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Donnerstag Freftaq. 2 /3. April 1931

Kasseler neueste Nackrichien

Sette I

Die Erde bebt in Aicaragua...

Unbekanntes aus einem unbekanntrn Lande

Von Dr. Erich Calm.

* Sn Nicaraana ereiiutefe sich ein schweres Erdbeben, i dem die Hauptstadt des Landes Managua tast völlig zerstört und etwa 4500 Menschen getötet wer­den find.

Auf eine erschütternde Weise erfährt das viel ,u sehr mit sich selbst und seinen Röten be­schäftigte »alte Euro­pa* etwas von Ricara- aua. einem uns Im all- aerneinen >mbede"'""d und gleichgültig erschei­nenden Land" Erst ein entsetzliches Erdbeben Tod und V"rnich^>na in grauenvollem Ausmaß mußte kommen, um unser Interesse einmal nach­drücklichst hinzulenken auf das in Mittelamerika «e.eaene Ländchen Nica­ragua mit seinen rund 650 C00 Einwohnern, von denen auch nur etwa ein Sechstel Weiße, alle ande­ren aber Farbige oder Mestizen (Halbblüttge) sind.

WaZ in der Hauptstadt dieses Landes, in der Kleinstadt Managua, ge­schehen ist, haben aus­führlich bereits die Schrcckensielegramme ge­meldet. Vollkommen über­raschend hat in einer

sonst vulkanisch ruhigen Gegend ein furchtbares Erd­beben gewütet, hat fast alle größeren Gebäude der Stadt zerstört, ist die Ursache eines bis jetzt noch nicht gelöschten Großfei-ers geworden u«d bat nach den letzten Meldungen rund 2500 Menschenleben sinn- und zwecklos vernichtet.

Eine solche Katastrophe ist furchtbar und tief be­klagenswert in jedem Lande mag es uns noch so unbekannt und mag es noch so entfernt sein von uns. Fhre Auswirkungen aber werden noch entsetz­licher, noch unübersehbarer werden m einem an sich schon so armen und Verschuldeien Lande, wie Nica­ragua es ist! Es ist vollkommen unerfindlich, wo­her der Präsident des Landes, Adolfo Diaz, die Mittel nebmen wird zur Linderung der ersten Not, zur Deschassuna von Lebensmitteln für die obdachlos gewordene Bevölkerung, für den Wiederaufbau sei­ner zerstörten, zusammengebrochenen und vom ft.uer vernichteten Hauptstadt. Heute schon wird der Scha­den in Managua ganz abgesehen von der nicht wiedergutzumachenden Vernichtung von 2500 Men­schenleben auf etwa 30 Millionen Dollar geschützt. Und das bei einem Lande, in dem die Gesamtstaars- Schuldenla.t in Höhe von 6,5 Millionen T"" schon als unerträglich angesehen wird! Bet einem Lande, das sich trotz der ewigen Revolutionen und Untuben int Osten ">cht einmal ein Heer und eine starke Po- lizeitrupve leist«»- kann, sich mit ein1** Armee vcn 48 Offizieren und etwa 800 Beamten begnügen muß. Bei einem L"nd das für 3 Millionen am. Dollars v--ei vr'ftisck v4* wir"chaftlich ungeheuer wichtige Mätze, nämlich den N'caragua Kanal, die Fonftca-Bay und d'-> Mckis-Inseln an die USA. »verpachten* mußte (um sie niemals wieder zurück- zubekornmen)

Daß Nicaragua was seit seinem AuSs^-'d-n aus demBund der Bereinigten Staaten v--» Zen­tralamerika* im Jahre 1839 angeblichselbständig* ist heute keine oftiztelle amerikanisch" Kolonie darstellt, verdankt wohl einttg und allein der Tat­sache daß innerhalb seiner Grenzen kein Petroleum und keine Kohlen gefunden to?rb:n. Denn wäre dies der dann hätte der allmächtige amerika- nUche Dollar län"st schon wieder einmal mn» kleine R-evol»*'"-- in Szene gesetzt mit dem Ziel,An­

schluß an die $etein**,en Staaten* zu suchen. Und diese Revolution hätte gesiegt.

