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5tr 72 / Gnundzwanzigster Jahrgang

Kasseler Neueste Aachn'chken

Donnerstag, 26. Marz 1931 / 3. Beilage

F. Dunbar von Kakkreuth:

Bari und Geschichte

Eine kulturhistorische Plauderei

Es ist allgemein bekannt, daß dem Barte, als männlichem Attribut, seit altersher religiöse und sinnbildliche Bedeutung zugemessen wurde und daß erst in neuerer Zeit die Gesetze der Mode auch über ihn sich Geltung zu verschafsen wußten- Die älte­sten Plastiken, die wir kennen und die erst kürzlich in Kish und Ur in Mesopotamien aus. 6000jährigem Kulturboden ausgegraben wurden, zeigen bereits Männerköpfe mit sorgfältig gekräuseltem Bartschmuck und die Pflege des Bartes hat sich bis heute in Vor- derasien in der gleichen Weise erhalten. Die Mo­hammedaner schwören beim Barte ihres Propheten. Mohammed selbst färbte seinen Bart, wie wir wissen, sogar und fand damit viele Nachahmer. Auch die ehemaligen türkischen Sultane hatten ihre Bart­gesetze: so durfte nie das Schermesscr über ihr Kinn gehen.

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Sokrates trug einen Vollbart.

Der Wuchs des Bartes hängt int allgemeinen so­wohl vom Klima wie von der Konstitution ab. In trockenen und warmen Ländern wächst der Bart dünn, starr und tiefschwarz, wie z. B. bei den Ara­bern, Juden und Südeuropäern; in kälterem Klima ist er dafür stärker, dicker, aber weicher, so wie ihn etwa die kaukasischen Völker aufweisen. Andere Rassen, wie die Mongolen, Malayen, Neger und In­dianer vererben nur spärlichen Bartwuchs.

Karl V.

war ein Anhänger des Bartes.

Auch Frauen weisen bekanntlich des öfteren einen stärkeren Bartwuchs auf, doch handelt es sich stets um eine Anomalie, die meist mit inneren Drüsen­störungen zusammcnhängt, die gerade die Ausbildung männlicher Charaktereigenschaften besonders fördern. Von geschichtlich bekannten Personen hatten Mar­garete Maultasch, Gräfin von Tyrol und Margaret« von Parma, die natürliche Tochter Kaiser Karls V., starken Bartwuchs, verbunden mit einem männlichen Charakter; ebenso gibt es in einigen Distrikten Slbessiniens und Südamerikas eine große Anzahl Frauen mit starkem Bartwuchs.

Während, wie erwähnt, in Vorderasten der Bart von vorgeschichtlichen Zeiten bis heute voll getragen

wird, zeigen die Bildnisse des Zweitältesten Kultur­landes, Aegyptens, aus dem fünfte« Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung nur Backen- und Schnurr-

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Audi Philipp II.

von Spanien war ein Anhänger der Bart« mode.

bürte. Seit 3253 v. Ehr. jedoch, als Pharao Atoti I- die Perücke einführte, ging man sogar glattrasiert, und nur noch künstliche Kinubärte wurden bei gro­ßen Zeremonien von den Königen und Priestern ge­tragen, wahrscheinlich aus traditionellen Gründen, ähnlich wie heute noch in England bei feierlichen An­lässen Perücken getragen werden.

Die Griechen trugen, bis Alexander der Große die bartlose Tracht einführte, gerne lange Bärte, und die Philosophen blieben auch in späteren Jahrhunderten dabei. Die Römer folgten dem griechischen Beispiel seit ewa 3Oo v. Chr., und von dem großen «cipio, dem Besieger des bärtigen Hannibal, wissen wir, daß er sich täglich rasieren ließ. Während jedoch die Griechen als Zeichen der Trauer einst ihre Bärte ab- rasierten, ließen die Römer ihn bei einem Traner- falle lang wachsen und die Orientalen sogar absicht­lich verwildern. (Sierausten sich den Bart*). Die Sklaven durften im Altertum keinen Bart tragen, wie sie. auch ihr Haar kurz geschoren haben mutzten. (Das Gleiche ist heute noch in unseren Strafanstalten üblich). Das geschah wahrscheinlich deshalb, weil eine wechselnde Barttracht die Sklaven aus einer Flucht leicht unkenntlich machen konnte.

