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Kasseler Neueste Nachrichten

Montag. L Februar 1931

Mage, wenn es stch nicht nur um irgendwelche Ver­handlungen über politische, wirtschaftliche oder juri­stische Verträge und Abmachungen dreht, sondern wenn der Wechsel von maßgebenden Per­sönlichkeiten im diplomatischen Dienst in Betracht kommt. Man hat dabe« zunächst die Schwierigkeit zu überwinden, die in der Auswahl des geeigneten Diplomaten aus dem sehr großen Kreise der vorhan^x-nen Anwärter liegt. Der Andrang zum diplomatischen Dien st ist In Deutschland trotz der weit ungünstigeren Verufsverhältnisse der Nachkriegszeit immer noch sehr groß. Gegen­wärtig warten z. B. nicht weniger als 60 höhere Be­amte des Auswärtigen Amtes auf die für sie längst fällige Beförd rung und Versetzung auf einen gehobe­nen Posten. Da im Vorbereitungsdienst des Auswär­tigen Amtes eine sehr strenge Auswahl getroffen wird, bildet der umfangreiche Stab der deutschen Beruss- diplomaten vom jüngsten Attache bis zum vornehmsten Botschafter einschließlich aller Konsuln und Geheim­räte des Auswärtigen Amtcs eine in sich geschlossene Körperschaft, die inzwischen schon wieder viel von der Exklusivität der Vorkriegsdiplo- matte zurückgewonnen hat. Es ist durchaus keine Legende, wenn man davon spricht datz es auch für den jeweiligen Chef dieser wichtigen Behörde, also den Außenminister oftmals schwierig oder gar unmöglich ist, in allen Einzelheiten in die geheimnisvollen per­sönlichen Verflechtungen seines Amtes einzudringen, besonders, wenn er nicht innerhalb dieses Organis­mus aufgewachten, sondern vom Parlament her an die Sv'tze des Auswärtigen Amtes berufen worden ist. Es ist also für ihn nicht ganz leicht, sich gegen die im Amte vorliegenden Wünsche burch-uietzen, und daß die Parteien auch in diese Fragen hin in ureben ver­suchen, ist. ja auch kein Geheimnis. Ist aber die Aus­wahl getroffen, so mutz noch die Verständigung mit

der betreffenden ausländischen Regierung herbetge- sührt werden, und es ist mehr als begreiflich, wenn jeder Außenminister sich entschieden dagegen sträubt, daß in vielen Zeitungen ver eine oder andere An­wärter für eine ausländische Gesandtschaft noch vor der endgültigen Ernennung unter die kritisch^ Lupe genommen wird, woinit unter Umständen bei derjeni- gen Regierung, bei der er künftig unsere Inti reffen vertreten soll, nur unliebsame Verstimmungen her­vorgerufen werden.

Der Außenminister Dr. Eurtias beabsichtigt, in der nächsten oder übernächsten Woche im Plenum des Reichstages Mitteilungen über das gegenwärtig in Vorbereitung benndliche sogekiaitnte diplomatische Re- o tement zu machen. Die G.sandischatten in War­schau. Lissabon, Brüssel. Peking und Luxemburg vielleicht auch in Wien und Bu­karest sollen neu besetzt werden. Mehrere wichtige Generalkonsulate darunter Network und Kattowitz. sind ebenfalls verwaist. Einige Posten im Auswärti­gen Amt, sowie me'rere wichtige Botschaftsräte war­ten auf neue Ernennungen. In der Preffe fft In letzter Zeit schon eine ganze Reihe von Nämen für diele Posten genannt worden, von denen sich eine Anzahl sicher bestätigen werden. Gerade bei solchen (Ernen­nungen ist aber häufig genug noch in letzter Stunde eine Aenderung der ursprünglichen Pläne eingetreten, die sich aus den oben erwähnten vielfältigen Rücksich­ten erklärt, ganz abgesehen davon, daß der Reichspräsi­dent das alleinige Recht der Ernennung besitzt, wel­ches er zwar naturgemäß im Einvernehmen mit dem Außenminister, aber in manchen Fällen doch völlig nach eigener Entschließung ausübt Man wird aFo 'n der Osffentl'ckckeit gut daran tun, in allen sachlich en und personellen Fragen, tste mit der Diplomatie zu- sammonbönven Geduld zu üben die dem

inneren Wesen dieser Dinge nun einmal entspricht.