Da aber weder Petroleum- noch Kohleninteresten ».» fjnt) f»«M***n*4 "*x

damit,nur" die fkinanzob-" in Nicaroaua auszuüben, nicht weniger als drei recht starke Mili- tärstationen im Lande zu unterhalten, den auch weltpolitisch recht bedeutsamen- Nicaragua-Kanal als sein Eiqentum ,u betrachten und im übrwen alle die Handelszweige an sich ,u bringen, die irgend­wie wichtig erscheinen. Die im Jahre 1926 etwa 8,1 Millionen Dollars betragende Kaffee-Ausfuhr und der 1,3 Millionen betragende Hariholzimport Nica­raguas geht zu etwa 85 Prozent über amerikanische Händler, die fast will ürlick die Preise diktieren und nach und nach sämtliche Plan^aen des Landes auf» gekauft haben werden. Die Wenigen Banken des Freistaates* gehören entweder vollständig Amerika­nern oder ft»4- von amerikanischen Banken abhängig. Tie Staatsbahnen sind zu einem großen Teil ver- pkäitdet, ebenso die im Fahre 1926 etwa 2 Million n Dollar betragenden Einnahmen, Es brechen keine Revolutionen und keine Ausstände aus in Nicaragua ebne Mitwissen und Milwollen der Amerikaner; es werden keine Bauten ausgeführt ohne die finanzielle Be eiliguna der Amerikaner. Nicaragua bat wäh­rend des Weltkr^ges Dentschsand den Kniea erklärt weil Amerika es wollte. Und es ist im Völker­bund pertretcK. ebenfalls Weil /s den Amerikanern in den Kram paßt- ; 4 -O, _sl

Woher nun eigentlich dieses starke Fnteresse der Amerikaner für Nicaraguas Nun, Nicaragua gehört zu den mittelamerikanischen Ländern, die den USA. darum wertvoll erscheinen, um die Durchfahrt vom Atlantischen Ozean zum Pazifik zu beherrschen! Die Stützpunkte am Panama-Kanal sind nicht ausrei­chend, um eine starke feindliche (englische?) Flotte auf.ubalten und die unbehinderte Durchfahrt ameri­kanischer Schftft auch in Kriegszeiten zu sichern. Es mußten also weitere Stützpunkte geschaffen werden, um unter Umständen ohne lange Reisen sofort ein­greifen zu können. Und das denn auch geschehen: in Panama in Costarica, in Nicaragua in Meriko überall hat die amerikanische Flotte starke Stütz­punkte errichtet, so daß sie heute das Karaibische Meer und die Südsee vollständig beherrscht!

Nebenbei spielen selbstverständl'ch a-' Handels­interessen eine starke Rolle Seit ieher haben ame» rikanische Banken und Kaufleute ihr Geld gern in

NICARAGUA

Karte des Unglücksgebiets.

VEREINIG

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Z -f-

Mexiko

Stärke auf. Man verspürte dort zwei Stötze von je drei Sekunden Dauer, die die Häuser erbeben ließen. Zn verschiedenen Dörfern des Hochwaldes, in 6er Ce» gend von Zerf, wo die Stötze sehr statt verspürt wur­den, eilte die Bevölkerung erschreckt ins Freie. Scha­den wurde nicht angerichtet.

Das letzte Wort z»im RlOl«Llriglnck"

Letzte Ursache de» Unglücks: zu starker Gasverlust.

Loudon, 2. April.

Der Bericht der mit der Untersuchung des Unter­gangs des englischen LuftschiffesR. 101 beauftrag­ten Kommission ist veröffentlicht worden. Zn dem 129 Seiten umfassenden Dokument wird festgestellt, daß der Absturz des Luftichifses nach einstimmigem Urteil der Sachverständigen durch starken Gasverlust in sehr böigem Wetter verursacht worden sei. Wie dieser Gas­verlust entstand, werde niemals mit absoluter Sicher­heit ergründet werden können; es sei jedoch wahr­scheinlich, datz die heftige Rollbewenung des Luft­schiffes ein andauerndes Reiben und Wetzen der ein­zelnen Eallballonnetts gegeneinander hervorgerufen habe, das zu einer Beschädigung der Hüllen und schlietzlich zum Aufreitzen eines der Bugballoneft» führte. Hierdurch habe sich die Spitz derR. 101 nach dem Erdboden zu gesenkt und in sei der lata» strovhale Aufstotz gegen eine Hügel wand erfolgt.