Erst Kaiser Hadrian (120 n. Chr.), der ein Mal an seinem Kinn verdecken wollte, führte den Bart wieder in Rom ein. Auch das frühe Christentum bevorzugte den Bart. Der Bischof Clemens von Alexandria z. B. betrachtete das Rasieren als eines Christen unwürdig, weil esdie Natur selbst ver­stümmele^. Deshalb hat sich wohl in der ösilichen Kirche der Vollbart der Priester bis auf den heutigen Tag erhalten, während die römische Kirche bei der Bartlosigkeit des Altertums verblieb, von der nur einige Päpste und Mönchsorden eine Ausnahme bilden.

Die Germanen trugen bis zur Zeit Karls des Großen Vollbärte, während die Franke« den Backen-

Ludwfg XIII.

trug nur noch einen Spitzbart.

Ludwig XIV.

von Frankreich führte wieder die bartlose Mode ein.

bart bevorzugten. Von 9001100 n. Chr. war dann der Vollbart wieder Mode, ebenso nach 1500, wie es die berühmten Bilder Karls V., Philipps II, Hein­richs IV von Frankreich it. a. zeigen. Die Zeit des 30jährigen Krieges beherrschte der martialische Kne­belbart Gustav Adolfs, und seit Ludwig XIV.

Ein Blinder bekommt einen Brief

Von

Roy

In deutscher Ueberfebuns liegt jetzt auch dos Kricgsbuch eines französischen Kriegsblinden, Nene Roy, vor, das unter dem TitelMit roten Augen zum Licht" das Schicksal der Kriegsblinden schildert. Rene Roy, im Kriege Artillerieofsizier bis ;u seiner Verwundung und Erblindung zeigt in Form autobio­graphischer Aufzeichnungen die Etavvcn eines durch geistige und seelische Kraft sich erneuernden Menüben- lebens auf. Aus dem beim Ernst Heinrich Mvritz- Berlag, Stuttgart, erscheinenden Buch veröffentlichen wir mit Genehmigung des Verlages den nachfolgen­den Abschnitt:

Ein Brief . . ., ein gar einfaches, alltägliches Wort, das aber voll von schönsten Versprechungen und in­timen Freuden des freundschaftlichen Verkehrs ist. Mit welcher Ungeduld brach ich früher gewisse Briefe auf, um eine mir liebgewordene Handschrift zu erken­nen, um mich dem Bewußtsein ferner Zuneigungen hinzugeben ober die Hoffnung eines baldigen Be­suches darin zu finden! 9

Stets werde ich mich an den ersten Brief erinnern, den man mir in Neuilly brachte; damals war keiner meiner Freunde anwesend, um ihn mir vorzulesen. Herr Leutnant, ein Brief für Sie! Und der Post­meister überreicht mir den Umschlag. Mit unge­schickter Hand ergreife ich ihn, bringe ihn auf mein Zimmer, ohne zu wissen, was ich damit anfangen soll. Ich nehme ihn von einer Hand in die andere, wäge ihn zwischen den Fingern, messe ihn, taste ihn ab, drehe ihn nach allen Seiten, ohne mich entschließen zu können, einem andern die Entdeckung der darin ent­haltenen Geheimnisse anzuvertrauen. Bald erscheint mein Führer; ich zeige ihm den Vries und frage ihn, zunächst nur schüchtern und leise, woher das Schreiben komme: es trägt den Stempel der Feldpost Jetzt reiße ich den Umschlag auf und erkundige mich nach der Un­terschrift: es ist die eines meiner an der Front be­findlichen Freunde. Und augenblicklich formt sich deutlich in meinem Geiste die seine, für den Unge­wohnten schwer zu entziffernde Schrift des Freundes. Das Vorlesen des Briefes ist entsprechend mühsam, es geht langsam vorwärts und wird von plötzlichem Schweigen, langweiligem Suchen und Zögern unter­brochen. Meine ganze Freude an dem Brief ist ver­dorben, und während er mir vorgelesen wird, kann ich an nichts anderes denken, als an den ersten Ein­druck, den mir die Ankunft des Briefes gemacht hat.

