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Nummer 97* Moniaa, 27. April 1934 24. Jahrgang
Oie englische Admiralität gibt nicht nach
Englands Antwortnote zur Flottenfrage / Starke Differenzen im Kabinett über die Agrarfragen / Amtsantritt des neuen Wiener Gesandten
Paris unangenehm überrascht!
(@tgene Drahtmelduug.)
Paris, 27. April.
Der Quai d'Orsay teilt mit, daß die englische Antwort auf die französische Rote in der Flottenfrage am Sonntag in Paris eingetrofken und sofort zum Gegenstand einer eingehenden Prüfung der zuständigen Abteilungen des Marine- und Außenamtes genommen worden ist.
London, 27. April. Uetzer den Jnhaltdereng- l i s ch e n A n t w o r t auf die neuen französischen Vorschläge melden die „Times": Ein Teil der englischen Denkschrift befasse sich mit der Darlegung der Verhandlungen, die dem Abschluß des europäischen Flottenabkommens vorausgingen als Antwort auf die französische Auslegung dieser Verhandlungen. Der übrige Teil setze die Gründe auseinander, weshalb die französischen Vorschläge als unannehmbar für England angesehen würden und enthalte Gegenvorschläge.
Die französische Regierung wolle die hauptsächlichsten Streitpunkte außerhalb des Rahmens des englisch-italienischen Abkommens lasten, indem sie seine Dauer oder gar die Dauer der Wirksamkeit des Abkommens abkürzen wolle. Demgegenüber sei England der Ansicht, daß das Abkommen bis Ende 1936 in Kraft bleiben solle. In diesem Jahre gehe auch der Londoner Flottenvertrag unter dem Vorbehalt zu Ende, daß die Flottenkonferenz, die gemäß des Artikels 23 des Vertrages im Jahre 1935 zusammentrete, die Erledigung der Fragen ermöglichte, die von der französischen Regierung aufgeworfen worden seien.
In einem Leitartikel weist der „Daily Herald" darauf hin, daß das europäische Flottenabkommen dazu bestimmt sei, den Beitritt Frankreichs und Italiens zum Londoner Flottenabkommen zu ermöglichen. Die französischen Vorschläge aber machten das durch die Forderung, daß das Ersatzbauprogramm schon im Jahre 1935 beginnen solle, unwahrscheinlich. Hierdurch würde England zur Anwendung der Sicherheitsklausel, die im Londoner Flottenabkommen enthalten sei, gezwungen und damit gemeinschaftlich mit Amerika und Japan von den Verpflichtungen des Londoner Abkommens enthoben werden. Es sei aber möglich, den Londoner Vertrag außer Kraft zu setzen. Ein Zusammenbruch der Flottenverhandlungen würde beklagenswert sein und zwar nicht etwa allein seiner unmittelbaren Auswirkungen wegen, sondern ganz besonders im Hinblick auf die Abrüstungsverhandlungen.
Oer Eindruck in Paris
Paris, 27. April.
Die Pariser Presse zeigt sich über die engli sche Antwort auf die französischen Vorschläge sehr unangenehm überrascht. Man ist überzeugt, daß die englischen Gegenvorschläge nichts weiter bedeuten, als das energische Festhalten der englischen Admiralität am bisherigen Standpunkt und befürchtet, daß auch Italien an seinen Forderungen festhalten wird, da die Regierung
Muffolinis absichtlich die Antwort Englands abgewartet hat, bevor sie selbst Stellung zu der französischen Rote nimmt.
Das .^Journal kommt bei der Gelegenheit aus das deutsch-österreichische Zollabkommen zu sprechen und unterstreicht, daß eine in Paris so heiß ersehnte französtsch-enMsch-itMemsche Verständigung die Bildung eines entgegengesetzten Blockes verhindern werde. Gegenüber drei Großmächten, die gewillt seien, den europäischen Status aufrechtzuerhalten, werde allen anderen Mächten nur die Möglichkeit übrig bleiben, ein Mittel zu suchen, um die verschiedenen wirtschaftlichen Interessen auszugleichen.
Oie Türkei ist unzufrieden
Angora, 27. April.
Ebenso wie die Sowjet-Union hat Mnqtehr auch die türkische Regierung auf die Einladung des Generalsekretärs des Völkerbundes zur Teilnahme an der Europa-Kommission mit einem Schreiben geantwortet, in dem sie ähnlich wie die Mitteilung Litwinows ihr Befremden darüber zum Ausdruck bringt, daß die türkische Regierung nur zu dem dritten Punkt der der Einladung beigekügten vorläufigen Tagesordnung eingeladen worden ist, was nach Ansicht der türkischen Regierung, dem früheren Beschluß der Europa- Kommission widerspreche. Weiter bemängelt das Schreiben, daß in der Einladung nicht das genaue Dowm angegeben ist, zu dem die Europa-Kommission die Beratung des dritten Punktes der Tagesordnung in Angriff nimmt.