Der Bericht spricht Offi'iere und Mannschaften der R. 101 frei von jeder Schuld an dem Unglück, be­mängelt jedoch den Umstand, datz vor dem Start des Luftschiffes zu seiner Jndiensahrt u wenig Probe­fahrten ausgeführt worden seien. Die Vorbereitungen für die Sangstreckenkabrt seien ungenügend gewesen, und dieR. 101 hätte ihre Jndienfahrt niemals am Abend des 4. Oktober angetreten, wenn nicht Gründe politischer Natur die Veranlasiung gegeben hätten, denn die Ankunft des Luftschiffes in Zinnen sollte am Tage des Beginns derRound-Table-Konferenz in London erfolgen. Im übrigen geht der Bericht aus­führlich auf die Aussagen Dr Eckeners ein. der set- nerzeit als Sachverständiger nach London geladen worden war,

Neue Erdrutschgefohr in «Savoyen

Moutiers (Saootjctt), 2. April.

Infolge der ständigen Erdbewegung, die bereits in der ersten Märzhälfte mehrere Dörfer verschüttet hatte, ist jetzt wieder eine Ortschaft, und zwar das 77 Einwohner zählende Dörfchen Nigolatd in größte Ge­fahr geraten. Etwa 100 OdO Kubikmeter Erbmassen bewegen sich in Richtung auf das Dors und drohen, es in absehbarer Zeit zu verschütten.

Die heutige Nummer nmW 18 Seiten

36T- Des Karfreitags wegen erscheint die nächste Ausgabe der Kasseler Neuesten^Rachrichten am Sonnabend mittag zur gewohnten Stunde 'c

mittalamerikanischcn Unternehmen investiert, schon weil dort der Kapitalhunaer so groß ist daß selbst kleinste Summen b;* Mort arei^ar sind unverhält­nismäßig hohe Zinsen tragen. Und schließlich ist auch die 'ontroöe der Kaffee- Hartholz- und Bananen- Produktion dieser Länder ein garnicht so unerheb­liches Geschäft.

Zum Schluß noch ein paar Worte über die Ver­kehrs- und Bevölkerungsverhältnisse dieses selt­samen .Freistaates*: die 650 000 Einwohner befielen zu etwa 16 Prozent aus Wsißen (insgesamt 108 030), zu 95 Prozent aus Schwarzen und zu 69 Prozent aus Triguenos (sog. Bräunlichen, Abkömmlingen der alten Fnkas die durchaus verkommen sind und ein ärmliches Leben als Plantagenarbeiter führen) Der Rest der Bevölkerung setzt sich zusammen aus Me­stizen und Oftafiaten.

Die Verkehreverhältnisse sind so dürftig, wie nur irgend möglich. Der Staat .besitzt* rund 240 Kilo­meter Eisenbahnen (die aber, wie gesagt, zum größ­ten Teil verpfändet sind): ferner bestehen noch Eisett- bahnstrecken mit insgesamt 110 Kilometer Gleisan­lagen, die aber ausfchließl ck amerikanischen Pflan­zern und Exporteuren gehören. 3m ganzen Sauce gibt es nur 180 Postawtalten. von denen aber auch nur 106 zugleich Telegravhenanlagen besitzen. An das Fernsprechnetz waren im 3abre 1926 gante 674 Teilnehmer angeschlossen Die .Flotte* Nicaraguas fetzt sich zusammen aus einem alten Froch damv'er aus dem Monggua-See. zwei Dampfern auf dem be­nachbarten Granada-See und einem Dampfer, der in Puerto Arenas an der Westküste beheimatet ist. Die wichtigsten £>äfen des Landes sind San 3uon del Störte und San Fuan bei Sur, die je etwa 1000 Einwolmcr haben.

Und dieses armselige Land ist ie«-t heimgesucht worden von einem so entsetzlichen Unglück, wie es das gemeldete Erdbeben ist. Wie der S^aat Nica­ragua diesen Schlag überwinden wird, ist vollkom­men unklar.

O e Opfer der Katastrophe

Der Brand von Managua gelöscht.

Managua, 2. April.

Der hiesige ' amerikanische Geschäftsträger meldet, datz die amerikanische Gesandtschaft von Flammen ver­zehrt wurde und datz alle Alten und die Archive ver­loren sind. Unter denjenigen, die bei dem Erdbeben ums Leben kamen, befindet sich auch der italienische Konsul. Man glaubt, daß diejenigen, die sich während der Katastrophe in der englischen und in der amerika­nischen Gesandtschaft aufhielten, unversehrt geblieben sind. 2000 Einwohner sind obdachlos. Ihre Sage wird durch Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten noch verschlimmert. Ein Bataillon amerikanischer Pio­niere, die mit der Prüfung der Sinie für den geplan­ten Kanal durch Nicaragua beschäftigt waren, arbei­tete mit, die stehengebliebenen Häuser in den gefähr­deten Stadtteilen von Managua niederzulegen, um das Feuer einzudämmen. Die hiesigen Ingenieure zweifeln nach dem Erdbeben ernstlich daran, ob der geplante Parallelkanal zum Panamakanal, der quer burib Nicaragua gebaut werden sollte, ausgeführt wer­den kann, da Nicaragua Erdbebengebiet ist.

