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Freitag, 24. April 1931
21 Jahrgang
Oer Weg zur Abrüstungskonferenz
Sir Eric Orummonds Berliner Besprechungen / Kritik an Benesch / Oie Verteilung der russischen Aufträge
/ Nachspiel zum Fall Königsberg
Eine Vorkonferenz notwendig?
Bon unserer Berliner Schriflleitung.
th. Berlin, 24. April.
Der Generalsekretär des Bölkerbundes, Sir Eric Drummond hatte gestern nutzer der Unterredung mit Dr. Curtius längere Besprechungen mit den zuständigen Fachreferenten des Auswärtigen Amtes über die bevorstehende Tagung des Völkerbundes. Dabei ist auch die Frage erörtert worden, ob f L r d i e A b - rüstungskonferenz noch eine besondere Vorkonferenz einberufen werden soll.
Dieses Problem ist seinerzeit aktuell geworden, als man in Genf die Frage des Vorsitzes auf der Abrüstungskonferenz debattierte und dabei die Kandidatur des tschechischen Außenministers Benesch in den Vordergrund trat. Man dachte dabei an die Einsetzung eines sogenannten Ständigen Komitees für die Vorbereitung der eigentlichen Abrüstungskonferenz, die im nächsten Februar stattsinden soll. Inzwischen ist der Gedanke aufgetaucht, statt eines solchen Komitees eine Vorkonferenz einzuberufen, und über diese Frage ist nunmehr zwischen Drummond und dem deutschen Außenminister in seiner Eigenschaft als Präsidenten der bevorstehenden Ratstagung verhandelt worden.
Dr. Curtius wird heute eine neue Besprechung mit Drnmmond haben. Heute abend findet beim englischen Botschafter in Berlin ein Diner statt, an welche« auch der Reichskanzler teilnimmt. Dabei wird dann auch Dr. Brüning Gelegenheit haben, sich mit dem Geueralsettetär des Völkerbundes aus- lufprech-n. ,
Brünings Arbeiisprogramm
th. Berlin, 24. Aprilt
Die Beratungen des Reichskabinetts, die in der »nächsten Zeit wahrscheinich Tag für Tag weitergeführt werden, haben gestern ihren Anfang genommen, aber diese erste Sitzung galt lediglich einer Besprechung des Arbeitsprogramms. Bei dieser Gelegenheit haben der Reichsfinanzminister, der Reichsarbeitsminister und der Reichsverkehrsminister Berichte über die Lage der Finanzen, der Arbeitslosigkeit und der Reichsbahn erstattet. An der gestri- gen Sitzung nahm auch der Reichsbankprästdent «Sr. Luther teil. Die nächste Kabinettssitzung wird am morgigen Sonnabend stattsinden, aber auch von dieser Sitzung sind noch keine Beschlüsse in Emzel- fragen zu erwarten.
Im Vordergründe der Beratungen werden voraussichtlich die Agrarmatznahmen stehen, da in Kürze der Landwirtschaftsrat Zusammentritt, und da'dem Reichsernährungsminister Schiele viel daran gelegen sein muß, die Stellungnahme der Reichs-
Berlin, 24. April.
Nachdem durch die Unterzeichnung des deutschruffischen Schlußprowkolls die Grundlage für die Vergebung der zusätzlichen Sowjetaufträge in Deutschland geschaffen worden ist, sind, wie der .Bör- feidurier" berichtet, in den letzten Tagen ruffischer- seits die Verhandlungen mit den verschiedenen deutschen Industriefirmen ausgenommen worden. Zu Abschlüffen im Rahmen des zusätzlichen russischen Auftragsprogramms ist es bisher nur über kleinere Posten Werkzeugmaschinen gekommen, während sich die Verhandlungen über die Vergebung der Bestellungen auf große Objekte an die deutsche Elektrizitäts-Industrie usw. noch im Anfangsstadium befinden.
Wie das Blatt hött, legen die Russen großen Wen darauf, die aufgrund des zusätzlichen Äustragspro- gramms zu bestellenden Anlagen möglichst schnell zu erhalten. Es werden von ihnen daher sehr kurze Lieferfristen gefordert, und zwar nicht nur für Werkzeugmaschinen, sondern auch für die großen Jndu- Urieanlagen.
Eorteswahlen im Juni
Paris, 24. April.
