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Kasseler Neueste Nachrichten

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Hummer 22*

Dienstag, 27. Januar 1931

21. Jahrgang

Tardieu-Kabineit unter Laval

Oie französische Regierung gebildet / Eurtius berichtet heute dem Kabinett über Genf / Begeisterte Kundgebungen für Gandhi

Radikale Linke in Opposition

Eigener Drahtbertcht.

Paris, 27. Januar.

Um 1,30 Uhr nachts französischer Zeit teilte Laval den Pressevertretern mit, daß das Kabinette- bildet sei. Die offizielle Kabinettsliste enthält fol- «ende Namen:

Ministerpräsident und Inneres: Laval. Senator, parteilos;

Justizminister: Leon Beerard, Senator, Repu- blikanische Union, Poincare-Gruppe;

Außenminister: Briand, Sozialrepublikaner;

Kriegsminister: M a g i u o t, Abgeordneter, Demo­kratisch soziale Aktion:

Marineminister: Dumont, Senator, Radikale Fraktion;

Luftfahrtminister: Dumesnil, Abgeordneter, ehemals radikale Partei:

Unicrrichtsminister: Mario Roustan, Senator, Radikal;

Finanzminister: Fl and in. Abgeordneter, Links­republikaner;

Budgetminister: Pie tri. Abgeordneter, Links­republikaner;

Oeffentliche Arbeiten: Deligne, Abgeordneter, Radikale Linke;

Arbeitsminister: Landry, Abgeordneter, Radi­kale Linke;

Handelsminister: Rollin, Abgeordneter, Links­republikaner;

Ackerbauminister: T a r d i e n, Abgeordneter, Links­republikaner;

Minister für Handelsmarine: de Chappede- kaine, Abgeordneter, Radikale Linke;

Pensionsminister: Champetier de Ribes, Abgeordneter. Katholischer Demokrat;

Postminifter: Guernier, Abgeordneter, Radikale Linke;

Kolonialminister: Paul Rehnaud. Abgeord­neter, Demokratisch-soziale Aktion.

*

Paris, 27. Januar.

Die Radikalsozialisten haben die Mitar­beit an der neuen Regierung abgelehnt und er­klärt, nicht in ein Kabinett eintreten zu wollen, in dem die Gruppe Marin vertreten ist.

Das neue Kabinett stützt sich also auf die g l e i ch e Mehrheit wie die Tardieusche Regie­

rung, es ist also eine Art Tardieu-Kabinett unter Laval. Im Senat freilich wird die Regierung durch die Beteiligung des Unterrichtsministers und des Ma­rineministers, die beide der demokratischen Linken, d. h. der Radikal-Sozialisten des Senats angehören, gefestigter als die alte Tardieusche Regierung sein. Die Haltung, die die Opposition einnehmen wird, dürfte jedoch, soweit sie die Kammer betrifft, keine Aenderung erfahren. Selbst von einer wohl­wollenden Neutralität der radikalen Linken kann keine Rede sein. Die ,Ere Nouvelle«, das Organ Herriots, bringt dies unzweideutig zum Ausdruck, indem es erklärt, daß die Haltung der Partei die gleiche sein werde wie gegen die Regierung Tardieus.

Die Vorstellung des neuen Kabinetts vor der Kammer dürfte bereits am Donnerstag erfolgen.

»Lang lebe Gandhi!"

Festlicher Empfang des Führers der indischen Unobhängigkeitsbewegung.

Bombay, 27. Januar.

Gandhi wunde aus der Fahrt von Puna nach Bombay auf den Bahnhöfen, vie sein Eisenbahnzug berührte, von Anhängern begrüßt, die ihm nach indi­scher Sitte die gefalteten Hände entgegenstreckten. Auf dem Viktoriabahuhof in B o m b a y, wo der Zug mit beträchtlicher Verspätung eintraf, hatte sich eine ungeheure Volksmenge eingefunden, die den Ge­feierten bei seinem Erscheinen mit dem RufLang lebe Gandhi!" empfing. Mit Mühe erreichte Gandhi und Frau Naidu das wartende Automobil. Schnell hatte sich ein F e st z u g gebildet, der sich im Schnek- kentempo nach dem modernen indischen Viertel der Stadt begab. Alle paar Minuten machte das Auto­mobil halt, um der Menge Gelegenheit zu geben, den Mahatma mit Blumengewinden zu schmücken.

