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Hessische Abendzeitung
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-lummer 40*
Dienstag, 17. Februar 1931
21. Jahrgang
polen seht die Entdeutschungspolitik fort
Die Parzellterungspläne treffen wieder vor allem die ehemals deutschen Gebiete / (Sanchez Guerra bildet das Kabinett / Stegerwald gegen Schiele
Agrarreform als Vorwand
Eigener Drahtberichl.
Warschau. 17. Februar.
Das amtliche polnische Publikationsorgan „Dzien- nik Ustaw" veröffenlicht den Parzellierungs- Plan für das Jahr 1932. Die ehemals deutschen Gebiete — die jetzige« polnischen Provinzen Posen und Pommerellen — stehen danach wieder au der Spitze der Zwangsparzellicrung privaten Grundbesitzes.
Dee Plan sieht für Polen die Parzellierung von 24 000 Hektar und für Pommcrellen die Parzellierung von 20 000 Hektar vor. Keine der anderen Woywod- fchaften weist ähnlich hohe Zahlen auf. Die für das Bezirkslandamt Grodno festgesetzte Parzellierung von »2000 Hektar liegt insofern weit unterhalb der für Posen und Pommerellen verfügten Parzellierungen, als dort bereits 5 400 Hektar parzelliert sind, so daß in Wahrheit nur noch 16 000 Hektar parzelliert werden sollen. Aehnlich liegen die Verhältnisse in der Woywodschaft Wilna. Von den im Plan veranschlagten 20 000 Hektar bleiben ebenfalls nur 16 500 Hektar zur Parzellierung übrig. Für die übrigen Landesteile liegen die Ziffern weit unterhalb der bisher genannten. Die Parzellierungen in Warschau betragen 10 000 Hektar, in Petrikau 5 000 Hektar, Lemberg 8000 Hektar, Bialustok und Krakau je 2000 Hektar.
Die „Deutsche Rundschau" in Polen, das iu Brom- Lerg, erscheinende Organ des Deutschtums, bezeichnet die für Posen und Pommerelleu in dem Parzellierungsplan festgesetzten Zahlen als geradezu katastrophal^ und kommt zu dem Schluh, daß auch der neue Plan, der wiederum den Hauptdruck der Parzellierungen auf die ehemals deutschen Gebiete Westpolens legt, mit eindringlicher Deutlichkeit erkennen laste, daß Politik und nicht Wirtschaftlichkeit
, Madrid, 17. Februar.
Der König hat Sanchez Guerra mit der Bildung des neuen Kabinetts beauftragt. Das Kabinett, das im Laufe des heutigen Tages gebildet werden dürfte, wird folgende Persönlichkeiten umsasten:
Ministerpräsident: Sanchez Guerra;
Vizepräsident und Außenminister: Alvarez;
Justizminister: Villanueva;
Finanzen: B e r g a m i n;
Krieg: Burgos Mazo oder General Goded;
Marine: Admiral Rivera;
Inneres: Burgos Mazo (falls er nicht das Kriegsministerium übernimmt).
Außerdem sollen dem Kabinett angehören Ortega q Gastet, Pinies, Capoprieta, Louis Arminan und Pe- dregal.
♦
Die Größe und Bedeutung des Schrittes, zu dem König Alfons sich in letzter Stunde mit der Berufung Sanchez Guerras entschlosten hat, geht am besten aus der Tatsache hervor, daß eben dieser selbe Sanchez Guerra vor zwei Jahren als Führer des Putsches gegen die Diktatur Primo de Riveras verhaftet wurde. Er war von jeher ein scharfer und furchtloser Kritiker der politischen Führung seines Landes gewesen. Er hatte sich keinen Augenblick besonnen, 1921 die Nachfolge seines ermordeten Parteifreundes, des Ministerpräsidenten Dato, zu übernehmen; er hatte als Zeichen des Protestes gegen das kostspielige MarMo-Abenteuer 1922 seine Mi- nistrrprästdentschaft niedergelegt und Garem Priem das Feld überlasten, besten liberale Politik dann direkt zu dem Staatsstreich Primo de Riveras führte.
Sanchez Guerra, ein Mann von 72 Jahren, hat nichts mehr zu gewinnen und kann nur seinen Ruf als charaktervoller und kluger Politiker riskieren, wenn er jetzt die schwierige Aufgabe der Kabinettsbildung übernimmt. Dag er es tut, ist ein Zeichen für feine Charakterstärke und für feine persönliche Opfer- freud'gkeit.