Und jedesmal, wenn ein neuer Brief kam, blieb ich wie versteinert stehen: denn um zu erfahren, was darin stand, mußte ich und das war mir äußerst

herrschte über ein Jahrhundert wieder die bartlose Mode. Im Jahre 1840 wurde der Schnurrbart ge­setzlich in die englische Armee etngeführt, und auck in der deutschen Marine gab es Vorschriften für das Barttragen. Während das Revolutionsjahr 1848 den wildenBarrikadenbart einführte, das Sinnbild des Bürgerstolzes vor Fürstenthronen, sand der lang ausgezogene Schnurbart des Kaisers Napoleon ebenso willige Nachahmer. Auch das ausrasierte Kinn des alten Kaisers Wilhelm und der Vollbart Kaiser Friedrichs, nicht zu vergessen derEs ist erreicht- Bart Wilhelms II. wurden von den Zeitgenosse« mitgemacht. Aber ähnlich, wie bekanntlich die ab­gelegte Kleidermode in die Tracht des Landvolkes überging und sich dort noch lange hielt (die heutigen hessischen ^Sauemhsite gleichen den Hüten aus der Zeit Friedrichs des Großen), wurde die jeweilige Barttracht, wenn man ihrer überdrüssig geworden war, gerne auf die Dienerschaft übertragen.

peinlich einen anderen, vielleicht einen fremden Menschen zu Hilfe ziehen, der so in einen Teil meiner innersten Gefühle und meiner eigensten Gedanken bringen mürbe.

Allerbings hatte ich meine Unabhängigkeit stück­weise roieber zurückgewonnen, da ich nun mit meinen Freunden schriftlich verkehren konnte, und auch diese in ihrer Korrespondenz die Braille-Schrift verwenden konnten; aber wie viele würden sich deswegen diese langweilige Methode aneignen wollen?

Trotz ihres unbestreitbaren Wertes vermag eben eine Briefführung in Braille-Schrift dem Leser nicht dasselbe Vergnügen zu bereiten wie die in gewöhn­licher Schrift: sie offenbart dem Beschauer nicht die Eigenarten des Charakters, der aus den verschieden georteten Zügen aus der Disposition der Seiten, aus der Wahl des Papiers spricht; all die zahllosen klei­nen Einzelheiten, die demjenigen, der gerne Briefe schreibt und empfängt, wirkliche Genüsse bieten kön­nen, läßt sie nicht zum Ausdruck kommen.

Auch gewinnt man beim Lesen eines Briefes in Blindenschrift nicht jenen schnellen Ueberblick über das Ganze, aus dem der empfindsame Leser rein ge­fühlsmäßig Natur und Ton der Mitteilung errät.

Diesen allgemeinen Ueberblick, der unvermittelt die Schau eines in sich abgeschlossenen Ganzen, einer Einheit gestattet, brachte mir früher auch das Lesen der Zeitung, am Morgen, bevor ich an die Arbeit ging. Ein rascher Blick auf die hervortretenden Ueberschriften, und man weiß um die vielen Er­eignisse in der weiten Welt; es wirkt auf das Auge wie ein Panorama, dessen wohlgewählte Formen und Verhältnisse den Eindruck eines harmonischen Gleich­gewichtes, eines schönen Zusammenspiels erwecken.

