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Hessische Abendzeitung

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Kasseler Abendzeitung

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Kummer 92*

Dienstag, 21. April 1931

21 Jahrgang

Deutschfeindliche Kundgebungen in Warschau

Oie Untersuchung des Königsberger Zwischenfalles / König Alfons reist nach London / Das Reichsarchiv gegen Or. Schacht

Kort mit der preußischen Tatze!"

Eigener Drahtbertchk.

AusderVorgeschichtedes^oungplanes

Eine Darstellung des Reichsarchivs

z Warschau, 21. April.

Montag abend fand in Warschau eine Proteftver- sammlung gegen die unerhörte" Methode des Dan­ziger Senats statt. Nach den üblichen, gegen Danzig und Deutschland höchst ausfälligen Reden wurden einige Entschließungen angenommen, in de­nen vor allem von der Regierung und vom Völker­bund energische Schritte zum Schutze der Polxn (?) in Danzig verlangt werden.

Rach der Versammlung rückten die Teilnehmer in die Nähe des Gefandtschaftsgebäudes des Deutschen Reiches, wo fie aber vor einer starken Poli­zeikette Halt machen mutzten und in Pfeifen, Johlen und Pfuirufen gegen Deutschland und Danzig aus­brachen. Dabei wurden dauernd Rufe laut wie: Fort mitderpreußischen Tatzevon Dan zi g" undEs lebe das polnische Danzig." Aehnlich wurde auch vor der österreichischen Gesandtschaft de­monstriert, wo sich die Menge hauptsächlich gegen den Anschluß wandte.

*

Die ,/unerhörte" Methode des Danziger Senats besteht bekanMich nur darin, >datz diese Körperschaft nach Kräften die Rechte derfreien" Stadt zu wahren sucht, und wenn der Völkerbund schon einen Grund $uet Einschreiten haben sollte, dann kann es nur der sein, daß er Danzig vor den polnischen Drohun­gen schützt. Was überdies die Behauptung vompol­nischen Danzig" angeht, so ist diese Ansicht schon längst als das erwiesen, was sie ist: Em in Warschau erfundenes Märchen!

i . «...

Schobers Pläne

Was der Korrespondent desDaily Telegraph" darüber erfahren haben will.

London, 21. April.

In einem langen Artikel entwickelt der Wiener Korrespondent desDaily Telegraph: die genauen Pläne des österreichischen Außen- Ministers Dr. Schober, die, wie er sagt, durch ihn zum erstenmal der Oeffentlichkeit übergeben wer­den. Dr. Schobers Pläne stützten sich auf die grund­sätzliche Annahme, daß eine Zollvereinigung zwischen Staaten unmöglich ist, die in einer gewissen politi­schen Feindschaft leben.

Eine der Hauptrichtlinien des Schoberplanes be­stehe darin, daß zunächst alle industriellen Staaten Mitteleuropas und die Tschecho­slowakei, die Nahrungsmittel einführen müßten, sich mögliHst eng zusammenschließen sollten, und daß zweitens ein Block der landwirtschaft­lichen Staaten gebildet werden soll, die einen Ausfuhrüberschuß an landwirtschaftlichen Erzeug- «iffen haben. Diese beiden Staatenblocks sollen dann versuchen, ein System von Vorzugszöllen zu schaffen, zur Lösung des nach Schober wichtigsten Problems, nämlich des Schutzes der Agrarstaaten vor dem wirt­schaftlichen Zusammenbruch und dem dann unaus­bleiblichen Kommunismus der Bauern. Schober hofft, daß mit dieser Idee auf der Sitzung des Euro­päischen Ausschusses Fortschritte erzielt werden kön­nen, nachdem England sein Mißtrauen gegen sie auf­gegeben habe.

Die deutsch . österreichische Vereini- tzung scheine der erste Versuch zu einem engeren Zusammenschluß zwischen Deutschland,Oe st er- r e i ch und der T s ch e ch o s l o w a k e t zu sein. Man sei sich darüber tlar, daß in diesem Falle der tschecho­slowakischen Industrie ein gewisser Schutz gegeben werden müsse, und daß auch gewisse politische Abänderungen, besonders hinsichtlich der deut­schen Minderheiten in der . Tschechoslo­wake i nötig sein würde. Auf die Vereinigung 'der Agrarstaaten würden Ungarn, Rumänien und Süd- slavien hingelenkt. Die Zollvereinigung Deutschland- Oesterreich und die Annäherung Ungarns, Rumä­niens imd Südslawiens wurde von Schober als der erste Schritt für die Entwicklung angesehen und ent­sprechend betrieben.

Anschauungsunterricht für die Abrüstungskonferenz

Die sranzöfifchen Herbftmanöoer.