Während seines Aufenthaltes in Bombay wird Gandhi im Hause eines indischen Kaufmannes woh­nen, doch verlautet, daß er und andere ebenfalls ge­stern freigelassene Mitglieder des Arbeitsausschusses des. Natiönalkongresses ohne Säumen nach Alla­habad reisen werden, wo der alte Nationalisten­führer Pandit Motilal Nehru schwer krank darnieder- liegt.

Lurtius' Bericht über Genf

(Von unserer Berliner Schriftleitung.)

th. Berlin, 27. Januar.

iAllhdem die deutsche Delegation mit dem Außenminister Dr. Curtius an der Spitze gestern nach­mittag nach Berlin znrückgekehrt ist, wird der Außenminister im Lause des heutigen Tages dem Reichspräsidenten von Hindenburg und dem Ka­binett Bericht erstatten. Dann werde» allerdings die außenpolitischen Fragen wohl bis zur nächsten Woche zurückgestellt werden, da im Plenum des Reichs­tags und im Auswärtigen Ausschuß Gelegenheit zur weiteren Aussprache sein wird.

Das gesamte Urteil der deutschen öffentlichen Meinung lautet, von einigen kritischen und skeptischen Stimmen der Rechten abgesehen^ für Dr. Curtius durchweg günstig. Besonders bemerkenswert ist es, daß auch die Vereinigten Verbände hei­mattreuer Oberschlesier dem Außenminister Dr. Curtius telegraphisch ihren Dank fürseine ent­schiedene, gradlinige und unbeugsame Vertretung der deutschen Minderheiten-Jnteressen in Genf" ausge­sprochen haben. Auch in den deutschen Kreisen Polens hat man das Ergebnis der Genfer Ver­handlungen über die deutschen Beschwerden gegen Po­len mit einer gewissen Genugtuung ausge­nommen. Den besonderen Erfolg dieser Aussprache erblickt man, wie derDeutschen Tageszeitung" aus Posen berichtet wird, darin, daß man in Genf endlich einmal dazu übergegangen ist, die Frage der Minderheiten mit dem gebotenen Ern st zu behandeln. Allerdings muß man abwarten, ob die polnische Regierung aus dem Ergebnis der Berhandlungen auch die nötigen Konsequenzen ziehen wird.

Inzwischen stehen in Berlin nach wie vor die

innerpolitischen Fragen im Vordergrund. Gestern hat eine lang andauernde sogenannte

Chefbesprechung über Ostfragen

stattgefunden, die der Vorbereitung der vom Kabinett beabsichtigten Verabschiedung des Osthilfe- g e s e tz e s diente. Es handelt sich dabei vor allem um den Versuch, die bestehenden Meinungsver­schiedenheiten zwischen dem Leiter der Oststelle in Königsberg, Ministerialrat M u s s e h l, und dem Eenerallandschastsdirektor in Ostpreußen, Hippel, zu beseitigen.

Das Kabinett wird heute oder morgen den Ent­wurf der Osthilfe verabschieden, jedoch find vorher noch einige Fragen zu klären. So vor allem die Frage, inwieweit und in welchen Teilabschnitten die sogenannte Industrie-Belastung mit etwa 600 Millio­nen Mark für die Osthilfe nutzbar gemacht wird. Fer­ner ist auch die Frage der erforderlichen Ausdeh­nung der Osthilfe noch nicht endgültig bestimmt, d. h. es steht noch nicht absolut fest, ob Pommern, Mecklenburg, Brandenburg und Niederschlesien einbe­zogen werden.

Mehrheit für den Stat?

Neben diesen Beratungen über die Ostfragen setzen Kanzler uno Finanzminister die Besprechungen mit den Vertretern der Fraktionen fort, um die- Frage zu klären, ob es möglich ist. eine Mehrheit für den Etat zusammenzubringen. Gestern fand eine Besprechung mit den Vertretern der Sozialde­mokraten statt, wobei insbesondere der Antrag der Sozialdemokraten besprochen wurde, die Kür­zung der Bcamiengehälter nicht einheitlich, sondern gestaffelt vorzunehmen. (Siehe auch Seite 21).

Weitere Besprechungen zwischen Vertretern der Regierung und der Parteien erstrecken sich auf die Reform der Gsschäf sordnnng des Reichstags, insbesondere ans das Problem, baß das Recht des

Parlaments zur Auspvbonerhöhung in dem Sinne eingeschränkt werden kann, daß solche AuSgäben- erhKhungen nur dann beschlossen werden dürfen, wenn gleichzeitig für vollständige Deckung genaue Einzelvovschläge gemacht werden.