Gestern mittag ist man des Brandes Herr gewor­den. Biele Einwohner kehrten im Saufe des Tages nach Managua zurück, um unter den rauchenden Trüm­mern nach Ueberreften ihres Eigentums zu iuchen. Die Regierung läßt Lebensmittel aufkaufen, um sie unter den 60 000 Einwohnern des Erdbebengebietes unentgeltlich zu verteilen. Von den etwa 30 Flugzeu­gen, die nach Managua abgeflogm sind, find einige dort bereits mit Aerzten und Medikamenten einge= troffen.

Es bestätigt sich nach den letzten Meldungen, datz kein Mitglied der englischen und der französischen Ko­lonie umgekommen ist, jedoch ist ein Einwohner des deutschen Viertels gestorben, kurz nachdem ihm beide Beine durch fallende Trümmer zermalmt worden waren.

Erdbeben bei Trier

Trier, 2, April.

Ein leichtes Erdbeben, das gestern früh hier wahr­genommen wurde, trat auch in den Bergen rechts der Mosel, aber nur in bestimmten Gegenden, auf. Seine Ausläufer erstreckten sich bis an das Moseltal. Zn der Eifel wurde das Behen, das von einem dumpfen Rollen begleitet war, nicht verspürt. Aus dem Os­burger Hochwald trat das Erdbeben in größerer

Beraniw^nlich ,ür den oeliliftbcn teil: Dr. Hattet y e h n t; für fremdeten: German M Bona u: für lokalen und Heimatteil: Dr. Hans froackim Glaser; für Handel: Dr. Hans San een berg; für Avoruetl: Herbert Zoei Pboto-Bedakteur: Eduard «ckuli. Kettel: für den Anzeigenteil: Konrad Wachsmann. Berliner Tchritneittf z: Dr Walter I ü um Ber­lin 3® 88. - Druck nnd Verlag: Kasseler Neuen« Bachrichten Ä m b H.. Saffet Kölnifcke Strafte.

Amr «reckten Ostevftttmnrm- sebvvt ein auterr Aaffee» Wä­rmen nickt den allerbesten neh­men? Kaffee Sag ist ein Sock- gewSckS von ansevlesenev Qualität, dabei gesund - anck für die Binder, denen Sie da­mit eine wivAicke Sstevsverrde macken.

KAFFEE HAG fetzt nur nodi RM 1.62 da* greBe, 81 Pfgr. das kleine Paket. RM 1.71 die Vakuum - Dose.

3m Kohlenpott / Don Albert Daudistel

Ich Bin in den Kneipen von Cardiff und Liver­pool gewesen. Ich war im Saargeotet und oben in Hammerfest. Uns in Rotterdam, an der großen Maasbrucke, schaute ich oftmals den abgemagerten. blind und lahm gewordenen Gäulen nach, die aus dem Dunkel englischer Stollen herüberkamen und dann nach irgendeiner .Prodttkten-Verwertungsstelle* hinken mußten, woselbst ihr Körper ausgeieilt wird, und feine Details in sie Gerberei, in die Roßhaar- abieUung, in bi? Leimkocherei und in die verschie­denen Laboratorien gelangen Einmal fiel mir dort an der großen Maasbrücke auf, daß die Arbeiter, die jene Gäule so dahinsührten. vor einem Leichenwagen, der ihnen entgegenkam, die Mützen abnahmen.

Neulich bin ich ins westdeutsche Industriegebiet gefahren mit der Absicht, auch da mal herumzuschnüs- feln, um zur Einsicht über das zu kommen, was die Menschen, Über die mannigfaltigen Verhäl nisse, un­ter denen sie so leben, eigentlich zu erreichen wün­schen ... So dachte ich zuerst in Mülheim, in Dortmund, in Essen, in Bochum, in Solingen und in den abseits gelegenen Industrieortschaften mit Werk­direktoren Fühlung zu nehmen, bei ihnen nach dem, was ich eigentlich mal wissen wollte, zu .bohren*. Dann hatte ich vor, mit verschiedenen Gewerkschaf s- beamten darüber zu diskutieren. Auf Grünzcug- märkten plante ich, mit Frauen eine Unterhaltung darüber anzuzetteln. Und in Versammlungen und allenthalben, wo die Menschen sich mit ihren Sorgen zusammensinden, wollte ich dem, was ich mal so wis­sen wollte, nachspüren ...

