Einzelbild herunterladen
 
  

Bel« 1 » L Beilage

w

Kasseler Neueste Nachrichten

Montag. 19. Januar 1931

Ein Hunderijahrgedächtnis im Kaffeler Dom

Wer gestern die Glocken des Kaffeler Domes läu­ten Hörle oder einen Blick auf seine stolzen Türme warf, tat dies von einem geschichtlichen Erinnerungs­lage für die Wahrzeichen nicht nur der Landeshaupt­stadt. sondern auch des Heffenlandes selbst.

Vor einem Jahrhundert erblickte der Mann das Licht, der recht eigentlich der Schöpfer unserer Mar- t'nstürme ist. der Pfarrer und Dekan von'St. Markin u td Superintendent zu Staffel, Karl Krönet. Weit­hin ist er im Heffenlano bekannt. In Rinteln verlebte or seine Iugendjahre, in Marburg seine Smdenten- Sit: der Hilfsdienst der Evangelischen Landeskirche h ihn an manchem Orte, bis der Dreiundreißig- jährige das erste Pfarramt im thüringischen Winkel unseres Landes, in Kleinschmalkalden, erhielt. Nach acht Jahren, 1872, wurde er Pfarrer in Frankenberg Am 1. Februar 1880 folgte er dem Ruf zum Pfarrer und Dekan zu St. Martin.

Ein großer Teil der Kasseler Bürgerschaft kennt ihn von daher noch heute. Wieviele waren die Kon­firmanden und Gemeindeglieder des heute vor Hun­den Jahren Geborenen! Nicht alle wissen von seiner großen, zuerst so trauernden Liebe. Das war der Kas­seler Dom, in dein er am 30. Oktober 1857 für das Pfarramt ordiniert worden war. Unwürdig in fei­l'em Zustande war schon das Kircheninnere. Nun vollends der Turm denn nur der südliche war wirklich ein Turm. Aber ein seltsames Bild: ein acht­eckiger Aufbau über dem angefangenen Turm, der Baustumpf nördlich daneben ging über das Kirchen­dach nicht hinaus, und der Glockenstuhl stand über dem Turm.

Die Märtinsktrche auf der Kasseler Freiheit war um das Jahr 1340 gebaut. In schwerer Zett machte der Bau nur langsame Fortschritte. Zwei Türme waren vorgesehen, von denen der südliche 1483, im Geburtsjahr Luthers, bis zum zweiten Umgangvoll- enbet" war. Der nördliche war in Höhe des Kirchen­daches liegen geblieben. Landgraf Philipp suchte den Bau zu vollenden. Er gab dem südlichen Turm einen achteckigen Aufbau und schloß die Kuppel im Jahre 1564. Drei Jahre später trugen sie ihn zur Gruft in St. Martin. Drei Jahrhunderte hindurch meist schwere Zeit blieb der Bau so liegen. Man hatte sich an das seltsame Bild gewöhnt.

Der neue Dekan dachte anders. Sofort wollte er ans Werk gehen. Ablehnendes Erstaunen begegnete ihm in der Oeffentlichkeit. Dekan Krönet ließ sich

nicht entmutigen. Er ging ans Sammeln. 18 000 M. wurden es in der Stadt, 12 000 M. auf dem Lande. Acht Jahre später, 1888, in dem Jahre, in dem er Superintendent wurde, waren 250 000 SDl. bereitI

An Bauplänen fehlte es nicht. Man wählte einen alten Grundriß von Konservator von Dehn-Roth- fclfen in neuer Bearbeitung von Professor Schneider zu einem Voranschlag von 260 000 Mark. Der Nord- turm wurde zuerst gebaut, zwei volle Jahre, 1889 und 90. Im August 1891 wurde bann der südliche Turm vollendet. Auch das Innere wurde renoviert, das Kirchenbach umgedeckt, die Heizanlage neu erstellt. Zur Neuausmalung hatte Profeffor Schneidet die Entwürfe geliefert. Der Archivsaal wurde neu her- gerichtet, durch Beschaffung von zwei neuen Glocken das Geläute neu zusammengesetzt. Am 16. Oktober 1892 läuteten die Glocken hoch vom Turm.