In der Frage der Zusamtnenarbeit der Parteien macht sich neuerdings eine engere Fühlunznahme der bürgerlichen Mittelparteien bemerk­bar, die vor allem darauf zurückzuführen ist, daß die bisher unternommenen Versuche, die Opposition, nämlich die Nationalsozialisten, zur Verantwortlichen Mitarbeit heranzuziehen, offensichtlich fehl- geschlagen sind und keine Aussicht auf Erfolg haben. Aus Grund dieser Erfahrungen beginnen die bür­gerlichen Mittelparteien unter einander engere Füh­lung zu suchen. Der Führer des preußischen Zen­trums, der Abgeordnete Heß, hielt gestern in Dortz- mund einv Rede vor dem westfälischen Zentrum, wo er unter anderem erklärte, daß das Zentrum niemals in irgend einer Form mit extremen Parteien Zusam­menarbeiten werde und daß ein Zusammen­gehen mit den Nationalsozialisten Überhaupt nicht in Frage komme. Für das Zentrum sei nur eine Politik des mittleren Weg/.'s geeignet und zwar aus weite Sicht. Als die beste Grundlage hierfür habe auch jetzt noch die große Koalition zu gelten und die Partei sehe im Reichstag und im Landtag ihre Ausgabe darin, diese Idee lebendig zu erhalten. Andererseits ist, wie die Rede Dingeldeys in Bad Neuheim erkennen liefe, auch bei der Deutschen Volkspartei eine Wendung zu enger Zusckm- menarbeit mit dem Zentrum zu bemerken. Ob sich im Reichstag aus dieser Bewegung wieder eine festere Basis heranskri'stallisieren wird, aus der sich eine Mehrheitsbildung vollziehen könnte. ist aller­dings eine Frage, deren Beantwortung noch in wei­tem Felde liegt.

Blutige Ausschreitungen in Geesthacht

Zwei Tote, zahlreiche Verletzte,

Hamburg, 27. Januar I

Der Polizeibericht meldet: In Geesthacht sollte gestern abend in dem Lokal von Petersen eine nationalsozialistische Versammlung abgehalten wer« den. Es hatten sich etwa 200 Personen eingefunden. Gegen 20 Uhr erhielt die Bergedorfer Polizei eine Mitteilung, nach welcher etwa 100 Komm uni« st en nach Geesthacht in Anmars-^ fein sollten. Die verfügbaren Bergedorfer Polizeibcamten begaben sich sofort nach Geesthacht. Es kam hier sehr bald zu einem schweren Zusammenstoß. Die inzwischen ein­getroffenen Kommunisten versuchten, das Ver« sammlungslokal zu stürmen.

Die Pvlizeibeamten wurden mit Steinen und' Knüppeln angegriffen, auch von einem Lastkraft­wagen aus von Kommunisten beschossen. Ein Beamter erlitt einen Becken-, ein zweiter Polizist einen Oberschenkelbruch. Ein dritter Polizeibeamter wurde durch Schläge erheblich verletzt. Die Beam­ten erwiderten das Feuer. Hierbei wurden der in Hamburg wohnhaft gewesene 23jährige Bernhard Geick und der in Bramfeld wohnhaft gewesene 18jährige Alfons Benthien getötet. Die ver­letzten Polizeibeamten und drei Angreifer mußten in ein Krankenhaus gebracht werden.

Mit Hilfe der inzwischen aus Hamburg ringe- troffenen Lrdnungspolizisten wurde die Ruhe wie« der hergestcüt. Alsbald setzten die kriminellen Er­mittlungen ein. Die Außenwände des Lokals wei­sen 3 2 Einschuß st ellen auf. 19 Personen, fast sämtlich in Altona wohnhaft, wurden festgenommcn.

Staatsmänner des Anstands

Mit dieser Charakteristik Stalins beende« wir «Niere ArtikelserieStaatsmänner des Auslands".