Paris, 21. April.

Zn der Zeit vom 10.16. September finden in die- Mk Jahre die großen französischen Herbstmanöver statt, str die das aus dem Weltkriege bekannte Dreieck zwi­schen Laon, Rethel und Reims gewählt wurde, und durch die Aisne in zwei Hälften geteilt wird. Die Slanöveraufgabe wird darin bestehen, daß eine der Heiden Parteien versuchen muh, den Fluß zu über­

schreiten, um den auf dem gegenüberliegenden Ufer stehenden Feind zu vertreiben. Neben drei Divisionen Infanterie, den üblichen Kavallerie- und Artillerie­regimentern nehmen mehrere Regimenter Minen- werfer und Genietruppen teil. Zahlreiche Bomben- und Jagdflugzeuge werden das Bild dieser Truppenschau am Vorabend der Ab-' rüstungskonferenz vervollständigen.

Mastigst reist nach London

Paris, 21. Avril.

Der ranzösische Wortensachverständige M a s s i g l i hatte am Montag abend noch eine längere Unter­redung mit dem Ministerpräsidenten Laval. Die Abfahrt Massiglis nach London erfolgt heute. Neber den Inhalt der Instruktionen, die der französische Sachverständige für die Londoner Verhandlungen mitgenommen hat, wird strengstes Stillschweigen be­wahrt. Ms einziges Blatt Weitz derPetit Pari- sien" zu berichten, Daß die französischen Vorschläge dazu angetan feien, die Verhandlungen zwischen den interessierten Kreisen zu erleichtern.

Das bulgarisch-» Kabinett tritt zurück. Minister­präsident Liaplsche,f gab gestern nach einer Audienz beim König bekannt, daß das Ministerium zurückae- treten, aber einstweilen mit der Fortführung der Ge­schäfte beauftragt sei.

Gesandter Dr. Rieth in Wien eingetroffen. Der neue deutsche Gesandte Dr. Rieth traf zur Ueber- nahme der Geschäfte der deutschen Gesandtschaft hier ein.

th. Berlin, 21. April.

Der Königsberger Zwischenfall, bei welchem bekanntlich drei französische Offiziere sich der Spionage verdächtig gemuckst haben, stellt sich nachträglch als wesentlich ernster heraus, als man ursprünglich angenommen hatte. Die photographi­schen Platten, die bei den Offizieren beschlagnahmt wurden, sind inzwischen in Berlin entwickelt worden, und es zeigt sich, daß die Franzosen tatsächlich den Versuch gemacht haben, durch das Gitter des Kaser­nenhofes hindurch Uebungen zu photographieren, bei denen es sich um die Ausprobierung einiger technischer Neuerungen an den deutschen Geschützen handelte. Hierdurch ist die Absicht der Spionage klar erwiesen. Inzwischen haben die drei französischen Offiziere den deutschen Boden schleunigst verlassen und zwar auf eine besondere Anweisung des franzö­sischen Botschafters in Berlin, der offenbar die Ab­sicht hatte, eine Verschärfung dieses Konfliktes, die sich bei einer Verhaftung der drei Offiziere einftellen mutzte, nach Möglichkeit zu vermeiden. Die drei fran­zösischen Offizere sind noch gestern Abend von Kö­nigsberg abgereist und wollen nun über Polen nach Frankreich zurückkehren. Jedenfalls werden fie nicht wieder über Berlin kommen.

Die Unterfuchung geht weiter, und wenn fich der Spionageverdacht endgültig bestätigt, ist mit einem diplomatischen Schritte Deufichlands zu rechnen. Man hält es für wahrscheinlich, daß zunächst die Ab­berufung des französischen Konsuls' in Königsberg und die Abberufung des franzöfischen Militärattaches gefordert wird.

In der rechtsstehenden Presse macht sich bereits der Unwille darüber geltend, daß die deutfchen Be­hörden in diesem Falle soviel Vorsicht und Langmut an den Tag legen, während im Auslande zweifellos viel rascher zugegriffen worden wäre, falls '*toa deutsche Offiziere sich dort mit Spionageabsichten be­tätigt hätten. Auf Spionage stecht bekanntlich Zucht­haus, und man hält es daher in rechtsstehenden Kreisen schon für ein zu großes Maß von Zunick- baltung, daß man den französischen Offizieren über Haupt noch die Möglichkeit der Mreise aus Deutsch­land ließ.

Nur im äußersten Notfall...

Vorläufig keine Kürzung der Beamteugehäkter.

th. Berlin. 21 April.