Das Tutmbild. das wir heute sehen, ist Dekan Krönets Werk. Heute, wo fein Geburtstag zum 100. Male sich erneut, wollen wir seiner gedenken. In Dankbarkeit und Ehrfurcht. Als eines Mannes, der sich nicht nur um die St. Martinsgemeinde, sondern um Kassel und um das ganze Heffenland hoch ver­dient gemacht hat. Er ist recht eigentlich der Schöp­fet diefes Wahrzeichens unserer Stadt. W. M.

*

Die Jubelfeier der Lutheraner. Noch einmal fand in der allen lutherischen Kirche am Graben ein Fest- gottesdienst statt, um die Eindrücke, die die Besucher in der Feier am Freitag bereits gewonnen hatten, zu vertiefen. Mit kurzen klaren Worten umriß Pfarrer Ruetz die Vergangenheit der lutherischen Gemeinde zu Kassel. Er gedachte besonders der Führet, die die Arbeit in der Gemeinde unter selbstlosester Hingabe aller ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte zu bet heutigen Höhe geführt haben. Ferner gebachte er bet zahlreichen Mitglieder, die das Werk durch zum Teil sehr große Stiftungen und Vermächtnisse finanziell unterstützt haben. Den Gemeinbemitgliedern legte er nahe, bas Werk ihrer Väter in Liebe zu tragen und weitetzusühren. Der Rebner streifte bann kurz die Gegenwartsaufgaben, bie, ungeachtet bes heute herr­schenden Chaos, zu lösen seien. Nach einem gemein­sam gesungenen Schlußvers klang bie erhebende Feiet, bie durch Vorträge des Kirchenchores verschönt wurde, mit dem Segen des Herrn aus. -td.

Dienst am Volke

'vangelische Lebensgestaltung im Licht der Äug« bürget Konfession.

Die Notzeit unseres Volkes, die alles in Frage zu stellen droht, hat offensichtlich viele willig gemacht, große Zeiten und große Menschen sich zum Spiegel zu setzen. Zu einem solchen Spiegel macht in der Evangelischen Woche Professor Dt. H u p s e 1 d aus Rostock das Augsburger Bekenntnis. Melanchthon, der Freund Luthers undLehrmeister Deutschlands" wies in abgewogener und auSgefeilter Darstellung nach, inwiefern sich das gesamte neue Kirchentum als eine Reformation, das heißt Erneuerung des alten, ursprünglichen Christentums ansehen dürfe.

Das Augsburger Bekenntnis weist darauf hin, daß auch die Frage:Wie wir man ein Mensch Gottes?" die mittelalterliche Kirche keine eindeutige Antwort gab. Zahlreiche kultische Handlungen sollten die ewige Gnade spenden, und doch sollte sie immer neu verdient, ja nach der Volksreligion sogar durch Ab­laßkauf verdient werden. Der Friede des Gewissens war nicht mehr das große Gottesgeschenk, sondern hing an den Werken des Menschen. Und diese Werke bestanden nicht mehr nur in der selbstlosen Nächsten­liebe, die uns vielgestaltig ruft, erst recht nicht in der treuen Pflichterfüllung, sondern waren immer etwas Außerordentliches, wie Wallfahrten, Ehelosigkeit. Wo aber blieb Hans und Beruf, wenn diechristliche Vollkommenheit" anderswo zu suchen war?

Für das Augsburger Bekenntnis war die Glau­bensgerechtigkeit der gottentbunbene Kraftquell, ans dem evangelische Frömmigkeit und Lebensgestaltung

fort und fort ihren Auftrieb empfangen. Dieses stille Vertrauen auf Gott hat bie evangelischen Menschen damals frei gemacht unb froh des Evangeliums und eben darum auch getreu bis zum Märtyrertum. Ueber die Schuld des Tages hinaus trug sie Gottes Gnade.