Die türkische Regierung erklärt sich trotzdem bereit an der Europa-Kommission teilzunehmen, ersucht aber das Generalsekretariat um rechtzeitige Angabe des genauen Termins, an dem der dritte Punkt zur Beratung steht. Die türkische Delegation werde sich vom 15. bis zum 25. Mai zur Abreise nach Genf bereit halten.
Spanische Nervosität
Paris, 27. April.
Dem „Oeuvre" wird aus Barcelona gemeldet, daß es bei dem dortigen Besuche Zamorras zu einem Zwischenfall gekommen sein soll. Als das Auto des Ministerpräsidenten in das Palais der Generalität eingcbogen sei, habe, so heißt es, ein seit zwei Monaten arbeitsloser Deutscher im Gedränge plötzlich in seine Hosentasche gefaßt, damit man ihm nicht seine Brieftasche stehle Die in seiner Nähe stehenden Personen Härten jedoch geglaubt, der Betreffende wolle einen Revolver hervorziehen und auf Zamorra schießen Jn- folgedeffen sei der Deutsche von der Volksmenge geprügelt worden. Aus dem Polizeiposten hätte er je- doch nachweisen können, daß er gar keinen Revolver bei sich getragen hätte, worauf er wieder in Freiheit gesetzt worden wäre.
Schiele gegen Siegerwal-
Von unserer Berliner Schriftleitung.
th. Berlin, 27. April.
Zur Vorbereitung der nächsten Kabinettsitzung, die bekanntlich am Donnerstag stattfindet, werden heute mehrere sogenannte Ressortbesprechnngen abgehalte» werden, in denen insbesondere die Frage der Heranssetzung der Zölle für Berede- lnngsprodnkte und die Frage der Herabsetzung für Eetreidezölle geprüft werden wird. Das Ergebnis dieser Beratungen wird daun morgen vom Gesamtkabinett behandelt werden, und für Mittwoch wird, wie bereits gemeldet, der Kanzler Besprechungen mit de» Vertretern der Sozialdemokraten haben, wobei sie von den Entschließungen des Kabinetts voin Kanzler unterrichtet werden sollen.
Die Widersprüche, feie sich bei diesen Fragen auch innerhalb des Kabinetts erkennen lasten, beruhen selbstverständlich auf dem allgemeinen Gegensatz, der zwischen Landwirtschaft und Industrie bei dem Problem der Zolländerungen obwaltet. Tie Landwirtschaft sträubt sich auf das Entschiedenste gegen eine Herabsetzung der Eetreidezölle und tritt dafür umso energischer für eine Erhöhung der Zölle für Butter, Bieh, Fleisch, Milch, Eier usw. ein. Im Reichswirt
schaftsministerium dagegen und vor allem im Reichsarbeitsministerium ist man der Auftastung, daß eine Zollerhöhung auf dem Gebiete der Veredelungspro- dukte nicht eintreten darf, daß aber eine vorübergehende Herabsetzung der Weizenzölle notwendig ist, um eine Erhöhung des Brotpreises zu vermeiden. Diese Gegensätze haben sich wieder einmal derart zugespitzt, daß in der Preste bereits von Rücktritts- drohungen des Ernährungsministers Schiele, ebenso aber des Arbeitsministers Dr. Stegerwald die Rede ist.
Schiele glaubt, ohne irgendwelche durchgreifenden Befchlüfle des Kabinetts im Sinne einer Erhöhung der Zölle für Veredelungsprodukte, nicht vor den Landwirtschaftsrat treten zu können, der bekanntlich am 6. Mai eine Sitzung in Berlin abhalten wird. Stegerwald wiederum, ebenso wie der Staatssekretär des Reichswirtschaftsministeriums sträuben sich energisch gegen jede Zollerhöhung, die evtl, eine Erhöhung des Brotpreises oder eine Erhöhung des Lebensmittel-Index nach sich ziehen könnte.
Man wird natürlich, die Meldungen, die von dem, Rücktritt Stegerwalds und Schieles sprechen, nicht
allzu "tragisch zu nehmen Haben, denn derartige Drohungen sind im Laufe der letzten Monate wiederholt ausgesprochen worden, und voraussichtlich wird es auch diesmal dem Kanzler gelingen, die Verwirklichung der Drohungen zu verhindern. Aber es ist für die Schwierigkeit der Situation bezeichnend, daß derartige Drohungen überhaupt auftauchen.