Weftermauus Monatshefte. Das Avrilhest spricht vor. nehmlich zur Frau: In der AbhandlungDilettantismus und Planmäßigkeit im modernen Haushalt bricht 6te Ver­fasserin, Vera Bern, eine Lanze für die Modernmerung und Rationalisierung des Haushaltes und seiner Gebrauchs­geräte. Sie gibt einen Ueberblick über die neuciten Appa­rate für die Küche und den übrigen Haushalt und wertvolle Hinweise für die Vereinfachung der Arbeit. Hertha Frick hat mit totem AufsatzGarten und Partkunst unserer Zeit ein Thema angeschnitten, das mit besonderem Anteresie von der Frau gelesen werden wird. Wohl keine Frage tu zeitgemätzer als dieNeuzeitliches Bauen und Wohnen . Nach dem Vorbild der neuen Siedlungen und Gruvvenbau- ten in Franksurt a. M. werden Weicn und Stil neuer Bauten von Dr. W. Schürmeyer erörtert. Ein brennendes, vielleicht das brennendste Problem der Gegenwart rollt Pro- fcffor Dr. Mar Wolff ausPreis und Lohn" nennt er feine intereffante Abhandlung, die mit wünschenswerter Deutlich­keit zu dieser Frage Stellung nimmt. F. H. Ehmcke, Prot. an der Staatsschule für angewandte Kumt in München illustriert mit eigenen Zeichnungen seinen ArtikelBesuch in der Goethestadt Wetzlar".

Bei Husten Katarrh-

helfen WuUllUl * Pastillen

Darmstädter und Nationalbank

Kommanditgesellschaft auf Aktien

Bericht der persönlich haftenden Gesellschafter.

Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hat nach dem Kriege in dem Rhythmus ihrer konjunkturellen Be­wegung wiederholt ein Bild gezeigt, das in auffälligem Gegensatz zu dem Ablauf der Konjunktur des Auslandes stand. Der starke Aufschwung in der Zeit von 1926 bis 1927. sowie der folgende frühzeitige Abstieg, der sich dann im. Jahre 1989,. namentlich in dessen erstem Teil, krisen­artig fortsetzte, schien losgelöst zu sein von dem Ver­lauf der Wirtschaftskurven anderer Länder. Die Ent­wicklung im Beginn des Jahres 1930 erweckte in einer für Deutschland verheißungsvollen Art erneut den Ein­druck einer Bestätigung der Gegenläufigkeit deutscher und internationaler Konjunktur.

Das Jahr 1930 schien berufen zu sein, Deutschland eine vorteilhafte Sonderstellung in dem Ablauf der gewalti­gen Weltwirtschaftskrise zu geben. Denn diese Krise zeitigte für unser Land durch dessen geld- und kapital­mäßige Abhängigkeit und besondere Struktur als ein auf ausländischen Rohstoff angewiesenes weiter verarbeitendes Industrieland Symptome, die sich zwar noch nicht als durchgreifende, aber doch als unverkennbare und bedeut­same Entspannungen darstellten.

In seinem weiteren Verlauf hat jedoch das Jahr 1930 den Beweis dafür erbracht, in welchem Umfang die Wir­kung aller hemmend empfundenen Abhängigkeit über­steigert wird durch den überragenden Einfluß, den die Politik auf das wirtschaftliche Denken und Handeln, auf das sichere und richtige Funktionieren wirtschaftlicher Dispositionen ausübt. Alle Losungen wirtschaftlicher Probleme aber, die diktiert werden vom demagogischen Geist irgendwelcher Machtpolitik, erweisen sich früher oder später als verhängnisvoll für den anzustrebenden gleichmäßigen Gang der Entwicklung und enden zwar früher oder später mit der Erstarkung und der Aktivität der gegnerischen Kräfte, doch nicht ohne erbitterte, den organischen Fortschritt hemmende Kämpfe. Die Dik­tatur unseres Schicksals hat die Schar der Unzufriedenen unablässig anwachsen lassen, und nur der bewunderungs­würdige Ordnungssinn und der Lebenswille unseres Vol­kes haben hieraus drohende Gefahren abgewendet.

