagsabgeordneten des Kässeier Bezirks leider gänzlich versagt. Im übrigen verlangte Hofacker eine Personalpolitik, durch die die SPD. nicht an die Wand gedtückt werde.
Noch ein Einbrecherin'o gefaßt
Sie hatten sich auf Schrebergärten spezialisiert.
Durch einen günstigen Griff hat die Kriminalpolizei in diesen Tagen wiederum eine ganze Serie von Einbruchsdiebstählen aufgeklärt. Es wurden drei junge Burschen festgenommen, die man im Verdacht hatte, einen größeren Einbruchsdiebstahl begangen zu haben. Bei den näheren Ermittlungen ergab sich, daß das Trio eine ganze Reihe von Sünden auf dem
Kerbholz hatte. So haben sie wiederholt die Kantine einer Schrebergartenkolonie an der Struthbach heim- gesucht. Tagsüber verkehrten die Burschen in der Kantine und spionierten dabei in unauffälliger Weise Diebstahlsmöglichkeiten aus. In der Nacht kehrten sie mit einer Leiter zurück, stiegen auf das Dach und brachen von da in den Gastraum ein. Von dort nahmen sie alles mit, was des Mitnehmens wert zu sein schien.
Die Beute wurde in die Gartenlaube gebracht, die den Eltern eines Diebes gehörte. Es wurden dann immer nächtliche Gelage veranstaltet und am nächsten Tag kehrten die Burschen wieder in die Kantine zurück, wo sie sich mit anderen weidlich über die frechen Diebe entrüsteten.
Aber auch einen größeren Coup hat das vielversprechende Kleeblatt im vorigen Jahre verübt. Zwei von ihnen waren im Sommer in Bad Wildungen in einem bekannten Kaffee beschäftigt gewesen und waren daher mit den örtlichen Verhältnissen ziemlich vertraut. In Kassel mieteten sich die Burschen eine Kraftdroschke und fuhren damit nach Bad Wildun- gen. Während der Wagen für einige Zeit weggeschickt wurde, brachen die Burschen in das Kaffee ein und erbeuteten einen Geldbetrag von mehreren hundert Mark. Eiligst kehrten sie mit der Kraftdroschke nach Kassel zurück und teilten das Geld unter sich, um es dann natürlich schnell an den Mann zu bringen.
Nun sind sie dem Untersuchungsgefängnis zugeführt worden und sehen ihrer Aburteilung entgegen.
Aufgelesenes
t'uut. K. 0i. A.
7.
Abseits von Marburg, in einem stillen Tal, liegt das Dörfchen Elnhausen. Wenn man von der Hauptstraße ein paar Ecken herum einige Gäßchen durchstreift hat, entdeckt man irgeubtoo zwischen den Fachwerkhäusern ein kleines Schweizerhäuschen, luftig bemalt und mit einem schmalen Hof davor, den ein Staketenzaun von der Straße abtrennt Hier haust und wirkt Meister Müller, ein kunstfertiger Schreinermeister, mit seinen Söhnen, die dem Vater an Geschicklichkeit und Verständnis nichts nachgeben.
Durch den kleinen Hausflur und die einzige Küche geht es in die Werkstatt, die auch puppenhaft klein ist. aus der aber schon die herrlichsten Dinge hervorgogangesi find. Latten und Werkzeuge stehen umher, auf einem Tisch drängen sich Flaschen und Leim
töpfe. In einer Ecke hängen zierliche Schnitzereien, über ein Par Stühle liegen breite Bretter, an denen schöne, regelmäßige Schnitzmuster begonnen sind. An den Fenstern die Topfpflanzen lassen das Licht grün in diese Wirrnis emsiger Arbeit fallen. Eine „Intarsia" bewundern wir, und sehen zu, wie Meister Müller gerade aus sechs verschiedenen heimischen Hölzern ein Bild zusammensetzt, dessen Farben die natürlichen Farben des Holzes sind. Der Sohn zeigt mit berechtigtem Stolz die Photographie eines großen Schrankes, der für den Fürsten zur Lippe gearbeitet wurde und ganze Landschastsbilder trägt, die ebenfalls Intarsia-Arbeiten sind, alfo Mofaik aus Holz. Eine ganze Zimmereinrichtung sehen
wir im Bild, mit schweren, sorglich aeschnitzten Möbeln die nun Heräus in Hanau besitzt. Frau Müller führt uns fchließlich die Stiege hinauf und zeigt uns noch manches schöne Stück, darunter eine köstliche Holztruhe.