Man sucht vorläufig einen Ausweg in der Richtung, daß man eine nur geringfügige Herabsetzung der Getreidezölle anstrebt und zwar auch nur für eine bestimmte Menge, um zu verhindern, daß bei einer stärkeren Zollherab- setzuug ein größeres Quantum die Spekulanten an der Getreidebörse in die Lage versetzen würde, umfangreiche Manipulationen vvrzunehmen. Jedenfalls ist damit zu rechnen, daß im Laufe dieser Woche diese agrarpolitischen Fragen einer enddültigen Entscheidung zugeführt werden.
Lan-tagsrvahl -och schon im Herbst?
Berlin, 27. April.
Zur Frage der Neuwahl des preußischen Landtages hat sich gestern der preußische Mnisterpräsident geäußert. Er hat sich in einer Rede in Königsberg auf den Standpunkt gestellt, daß die preußische Regierung, unbeeinflußt durch Volksbegehren und Volksentscheid, von sich aus den Zeitpunkt feststellen werde, zu welchem die Neuwahl des preußischen Landtages vorgenommen wird.
In Berliner Politischen Kreisen nimmt man an, daß diese Neuwahl nicht erst im Frühjahr nächsten
Jahres, sondern wahrscheinlich doch schon im Herbst d. I. stattfinden wird.
Oeuifch-österreichifche Zusammenarbeit
Wien, 27. April. 1
Der neuernannte deutsche Gesandte Dr. Eurt Rieth hat am Sonnabend dem Bundespräsidenten Mi'klas sein Beglaubigungsschreiben überreicht. In seiner Ansprache sagte Gesandter Dr. Riech u. a.:
Mein Antritt trifft zusammen mit einem bedeut-, samen Ereignis in den gemeinsamen Beziehungen. Unsere Regierungen haben sowohl zur Behebung der wirtschaftlichen Not unserer beiden Länder wie tot Interesse des unter wirtsehoftlicher Desorganisation schwer leidenden Europa beschlossen, einen Anfang mit der Niederreitzungder die Wirtschaft einengenden Zollmauern zu machen. Ich darf der Ueberzeugung Ausdruck geben, daß das Gelingen dieses großen Werkes zugleich der Befriedung der Welt dienen wird.
Bund es Präsident Miklas erwiderte «. Oesterreich und das deutsche Reich haben $ur Förderung des wirtschaftlichen Ausbaues gemeinsam einen Schritt unternommen, der diktiert war durch das Bewußtsein der Verantwortlichkeit der Lenker dieser Staaten vor ihrem Volke und dazu beitragen soll, dir Verwirklichung des heute durch ganz Europa gehenden Wunsches nach besserer ökonomischer Zusammenarbeit herbeizuführen. Es drängt mich gleichfalls, der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, daß diese Bestrebungen Erfolg haben, und daß es unseren beiden Staaten beschieden sei, in harmonischem Einvernehmen mit den übrigen Staaten Europas ersprießliche Arbeit zur Förderung des allgemeinen Wohlstandes zu leisten.
Reklame für Großfrankreich
(Soroderbericht unseres Pariser Korrespondenten).
Dr. Pz. Paris, Ende April.
Ein riesiges Unternehmen wird in diesen Tagen zu Ende geführt: Die Internationale Kolonialausstellung dicht an den südwestlichen Toren von Paris. Das Beiwort „international" ist übrigens nicht ganz zutreffend. Denn außer Belgien, das mit einem Kongo-Pavillon vertreten ist, und einer holländischen Abteilung von Riederländisch-Jndien sind mit Portugal, Südafrika, Italien und dem Mount-Ver- non-Haus der Vereinigten Staaten bloße Prestige- Aussteller zugegen, nachdem in erster Linie England aus verschiedenen Gründen die Beteiligung abgelohnt hatte. Es handelt sich eben um eine spezifisch französische Demonstration, eine Demonstration von Frankreichs Weltmacht, eine sichtbare Verkörperung des gewaltigen Imperiums, das dem,/mittleren Franzosen" noch immer nicht recht zum Bewußtsein gekommen ist. Es soll ihm greifbar vor Augen geführt werden, daß sein Land nicht nur jenes gesegnete Fünfeck zwischen Mei Meeren und drei Gebirgen ist; daß die von den Königen bewerkstelligte Zentralisierung von der Republik über die Ozeane getragen wovden ist und seine Begriffe sich weiten müssen, soll er imstande sein, Großfrankreich zu umfassen; daß er mit einem Worte eine „imperiale Seele" erhalten mutz, die nicht mehr in den engen, festländischen Auffassungen gefangen bleiben darf. Zum Ausdruck dieser hochpolitischen Idee, die der französischen Kolonialausstellung von 1931 zugrunde liegt, wurde Frankreichs berühmtester „Kolonialmarschall", der Mann, der ihm zweimal Marokko erkämpfte, zum Generalkommissar ernannt; durch Lhautey erhält die gewaltige Veranstaltung zwischen dem Tore von Vincennes und der Feste gleichen Namens ihre wahre, ethische Bedeutung.