Aus den Beratungsgegenständen, mit denen das Reichskabinett am Donnerstag seine Arbeiten eröffnen

_ das Erscheinen des Baches des ebemaliaea Rclchobankvrasidenien Dr. «Haimar Schacht: - Das Ende der Reparationen", das in den$t N N. s»oa beivrocheu wurde, ift die Reparationsfraae scschrchilich aufgerollt worden. 'Das Rcichskadt. u -11 bat sich entschlossen, dem Reichsarchiv das in Betracht kommende Akienmatcrial ,ur Bersügun« ,n stellen mit dem Amira«, auf Gruud dieser eiu- waudtreteu Quellen den Gesamtkompter $n unter- !n®«n. , Das Reichsarchiv wird in mehreren Ber- otsentlichnngeu das Erscheinen seiner altenmätzigen Forschungen darlegen. Wir geben im folgenden aus- zngsivetse den ersten Artikel des Reicksarchivs wieder, behalten nus aber nufere eigeue Stellungnahme ,n dieser auberordeuilich interessanten Diskussion vor:

War Schacht

unzulänglich unterrichtet?

Der von dem Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht in feinem Buch erhobene Vorwurf, er fei von der Reichsregierung vor und während der Pariser Sach- verständigenkonferenz nur ganz unzulänglich unterrichtet worden, trifft nach aktenmäßiger Fest­stellung nicht zu.

Dr. Schacht war nach Herkunft, Ansehen und Stellung der erste deutsche Berater für Reparations­fragen schon längst ehe er ausdrücklich zum ersten deutschen Sachverständigen aus der Pariser Konfe­renz ernannt wurde. In seiner doppelten Eigen­schaft als Reichsbankpräsident und als Sachverstän­diger nahm Dk-, Schacht schon vor der Pariser Konferenz, die am 11. Februar 1929 begann, an allen bedeutsamen Besprechungen über das Reparations- Problem teil, er hatte die Möglichkeit, sich über die Vorgänge, sowie über Wesen und Ziel der Reichspolitik genau zu unterrichten, wie die

wird, interessieren neben der Arbeitslosenfürsorge und den Agrarmaßnahmen natürlich vor allem die Finanz­fragen bzw. die Darlegung, die der Reichsfinanzmini­ster Dietrich von unserer jetzigen Finanzlage ge­ben wird. Er beabsichtigt dabei, auch auf die Aeuße- rungen des württembergischen Staatspräsidenten Bolz einzugehen, der, wie gemeldet, vor einiger Zeit, die Frage einer evtl, neuen Kürzung der Be­amtengehälter erörtert hatte. Es ist zu er­warten, daß Dr. Dietrich in ablehnendem Sinne zu diesen Aeußerungen Stellung nehmen wird, und dies umsomehr, als bis auf weiteres der­artige Maßnahmen tatsächlich nicht in Betracht kommen.

Das Reichskabinett hat zunächst den Gedanken eines eventuellen neuen Zugriffs auf die Beamten­gehälter immer in Reserve gehalten und betrachtet ihn als eine Maßnahme, die man nach längerer Zeit vielleicht und nur im äußersten Notfälle doch noch einmal anwenden muß. Aber vorläufig stehen ganz andere Maßnahmen (vor allem außenpolitischer Art) auf finanzpolitischem Gebiet in Aussicht, die zur Erleichterung unserer Lage beitragen sollen. Von einer neuen Kürzung der Beamtengehälter wird bis auf weiteres jedenfalls nicht die Rede [ein.

Sechs Monate in Fontainebleau

Die Pläne des spanischen Königspaares.

Paris, 21. April.

Wie jetzt als endgültig feststeht, wird sich das spanische Königspaar auf die Dauer von 6 Monaten in Fontainebleau auf halten, wo es in einem Hotel eine ganze Etage gemietet hat. Während sich die Königin mit den Kindern bereits am heutigen Dienstag nach Fontainebleau begibt, wird der König erst nach seiner Londoner Reise am 28. April folgen.

König Alfons reist heute nach London. Nach »Daily Herold" wird die Londoner geheime Polizei für die heute abend vorgefehene Ankunft u m- fassende Sicherheitsmaßnahmen tres- fen. 53 Geheimpolizisten, die über die internationa­len Anarchisten und Sendboten von geheimen Gesell- fchaften genau unterrichtet sind, werden die lieber» wachung durchführen.

beteiligten Reparationsminister. In zahlreichen Fäl­len ist. auch der Reichsbankpräsident als Anreger für maßgebende Beratungen ausgetreten; so ist ins­besondere

die Ausrollung der Reparationsfrage im Jahre 1928 und das hinsichtlich des Zeitpunktes den fron, zösischen Wünschen erwiesene Entgegenkommen aus ausdrückliche Anregung vo« Dr. Schacht erfolgt, (Telegramm an den Reichskanzler am 6. 9. und Brief Dr. Siresemanns vom 20. 9.). Die Reichs­regierung billigte auch Herrn Dr. Schacht die Roll« des Anregers und Beraters uneingeschränkt zu.