Der spanische Ministerrat hat nach einer Meldung aus Madrid in seiner letzten Sitzung beschlossen, daß Pie Wahle« für die Cortes im Monat
regierung zu den schwebenden Zollsragen herbeizuführen. Deshalb wird
der Ernährungsminister heute noch eine längere Unterredung mit dem Reichskanzler
haben, die ursprünglich schon für gestern anberaumt war. Der Reichskanzler hat gestern vor der Kabinettssitzung dem Reichspräsidenten von Hindenburg einen Besuch abgeplattet, wie er das nach der Rückkehr von jedem längeren Urlaub zu tun Pslegt. Bei diesem Besuche wurde das Arbeitsprogramm der Reichsregierung ebenfalls durchgesprochen.
Wien, 24. April.
Die meisten Wiener Blätter nahmen am Freitag M von Ausführungen des tschecho-slowakischen Außenministers Benesch (den Bericht über die Rede finden unsere Leser auf Seite 2! D. Red) Stellung. Die „Wiener N e u e st e N a ch r i ch t en ", die bekanntlich dem österreichischen Außenministerium nahe- stöhen, bezeichnen eine Bemerkung Bcneschs, über ein Kommunique des österreichischen Außenamtes in den letzten Wochen als eine Einmischung in die inneren politischen Auseinandersetzungen, wie sie in ihrer Art ungewöhnlich sei. Gerade diese befremdende Kritik wie der gesamte Inhalt seiner Ausführungen überhaupt ließen erkennen, daß
die Rede Ben-schs als eine Verlegenheitsrede zu werten fei. Die Lage Beneschs sei gewiß nicht ohne Tragik. Im Grunde habe er gegen seine veffere Ueberzeugung gesprochen, denn auch er werde wohl bereits erkannt haben, daß der deutsch-österreichische Plan nicht mehr aus der Welt geschafft werden kann.
Bemerkenswert ist auch die Stellungnahme des „Wiener Tag", der bekanntlich einem Verlage gehört, der dem tschecho-slowakischen Außenministerium nahesteht. Das Blatt sagt unter anderem: So wenig Gutes Benesch an der deutsch-österreichischen Zollunion zu finden vermag, so gelangt man unwillkürlich bei dem Studium seiner Rede $u der Ueberzeugung, daß vielleicht auch dieser Staatsmann durch das Ausrollen des deutsch-österreichischen Problems sich entschlossen hat, diesen Fragen seine ganz besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es ist nicht ausgeschlossen, baß auch die Verneiner des Gedankens der Zollunion sich erst
Juni stattsinden. Der genaue Tag ist noch nicht angegeben worden.
Der Eeneralstaatsanwalt hat Anweisung gegeben, ein Ermittlungsverfahren gegen General Martinez Anido einzuleiten. Die Begründung für diese Anordnung ist nicht bekannt. Sie dürfte aber sicher in der Haltung des Generals während des Marokkokrieges zu suchen sein.
Das schleckte Gewissen
Litauen lehnt Schiedsgericht ab.
Berlin, 24. April.
Der deutschen Gesandtschaft in Kowno wurde durch eine Verbalnote mitgeteilt, daß die litauische Regierung den Vorschlag der deutschen Regierung, über die Berechtigung der kürzlich erfolgten Ausweisungen von fünf deutschen Staatsangehörigen aus dem Memelgebiet das Schiedsgericht entscheiden zu lassen, ablehnen müsse. Eine Entscheidung darüber zu fällen, ob die Ausgewiesenen sich illoyal verhalten hätten, sei ausschließlich Sache der litauischen Regierung.
Rach Auskunft an zuständiger Stesse liegt der deutschen Regierung der Wortlaut der Verbalnote noch nicht vor; dieser wird zunächst abgewartet werden. Da im deutsch-litauischen Handelsvertrag die Zuständigkeit des Schiedsgerichts auch für die Vorfrage gegeben ist, ob die Streitigkeit sich aus die Auslegung oder Anwendung des Vertrags bezieht, ist die Haltung bet litauischen Regierung vollkommen unverständlich.
Das Reichskabinett wird neben den Agrarfragen selbstverständlich vor allem auch die Probleme der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, der Verwaltungsreform, der Reichsreform und andere in letzter Zeit wiederholt erörterte Probleme in den Bereich seiner Erwägungen und Beschlüsse ziehen.
Die Kommunisten haben bereits wieder einen
Antrag auf Einberufung des Reichstags gestellt, welcher jedoch nicht zum Ziel führen wird. Ernster wird die Lage werden, wenn etwa die Sozialdemokraten sich veranlaßt sehen sollten, ihrerseits einen früheren Zusammentritt des Reichstags zu beantragen. Dieser Fall könnte eintreten, wenn das Reichskabinett etwa weitgehende Beschlüsse in der Richtung eines Abbaues der sozialen Versicherungen fassen sollte. j
durch fein Auftauchen zu einem wirkungsvollen Handeln entschließen.