Es wird in der Welt niemals ein kapitalistisches oder ein sozialistisches System in Reinkultur geben, und nie­mals werden wir uns zu Gesundung und Fortschritt durch Anwendung eines starren Systems durchzuringen vermö­gen. Viel zu sehr aber ist heute schon in die kapita­listische Ordnung die kollektivistisch orientierte Orga­nisation, ein entseelte und verflachte, weil mißverstan­dene Demokratisierung zu Lasten des unternehmungs­mutigen und verantwortungsfreudigen Individuums ein­gedrungen. Die großen Probleme unserer Zeit werden sicherlich zu einem guten Teil nur durch die Zeit selbst entwirrt werden können. Die Wirtschaftsführung muß aber überall da, wo verwaltungsmäßige Erledigung der Geschäfte nicht ausreicht, wieder auf die Grundlage der individualistischen Weltanschauung zurückgebracht wer­den, wenn sie die Verantwortung für eine Neuordnung übernehmen soll. Man darf nicht einen Kapitalismus schmähen, den man eines guten Teiles seiner Wesensart entkleidet hat und der dadurch mehr und mehr in fehler­hafte Tendenzen und Handlungen verstrickt wird.

Der Wert der kapitalistischen Ordnung in Deutschland sowohl wie in der Welt ist nicht allein in den vielhun­dertjährigen Errungenschaften und Erfahrungen nach­gewiesen, die hinter uns liegen, er ist gerade auch vor unseren Augen durch die Stärke der Leistungen, die die­ses System in der Nachkriegsperiode vollbringen konnte, belegt. Deutschland hat nach der gewaltigen Kata­strophe des Jahres 1918, wie nach det völligen Vernich­tung der deutschen Währung im Jahre 1923, so jetzt zum dritten Male sein Wirtschaftsleben und damit sein natio­nales Dasein mit Erfolg und Energie zu verteidigen ver­standen. Sowohl im Jahre 1929, gelegentlich der Ver­handlungen des Youngplanes, wie im Jahre 1930 hat es niemals einen berechtigten Zweifel an der Währungs­grundlage unseres Landes gegeben. Deutschland bat den gesamten politischen und .industriellen Umbau seines Lan­des in der kurzen Zeitspanne von nur 5 bis 6 Jahren in

Angriff genommen und aussichtsreich in seinen Grund­lagen gefestigt.

Man muß diese bekannten, aber meist zu wenig gewür­digten Tatsachen oft wiederholen um die notwendige und berechtigte psychologische Wirkung auf unser Selbst­bewußtsein zu erreichen und um den bedenklich erstark­ten Minderwertigkeitskomplex im Volke hinter ein ge­sundes Souveränitätsgefühl zurückzudrängen. Die deutsche Wirschaft sollte sich auf ihre Leistungen besinnen und daraus neue Kräfte zur Ueberwindung der Schwierigkei­ten und zur Lösung der Probleme schöpfen. Sie hat be­reits wesentliche Konsequenzen aus den Fehlern der Ver­gangenheit und aus den Verlusten gezogen, die ihr durch Fehlleitung von Kapital entstanden sind, indem sie zahl­reiche Betriebe aus dem Produktionsprozeß ausgeschaltet, sich also nicht an die Substanz geklammert, sondern den Willen bekundet hat, mit Energie zu lebenspendender und wohlstandschaffender Rentabilität zu streben. Sie sollte sich verbünden mit allen, die einen gesunden Auf­bau unsres Volksganzen in zielbewußter organischer Entwicklung herbeisehnen und sich vor allem geschlos­sen hinter eine Staatsführung stellen, die den Weg, den sie gehen muß, erkannt hat und den Beweis erbracht ha^, daß sie auch entschlossen ist, ihn zu gehen. Von aus­schlaggebender Bedeutung für die Fruchtbarmachung die­ses Entschlusses ist die Tatsache, daß die Erkenntnis der Irrtümer der Vergangenheit und der Notwendigkeit ihrer Abstellung schon in wqite Kreise des Volkes, vor allem auch der Arbeitnehmerschaft, eingedrungen ist. Von dieser wertvollen Grundlage ausgehend wird die Staats­führung ihre ersten Schritte zur Gesundung des Etats und zur Herbeiführung einer den heutigen Verhältnissen entsprechenden Sozial- und Lohnpolitik fortsetzen kön­nen und müssen.'