Stalin

Zu den seltsamsten Launen, die sich die Welt­geschichte in jüngster Zeit erlaubt hat, gehört der Treppenwitz", den sie im und am Leben des S s o s s o Dshugashwili verübt hat: Da wohnt in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in irgend­einem georgischen Rest der Schuster Dshugashwili; er flickt den Dorfbewohnern die groben Schuhe, er bebaut sein Stückchen Land, kurzum, er fristet auf die Art und Weise, wie es dort in dem Winkel, wo Europa und Asien Zusammenstößen, üblich ist, sein eigenes und sei­ner Familie Leben. Aber in diesem Manne, der Kleinbauer und Dorfschuster dazu ist, ist ein kleiner Ehrgeiz lebendig: Die nächste Generation der Dshugashwilis soll es besser haben als der Alte, sie soll in eine höhere soziale Stellung aufsteigen. Und so tut Vater Dshugashwili das Nächstliegende, er schickt den Sohn, der ihm 1879 ^geboten wurde, auf das Seminar in Tiflis. Der Sfosso, der Josef, wird für den Priesterberuf bestimmt. Das war in Georgien wie auch anderswo die sicherste Methode des so­zialen Ausstiegs, der geradeste Weg in die bürgerliche Welt.

Wir wissen nicht, wieweit der Vater die Entwick­lung seines Sohnes noch verfolgt hat. Wahrscheinlich hat er es noch erlebt, daß der Josef vom Tifliser Se­minar fortgejagt wurde, weil er in den politischen Händel», mit denen sich die Besucher bee Seminars

ihre Mußestunden vertrieben, einer der eifrigste» Akteure war, und wenn dann der Dorfschuster, der partout aus dem Sohne einen Priester machen wollte, vielleicht seinem schönen Traum nachgejammert hat, so wäre dieses väterliche Lamento nur zu begreiflich. Denn wer konnte damals ahnen, daß mit der Aus­weisung aus der hohen Schule jene Karriere des Sfosso Dshugashwili begann, die aus dem An­wärter für den geistlichen Berus den grimmigsten Bekämpfe! des Priester­tums und der Religion, aus dem Jüngling, der sich den Eintritt in das Bürgertum verschaffen sollte, den hartnäckigsten Feind der bürgerlichen Welt und aus dem gursinischen Schusterssohn schließlich den Beherrscher eines Volkes von mehr als hundert Millionen werden ließ. Den Namen Dshugash­wili freilich hat der Mann, der diese Wandlungen durchmachte, längst abgelegt; als Zosif Vissar Sta­lin ist er in die politische Welt einmarschiert . . .

Dshugashwili-Stalins Lebensgeschichte vom Jahrs 1898, in dem er das Tifliser Seminar verlassen mußte, bis zur Revolution anno 1917 ist schnell erzählt. Zu­nächst führt Stalins Lebensweg nach unten; nachdem er schnell den Anschluß an den Sozialismus gefunden hatte, erlitt er zunächst das Schicksal, das die zaristische Regierung allen Revolutionären bereitete: Er, der sich inzwischen den Bolschewiki angeschlossen hat, wird ver­haftet, nach Sibirien verschickt, befreit, wieder verhaf­tet, wieder verbannt, und als im Februar 1917 die erste Revolution ausbricht, fitzt er, irgendwo im tief­sten Sibirien als Verbannter lebend, weit vom Schuß. Langsam, ganz langsam nur steigt nach der Oktoberrevolution dann Stalins Stern empor. Lenin erkennt das organisatorische Talent des Georgiers, er überträgt ihm die Leitung einer Kontrollorganisa­tion, er macht ihn zum Volkskommissar für Nationa­litätswesen und zum Generalsekretär des Exekutiv- komitös der kommunistischen Partei. Aber das be­deutet damals alles noch nicht viel, auch das Eene- ralsekretariat nicht, denn schließlich ist das Exekutiv- fomite in jenen Jahren auch erst ein Gremium von neunzehn Mann. Stalin lebt nicht allein im Schatten Lenins, sondern auch im Schatten Trotzkis, des Orga­nisators der Roten Armee, der ihm an Intelligenz und rhetorischer Begabung weit überlegen ist.

Stalin heißt zu deutschStahlmann", und wenn irgendwann dann bewährt sich an ihm das Sprich­wortnomen eft onten*. Stählerne, unbeug­same, rücksichtslose Energie ist in der Tat Stalins charakteristischste Eigenschaft. Lenin hat das richtig erkannt, uns als er sich kurz vor seinem Tode mit »em Generalsekretär entzweit hat, fügt er seinem Testameni ein Nachwort an, in dem es heißt:Sta­lin ist zu schloss, uns dieser Fehler, mag er auch in den Beziehungen von uns Kommunisten umeretnan- der durchaus erträglich sein, wird unerträglich bei dem Inhaber des Amtes eines Generalsekretärs. Ich schlage daher vor, » die Genossen einen Weg fin­de», Stalin aus diesem Posten zu ent»