Ein Beweis für die Klugheit des Königs uno für seine Bereitschaft, auch seinerseits Opfer zu bringen, ist aber die Berufung Sanchez Guerras gleichfalls. Unter allen Politikern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Spaniens ist Sanchez Guerra derjenige, der — ausgenommen vielleicht den Philosophen Unamuno und den Schriftsteller Masco Ibanez— dem König am furchtlosesten die ungeschminktesten Wahrheiten gesagt Hai. Schon als gegen EnSe des Jahres 1926 das Pro-
die Triebfeder des Handelns ist, dah mithin nicht eine gesündere Agrarstruktur, sondern die Entwicklung die Losung sei, die durch den Plan für Wcstpreuhen ausgegeben wurde.
„Es wird keinen Krieg geben!"
London, 17. Februar.
Unter der lleberschrift: „Es wird keinen Krieg geben" veröffentlicht „Daily Herald" eine Unterredung mit Henderson, der unter anderem ausführt:
Die Erörterungen auf der letzten Wlkerbundsrats- sitzung hätten den Wunsch der beteiligten Nationen bewiesen, der Abrüstungsfrage energisch zu Leibe zu gehen und positive Ergebnisse zu erzielen. Ohne die Schwierigkeiten allerdings verkleinern zu wollen, habe er das volle Vertrauen, dah der Völkerbund durch eine Herabsetzung der bewaffneten Streitkräfte eines jeden Landes einen weiteren Beitrag zum Weltfrieden liefern werde. Er sei überzeugt, daß die Zeit vorüber sei, in der man die Größe einer Nation nach der Stärke und dem Matze der Rüstungen bemessen habe.
Ein wichtiger Teil des ganzen Abrüstungsprogrammes bestehe darin, das nötige Vertrauen zu schaffen. Wenn jemand sage, es sei unmöglich die menschliche Natur zu ändern, so stimme das nicht, da sie sich entsprechend den gemachten Fortschritten in vieler Hinsicht schon geändert habe. Dazu komme noch, datz ein neuer Krieg mit Giftgasen ausgekämpft werde, die sich gegen Männer, Frauen und Kinder der Zivilbevölkerung richten wurde. Er habe volles Vertrauen, datz es keinen neuen Krieg geben werde, denn er glaube, datz die meisten Menschen heute die Abschaffung des Krieges wünschten.
jekt einer von der Regierung nicht nur einzuberufenden, sondern hinsichtlich des größten Teils ihrer Mitglieder auch zu ernennenden sogenannten Nationalversammlung aufl^uchte, erklärte Sanchez Guerra dem König brieflich, datz er ein solches Verfahren als ein Vergehen des Königs am Lande, als einen Bruch des auf die Verfassung abgelegten Eides betrachten, daß er die Beziehungen zum Königshause abbrechen und außer Landes gehen würde, wenn Riveras Projekt zur Durchführung gelangen würde. Sanchez Guerra ließ seinen Worten damals die Tai folgen, und seine Rückkehr nach Spanien anderthalb Jahre später hatte nur den Zweck, die bewaffnete Rebellion gegen das Regime herbeizuführen, das den Begriff einer Nationalversammlung so entwürdigt hatte.
Das Regierungsprogramm
Paris, 17. Februar.
Wie aus Madrid gemeldet wird, wird das Programm der neuen Regierung wahrscheinlich folgende Punkte enthalten, die in einem Brief Burgos Mazos an eine zur Zeit im Auslande weilende Persönlichkeit aufgezählt sind:
Di« verfassunggebenden Cortes sollen drei Monate nach dem Antritt der neuen Regierung einberufen werden, nachdem erst die Gemeinde- und Provinzvertretungen gewählt sind. Solange die Cortes nicht die für notwendig erachteten Probleme gelöst haben, soll der König die Cortes nicht vertagen, noch auf eigene Initiative das Ministerium umbilden können. Aber der Gang der politischen Maschine verlangt das Bestehen einer tatsächlichen obersten Macht, um gewisse Bestimmungen zu sanktionieren. Diese oberste Macht soll unter gewissen Einschränkungen dem König übergeben werden. Da die verfassunggebenden Cortes den Ausdruck des Volkswillens verkörpern, soll der Senat, der auf Grund eines eingeschränkten Wahlrechts gewählt wird, nicht während der Tagung der Cortes einberufen werden.
Alfons zeitweilig ausgeschattet?
Paris, 17. Februar.
Die Stellung, die der König von Spanien* in der jetzigen Krise eingenommen hat, beschäftigt die Oessentlichkeit in erheblichem Matze. Man geht davon ans datz König Alfons XIII. die Forderung Sanchez Guerras. seine Funktionen während
der Tage der Konstituante ruhen zu lassen, angenommen habe. Der Madrider Sonderberichterstatter des „Journal" erklärt dazu, diese Forderung Sanchez Guerras gegenüber dem König sei noch dadurch besonders peinlich geworden, datz der König die Verpflichtung übernommen habe, in einem zu veröffentlichenden Dokument die von ihm gebilligten Bedingungen bekannt zu geben. So unwahrscheinlich es auch klinge, der König habe alles angenommen.