Neben den innerpolitischen Ursachen wirken auch die Erscheinungen, die zur Entstehung der Weltkrisis ge­führt haben, unmittelbar auf Deutschland zurück. Da­bei ist auch hier die Politik zum ausschlaggebenden Fak­tor geworden insofern, als die internationalen politischen Konstellationen nach wie vor die natürlichen Kraftzen­tren des wirtschaflichen Kreislaufes, Kapital und Geld, in ihrer Freizügigkeit behindert und den natürlichen Lauf des Kapitals von don Stätten des Ueberflusses zu den Stättenn des Mangels häufig in entgegengesetztem Sinne beeinflußt haben.

Deutschland muß das Vertrauen des in- und ausländi­schen Kapitals wiedergewinnen. Das Ausland hat einen guten Ueberblick über unser wirtschaftliches Können und unsere wirtschafliche Stärke und glaubt zuversichtlicher als viele Deutsche selbst an die Zukunft unseres Landes. Es hat auf Grund der Erfahrungen der Nachkriegszeit ein weitgehendes Verständnis für das Zeitmaß, dessen wir zu unserer Gesundung bedürfen. Wir werden Sorge zu tra­gen haben, daß die mangelhafte und ungleichmäßige Ka­pitalversorgung einer besseren Verteilung zu billigeren Bedingungen Platz macht. Die deutsche Wirtschaft kann in der gegenwärtigen Uebergangsperiode eine langdau­ernde Verringerung der Invesutionsmöglichkeit mit ihren uns jetzt genügsam bekanntgewordenen Folgen nicht ver­tragen.

Die Rentabilität unserer Wirtschaft wird nur erreicht werden können, wenn wir uns von einer Arbeitslosigkeit befreien, die über das konjunkturell bedingte Maß hinaus­geht und zu einer Dauererscheinung zu werden droht. Diese Arbeitslosigkeit ist gewiß nicht allein, aber doch wesentlich auf eine künstliche Erhöhung der Löhne durch eine staatlich begünstigte monopolistische Lohnpolitik zurückzuführen, die einerseits zu einer übersteigerten Rationalisierung und Zusammenfassung von Betrieben und damit zur Freisetzung von Arbeitskräften geführt, an­dererseits einem Teil der Arbeitnehmer zu Lasten der übrigen einen zu starken Anteil an dem Sozialprodukt gesichert hat. Allen Kaufkrafttheorien zum Trotz kann die Entstehung einer gesunden Konjunktur nicht durch die Nachfrage nach Kon&umgütern, sondern nur durch eine gesteigerte Nachfrage nach Produktivgütern unge­bahnt werden, die ihrerseits wieder den Bedarf nach

menschlichen Arbeitskräften und damit folgerichtig einen volkswirtschaftlich berechtigten Konsum auslöst.