Kampf der Arbeitslosigkeit!

plüfung der gkundsählichen Fragen ein Erste Sitzung am 5. Februar

Oie Reichsregierung seht einen Ausschuß zur

Berlin, 2. Februar.

Der große Umfang, den die Arbeitslosigkeit in der Welt und besonders in Deutschland angenommen hat. hat bewirkt, daß ständig aus allen Kreisen der Be- völlerung Vorschläge zur Lösung der mit der Arbeits­losigkeit zusammenhängenden Fragen gemacht werden. Die Reichsregierung hat eine Kommission be­rufen, die die gnindlegenden Fragen zur Be­kämpfung der Arbeitslosigkeit und ihrer Folgen be­handeln und der Reichsregierung ein Gutachten da­rüber erstatten soll.

Die Kommission bestehl aus solgenden Persönlich­keiten: 1. Dr. Heinrich Brauns, Reichsminister a. D., 3. Dr. Bernhard Dornburg, Reichsminister a. D 3. Dr Hermann Dersch Direktor im Reichsversicherungs­amt Prof, an der Univerftlät Berlin, 4. Dr. Wilhelm Engler. Präsident des Landesarbeitsamts Hessen, 5. Hans Frick. Ministerialdirektor a. D.. 6. Dr. Eduard Heimann. Professor an der Universität Hamburg, 7. Frau Antonie Hopmann, 8. Dr. Wilhelm Poll'gkeit. Prof an der Universität Frankfurt a. M., 9. Dr. Adolf Tortilowicz von Batocki-Frieb«. Oberprässdent a. D IQ. Dr. Friedrich Zahn, Präsident des Bayerischen Statistischen LandesamiS. DEN Bürst«, Dr. Brauns führen, s

Die Kourmission wird erstmalig am K Februar 1931 zusamm-entreten. Ter Kommission gehören dies­mal im Gegensatz zu der mit ähnlichen Aufgaben be­faß en Kommission von 1939 Vertreter wirtschaftlicher Organisationen und öffentlicher Körperschaften nicht an Selbstverständlich wird die Kommission aber Ver­treter der genann'-n Kreise und andere Sachverstän­dige in weitestem Umfang gutachtlich hören.

Genf und die

europäische Schicksalsfrage

Genf. 2. Februar.

Der Verwaltungsrat des Rn ter nationalen Arbeitsamts hat die Beratungen über dm Ar­beitslosigkeit abgeschlossen. Der Bericht des Sonder- komiteeS mit den Leitsätzen wurde angenommen und beschlossen, die Frage nochmals aus die Tages­ordnung der Aprilsitzung des Verwaltungsrates zu setzen.

Der polnische Regierungsvertreter Sokal brachte den Antrag ein, die Frage der Arbeitslostgteit vor die nächste Konferenz des StudienkomiteeS für die föde­rative Gestaltung Europas zu bringen. Diesem Vor­schlag stimmte der VerwaltungSrat einstimmig zu mit der Maßgabe, daß der Direk or des Arbeitsamtes auf der Berwaltungsratstaguna im April darüber berich­ten soll, w-lche vraktischen Vorschläge der Europakom- miffion unterbauet werden sollen.

Der polnische Vorschlag wurde in der Aussprache insbesondere von dem deutschen Arbeitgeberpertreter Bogel unterstützt, der an den VerwaltungSrat einen dringenden Appell rid) etc, zu baldigen und prak­tischen Ergebnissen hinsichtlich der Bekämpfung der Arbeitslostgteit zu kommen.

*

In den Leitsätzen werden folgende Vorschläge zur BetämPfuna der Arbeitslosigkeit gemacht: 1. Notwendigkeit einer Organisation des Ar- beitsmarktes durch öffentliche Stellenvermittlungs­ämter, die zur Aufstellung systematischer Arbeitsbe­schaffungsprogramme Zusammenarbeiten müßten und zur Anpassung entlassener Arbeiter an die modernen technischen E>jordernisse der Produktion.

2. Notwendigkeit des Ausbaues der systematischen Arbeitslosenversicherung.

3. Ausführung großer öffentlicher Arbeiten von voltswirtschas lichem Interesse und Zusammenarbeit der Regierungen mit den Organen des Völkerbundes behufs gemetnsamer öffentlicher Arbeiten internatio­naler Art.

4. Internationale Zusammenarbeit für zwischen­staatliche Stellenvermittlung.

5. Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Staaten.