Der Reformation ist der Vorwurf gemacht, sie habe den Menschen das Heilige genommen. Wir dür­fen antworten: Im Gegenteil, sie hat die treue Be­rufserfüllung in den Bereich des Heiligen hineinge- hoben. Das Augsburger Bekenntnis fordert, daß das ganze Leben ein Ja zu Gottes Willen ist. Das heißt bie Religion nicht leicht gemacht, fondern ernst und schwer! In der Ehe lebe und die damals regelmäßig große Familie versorgen, im Berus einen harten unb unsicheren Lebenskampf durchhalten, beides war schwerer als das mittelalterliche Klosterloben.

Dieser SelBftberleugnung ist die asketische Gestal­tung im Augsburger Bekenntnis keineswegs grundsätz­lich gestrichen. Eine kommende schwere Zeit wird auch diese Form der Selbstverleugnung wieder rufen, aber nicht als verdienstvolleren Weg zur Gewinnung der Seligkeit, fondern zum Dienst an den gefährdeten Brüdern. In einer Zeit besonderer Volksnot heißt uns das Augsburger Bekenntnis mit ihr Schritt hal­ten und sie überwinden in der Kraft des Glaubens, der in der Furcht Gottes freigeworden ist von der Furcht vor der Zukunft. W. M.

Sei schön durch

'XV

afferwetten"

Frisöre ersetzen Badereise

Da hat man leicht, Sachlichkeit und grabe Linie zu predigen: Erstaunlich, wieviel Geduld die Damen aufbringen, stillsitzen, lange, lange, Kopf drehen nach rechts, nach links, nach vorn und hinten, da ein Zau­sen, dort ein Zupfen widerspruchslos sich gefallen lassen, und das alles, um ein bißchen schön zu sein, um eine nach allen Regeln der Friseurkunst mode- gerechte Haupteszier zu haben.

Man muß wirklich von Haar k ü n ft I e r n spre­chen, nicht von nur handwerklicher Fertigkeit, wenn man ihnen zugesehen hat, ohne selbstObjekt" zu [ein. Was sich sonst in den verschwiegenen Kabinen der Frisiersalons tut, wo aus dem wirresten Haar­schopf die eleganteste Frisur wird, wird einmal "in allen Phasen von vielen Augenpaaren begutachtet und kritisiert. Und schließlich bewundert. Mit erstaun­licher Geschicklichkeit wird gearbeitet. Ein Kamm und ein Fön in der Hand begabter Fachleute schaffen wahre Wunder, die herrlichsten Fönwellen. Ober das Haar wird mit vielen Kämmen festgesteckt, mit einem Netz^ Überbunden und bann getrocknet, das gibt Wasierwellen. Der Unterschied liegt darin, daß bei Fönwellen das Haar loser liegt, bei Wasserwellen da­gegen sich fest anschmiegt. Und bann Ondulation.

Der Arbeitnehmerverband für das Friseur- unb Haargewerbe, Zweigstelle Kassel, krönte, wie ge­wohnt, sein Stiftungsfest am Sonntag im Stänbe- haus mit einem

Mode- und Schaufrisieren,

zu dem regerer Besuch der Kasseler Damenwelt erwünscht gewesen wäre, um vorzusühren, was die hiesigen Friseure zu leisten vermögen. Nur das Beste auf ihrem Gebiet wollten sie zeigen, wie der 1. Vorsitzende, Herr Leimbach, versicherte. Und bas gelang vollkommen. An 14 Damen bewiesen Frau Schottmann (Firma Neumann) unb bie Herren Linn und Schröder (Reumann), Leimbach (Hils) Michel (Mueller), Bonnewitz (Loetsch), Scheller (Rössel), Graf (Kattwinkel), Bärwolf (Utes), Hartung (Krug), Malkus (Sänger) und Ebert (Jahn) ihre Fertigkeit. Tages- und Abendfrisuren in allen Variationen schu­fen die geschickten Hände. Man kann nicht einmal sagen, welche Frisur am eindrucksvollsten ist, ob bie ondulierte, wasser- ober föngewellte. Diejenige wirb immer die beste sein, die am meisten der persönlichen Note der Trägerin entspricht.