Mit welcher Liebe diese Leute aus ihrem Material alle Schönheiten herausholen, die das Holz hat! Sie sind mit einer Ehrfurcht und einem Stolz bei der Sache, die das Maschinenwerk nie bewirkt und die dem Werk der Hand die Seele geben.
Dabei wurde das Wort „Kunstgewerbe" nicht einmal in den Mund genommen. Und es geht anscheinend auch so.
Pippich der Klein«.
Fünfzig Jahre im Dienst des Waldes
Am 1. Mai feiert der Förster Karl Pfaff fein 50» jähriges Jubiläum als Beamter der Wald-Interessenten von Großenritte. Der als tüchtiger Forstmann und waidgerechter $äger über die Grenze« des Heimatbezirkes hinaus bestens bekannte und geschützte Jubilar sicht im 74. Lebensjahre und begeht die 50. Wiederkehr des Tages seines Dienstantritts in Großenritte in voller körperlicher und geistiger Frische. Das ihm unterstellte, sehr wertvolle Waldrevier in den Langen Bergen legt Zeugnis davon ab, mit welcher Hingabe und Gewissenhaftigkeit es seit einem halben Jahrhundert von feinem dazu berufenen Heger und Pfleger betreut worden ist.
Zahlreiche Ehrungen seitens der Vorgesetzten Bes Hörden, sowie der Waldbesitzer sind für den Ehrentag des Jubilars in Aussicht genommen. Eingeloi- tet wird die Feier in der Frühe des 1. Mai mit Choralvorträgen eines Posaunenchors vor der Wohnung. Es folgen dann die Gratulationen des Wald- Vorstandes unter Ueberreichnng eines wertvolle« Prismen-Iagdalafes als Ehrengeschenk, sowie die Glückwünsche der Behörden-Vertreter. Die Pflanzung einer „Pfaff-Eiche" bildet dann den Abschluß dieses Tages. Am 2. Mai finden in einer von ben Wald-Interessenten veranstalteten Abendfeier zu der zahlreiche Einladungen an Vorgesetzte, Kollegen und Iagdfreunde des Jubilars ergangen sind, di« Ehrungen ihren Ausklang
Der 23. BerbandStag junger Drogisten ht Hannover erhob schärfsten Protest gegen den von der Regierung veröffentlichten Entwurf eines neuen Arzneimittelgesetzes. Dieser lei nicht nur ein einseitiger Versuch einer Einschränkung der Gewerbefreiheit, sondern auch eine Verletzung des Par. 164 der Reichsversassung. der zum Schutz des Mittelstandes geschaffen worden ist. Ein dem Entwurf enffvrechendes Gesetz würde nur dem durch Privileg geschützten Apotheker» stand Vorteile bringen, dagegen die Erislenz großer Gruv- ven von Gewerbetreibenden und Angestellten vernichten. Es würde weder der Volksgesundheit noch der Volkswirtschaft dienen und nur die Allgemeinheit schädigen.
Angesirllien-Ansschntz der Denischen Volksvartel. Sie der Deutschen Volkspartei nahestehenden Angestellten in Kassel beschäftigten sich in ihren letzte» Sitzungen eingehend mit dringenden sozialpolitischen Fragen. Im Vordergrund stand die Frage der Angestellten-Versicheruug, aus deren Rücklagen andere V-rsschernnaAt'-äaer saniert werden tollen. Der Vorsstzende, Geschäftsführer Rothaar, machte darauf aufmerksam, daß die Parteileitung sich beim Reichskanzler sehr stark für die Erhaltung der Anaestelltcn-Veina^rung und gegen einen Zugriff auf die Rücklagen eingesetzt habe. Die Versammlung nahm freudig Kenntnis von dem Eintreten des Parteiführers für die Belange der Angestellten. Anschließend wurden Arbeitslosenversicherungs-Probleme behandelt. Von der Leitung der Kasseler Parteigruppe wurde verlangt, demnächst die Frage der Arbeitslosenversicherung int Zusammenhang mit Fragen über Sicdlungs. wesen und Aröeitsdienstpflicht öffentlich behandel» zu lassen.
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