Aber all diese Pläne ließ tch außer Acht, da tch ich weiß nicht mehr, ob es in Mülheim oder in Dortmund, in Essen oder in Bochum, in Solingen oder in irgendeiner der abseits gelegenen Fndustrie- ortschaften war über einen offenen, feldähnlichen Platz ging, den Kinder als Wiese benützten und auf »em zwei stramme Balken ein großes Schild bochreckten, aus dem zu lesen war: .Fabrikgelände zu vcikaufen. Näheres durch Hermann Dannenberg...* Ich geriet an eine hohe Mauer, die etwa achtzig Nieter lang war und keine Fenster hatte. An ihrem

rechten Ende hauche das Mundstück eines Rohres einen Schwalm nach der Wiese hin, den man nicht sah, der aber oiß. An ihrem linken Ende lief, so in der Höhe der ersten E age, eine Riemenscheibe. Erst verwunderte ich mich darüber, weil die Scheibe so leer lief Ich schaute jedoch ihrer merkwürdigen Be­triebsamkeit zu und lauschte dabei dem Lachen und Rufen der spielenden Kinder. Dazwischen pfiffen von irgendwoher Lokomotiven. Und immer und immer wieder tatterten Lastautos, beladen mit neuen Pro- duktionsmaschinen. an dem Platz vorbei. Ja, dachte ich, bald wird der Platz nicht mehr existieren; und die Kinder werden in der neuen Fabrik an den neuen Maschinen altern.

In der Nähe von Bochum wurde ich in einen unterirdischen Gang binuntergelajjen. Und schwei­gend tappse ich meinen Vordermännern nach. Die leuchteten. Aus einmal sagte der, der neben mir ging, wir befänden uns hundert Meter tief in der Erde Und wir gingen unp gingen. Mir wurde heiß. Die Grubenlampen verfärbten sich blaurot. Und der weich« Boden schmatzte. Mein Nebenmann erklärte mir, wir seien schon eine Wegstunde vom Förderkorb entfernt. Ich duckte mich und folgte den Bergleuten Schließlich tarnen wir an eine Verzimmerung, die den Stollen versperrte, Tie Vordermänner schlugen mit Slerten und Pickhacken das Hindernis nieder. Und der Führer sagte mir, indem er in den schwarzen Rachen deutete, der uns entgegengähnte, hier beginne der ,*ote Stollen* . . , Mr tappten hinein und gin­gen weiter, immer weiter. Und ich hörte, daß vor etwa einem Jahr ein schlagendes Wetter den Stollen zerstört hatte. Und aus dem Geouirl des Matsches vernahm ich das Geröchel Verschütteter. Ich sagte zu dem Führer: .Aber die Halden oben sind doch praß­voll.' Warum benn muß wieder in diesem S ollen ge­arbeitet werden??* Er erwiderte, der Bedarf fei größer geworden als die Halden; und der .tote Stollen* liefere am meisten und besten . . . Nach einer geraumen Weile hielten wir; und die Bergleute bohrten hie und da die schwarze Wand an. Schwerer Staub wirbelt« auf; und glühende Fünkchen spritz­

ten ab; und manchmal zischte es: und als sie dem schwarzen Ungeheuer die Patronen in den Leib ge­steckt ha ten, wichen wir zurück; und ich schnüffelte, weil ich dachte, es rieche nach Gas. Da blitzte es; die Luft stieß hart gegen mich: ich griff nach Halt, aber die Detonation war vorüber; und die Wand dahinten erbrach nun tonnenweise das glänzende Gestein. Zwar blies der Stollen seinen schwarzen Atem gegen die Lampen; aber der Führer sagte ruhig: .Los! Weiter . . .*

Einige Tage wurde ich in einem anderen Ort in ein Walzwerk geleitet. Aus weißglühenden Eifen­blöcken quetsch en riesige Walzen lange, dicke und dünne Profileisen und Nippel- und Glattbleche. Es war nacht. Und in dem Höllenlärm sahen die Men­schen, die den Walzen so arbeiten halfen, nicht aus wie Menschen aus Fleisch und Blut. Ihre Gesichter waren von der Anstrengung verzerrt; und der Rutz schminkt« sie grauenhaft; und vor meinen Füßen kreisten große Schatten rumorender Zahnräder; und als ich fi'atbte iraenbeine Wolke verfinstere Plötzlich die Stelle, wo ich stand, da schaute ich mal hoch und sah den Kran so dahinschlcichen. Wir gingen weiter und gerieten zwischen Hochöfen. Ueberall brodelte und buchte weißglühender Eifenbrei; aus manchen Hochöfen flammte Großfeuer zum Firmament. Mein Begleiter schrie mir hur* den -n b""d<>»« Me­ter unter uns herrsche jetzt auch wieder Betrieb...

