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Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Hummer 61*
Freitag, 13. März 1931
21 Jahrgang
Erdrutsch-Katastrophe in Savoyen
6 Millionen Kubikmeter Erde in Bewegung / Verschärfung der parlamentarischen Lage / Obstruktion der Mittelparteien im Parlament?
Krisenluft im Reichstag
.Von unserer Berliner Schriftleitun
Der passive Luftschutz
Bei uns und bei den andern
Der bayerische Landeöbürgerrat regt seine Arbeitsergebnisse vor
- th. Berlin, 13. März.
I« der parlamentarischen Lage ist gestern eine unverkennbare Verschärfung eingetreten, well im Steuerausschuß des Reichstags die beiden sozialdemokratischen Anträge über die Tantiemensteuer und über die Erhöhung der Zuschläge zur Einkommensteuer angenommen wurden. Damit ist ein Beschluß gefaßt worden, der den Anschauungen der bürgerlichen Parteien auf das strikteste zuwiderläuft. Außerdem ist bekannt geworden, daß die Sozialdemokraten uuch beim Haushaltsgesetz, bezw. bei der in diesem Entwurf enthaltenen Ermächtigung für die Regierung, am Etat selbständige Streichungen vorzunehmen, Schwierigkeiten bereiten wollen, und daß ste schließlich mit der von den bürgerlichen Parteien und vom Kanzler angestrebtcn langfristigen Vertagung des Reichstags von Ostern bis Oktober nicht einverstanden sind, sondern unbedingt eine Pfingsttagung herbeiführen wollen.
Angesichts dieser Schwierigkeiten beabsichtigen die Fraktionen der Deutschen Volkspartei, der Staatspartei, der Wirtschaftspartei, des Landvolks und der Konservativen, dieser Tage beim Reichskanzler Vorstellungen gegen dieses Verfahren der Sozialdemokraten zu erheben. Das Zentrum, die Bayern und die Ehristlich-Sozialen haben sich gestern im ^te-terausschuß der Stimme enthalten, was, soweit die Einkommensteuer in Betracht kommt, jedenfalls nicht den bisherigen Vereinbarungen entsprach. Jedoch hat das Zentrum ausdrücklich erklärt, daß seine Haltung noch nicht endgültig sei, sondern daß erst die Fraktion noch einen Beschluß fassen müffe. Man erwartet, daß das Zentrum bei nächster Gelegenheit dem Einkommensteuerantrag der S. P. D. widersprechen wird. Das würde jedoch ebenfalls nichts nützen, da die Sozialdemokraten und die Kommunisten bei der zweiten Lesung im Plenum des Reichstags den Antrag wiederholen und mit der gestrigen Ausschußmehrheit auch im Plenum durchzusetzen versuchen werden. Dann
bleibe für die bürgerlichen Mittelparteien nur noch die Obstruktion übrig. Wie man hört, sind die oben genannten Gruppen auch entschlossen, nötigenfalls zu diesem Mittel zu greifen.
Wenn nämlich Vollspartei, Staatspartei, Landvolk, Konservative und Wirtschaftspartei den Saal verlassen, so wird das Haus — immer unter der Voraussetzung, daß die Rechtsopposition nicht wieder- lehtt — beschlußunfähig, und die Steueranträge der S. P. D. könnten nicht angenommen werden. Allerdings möchte man ein so scharfes Mittel, so lange es irgend geht, unbedingt vermeiden, denn es ist fraglich, ob sich nach derartig schroffen Auseinandersetzungen, die jetzt vorhandene parlamentarische Mehrheit für die Annahme des Etats ohne weiteres wieder zusammenfindet. Deshalb erwartet man vom Kanzler, daß er in den nächsten Tagen eine Vermittlungsaktion einleiten wird.
Die erwähnten taktischen Maßnahmen der Mittelparteien sind übrigens ohne Rücksicht auf die beiden großen Parteien der Rcchtsopposi- t i o n gemacht, denn wenn diese, wie im Reichstage gerüchtweise verlautet, bei der Abstimmung über die sozialdemokratischen Steueranträge plötzlich in das Plenum zurückkehren würde, so wäre der Bersch, ein beschlußunfichiges Haus herbeizuführen, natürlich vergebens, und dir Steuer- anträge der SPD. würden mit großer Mehrheit angenommen werden.