In der Frage der Arbeitszeit und der Löhne verlangen die Arbeitervertrerer eine wohlerwogene Arbeitszeitverkürzung unter Berücksichtigung der durch die Verbeßerung der Methoden erzielten Pro­duktionssteigerung. Demgegenüber verlangen die Un­ternehmer Herabsetzung der Produktionskosten, um durch Erhöhung der Kaufkraft die Gesamtheit des Ab­satzes zu steigern.

Die O. V. p. im politischen Kampf

Lezirksparteitag ver Deutschen Volkspartei KurheffenS in Kassel

Kassel, 2. Februar.

Die Deutsch «Volkspartei hielt am Sonntag 'n Kassel ihren Bezirksparteitag ab, der am Sonnabend abend mit einer öffentlichen Kundgebung im Evangel scheu Vereinshaus eingeleitet wurde.

Oberftud.endirek-or Dr. Becker wandte sich in seiner Begrüßungsrede in scharfen Worten gegen Dr. Frick, der kürzlich in seiner Kasseler Rede die bür­gerlichen Parteienprofessionelle Landesverräter" undorganiUerte Untermengen genannt hat.e Dr. Becker erklärte demgegenüber, datz die Deutsche Volks­partei gern den Vorwurf des Landesverrates auf sch nehme, wenn die verantwortliche Mitarbeit, die sie stets geleistet habe, alsLandesverrat" bezeichnet werde. Der Re'chspräs deut selbst habe anerkannt, daß sich die Deutsche Volkspartei stets als einer der ver­trauenswürdigsten Mitarbeiter bewährt habe. Weiter wandte sich der Redner entschieden gegen die abfälligen Bemerkungen, die Dr. Frick über den Senior der Volkspartei, den Abg. Kahl, gemacht 'atte. Mit beien Bemerkungen habe sich der nationalsozialistische Füh­rer selbst gerichtet.

Das Hauptreferat des Abends hielt dann Lanbt<ws- abgeorbneter Schwarzhaupt (Frankfurt a. M). Als Thema hatte sich ber Redner die wichtige Frage

Der Kampf um den christlichen und nationalen Staat In Preußen"

gewählt. Abg. Schwarzhaupt ging dabei zunächst auf die schweren Sorgen unserer Tage ein. Trotzdem dürf­ten aber die seelischen Probleme auch heute nicht ver­gessen werden. Der Staat müsse wieder in eine feste Bindung mit ber Religion gebracht werden: nur ein Staat, bei von christlichem Geist unb nat-onalem Wil­len erfüllt sei, werbe ber Iugenb in ben Wirren unse­rer Tage eine zuverlässige Stütze sein. Diesen chr'stlich- nationalen Geist gelte es vor allem auch wieder in ber Schulpolitik zur Geltung zu bringen, bie heute manche gefährlichen Tenbenzen erkennen lasse. So sehr man bie Erhaltun-» bes konfessionellen Friedens auch wünschen müsse, unbedingt no wendig se°, daß die For­derungen der evangelischen Kirche vom Staate gebüh- renb berücksichtigt würden. Der Redner ging hierbei näher auf die Fragen des Kirchenvertrages ein und bedauerte, daß es immer noch nicht gelungen fei, die Kräfte ber evangelischen Kirch- zu «'nem einheit­lichen Ge^amtw'llen zusamm^nzckschließen.

Der Rebner wandte sich bann ben außen- unb

innerpolitischen Forderungen zu. Di« Ausführungen, die er zu diesem Fragenkomplex am Sonnaoend macht«, wurden in wejentlichen Punkten durch das Referat, das Abg. Schwarzyaupt am Sonn­tag nachmittag auf dem Bezirksparieitage h-ielt, er­gänzt. Zur Außenpolitik erklärte ber Redner, baß es wohl notwenb'g sei, bie Voraussetzungen für eine stär­kere Akk-vität zu schaffen unb daß insbesondere bie Wege, bie uns zu einer freieren Mehrpolitik unb zur Bese tigung ber Schwierigkeiten in ber Anschluß, uno Kolonialfrage führten, freigemacht werben müßten. Wer aber stänbig vomFaustschlag auf ben Tisch" spräche, möge nicht vergessen, daß ein solches Auf-den-Tisch schlagen nur bann einen Sinn habe, wenn man über bie nötigen Macht­mittel verfüge. Die zwanzig Armeekorps, bie solche Mach.Politik rechtfertigen würben, fehlten uns nun aber einmal. Daher müsse man auch bie Taktik, bie Dr. Eurtius in Genf angewanbt habe, in jeher Weife billigen.