Der Eindruck in Berlin
Berlin, 24. April.
Die Rede, die der tschechoslowakische Außenminister gestern zur Frage der Zollunion gehalten hat, findet in Berliner politischen Kreisen lebhafte Beachtung. Man vermerkt mit Genugtuung, daß die Rede durchaus sachlich ist. Das ist umso erfreulicher, als man in der Tschechoslowakei bei der Behandlung des Problems der deutsch-österreichischen Zollunion bisher nicht immer eine« sachlichen Ton angeschlagen hat. Die Befriedigung über diesen Wandel, der sich in Prag vollzogen hat, wird allerdings dadurch beeinträchtigt, daß die Rede Beneschs sachlich in ihrem Inhalt viel zu wünschen übrig ließ.
Benesch behauptet z. B„ daß die Zollunion als ein politisches und nicht als ein jnristisches Problem angesehen werden müsse. Demgegenüber darf man darauf Hinweisen, daß Benesch damit im volle« Gegensatz nicht nnr zur Auffassung Deutschlands, sonder« auch zu der des englische« Außenmini- sters Henderson steht. Ans seiner Einstellung kann man jedenfalls nur entnehmen, daß Prag offenbar befürchtet, die juristische Prüfung der Angelegen- heit würde zur Anerkennung der Zollunion führe«.
Wen« St. Benesch weiter der Besorgnis Ausdruck gibt, die Zollunio« könne zur Bildung von zwei Blocks innerhalb Europas führen, so wird in Berliner politischen Kreisen darauf hingewiesen, daß Deutschland nicht im geringsten das Bedürfnis einer Blockbildung empfindet. Dagegen muh bemertt werde«, daß Dr. Benesch sich bisher recht stark im Sinne einer Blockbildung betätigt hat. Man braucht nur daran zu erinnern, wie sehr et bei der Kleinen Entente engagiert ist. Die Reichsregiernug ging noch vor zwei Jahres so weit, nicht nur Oesterreich, sonder« auch der Tschechoslowakei eine« Vorschlag zu einer An- gleichuag der Wirtschaftssysteme zu mache«, die von einer Zollunio« nicht wett entfernt sein sollte. Der tschechoslowakische Außenminister hat diesen Vorschlag aber abgelehnt.
Diplomatisches Rachspiel
zur KönigSberger Spionageaftäre.
th. Berlin, 24. April.
In der Königsberger Spionageaffäre ist die Untersuchung inzwischen dem Abschluß nahegebracht worden, und es sollen nunmehr diplomatische Schritte eingeleitet werden, um die unerläßliche« Konsequenzen aus diesen Vorkommnissen zu ziehen.
Bekanntlich find durch diese Spionageaffäre nicht nur die drei sofort wieder aus Deutschland abgereisten franzöfischen Offiziere, sondern auch der f r a «- zösische Konsul in Königsberg und der Gehilfe des französischen Militär- attachees in Berlin schwer kompromittiert worden, sodaß es auf die Dauer für die deutschen Behörden nicht möglich erscheint, mit diesen beiden Personen die bisherige vertrauensvolle Zusammenarbeit fortzusetzen. Infolgedessen wird sich der deutsche Botschafter in Paris wahrscheinlich in den nächsten Tagen zum französischen Außenminister $ rinnt) begeben und diesem nahelegen, den franzöfischen Konsul aus Königsberg und den Gehilfen des franzöfischen Militärattaches von ihren Popen aus Deutschland abzuberusen.
Die verwandelte Mittelmeerlage
Don Or. Paul Rohrbach
Nirgends hat man einen stärkeren Eindruck davon, daß durch den Verfassungswechsel in Spanien an einer wichtigen Stelle die ganze europäische Lage verwandelt ist, als in Rom. Wer eben von dort kommt, kann nur seine Bewunderung darüber aussprechen, wie diszipliniert sich die italienische, d. h. die faschistische Presse dabei wiederum verhält. Nirgends ein Ausbruch von Erregung, trotz des unterirdischen Zitterns, das durch das ganze politisch gebildete Italien geht.