Auf sozialpolitischem Gebiet scheinen die Verhandlungen mit der SPD. geringere Schwierigkeiten zu bereiten. Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald hat in seiner gestrigen Rede im Plenum «des Reichstags — siehe Seite 2! — mit aller Deutlichkeit angekünvigt, daß die Regierung sowohl für die Aufrechterhaltung des jetzigen Rcalloch- nes wie auch für evtl, nmwensig werdende Arbeitsstreckung durch Arbeitszeitverkürzung eintreten werde. Mit dieser AnNin-digung sind, wie heute vom „Vorwärts" ausdrücklich anerkannt wird, zwei wesentliche Forderungen der Sozialdemokraten bereits theoretisch erfüllt, und darin wird bei der SPD. ein nennenswerter Fortschritt erblickt. Ob allerdings diese Konzessionen genügen, um die SPD zu einer vernünftigen Haltung in den Steucrfragen zu veran- jaffen, muß zunächst abgewartet werden.
Auch Preußen
gegen Gefrierfleischkontingent?
In der Gefrierfleischfrage, die heute nachmittag im "-richsrat zur Entscheidung kommt, ist mit einiger Wahrscheinlichkeit darauf zu rechnen, daß die preußische Regierung sich dem Einspruch a»-
g.
derer Länderregierungen anschließen wird, so daß das Gefrierfleischkontingent wieder zu Fall gebracht werden würde.
Die Voraussetzung dafür ist allerdings, daß die Garantie für die Durchführung des schon von früher her bestehenden Antrages zur Bereitstellung von billigerem Fleisch für die minderbemittelte Bevölkerung gegeben wird.
Hermann Müllers Erkrankung
Berlin, 13. März.
Reichskanzler a. D. Hermann M ül l e r hat die Nacht ruhig verbracht. Eine Operation ist noch nicht vorgenommen worden. Heute morgen findet dafür eine Besprechung der behandelnden Aerzte statt.
Paris, 13. März.
Cm schweres Unglück, dessen Ausmaße sich im Augenblick noch nicht übersehen lassen, hat in der Provinz Savoyen, in dem westlichen Ausläufer.6er Alpen, gestern zwei Dörfer vom Erdboden verschwinden lassen. Die Bevölkerung ergriff unter Zurücklassung ihres Hab und Gut die Flucht. Die Erdmassen, die aus etwa 6 Millionen Kubikmeter geschätzt werden, dringen mit einer Geschwindigkeit von 150 Metern in der Stunde vor und haben die beiden Dörfer Vergnes und Michaud vollkommen verschüttet. Michaud bestand aus etwa zehn Häusern.
Die ungeheure Erdlawine setzt immer noch ihren Weg fort und zieht sich wie eine lange schwarze Schlange talabwärts. Die Bewohner flüchten überall. Ganze Häuser bewegen sich auf der Erdoberfläche dieser Lawine mit hinunter, um dann plötzlich zusammenzubrechen und zu verschwinden. Ingenieure, die aus allen Landesteilen zusammengeeilt find, wollen versuchen, die Erdmass eu in eine unbewohnte Gegend abzulenken. Sie haben zu diesem Zwecke einen Sturzbach umgeleitet und hoffen, daß die Wassermassen einen gewissen Ein-
.......... London, 13. März.
Im Zusammenhänge mit der bevorstehenden Reise des englischen Außenministers nach Paris erfährt die »Times", Henderson hoffe, daß der Abschluß des französisch-italienischen Flottenabkommens zu einem allgemeinen Einverständnis zwischen Paris und Rom über alle noch schwebenden Fragen, wie z. B. Tunis und die Südgrenze von Lybien führen werde. Um die Pariser Besprechungen vorzubereiten seien Schritte zur beschleunigren Fertigstellung des endgültigen Textes des Flottenabkommens ergriffen worden.
Snowden wird operiert
London, 13. März.
Schatzkanzler Snowden muß, wie amtlich mitgeteilt wird, operiert werden. Die Aerzte hätten sich entschlossen, vorläufig nur eine kleine Operation vorzunehmen. Ob er imstande sein wird, seine Haushaltsrede Anfang April zu halten, steht noch nicht fest.
Gandhi kommt nach London? '
London, 13. März.
Im Verlaufe der Unterhaus-Ausfprache über Indien teilte Ministerpräsident M a c d o n a l d mit, er habe allen Grund zu der Hoffnung, Gandhi und andere Vertreter des Indischen Kongresses zu Besprechungen und Verhandlungen im Laufe dieses Jahres in London wiederzusehen.
London, 13. März. Wie der ,Times"-Berichterstat- ter in Bombay meldet, beabsichtigt Gandhi bet einer Rundreise durch den Kaira Bezirk die bisherige Geschichte des Politischen Kampfes zu erzählen, den nationalistischen Führern für die von ihnen gebrach-
Die folgende« Ausführungen, die eine Ueberftcht über die vraktifche Vorbereitung eines vasftoeu Lust- kchutzes bei uus und vor allem bei de« andern gebe«, werde« dazu beitrage«, die aiclumftrittene« Frage« des Luftschutzes ,« kläre«.