Der 14. September sei eine Nieberlag« bes gesamten Bürgertums gewesen. Die wich­tigste Aufgabe ber nächsten Zukunft sei nun, bem Bür­gertum wieder einen festen seelischen und materiellen Halt zu geben, unb zu dieser Aufgabe sei in erster Linie d e Deutsche Volkspartei berufen. Abg. Schwarz- baupt betätigte sich des weiteren mit dem bekannten Sparantrag ber Volkspartei: er wies habet ins­besondere den Vorwurf zurück, daß dieser Ertrag nicht bie Wege angebe, wie im einzelnen bie 300 Millionen Mark eingespart werben könnten. Der Plan sei bis ins Kleinste burch^earbeitek, und der Reichsfinanzminister werbe sich ber Notwendigkeit, diese Vorschläge g'nau burchzuprüfen, n'cht entziehen können. Der Rebner schloß mit bem Appell, sich nicht burch bas Eerebe von ber Diktatur, bie bem Bürgertum nur bitterste Ent­täuschungen bringen werbe, verführen ai lassen son­dern allen diesen Bestrebungen ben geschloffenen Willen bes Bürgertums zu ruhiger unb sachlicher Aufbau­arbeit entgegenzustellen.

Der Vezirksvarteitag beschäftigte sich sehr gründlich m't d-n Ausführungen des Referenten und stimmte den vom Abg. Schwarzhauvt oorgeira-enen Ansichten zu. Die Vorstandswahl ergab Wiederwahl der bis­herigen Vorstandsmitglieder, so daß BibLotheksbirS- tor Dr. Hopf als erster und Oberstudiendirek'or Dr. Recker als -weiter Vorsitzender a"ch weiterh'n die Ge'ch'cks der kurheffischen Deutschen Volkspartei leiten werben.

Für je 1200 perforier, ein Arzt!

Der Wohlfahrtshaushalt vor dem Landtag.

Berlin, 2. Februar.

Der Preußische Landtag setzte am Sonn­abend die allgemeine Aussprache zum Wohlfahrts- Haushalt fort. Mohlfahrtsminister Dr. Hirtstefer stellte fest, daß erfreulicherweise der Geburten­überschuß 1930 eine geringe Zunahme zeige. An Krebs, der neuen Volksseuche, seien in der letzten Zeit jährlich 10 000 Menschen mehr als an Tuberkulose ge­storben. Ernstlich werbe man überlegen müssen, wie ber Anbrang zum medizinischen Studium eingedämmt werden könne, denn in Preußen, wo 1912 auf 2000 Einwohner ein Arzt kam. sei bereits jetzt r j e 1200 Personen ein Arzt vorhanden. Die vor­beugende Betreuung von K udern und Jugendlichen hatte schon in der Debatte unter Hinweis auf bie Fol­gen bet Verwahrlosung ber Zu-"mblichen, wie sie sich jetzt im Prozeß gegen Lieschen Reumann zeigen, eine Rolle gespielt. Der Minister hat Sachverstänbige zu­sammenberufen, bie geeignete Maßnahmmen füy kör­perlich unb sittlich gefährdete Kinder ausarbeiteten. Die Aussichten des Wohnungsneubaues für 1931 seien leider außerordentlich ungünstig.

Oer,/Völkische Beobachter" verboten!

vis 7. Februar.

München, 2. Februar.

Das Erscheinen desVölkischen Beobachters", bes Organ» ber NationalsMalistischen Deutschen Arbeiter­partei, würbe durch Beschluß bet Polizeibirektion München vom 3L Januar bis 7. Februar 1931 ein­

schließlich verboten. Anlaß zu bem Verbot gab bet in Rt. 30 vom 30 Januar unter ber lieberfärift . Musso­lini unb Schubert" erschienene Artikel, besten Ausfüh­rungen gegen 8 5 Ziffer 1 bes Gesetzes zum Schutz- bet Republik verstoßen haben.

Die polnischen Flieger vor Gericht

Zwei Wochen Gefängnis für Wolf. Zmiela freigesprocheu.

Oppeln, 2. Februar.

Am Sonnabend sand hier unter Vorsitz des Lanb- gerichtsdirektors Christian der Prozeß gegen dis polnischen Flieget Wolf undJmiela statt, bie bekanntlich am Tage bes Reichskanzler» besuches bei Oppeln gelanbet waren.