Gegen Morgen kamen wir in eine große Hall«, deren Wände und Fußboden weißgetäfelt waren Da liefen Maschinen, jede so mit einigen 10000 PS Es waren Turbinen, die Kraft lieferten, elektrische Kraft, für die Betriebe. Ich dachte: .So sauber wie dies« Maschinen hausen, müßten ihre Kollegen, hie Arbeiter wohnen . . .* Und wir drangen weiter vor; und gerieten durch eine gute Stunde in Werkstätten Da war alles in Unrast Die Riemenscheiben über dcn kultivierten Bea"beitungsmaichin«n leiteten die Eile durch Treibriemen überall hin. Blanke Stan­gen bewegten sich in einem fort auf und ab; blanke Platten wurden hin und her geschoben, hin und her; drüben griff ein großer Eifenarm immer so aus . hier sauste ein Werkstück, das auf einer Platttcherbe ftftgeschraubt war. immer rundum; und aus feiner Mit'e stieß eine Stange, auf der vorne ein gekrümm­ter bläulicher Zahn war immer mal vor und zurück Unv manchmal sah ich einen Menschenarm durch das

Gewimmel greifen und mit der langen Spitze eines Kännchens auf diese ober jene Stelle der lebendigen Ma chinen deuten. die arbeiteten, sie verarbei­teten das Rohmaterial so emsig, daß ihnen das Schmieröl, wie Schweiß am Körper herunterlief. Und schließlich entdeckte ich in diesem hastenden Durchein­ander Köpfe. Gesichter; die schauten so ernst auf die Arbeit nieder, daß es ansfah, als ob sie rechnen ober gar aufmerksam lesen würden; und ich sah ein, ihre Hände übermittelten an Kurbeln und Hebeln den Maschinen ganz feines Gefühl, damit das Maß und der Zweck der Arbeit nicht verfehlt werde. Und manchmal sah ich so einem Gesicht an, daß es mal seufzte. Aber das hörte man da n'ckt.

An jenem Abend ging ich nicht ins Theater. Ich besuchte vielmehr die Lagerräume, die angefüllt waren, mit allerlei Werkzeugen. Maschinen und Ma­schinenteilen. Dann ging ich zur Bahn. Und da begegneten mir die .wachfreien* Menschen. Ich hörte sie sprechen; ich sah sie lesen; ich schaute ihnen zu, wie sie so fremb aneinander borbcigingeit. Und als es dunkel geworden war, blieb ich mit einem Male aus so einer Straße sichen und lauschte im Glauben, Verliebte fangen. Aber es war nur ein Sender. Ach reifte ab.

In Köln ,edoch beschgute ich den Dom. Ich hatte ihn zwar schon oft gesehen, ober nur so, wie etwa ein Zuschauer von her ketz'en Reihe des Parketts aus die schwierigen und dennoch graziösen Seiftungen der Akrobattn sieht. So ein Zuschauer betrachtet, da et durch die Entfernung nicht das Arbeiten der Mus­keln und Sinne funtttonierenber Akrobaten wahr­nehmen und beobachten kann, die sicheren und schönen Ausführungen mehr als Zauberei und nicht als das Resultat genauer gefühks- und verstandesgemäßiger Berechnungen. Aa, als ich so gebannt vor dem Dome stand, verwunderte ich mich mit einem Male über den Fleiß über die Kühnheit und übet den Sinn für das Schöne, mit dem die Menschen die Welt aus­bauen. Und meine Bewunderung ward« gesteigert c.ls ich sah. daß die Menschen die das Werk schufen, vor ihm so klein schienen Und tch konnte mir.es nicht verhalten, au das geöffnete Domnortal zu a-hen und hincinzulaufchen. Und da vernahm ick. da» da drinnen in dem Halbdunkel die Menschen aus Sehn­sucht nach einer glücklichen Zukunft so ganz ergriffen vor fick bin lispelten . , , .

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