Die Einweihung am 6. Mai wird Wohl die letzte öffentliche Tat des scheidenden Präsidenten Doumergue sein. Kennzeichnend auch dies, denn dem Politiker Doumergue hat Frankreich ohne jeden Zweifel seine stärksten kolonialen Stellungen zu verdanken. Von seiner großen Tunisreise zurückgekehrt, die er mit einer hochpolitischen Vermächtnisrede einleitete, übergibt er die riesige Schau aller Stämme, die das moderne Frankreich als eine unerschöpfliche Quelle seiner militärischen und wirtschaftlichen Kraft betrachtet, der Oeftentlichkeit. Im Anschluß an diese Kundgebung wir« der Kolonialminister R e y n a u d eine bedeutsame Rede halten, und sarbige Truppen aller Waffengattungen, die durch Anordnung des iÄoßen Generalstabs zum erstenmal nach Europa geschasst wurden, vervollständigen -das Bild Des neuerstanbenen französischen Weltimperiums. Nachdem der seßhafte und genügsame, allen Reisen und Abenteuern abholde Durchschnitts- franzose sich standhaft geweigert -hat, in die unermeßlichen Kolonien zu gehen, sollen die Kolonien zu ihm , kommen; vielleicht übe diese unmittelbare Berührung,
wie die große Presse hervorhebt, auf seinen erogen Sinn doch schließlich eine günstige Wirkung aus, und jedenfalls sei er.dann eher geneigt, den Spar-- st r u m p f zu öffnen, die geforderten Milliarden zur wirtschaftlichen Erschließung der weiten Länder bereit zu stellen.
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Der Aus stell ungs Platz erscheint recht günstig gewählt, viel günstiger als etwa 1900 oder auch 1925. Er befindet sich jenseits der ehemaligen Befestigungswerke an der „Porte de Vincennes", wo sowohl die Seine wie die an dieser Stelle hineinmündende Marne zu großartigen Wasserwerken ausgenützt wer-- den konnten; ein künstlicher See, der ,-lac Taumes-- nil" wird verwertet, und das „Vincenner Wäldchen", das den bekannten Bois de Boulogue an romantischer Schönheit bei weitem übertriftt, liefert während, der Sommermonate Schatten und Kühle. Das altberühmte „Donjon", in dessen ausgetrockneten, tiefen Gräben währen» des Krieges die berüchtigsten mil-i- tärischen Hinrichtungen stattfanden, gibt zur bunten Schau den historischen Hintergrund. Nirgends versteht -man es besser als in Frankreich, auf diese Weise alle natürlichen und künstlichen Hilfskräfte heranzu- ziehen und dem Ganzen ^dadurch ein starkes Pathos zu verleihen.
Bei der Errichtung der einzelnen Schaustellungeq ist man -bemüht gewesen, die Seele einer jeden Kolonie, so wie sie sich int Laufe der Jahrtausende offenbarte, unter gewaltigen Mühen und Opfern bloßzulegen. Es soll der Eindruck erweckt werden, als ob es Frankreich bei seiner Kolonialarbeit in erster Linie um -die höchsten Kulturgüter zu tun ist, die Hm von der Menschheit selber zur Wahrung anvertraut sind, und daß es Hm anderseits — welch' edle Uneigennützigkeit! — darauf ankommt, die besonderen Kräfte, die in jedem Volkstum, selbst dem „wildesten", verborgen liegen, ju heben, sie dem Volkstum selber als lebendiges Gut zu schenken. Als Beispiel dafür sei der Tempel von Angkor-VLt angeführt, der sich als herrlichstes Zeugnis der Khmer- Kunst in der alten Hauptstadt des heutigen Kambodscha Angkor-Dhon erhob. Das unvergleichliche, seit Jahrhunderten in Schutt und Trümmer liegende Bauwerk ist am Tore von Vincennes in täuschender Aehnlichkeit erstanden, und wenn auch statt des hinterindischen Granits bloß Holz und Stuck zur Verwendung kamen, so muß doch der Eindruck als ganz gewaltig bezeichnet werden.
Echt französisch sind auch -die in ununterbrochener Reihenfolge stattfinDenden Feste, deren Fehlen zum Beispiel eine Hauptursache für den Mißerfolg von Barcelona gewesen sein mag. Millionen sind bereit gestellt, sie so glanzvoll wie nur möglich zu gestalten; man spricht von wahren Wunderwerken, die alle Möglichkeiten modernster Technik voll ausnützen wer- -den. Jede der großen Äolonialgruppen: Nordasrika,