Das Gericht kam schließlich zu folgendem Urteil: Der Angeklagte Zmiela wird auf Kesten der Staats­kasse freigesprochen. Der Angeklagte Wolf wird wegen Paßvergehens zu zwei Wochen Ge« f ä n g n i s verurteilt. Die Strafe wird durch He er­littene Untersuchungshaft als verbüßt erachtet.

Zn der Urteilsbegründung betonte bet Vorsitzende, daß das Gericht nur zu prüfen hatte, ob eine strafbare Handlung vorliege, ober nicht, ohne Rücksicht auf irgendwelche politischen Momente. Es fei zweifelsfrei fes gestellt, daß Wolf als FSHrerpilst fahr!affig die deutsche Grenze überflogen Prbe. Er hätte bereits notlcmden wüsten als er bei Scala, 30 Kilometer nördlich von Krakau, bemerkte, daß et sich verflogen hatte. Als strafverschärfend fei berück­st cltigt worben, daß die zahlreichen Grenzverletzungen durch polnische Flieger in ber letzten Zeit eine Ver­schlechterung der deutsch-poluischen Beziehungen zur Folge gehabt hätten.

Der Geburtstag der Infautiu"

Matinee bet Tanzschule Hilbegart Dunkel.

Km überfüllten Stadtpatksaal wurde Sonntag morgen ein ^.anzwrrk von Hlldegart Dunkel Ter GeburtLMg der Infantin', nach Bet MusU von Kran- Schicker, ausgesührt.

Zuvor zeigten Meisterschülerinnen formale Tanz- itubten. Die Platze ber inzwischen z. T. selbstanblg geworbenen Schülerinnen Ursel Bliesener, Ursel Vogt, Trübe Fackenheim u. a. Haden jetzt Erika Schmibt- mann und Carola Dittel eingenommen, zwei begabte, körperlich schön gebildete Tänzerinnen, von denen die erste mehr dem Ausdruck ernster Gefühle, schwerer Rhythmen zuneigt, während bie anbere, oon starker Vitalität erfüllt, mehr rn sprunghaft reichen Improvisationen ihre volle Kraft einsetzeu kaum Von ben Stubien bet Tanzgruppe sei betgeschlagene Rhythmus" wegen seiner originellen Verwendung des Tamburins und als bestes dasKampfspiel ge­nannt, das in seinem farbigen unb bewegten Wider- jptel tänzerische Spannungen von hohem Formenreich­tum freimachte. * * *

Mit bet pantomimischen Sßiebergab» ber Schreker- schen Orchestersuite nach Oscar Wilbcs herrlichem MärchenDer Geburtstag bet Infantin" hat sich H,l- begatt Dunkel eine hohe Aufgabe gestellt, zu beten restloser Erfüllung ihr bie geeigneten Tanzkrafte fehlten. In ber 3bee wirb sie bem Sinn unb Wert bes Märchens zweifellos gerechter als Schreker, bet in seiner Bühnenfassung bet Suite zugunsten ber Einheit bes Ortes unb einer pausenlosen Ausführung ben Zn. halt bes Märchens stark abänberte, am stärksten in den Zwerg-Szenen. Hilbegart Dunkel teilte bie Suite in sechs «zcnen, zu beten Erklärung sie ben jeweili­gen Teil bes Märchens selbst vottrug. Würbe so bet Sinn ber TanzhNber zwar klarer, zumal für bie iu- genblichen Zuhörer, so verlor bie Musik. wesentlich durch ihre Zerstückelung. Außerbem entstaub eine bedenkliche Divergenz zwischen bem komplizierten bzw. differenzierten Charakter ber Musik unb ber ganz un­komplizierten, ben Sinn bes Märchens unb ferner Vertonung nut oberflächlich streifenden Darstellung durch bie Kinber ber Tanzschule. Hilbegart Dunkel wirb in Zukunft zweifellos oester tun. einem Tanz- Werf für Kinder ganz schlichte eindeutige Musik zu unterl gen unb auch ben Inhalt ber Tanzfolge auf einen kindlichen, nicht psychologisch beschwerten Ton zu lenen.