Mit Fachkenntnis und Humor erläuterte der 1. Vorsitzende des Zweigverbandes Frankfurt a. M., t:rr Müller, die Kunstschöpfungen seiner Kollegen.

ttr die strengen Hüter der Haarmoden gibt es nur eins: Bubikopf. Verpönt ist Herrenschnitt, den man nur noch allenfalls an Sportgirls gelten läßt. Die Dame trägt, der Betonung des Weichen, Weiblichen in der Mode entsprechend, das Haar weich und lose fallend, an den Seiten gelockt, mit Ansatz im Nacken, der sonst frei ist.

- Nur zur großen Abendfrisur gehört der Nacken- Indien, den man mit Hilfe von Nackenstücken schafft. An einigen Gesellschaftsfrisuren wurde das gezeigt, wobei allerdings unfreiwilligerweise bewiesen wurde, daß die Dame bann, wenn sie in das Rampenlicht der Gesellschaft tritt, in der Herrlichkeit ihres Bubikopfes ausgerechnet des falschen Haares nicht entraten kann. Erreicht aber hatten die Diktatoren der Haarmoden damit jedenfalls, daß die Frau sich bei jeder Festlich­keit ihrer Hilfe anvertrauen muß. Das ist für die Figaros der Ausgleich für jene böse Erscheinung, die man im Zeitalter des Frauenrechts auf diesem ein­zigen Gebiete mit Stolz als einzige 'Emanzipation des Mannes feststellen kann.

Der von Fräulein T. Müller gesprochene Prolog und einige stimmungsvolle Gesangseinlagen von Fräulein Annemarie Messing fügten sich gut in den Rahmen der Veranstaltung. Die Hauskapelle spielte fleißig undtaktvoll" zu Unterhaltung und Tanz.

Der Dozent der RanftaeWdbte an der Kunstakademie Bogel filbrt uns in seiner Vortragsreihe durch die wich» ikrten europäischen Hauvmast«, ..StnfuJrung in btt Mntik" nennt sich der von der ftoatl. antriannten Musik- lebrerin Frl. Wagner geleitete Kursus. Di«Rbvthmtk umfaßt das Studium der Wechselwirkung von Muiik und kSrverlichen Bewegung Die b ter für eingerichteten Uebun- gen für »rauen und Mädchen werden von der Hellerail- Laremburg-Lehrerin Krl. Klemm geleitet Gefun-beNS- gemätzeS. reines und klangvolle» isvrechen tft das Ziel, das bi« Stimmbildnerin Sri. Di«bl nach der Meidode von Professor Eduard Engel in ihrem KursusSvrecheniebung und Stimmbildung" verfolgt. (Hebungen in der JBor» trag Sinnst und in der freien Rede.i Von Wichtigkeit durfte dieEinführung in die Probleme der VetriebswtrtsckaftS- lehre" fein. i>ie oer Steuer- und BuKachverftandige Divl.» Kaufmann Krank geben wird. Auf vielfachen Wunsch tft nun auch ein KursusReklamemalerei und vlakatschnfj eingerichtet worden, der auch die Grundlagen der Maltech­nik unb der wissenschaftlichen Farbenlehre in sich ein« schließt. Er wird von Kunstmaler und Reklamesachmann Brinfchwitz geleitet.