Wenn die verfassungsgebende Versammlung das Verhalten des Königs als gerechtfertigt anerkannt, würden sich feine Gegner verpflichten, ihm alle feine Rechte zurückzugeben und sich ihm gegenüber als loyale Untertanen betrachten. Welches Risiko stelle diese Volksabstimmung für Alfons XIII. dar, der doch im Laufe seiner Regierungszeit in Hunderttausenden von Fällen Unzufriedenheit habe Hervorrufen müssen! Melcher Triumph wäre es für ihn, wenn er diese Krise siegreich überwinde!
32 Millionen Ausländsdeutsche
In d°m neuen statistischen .Handbuch für bas gesamte Deutschtum", bas vom dem Institut für Statistik der Minderheiten in W en herausgegeben wird, finden sich, man mutz schon sagen, erschütternde Zahlen
th. Berlin, 17. Februar.
Das Reichs kab i n e t t wird heute nachmittag wieder eine besonders wichtige Sitzung abhaltcn, in der der Entwurf des Gesetzes über agrarische Hilfsmaßnahmen zur Debatte steht. Dieser Entwurf hat bekanntlich schon zu recht scharfen Auseinandersetzungen geführt, weil der Ernährungsminister Schiele sich für neue, weitgehende Ermächtigungen auf dem Gebiete der Zoll - erhöhungen einsetztc, die wiederum von Industrie und Exporthandel, aber auch von Arbeitsminister Dr. Stegerwald im Hinblick auf die Politik des Lohnabbaues bekämpft werden, weil eine eventuelle Preiserhöhung für wichtige agrarische Produkte nicht mit der Senkung der Löhne und Gehälter in Einklang zu bringen wären. Es gilt in unterrichteten Kreisen daher als ausgeschlossen, datz der Ernäh- rungsminifter seine Pläne in vollem Umfange durchsetzen wird, sondern man strebt schon jetzt auf ein Kompromitz hin, für das sich voraussichtlich auch der Kanzler und das Reichskabinett einsetzen dürften. Arbeitsminister Stegerwald wird darin vom Vertreter des Wirtschaftsministeriums Staatssekretär Trendelenburg nachdrücklich unterstützt, ebenso vom Reichsfinanzminister Dr. Dietrich. Man hält es aber nicht für wahrscheinlich, dah diese Meinungsverschiedenbeiten zum Rücktritt des Ernährungsministers Schiele führen könnten.
Der Reichsernährungsminister hat dem Kabinett außer den eigentlichen Gesetzesvorlagen auch eine umfassende Denkschrift über die geforderten Agrarmaßnahmen vorgelegt. Außerdem liegt aber auch eine Denkschrift des Reichswirtschaftsministeriums vor, in welcher dieses die Bedenken der Industrie und des Handels gegen die geplanten Agrarmaßnahmen vorbringt. Diese Denkschrift spricht vor allem die Befürchtung ans, daß von einer Einschränkung der agrar. Einfuhr Gefahren für die Industrie und den Exporthandel entstehen könnten. Vor allem spricht sich die Denkschrift gegen die Einführung eines Südfrüchtemonopols und gegen die Er Höhung der Holz zölle aus, welche uns Schwierigkeiten mit den südeuropäischen Staaten sowie mit Oesterreich und Schweden bringen könnten. Ebenso befürchtet man eine gemeinsame Aktion von Schweden, Norwegen, Dänemark, Belgien und den Niederlanden, wenn man die Zölle für die sogenannten Veredelungsprodukte <vor allem aus der Molkereiwirtschaft) erhöhen wollte.
Gegenüber dieser Denkschrift des Reichswirtschaftsministeriums wird eingewendet, datz ein Südfruchtmonopol in der jetzigen Fassung der Vorlage überhaupt nicht mehr verlangt werde, und daß in der Frage der Holzzölle mit Schweden und Oesterreich vielleicht eine Sonderregelung dadurch getroffen werden könnte, daß diese Länder Kontingente in der Höhe der alten Zolleinfuhr erhalten. Heber den
Inhalt der Bgrarvorlage
sind in letzter Zeit schon wiederholt Mitteilungen gemacht worden. Besonderes Gewicht wird aus die Selbsthilfe der Landwirtschaft durch Verbesserung der Produktionsmethoden und durch Vergrößerung der
über die prozentmäßige Verteilung des Deutschtums in der Well.