Durch den Versailler Vertrag ist uns jede aktive Luftabwehr verboten, der passive oder zivile Luftschutz ist uns aber seit dem Pariser Luftabkommen vom 21. Mai 1926 gestattet. Dies ist nicht viel, aber etwas, und es wäre grundfalsch, in stumpfer Resignation auch darauf zu verzichten. Der uns verbotene aktive Luftschutz besteht im Einsetzen von Fliegern, Maschinengewehren und Geschützen, der
passive Luftschutz
verfügt lediglich über Mittel, die Folgen feindlicher Luftangriffe nach Möglichkeit zu beschränken. Sie er-
fluß auf die Richtung der Lawine haben werden. Man hat außerdem eine Brücke gesprengt, um eine Teilung der Erdlawine heroorzurufen und dadurch ihre Wirkung abzuschwächen. Glücklicherweise sind bisher keine Menschenleben zu beklagen, da alle Bewohner noch rechtzeitig flüchte» konnten.
Bergarbeiierflreik jn Frankreich?
Paris, 13. März.
Die Deleaiertenversammlung des französischen Grubenarbeiierverb»ndes, die «eftern in Paris zn- sammengeireten war, hat einstimmig eine Entschließung angenommen, in der angesichts der Tatsache, daß die Verhandlungen der Regierung mit den Gruben- gcsellschaften über die Rückgängigmachung der vor kurzem vurchgeführten Lohnherabsetzungen zu keinem Ergebnis geführt haben, der am 18. Februar gefaßte Streikbeschluß bestätigt wird. Der Generalstreik soll am 30. März durchgeführt werden, falls bis dahin nicht noch eine Einigung mit den Grubengesellschaften erzielt werden sollte.
tcn Opfer zu danken und die Einwohner zur Zahlung der Grund- und Bodensteuer aufzufordern. Dieser Auffordrung wird besondere Bedeutung beigemessen, weil der Bezirk bei dem Steuerstreik eine hervorragende Rolle gespielt hat.
Oer Aätekongreß beschließt
Moskau, 13. März.
Der Rätekongreß nahm nach dem Schlußbericht Molotoffs einstimmig eine Entschließung an, in der die Außen- und Innenpolitik der Regierung voll gebilligt wird.
Der Kongreß beauftragt die Regierung, an der Friedenspolitik auch künftig unerschütterlich festzuhalten, die wirtschaftlichen Verbindungen und Beziehungen zu anderen Staaten allseitig auszn- bauen und gleichzeitig die Verteidigungstätigkeit der Scwjetunion und die Macht der roten Armee zu stärken.
Der Kongreß verpflichtet die Regierung, scharfe Maßnahmen zur Beschränkung der Ausfuhr aus den Ländern zu treffen, die versuchen, den sowjetrussi- schen Außenhandel lahmzulegen unter dem Vorgeben von Zwangsarbeit. Der Kongreß stellt mit Befriedigung die Erfüllung und lieberer« füllung des Fünfjahresplans fest und betrachtet das laufende Jahr als entscheidend für die Verwirklichung des Fünfjahresplanprogramms uns als Jahr der Vollendung des Fundaments der sozialistischen Sowjetunion.
Konservativer Sieg bei einet Ersatzwahl in Salisbury. Bei einer Ersatzwahl in Salisbury, die durch den Rücktritt des bisherigen konservativen Wahlkreisvertreters notwendig geworden war. wurde der Konservative Robertson mit 15 800 Stimmen gewählt. Die liberale Kandidatin Frau Masterman erhielt 9588, der Kandidat der Arbeiterpartei, Hancock, 3939 Stimmen.
strecken sich auf: Rechtzeitige Meldung bevorstehender Angriffe, Tarnung, Schaffung bomben- und gassicherer Räume, Ausrüstung bei Bevölkerung mit Gasschutzmitteln, Bereitstellen von Rettungskolonnen ujw. Daß die Organisation des passiven Luftschutzes nicht so einfach ist, wie man im ersten Augenblick glauben sollte, haben die deutschen Luftübungen über Königsberg und Koburg und die tschechischen bei Olmütz, Pardubitz und Prosnitz gezeigt.
In Deutschland hat der Landesbürgerrat Bayerns in vorbildlicher Weife die Frage des zivilen Luftschutzes in die Hand genommen. Es wurden Ausschüsse für Bauwesen, chemische und ärztliche Fragen, Feuerwehr, gebildet. Die Arbeitsergebnisse liegen jetzt vor:
Bauwesen.