Daß bet musikalische Teil burch bie notwendig kleine Besetzung zu tun tarn, wird jedem klar, bet weih, bah Schreker biete Mtsiik auf bisfetenzterteste

Klangfarbenmischung eingestellt hat (Harfen, Celesta, Gitarren Glockenspiel ufw. übernehmen tue Rolle kolo­ristischer Reizmittel). Doch fiel bieser Mangel bei bet mehr optischen Einstellung bes Publikums nicht sehr ins Gewicht. Hans Mainzer unb seine Kapelle ent» lebiqte sich jebenfalls feiner Aufgabe mit ben vorhan­denen Mitteln ausgezeichnet.

Das Publikum anerkannt« bas schone Bemühen Hilbegart Dunkels, bie szenisch unb kostümlich reich be­wegte Aufführung burch bie Tanzgruppe unb 100 Schülerinnen ber Dunkel-Schule durch sehr herzlichen Beifall. <5. M. Vonau.

Ein KlavierauSzua des Schrekerschen Tanzfpiels erfchien in der Univerial-EBitton. Wien.

Sektion Rahnfietten"

Ei« -politisches" Schauspiel von Curt Corrinth.

Ich nenne Cortinths Schauspiel deshalb nur be­dingt .politisch", weil die Fememordpläne, das Mi­lieu einer geheimen politischen Organisation nur den Rahmen ab neben, für eine Tragödie bet Freunfchast zwischen einem alleren unb einem jüngeren Mitglied der -Sektion Rahnstetten". Der Jüngere Will sich dem Einfluß des Aelteren entziehen fühlt sich seihst, stündig, meldet sich freiwillig für die Ausführung eines Fcmemcrvplans, für die Ermordung des Mi­nisters. Als der Mörder dem Opfer gegenilberfteht, versagt er, läßt sich sogar überzeugen, daß der Geg­ner kein Vaterlandsverräter. sondern ein Mensch von cbernfo reinem Wollen ist wie die Jugend, die ihn verurteilt. Nach dem Gesetz der Organisation ist des Jüngeren Leben verfallen. Sein älterer Freund meldet sich selbst zur Vollstreckung des Urteils, ver­hilft dem .kleinen Kameraden" zur Flucht und op'err sich, tötet sich für den Freund. Rahnstätten, ver Füo- tet des Geheimbundes, findet den Toten und zieh! mit thsatral.stber, nickt psyck'-logischer Konsequenz den Sch': .Wen-n solche sterben... Genug der Toten!"

Der starke PublUumserfolg des Stückes spricht für feinen spanimngSgeladenen szenischen Aufbau, für bie geschickte Verteilung von Licht unb Schatten, di« so gte'Kf-mäßig ist, daß daS Stück ebenso in rechis- Wie In linksrabikalen Kreisen spielen könnte. Cok-

vinJh selbst, bet sich vom expressionistischen Stammler unb wilden Wann (.Potsdamer Platz", zu emem lahmen Stucke «hreiber herabe» wickelt hat, bekennt daß sein Spiel nicht von Pcli.U sondern von Gerech­tigkeit. Güte unb Treue handle. Nun, er erweist biefe drei schönen menschlichen Tugenden an einem ebenso romantisierenden Einzelfall, wie in fe rnem Schüler- stück -Trojaner", dessen Beurteilung als eines mH verdienen Phrasen arbeitenden Spiels wörtlich auch auf dieSektion Rahnstetten" tu trifft. Daß die Zweifellos gute Gesinnung CctrinÄhs sich mit so ge­ringem geistigem Aufwand, mit so literateahaster Oberflächlichkeit in ine Tat mnsetzt, spricht doppelt geg»n bin itf-er d-nr T"g hinaus.

Der laute Kasseler Erfolg des Stückes ist wesent­

lich bestimmt burch bie Leistung bes berliner Gastes, Lo.har Körner, eines routinierten Schauspielers und ausbruckevollen Sprechers, der sich seiner Wirkung stets bewußt ist, ohne indessen im geeigneten Moment das Gefühl vermissen zu lassen. Der suggestive, zuweilen von eck em Schillerschem Parhos erfüll« Ton Kötners beherrscht bie ganze Sektion, so baß die zum Teil seht schwache Darstellung bet Klubmit- fliehet nicht allzu negativ fühlbar wird. Franz Kopuste und Edgard Hellwaldt geben das Freun­de epaar überzeugend, Hellwaldt bleibt um einige Grade zu matt und unbestimmt. Hans von Zedlitz fipielt den Ministet takivoll und teilt sich mit Kör­net und dem Regisseur Hans von Wld in ben Hauptbeifall. GMV-

Oer Eisenbahnschläfer

Bon Hans Natonek.