Danach leben auf der Erde rund 94,5 Millionen Deutsche, davon im Reiche jedoch mit 62,5, außerhalb Deutschlands dagegen 32 Millionen! Von den letzteren entfallen aus Oesterreich 6,3, auf die Tschechoslowakei 3,5, auf die Schweiz 2,80, auf Frankreich 1,7 auf Polen 1,35, auf Südslawien 0,7, auf Ungarn 0,6, auf Italien 0,3, auf Litauen 0,13, auf Lettland 0,075 und auf Amerika elf Millionen.
Gerade an dem Beispiel Amerika wird die tragische Bedrohung des Deutschtums im Auslande besonders klar. Von den elf Millionen Deutsch-Amerikanern wird schon die zweite oder dritte Generation völlig von Amerika absorbiert. Als geschloffene deutsche Minderheit im aktiv-kulturpolitiichen Sinne können auf die Dauer diese Millionen nicht betrachtet werden, auch wenn die Gedanken und Erinnerungen der Auswanderer natürlich mit der deutschen Heimat verbunden bleiben. Anders steht es mit den deutschen Minderheiten in Europa. Aber auch hier welch schuerer Kampf um die Bewahrung des Volkstums ui» wie verschieden der Lebens- und Kuliur- standard der Deutschen in den einzelnen Ländern! Die Fürsorge für das Dolksdrittel der Auslandsdeuticheu gehört zu den größten Aufgaben der deutschen Politik, das beweisen die Zahlen der Wiener Statistik aufs Neue.
Weizenanbaufläche im Vergleich zur Roggenanbaufläche gelegt. Dabei wird eine starke Mitwirkung der landwirtschaftlichen Genossenschaften ins Auge gefaßt. Aus diesem Grunde ist auch eine Erhöhung der Beiträge für die landwirtschaftlichen Genossenschaften in Aussicht genommen, und zwar je 5 Millionen vom Reich, der Zentralgenoffenschaftskasse und der Rentenbankkreditanstalt, so daß diese Beiträge von jetzt 75 Millionen auf 90 Millionen steigen würden.
Während also der erste Teil der Vorlage die sogenannten Selbsthilfsmaßnahmen umfassen wird, sind im zweiten Teil die Vorschläge über die Zollerhöhungen enthalten, wobei unter anderem eine Verlängerung der Ermächtigung zur selbständigen Festsetzung des Getreidezolles verlangt wird, int übrigen aber auch Ermächtigungen zur Festsetzung gleitender Zölle in der Siedelungswirtschast.
Diese Vorschläge des Ernährungsministers werden sicher vom Kabinett nur insoweit ins Auge gefaßt werden, als dadurch keine handelspolitischen Verwickelungen mit den Nachbarstaaten entstehen. In parlamentarischer Hinsicht hält man es für unerläßlich, daß die Deutschnationalen an der Behandlung dieser Vorlage wieder aktiv mitwir- ken, weil dabei wichtige landwirtschaftliche Interessen aus dem Spiel stehen.
Konferenzen bei Brüning
Der Reichskanzler hat zur Vorbereitung der heutigen Kabinettssitzung einige Vorbesprechungen abgehalten. So hatte er z. B. gestern eine lange Unterredung mit dem Vertreter der Deutschen Dolkspar- tei, dem Abgeordneten Dingeldey. In dieser Unterredung ist sowohl die Agrarvorlage behandelt worden, wie auch die parlamentarische Erledigung des Etats. Hierbei spielt der Reichswehretat eine besondere Rolle, weil man noch nicht mit Sicherheit weiß, ob die Sozialdemokraten diesem Etatkapitel unverändert zustimmen werden.
In den Besprechungen des Kanzlers hat ferner die für Preußen besonders wichtige Frage eine Rolle gespielt, in welchem Maße eine Verständi gung über den Evangelischen Kirchenvertrag in Preuße» herbeigeführt werden kann. Diese Vertragsverhandlungen stehen bekanntlich kurz vor dem Abschluß, aber z. Zt. sind noch erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen dem evangelischen Oberkirchenrat und der preußischen Staatsregierung vorhanden, sodaß eine Vermittlungsaktion, wie sie der Kanzler ins Auge gefaßt hat, wahrscheinlich sehr nützlich sein wird.
20000 Stahlkelmunterfchrifteri sind beisammen!
Berlin, 17. Februar.
Wie den Blättern von Stahlhelmsseite milgeteilt wird, hat die Zahl der Unterschriften für das Volksbegehren des Stahlhelms gestern bereits 20 000 weit überschritten. Die Sammlung der Unter- schriften dauert an. Im Lause des Dienstags wird die Unterichriftensammlung an den preußischen Innenminister weitergeleitet werden.
Gysiemwechsel in Spanien
Vor der Bildung des Kabinetts Sanchez Guerra / Oie mutmaßliche Ministerliste
Denkschrift gegen Denkschrift
Oer Kampf um Schieles Agrarhilfsmaßnahmen