Im Inneren der Städte sind geeignete Räume, z. B. Schulen, Amtsgebäude, als Zufluchtsstätten für die Bevölkerung bereit zu stellen. Es handelt sich darum, Schutz gegen Explosiv- und Brandbomben, sowie Gasbomben, zu gewinnen. Bei Brand- und Sprengbombengefahr sind die unteren Geschosse und Keller günstiger, während es bei Easbombenangriffen zweckmäßiger wäre, sich in höher gelegene; Gebäudeteile zur Vermeidung der Gasvergiftung zu begeben. Demgemäß ist bei höheren Gebäuden der 1. Stock am günstigsten. Sind dicht abschließbare Waschküchen im Kellergeschoß vorhanden, so werden diese in beiden Fällen als Zufluchtsort dienen können. Gegen Easgefahr müssen Türen und Fenster.durch Sandfchütiung, Verkleben mit Papier, Filz usw. besonders gut abgedichtet werden. Wichtig ist die Anbringung von sogenannten „G a s s ch I e u - s e n", das sind Vorräume, die mit schweren nassen Tüchern sorgfältig abgeschlossen werden und deren Boden man mit Chlorkalk bestreut wird. Neben den Waschküchen, die den Vorteil des vorhandenen Wassers und Abschlusses haben, sind natürlich auch die Kellerräume auszunutzen. Bei Neubauten läßt sich die eine oder andere Schutzmöglichkeit oft mit geringen Mehrkosten erreichen. Einrichtungen für rechtzeitige Alarmierung der Bevölkerung sind selbstverständlich.
Chemische und ärztliche Fragen.
An chemischen Stoffen wird vor allem Chlorkalk und Abforptionskohle benötigt, die beide in Deutschland hergestellt werden können. Für Aerzte ist ein Sanitätskoffer für Kampfgaserkrankungen, für Sanitätspersonal eine Sanitätstasche für erste Hilfe zusammengestellt. Die Ausbildung der Sanitäts- formationen im Gasschutz ist eingeleitet in Arbeitsgemeinschaft zwischen Rotem Kreuz und der Münchner Freiwilligen Rettungsgesellschaft. Es wird z. Z. eine Gasschutzstammtruppe aus beiden Formationen ausgebildet. Ebenso ist die A u s b i l d u n g der Aerzteschaft Münchens in der Diagnose und Behandlung der Easerkrankungen durchgeführt. Die Freiwillige Rettungsgesellschaft strebt eine Dezentralisation der Unfallstationen an. Gefordert wurde eine Ausrüstung der Krankenhäuser und Privatanstalten mit den nötigen Gerätschaften zur Bekämpfung der Gasvergiftungen und eine vermehrte Beschaffung von Sauerstoffapparaten.
Alle Ausschüsse halten ein Zusammenarbeiten mit der Polizei und den in Betracht kommenden Behörden, welchen wichtige Aufgaben bezüglich Warndienst, Sicherheitsdienst, Ausarbeitung von Abblendungs- und Easfchutzvorfchriften für die Allgemeinheit zufallen, für unerläßlich.
Natürlich helfen die besten Richtlinien nichts ohne tatkräftige Mitwirkung der Bevölkerung. Es ist daher Pflicht jedes einzelnen, sich klarzumachen, daß die Frage des zivilen Luftschutzes auch ihn angeht.
Oer passive Luftschutz der andern
Bei Betrachtung des Luftfchutzproblems im Ausland mutz man bei den Ländern zwei Gruppen unter« scheiden: a) diejenigen, in denen der passive Luftschutz durch private Organisationen — diese z. T. unter staatlichem Einfluß — bearbeitet wird, b) diejenigen, in denen er von der Regierung bearbeitet und durchgeführt wird. Zu ersteren gehört
Polen.
Hier entstand 1926 durch die Vereinigung der Luftschutzliga und des Vereins für Gasabwehr die Lust- und Gasabwehrliga, abgekürzt „Lopp" genannt, die Ende 1929 bereits 400 0C0 Mitglieder hatte. Ihr Ziel ist „die Vorbereitungen für den Luft- und Gasschutz sollen alle Städte und Dörfer Polens umfassen." Vom Lopp sind in mehreren Städten Ausbildungskurse eingerichtet. Auch in den Lehrplänen der Schulen aller größeren Städte hat auf Betreiben des Lopp die Behandlung der Luftschutzfrage Aufnahme gesunden. Für jedes Schulkind soll im Lauf« der Zeit eine
Zwei Dörfer verfchüiiet!
Eigener Drahtbericht.
Hendersons pariser OReife (Eigene Drahtmeldung.)