Der Reichsbankpräsident hat in seinem Buche ins­besondere daraus hingewiesen, daß er über den In­halt von Unterredungen, die vor Zusammen­tritt der Pariser SachversÄNdigenkonferenz zwischen dem Generalagenten Parker Gilbert und Mit» gliedern der Reichsregierung stattgefunden haben, nicht ausreichend unterrichtet worden sei. Er beruft sich hierzu auf Aeußerungen des General­agenten, wonach dieser bei den amtlichen Stellen in Berlin keinen Zweifel barülber gelassen habe, daß eine Reparationslösung für das Reich nur bei einer Annuität von zwei bis 2,2 Milliarden RM. zu erreichen sei. Aus dem Inhalt der Akten ergibt sich indessen, daß nur bei einer der zahlreichen Be­sprechungen zwischen Parker Gilbert und Mitgliedern der Reichsregierung, und zwar von Seiten des Ge­neralagenten, solche Zahlen genannt worden sind. Es handelt sich hier um die Besprechung, die am 13. November 1928 zwischen dem Reichsautzsnminister Dr. Stresemaun und dem Generaliagenten stattge­funden hat. Dazu liegt das von Dr. Stresemaun unterzeichnete Protokoll vor. Der Generalagent führte ausweislich dieses Protokolls im Lause der Unterredung aus, daß Deutschland mit Annuitäten in Höhe von 22% Milliarden rechnen , müßte. Der Reichsaußenminister hat eine solche Mög­lichkeit mit allem Nachdruck zurückgewiesen und Annuitäten in solcher Höhe aJS für Deutsch­land untragbar ab gelehnt.

Die von Dr. Siresemann gezeichnete Niederschrift ist dem Reichsbankprästdenteu durch den Privat­sekretär des Reichsautzenministers, Konsul Bern­hard, am 25. November 1928 abschriftlich über- sandt worden. Der Reichsbankprästdent hat fie zue Kenntnis genommen, ohne eine eigene Stellung- nähme, auch ohne eine Rückfrage daran zu knüpfen.

Der Inhalt der Gilberffchen Niederschrift, ob- gs.'ich sie naturgemäß int, Wortlaut und in Einzel­heiten von der Stresemanns abweicht, enthält nichts, was Schachts Vorwurf einer vorherigen Festlegung durch die Regierung rechtfertigt.

Während der Verhandlungen in Paris bestand fortdauernde Fühlungnahme und enge Verbindung zwischen den deutschen Sachverstän­digen und der Reichsregierung, sowohl in amtlicher wie in halbamtlicher Form. An Hand der Akten kann dies von Tag ju Tag, oft von Stunde zu Stunde festgestellt werden. Die Sachverständigen haben sich außerdem während vorübergehender Ver­handlungspausen wiederholt nach Berlin begeben, um dem Reichskabinett Bericht zu erstatten. Auch über diese Besprechungen liegen genaue Protrkolle vor.

Die Unabhängigkeit

der deutschen Sachverständigen

Aber auch hie andere von Dr. Schacht ausgestellte Behauptung, nie Reichsregierung habe die Unab­hängigkeit der Sachverständigen verletzt, hält einer akteumäßigen Nachprüfung picht stand. Die Reichsregierung hat den Sachverständigen, denen sie vollstes Vertrauen entgegenbrachte, während der Ver­handlung in Paris durchaus die Frecheit der Ent­schließung gelassen.

Erst als die Sachverständige»nach aus- drücklicher Erklärung des Herrn Reichsbankpräsi­denten" so heißt es in einer vom Reichskanzler und drei Reparationsministern unterzeichneten Nieder, schrift vom 11. Mai 1929,sich nicht mehr in bet Lage sahen, angesichts der Ziffern des Young- Plans die Verantwortung für die zu fassenden En fchlüffe allein zu übernehmen, ist die Reichs­regierung aus ihrer Referve herausgeireten."

Gerade um den Sachverständigen die von Dr. Schacht gewünschte Gewißheit voller Deckung durch die Reichsregierung zu geben und eine Verantwor­tungsgemeinschaft herzustellen, ist der Beschluß vom 3. M a i gefaßt worden. Dr. Schacht hat die Mitteilung diefes Befchlusses felbft erbeten und ihn. als er nicht am ersten Tage nach feiner Rückkebr nach Paris emgetroffen war, durch ein Ehifsre-

Gpionageverdachi bestätigt!

Diplomatisches Nachspiel zum Königsberger Zwischenfall? / Oie drei französischen Offiziere haben Deutschland verlassen