Spanien unter dem Königtum Alfons XIII. war für die italienische Politik ein Mittelmeerfaktor, von dem man sicher sein konnte, daß er auf keinen Fall gegen Italien eingesetzt werden würde. Im Weltkrieg hatte der König, trotz der stärksten Bemühungen von feiten der Entente, sein Land neutral gehalten; danach aber war seine Anlehnung an England, so vorsichtig sie auch geschah, unverkennbar. Die Flotte wurde, in mäßigem, aber doch beachtlichem Umfang, mit englischer finanzieller und technischer Hilfe reorganisiert und verstärkt, und Küstengeschütze von unerhörter Größe und Tragweite wurden in englischen Werken für den Kriegshafen von Carthagena und andere Befestigungen bestellt. Was der König damit wollte, war in erster Linie Unabhängigkeit im Falle eines italienisch-französischen Konflikts, und was England wollte, war ein Spanien, das imstande war, in Mittelmeerfragen eine selbständige, praktisch gesprochen also eine. Stellung irq Sinne Englands, zu behaupten.
Von vorn herein war klür, daß der republikanische Umsturz in Spanien auf französischem Boden vorbereitet worden ist. Alle -spanischen Republikaner, die sich zu Hause kompromittiert hatten, fanden Unterkunft in Frankreich; der Valutastützung, die die königliche Regierung anstrebte, wurde von Paris aus entgegengearbeitet, und sogar die sofortige Anerkennung des kommenden republikanischen Regimes durch Frankreich war im voraus verabredet. Geistig und materiell, durch politische Schulung, durch moralische Verpflichtungen und durch den Peseta-Kurs, der stark von Frankreich ahängig ist, sind die neuen spanischen Machthaber Frankreich verhaftet. Vom französischen Standpunkt aus gesehen bedeutet die spanische Republik eine weittragende Verstärkung des französischen Einflusses in Europa, der sich jetzt von Madrid bis nach Warschau, Prag unb den Balkanhauptstädten erstreckt.
Auch für Deutschland kann ein solcher Vorgang nicht gleichgültig sein; die eigentlich betroffenen Mächte aber sind Italien und England. Zunächst mutz man sich dazu alle sonstigen Schwierigkeiten der englischen Lage vergegenwärtigen. England ist durch die Rücksichtslosigkeit seiner Dominien, durch die indische Bewegung, durch die amerikanische Wirtschaftskonkurrenz, durch die Arbeitslosigkeit, durch den unausweichlich gewordenen Zwang zur Rationalisierung seiner Industrien und durch den Druck der ungünstigen Finanzlage seiner außenpolitischen Bewegungsfreiheit stärker beraubt, als je zuvor. Am unmittelbarften offenbart sich das in den dauernden, stets wiederkehrenden Beweisen seiner Abhängigkeit von Frankreich. Der Engländer ist politisch geschult genug, um sich nie anmerken zu lassen, daß et sie fühlt. Er fühlt sie aber tatsächlich, ausgenommen den äußersten rechten Flügel der Konservativen, die sogenannten „Diehards", die gefühlsmäßig mit Frankreich durch dick und dünn gehen. Auch der frühere Außenminister Chamberlain, der ja einmal bekannt hat, er ließe Frankreich wie eine Braut, neigte nach dieser Seite.
Unter diesen Umständen muß die natürliche Tendenz der englischen Politik dahin gehen, zunächst allmählich die übrigen Schwierigkeiten so weit wie möglich abzubauen, mit dem festgehaltenen Ziel, auch die Lage in Europa langsam wieder im englischen Sinne umzugestalten. Das aber könnte nur dadurch geschehen, daß auf dem Kontinent das jetzige absolute Uebergewicht Frankreichs durch ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte ersetzt wird.
Eben diese Idee ist es, die man auch in Italien mit begreiflicher, im Gespräch weniger als in der Presse bemeifterter Ungeduld verfolgt. Es ist falsch, zu glauben, daß es zwischen Frankreich und einem faschistischen Italien einen wirklichen Ausgleich geben könnte. Dazu sind die italienischen Bedürfnisse zu stark, und dazu ist Frankreich zu unnachgiebig darauf eingestellt, auf nichts zu verzichten, was es heute besitzt. So etwas widerspräche auch dem französischen Charakter, völlig. Was dem Italiener vorschwebt, ist eine Art Dreibund zwischen Italien, Deutschland und England und es fällt schwer, ihn davon zu überzeugen, daß weder die jetzige Lage Deutschlands noch die Englands ein solches System erlaubt.
Nun ist durch den Umsturz in Spanien die Lage im westlichen Mittelrneer gründlich zum Schade«
Oie russischen Aufträge
Oie Verhandlungen mit de« deutschen Industriefirmen / Oie Russen fordern kurze Lieferfristen
„Eine Verlegenheiisrede"
Das Echo der Benefch-Rede in Wien und Berlin