Je mehr wir in der theoretischen Durchforschung auf die Fehler in wirtschaftlichen Wiederaufbau der Nach­kriegszeit kommen, umsomehr wächst die Erkenntnis, daß es sich nicht um ein Versagen der kapitalistischen Ord­nung handelt, sondern daß sich diese Weltkrisis zwar durch ihre Intensität von großen Krisen zurückliegender Epochen unterscheidet, daß sie aber im übrigen nach vie­ler Richtung hin deutliche Merkmale mit früheren Kri­senentwicklungen gemeinsam hat und daß ihr Entstehen und ihr Ablauf in weitem Maße mit den bisher gemach­ten Erfahrungen übereinstimmen. Dabei müssen wir uns daran erinnern, daß wirtschafliche Krisen häufig die Folge großer kriegerischer Verwicklungen gewesen sind und daß naturgemäß die krisenhaften Erscheinungen nach einem so gigantischen Ereignis wie dem Weltkrieg allein bereits infolge der gewaltigen Umschichtung der agra­rischen und industriellen Produktion unvergleichlich größer sein müssen, als diejenigen, die nach kriegeri­schen Epochen der Vergangenheit eingetreten sind. Dar­über hinaus haben die aus der Innen- und Handelspoli­tik der Nationen hervorgegangenen staatlichen Einwir­kungen auf die Wirtschaft eine besonders scharfe Aus­wirkung der kritischen Vorgänge verschuldet. Der staat­liche Protektionismus und die staatlichen Subventionen haben hemmend auf den Warenverkehr der Welt einge­wirkt, und Valorisationsmaßnahmen verschiedenster Art haben an vielen Rohstoffmärkten ein künstliches Preis­niveau gezeitigt, das in dem Augenblick zum Zusammen­bruch gelangen mußte, wo ein ntürlicher Ausgleich zwi­schen Angebot und Nachfrage wieder bestimmend für die Festsetzung des Preises wurde. Zu den vielfach von der Wirtschaft aus in einer falschen Einstellung zu den Gesetzen der kapitalistischen Ordnung unterstützen Maß­nahmen kamen preishaltende Tendenzen hinzu, die aus der Notwendigkeit hervorgingen, die durch staatliche Eingriffe gestörte Rentabilität wiederherzustellen und die eine gewisse Starrheit in ein System hineinbrachten, dessen Ueberlegenheit gerade auf einem natürlichen Wa­renaustausch beruht.

Deutschland ist in erheblichem Maße an diesen welt­wirtschaftlichen Problemen und deren Lösung interessiert und es wird seine Politik darauf einstellen müssen, daß es noch für eine lange Reihe von Jahren auf Kapital­zuschüsse angewiesen ist, die es nur erhalten kann, wenn es ständig im Auge hat. dem Kapital die Sicherheit sei­ner Betätigung zu bieten. Deutschland kann .durch die Eigenart seines volkswirtschaftlichen Aufbaues nicht daran denken, autarkische Zustände einzuführen, und dahinzielende Bestrebungen sind nur geeignet, uns von dem Weg abzudrängen, den wir vernünftigerweise gehen müssen. Durch die Rentabilität unserer Wirtschaft, durch eine Selbstkostenbasis, die in Parallele mit den konkur­rierenden Wirtschaftsländern läuft, ziehen wir genügend fremde Kapitalien an uns und gewinnen weiter an Bo­den auf den Welt Warenmärkten. Dadurch kommen wir zu einer Ordnung und Erstarkung der inneren Verhält­nisse und von hier aus können wir die Welt zu der Ueber- zeugung bringen, daß sie sich selbst nützt, wenn sie Stö­rungen, die aus der falschen Einstellung zu Deutschland kommen, beseitigt.

Die hier im Zusammenhang mit der Behandlung eini- der materieller und psychologischer Probleme nur strich­weise angedeuteten großen Krisenzustande des Jahres 1930 mußten mit allen ihren Folgen das deutsche Bank­gewerbe in empfindlicher Weise treffen. Der Abzug der Kapitalien in den letzten Monaten des Jahres erforderte eine außergewöhnliche Bereitschaft, die nicht bewerk­stelligt werden durfte durch umfangreiche Kreditrestrik­tionen oder durch einen zu scharfen Eingriff in die ver­schiedenen Teile der Wirtschaft. Die deutschen Kredit­banken waren ohnehin durch die vielen in Industrie, Han­del und Gewerbe hervortretenden Zahlungseinstellungen und Zusammenbrüche von dieser Seite aus verlustreich betroffen. Der ungewöhnlich starke Rückgang an den Börsen bewirkte erhebliche Sonder verloste auf dem Ge­

biete des Effekten- und Konsortialgeschäfts und vorhin- derte die Liquidation einer großen Anzahl laufender Transaktionen. Es ist nur natürlich, daß solche Zustande die Bankbilanzen fühlbar beeinflussen mußten, was aucn bei unserem Institut in einem Rückgang der Dividende um 4 % und in einem Ausweis von 10 Millionen KM. tnr Abschreibungen auf Effekten- und Konsortialbestande- nen Ausdruck findet.