Es ist halb zwölf Mr. Der Nachtschnellzug tat­tert .durch die schwarze Einsamkeit.

Die Insassen des Abteils haben sich nach hattnacki« gen Versuchen: Kopf in der Ecke, Kinn auf der Brust, Kopf auf den Knien, Kopf in dem Mantel, Kaps auf dem Rücken, nämlich dem des Nachbarn ein Zipfelchen Schlaf ergattert. Wach sind nur noch ein Ehepaar, das erst in ber letzten Station eingestie­gen ist, unb ich.

Schlaf nur, «nein Kind," sagt der Ehemann,bu weißt, daß ich ja boch nicht schlafe. Lehn dich an mich, mach dir's so bequem wie möglich, so ich wache."

Seine Stimme, sein Gesicht ist ganz Sorgfalt unb Märtyrer der Gute.

Kaum hat et das gesagt, räkelt er sich hin unb her, wie unter bet heimischen Daunendecke, prustet drei-, viermal in feie Lust, der Mürtyrerausdruck weicht der verklarten Miene eines sauen Säuglings und er schläft.

Die ganze Last seines schlafenden Lebendgewichtes ruht auf der zarten Frau. Die regt stch nicht und sitzt aufrecht da. Sie ist sein Kisftn, seine Stütze, seine Kinderfrau. Sie fängt seinen massigen Schädel auf, wenn et bei einer Kurve vor- oder seitwärts zu fallen droht, sie paßt sich jedem Wechsel der Lage an, den er immer wieder vornimmt, sie ist die gciduldigste Ruhestatt der Welt.

Er ist ein ganz routinierter, raffinierter Eisen- bahnschläfer. Mit Behagen nimmt er alle Situatio­nen durch, Kopf an ihrer Brust. Kops in ihren Man­che! gewickelt, Kops in ihren Armen, alles, ohne wach zu werden. Im Schlaf murmelt er nur:Schläfst du auch. Kindchen? Schlafe nur, lehn dich au mich, ich wache <-«**

Rur toit zwei sind wach. Um uns atmet der Schlaf. Der Schnellzug stamipft durch die Nacht. Ich suche ihre Augen. Sie sehen niemand als ihr großes Baby. Der Kerl ist mir unausstehlich. Wenn ich du wäre (denke ich), würde ich ihm einen Seitenknuff versetzen, daß er wach wird. Nein, laß ihn lieber schlafen, und unterhalten wir uns ein Wenig mittels ber Äugensprache. System Marconi. Liebst bu die­sen Mann? Er ist schrecklich. Wie kannst du ihn nur lieb haben? Wie er sich brutal an Sich lehnt Er zerknittert dich ganz. Unb bu hälft still. Wa­rum antwortest du nicht? Du wenSeft deinen Kopf ah, wie süß du errötest.

Habe ich zuviel gefragt? Schämt sie sich, datz hier ein Stück ihrer Ehe den Blicken eines Fremden hlotz- gelegt wird? Verzeihung. Ich schließe die Augen unö stelle mich schlafend. Sie soll nicht glauben, daß mir diese unerklärliche Unterwürfigkeit ausgefallen ist.--

Der Morgen hämmert. Einer nach dem anderen wird wach. Die Gesichter sind grau, schlafverctuollen unb ganz komisch verzerrt. Es ist seltsam, frcmbe Menschen austvachen zu sehen. Zuletzt öffnet ver Gaue bie Augen, fein Kops ist ganz rosig von ge­sundem Schlaf.

Kein Aüge hab' ich zugemacht," knurrt et, und sein Gesicht ümwölkt sich toicOer mättyrerhaft. --Aber du haft gut geschlafen na ja, ich hab' dich auch ge­spürt, dabei reiht er sich die Schuller, als Hütte sich seine Frau die ganze Nacht an ibn gelehnt.

Das wird mit zuviel. In mir kocht es. FH er­warte, datz die kleine Frau der chrannischen Willkür enigegentritt und den wahren Tatbestand sestftellt Bi'te, ich erwarte «s sofort, sonst werde ich es selbst tun!

Ta sagt bie kleine Frau fahrt unb einfach:Ich habe dorziiglich geschlafen, dank deiner liebeu Obhm."

Enrwafsuei schlage ich bie Augen nieder.