Die sogenannte Wegnersche Verschiebungstheorie siebt i« Mütelvunkt einer von St«-. Res. Brink geleiteten Ar­beitsgemeinschaftDie Entstehung der Kontinente und Ozeane" Auf naturwmenfchastlichem Gebiet Nnd «etter Kurie eingerichtet über ..Moderne Bererbungslebre" von Studienrat Paul (mit Lichtbildern qnd Temonitratlonen am Mikrofkovi.Die Tierwelt der Heimat im Winter" vo« Akademieorofeflor Grupe (Lichtbildervorträge mit anschlie- heuden TonntagSwanderungeni und ..Die Pflanzenwelt tytjerer Wiesen" von Direktor des botanischen Härtens 12 *91 oit vertreten tft das Gebiet derSvorbgomnasyk und Bewegungsschulung" durch eine Arbeitsgemeinschaft für Manner, geleitet von dem Lehrer der Bundesfchuke für KörverbilSung und rhythmische Srrisbung, Men-Ruhr, Chorleiter Reuter. Der gleiche Gomnaftiklehrer wird in dem KurfnSBewegungssvicl und Laientan» die im mo­dernen Menschen verkümmerte natürliche Bewegungsfreu­de wieder m wecken versuchen und in gemeiniam erar­beiteten Bewegungsspielen, Volkstanzform und «»rischen Motiven ausweiien. Für Frauen und Mädchen sinS die Hebungen inBode-Gmnnastik", geleitet von Frl. v. Aer» front, und in ..Loheland-Hmnnasttk" geleitet von Frl. Fischer, bestimmt, die im neuen Lehrabschnitt ihre Fort­setzung finden. Anmeldung und Auskunft nu r tn der Geschäftsstelle der Bolkshochfchule. Mauerftvatze %, II Televbon 1468.

Der Herr Regisseur

Die Eisenbahner warnen!

In einer stark besuchten Funktivnärverfamrnlung des Einheitsverbanbes der Eisenbahner Deutschlands beschäftigte sich der 1. Bors. M. d. R. Scheffel mit der wirtschaftspolitischen Lage unb der Reichsbahn. Nach Begrüßungsworten des Bczirksvorsttzenben Hofacker, sprach sich Scheffel äußerst pessimistisch über die nächste Zukunft aus. Auf fast fünf Millionen, weit über jede Vorherschätzung hinaus, sei bie Zahl der Arbeitslosen gestiegen. Schuld daran sei die gleich nach der Inflation mit allen Mitteln der Tech­nik einsetzenbe Rationalisierung, bie gleichzeitig eine Probuktion geschaffen habe, der der Konsum mit sei­ner geringen Kaufkraft nicht folgen könne. Was hel­fen alle die vorgeschlagenen Mittelchen, wie bas 9. Schuljahr, Arbeitsbienstpflicht unb Kultivierung, wenn für deren Durchführung kein Geld vorhanben sei. Durch bas nach ber Reichsragswahl wachgewor­dene Mißtrauen des Auslandes seien die kurzfristigen Kredite gekündigt. Ein Allheilmittel, um unsere Wirt- fchaft wieder anzukurbeln, solle jetzt ber Lohnabbau fein unb als Köder weise man auf die Preissenkung hin. Kartelle und Großhandel dächten aber garnicht an eine fühlbare Senkung auch die Verringerung der Spanne zwischen Großhandels- und Kleinhandels­preis Weitere am geschlossenen Widerstand der In­teressenten.

S. P. D. und freie Gewerkschaften sehen als ein­ziges Mittel die Kaufkraft zu stärken und ein Großteil der Erwerbslosen wieder in den Produktionsprozeß einjugliebern in einem Arbeitszeitgesetz mit einer 40- bzw. 36-Stundenwoche. Voraussetzung dabei sei ein wenigstens teilweiser Lohnausgleich

Die schwierige wirtschaftliche Lage und die Kon­kurrenz. der Kraftwagen hätten im verflossenen Jahre auch eine Rückwärtsentwicklung bei der Reichsbahn gebracht und zwar fei der Frachtverkehr gegen das Vorjahr um 14% Prozent, der Personenverkehr um 18 Prozent gesunken, was einer Mindereinnahme von 770 Millionen Mark entspräche. Durch wesentliche Einschränkung des Ausgabeetats wolle man dies De­fizit ausgleichen. Einsparen wolle man 100 Millionen an Unterhaltungskosten der Fahrzeuge, 65 Millionen an Neuanschaffungen, durch Verbilligung ber Kohle 150 Millionen. Tie Verringerung der gesetzlichen Rücklage brächte 81 Millionen. Vortrag aus dem Jahre 1929 = 178,9 Millionen und Nichtauszahlung der Dividende 50 Millionen Endlich rechne man durch eine 6prozentige Lohnkürzung mit 130 Millio­nen. Dem als Gegengabe zwecks Preissenkung vor­gesehenen Tarifabbau sähe die Arbeiterschaft mit gro­ßem Mißtrauen entgegen, da auch 1924 hierbei ber Erfolg ausgeblieben fei. Redner übte dann scharfe Kritik an dem kürzlich ergangenen Schiedsspruch für Eisenbahner, ber auf der einen Seite unbezahlte Feierschichten vorsehe, während andere Kategorien

von Arbeitern bis zu 130 Ueberstunden im Jahre machen sollten. Man solle endlich einmal mit dem unglückseligen System der Leiftungszulagen oufräu» men. dann wären keine Feierschichten nötig.