Wir waren im Jahre 1930 an einer Reihe größerer Trans­aktionen und Gemeinschaftsgesehäfte beteiligt. Besondere Erwähnung hierbei verdient die bedeutungsvolle Trans­aktion der Zusammenfassung einer Reihe von Hypothe­kenbank-Instituten zur Deutschen Zentralbodenkredit- A,-G., die ihrerseits der Gemei nsehaftsgruppe deutscher Hypothekenbanken beitrat. Wir wirkten ferner u. a. bei der Fusion der Schultheiß-Patzenhofer Brauerei A.-G. mit der Ostwerke A.-G. mit. In freundschaftlichem Zu­sammenwirken mit einer Reihe führender Auslandsban­ken sowohl wie mit befreundeten Inlandsinstituteu haben wir uns an der Gründung der Compagnie Centrale des Prets Fonciers in Amsterdam beteiligt, deren Aufgabe es sein wird, ihr Interesse besonders dem europäischen Real­kreditwesen zuzuwenden.

Zu den einzelnen Positionen der Bilanfc und Gewinn- und Verlust-Rechnung bemerken wir folgendes:

Die Nostroguthaben bei Banken und Bankfirmen be­stehen zu rund 83,30 % (83 %) aus Auslandsguthaben. Die Vorschüssen auf Waren und Warenverschiffungen haben eine Steigerung von rund 20 % erfahren. Die Positionen Reports und Lombards sind entsprechend der Börsenlage erheblich kleiner geworden und enthalten auch in die­sem Jahre nur börsenmäßige, gegen Wertpapiere ge­leckte Vorschüsse.

Von unsenren Bürgschaften sind RM. 44 721 122,62 in deut­scher Währung und RM. 38 062 017.71 in fremder Währung geleistet.

Das Konto Bankgebäude, das, wie bisher, unverändert weitergeführt ist, enthält 137 (138) eigene Grundstücke, von denen 103 (111) lediglich Bankzwecken und 34 (27) auch anderen Zwecken dienen.

Von der Gesamtsumme der Kreditoren in laufender Rechnung entfallen 30 % (34 %) auf ausländische Gut­haben, wovon 25 % (27%) in ausländischer und 5 % (7%) in Markwährung unterhalten werden. *

Die ausländischen, in fremder Valuta gebuchten Kre­ditoren sind durch eigene Devisenforderuugen aus den ersten 5 Posten der Bilanz zu rund 65.70 % (63% %) ge­deckt.

Nach erheblichen Abschreibungen und Rückstellungen ergibt sich laut Gewinn- und Verlust-Konto unter Ein­rechnung des Gewinnvortrages per 1929 im Betrage von

RM.

3 119 172.17 ein Bruttogewinn von ...... 74 484 723.16

Nach Absetzung RM.

der Handlungsun kosten mit 53 101 918 J 3

der Steuern mit...... 3 216 782.26

der Abschreibung auf Effekten -

nnd Konsortial-Konto mit . . 10 000 0000.

insgesamt: 66 318 700.39

...... 8 1660W.77 Vorschlägen:

RM.

4 800 000.

240 000.

insgesamt: 5 940 0009.^

so daß als Vortrag auf neue Rechnung

RM. 3 126 022.77 verbleiben.

Berlin ,im März 1931.

Die persönlich haltenden Gesellschafter

Dr. Beheim«Sdiwarzbadi. Badenheimer. Goldschmidt.

Dr. Rosin. Dr. Strube.

verbleibt ein Reingewinn von dessen Verteilung wir wie folgt

8 % Dividende.......

Tantieme des Aufsiebtsrats . .