An die mit großem Beifall aufgenommenen Aus­führungen des Redners schloß sich eine lebhafte De­batte an. Folgende Resolution wurde angenommen:

Wenn auch die jetzt abgeschlossene Arbeitszeitbe­wegung nicht alle Forderungen erfüllt hat, so betrach­tet die Konferenz das Ergebnis derselben unter Be­rücksichtigung der schweren wirtschaftlichen Krise, als einen Erfolg ber mafjgebenben Verbanbsinstanzen unb ber Einheit unb Geschlossenheit ber Organisation.

Die Konferenz wendet sich mit aller Entschieden­heit gegen die unter Bruch des Tarifes von der Reichsbahn-Hauptverwaltung diktierten Feierschichten und erwartet Wiederherstellung des tariflichen Rechts- zustandes.

Der Arbeiterschaft drohen große Gefahren. Neben den Gefahren des Lohnabbaus, Abbau ber Sozialge­setzgebung, Minberung bes Rechts drohen politische Abenteurer Demokratie und Republik zu vernichten. Die Funktionäre des Bezirks Kassel rufen in Anbe­tracht dieser Gefahren die Eisenbahner zur gewerk­schaftlichen unb politischen Geschlossenheit auf!"

Slebenhunbertjahrfeier

der Stadt Wolfhagen

DaS Festprogramm.

Die Vorarbeiten zur Feier des 700jährigen Be­stehens ber Stadt Wolfhagen am 18.. 19. und 20. Juli stnd in vollem Gange. Der von den städtischen Körperschaften gewählte Festausschuß unb bie Unter­ausschüsse haben ihre Arbeit so weit geförbert, daß man jetzt schon einen Ueberblid über die Gestaltung des Festes gewinnen kann. Hier fei nur einiges dar­über gesagt: Eingeleitet wird das Fest durch einen großen Kommers am 18. Juli, ein historischer, aus etwa 30 Gruppen bestehender Festzug findet am 19. Juli statt unb ber 20. Juli soll allgemeinen Volksbelustigungen dienen. Ein Festspiel wird wesentlich zur Hebung ber Feier beitragen, Gesang-, Turn- unb Sportvereine werden ihr Bestes hergeben und die Bürgerschaft wird alles aufbieten, durch Ausschmückung ber Häuser unb Straßen der Veran­staltung ein festliches Gepräge zu geben. Wie groß das Jntereffe für das Fest ist, beweist, daß eine größere Anzahl auswärtiger Vereinigungen, Fami­lien unb Einzelpersonen, die zu Wolfhagen tn irgendwelcher Bezieh»«- stutzen, ihr Erscheinen in Aussicht gestellt hatzv-

Was bringt die Volkshochschule?

Der soeben erschienene Arbettsvlan, Ser Sie vom 19. Januar bis 27. März stattfin-cn-en Kurie Ses 35. Lehr­gangs umfaßt, zeigt, Satz Sie Bolkshochfchule dem Bedürf­nis nach Erweiterung der Grundlagen -er geistigen un­wirtschaftlichen Ernten, jedes Einzelnen Rechnuirg zu tra­gen veriteht.

So behandelt Pfarrer Sie. Lieberknecht inStreifzügen durch Sie moderne Psychologie" Sie «vHeme Kretschmers, Svrangers, Freuibs und Adlers. Dr. OttoAusgewählte Kapitel untfr Ser Sozialvsychologie und aus der Rechts- und Krlminalpsychologie, während Sie von Facharzt Tr. Katzenstein geleiteten Ausivracheabende sich mit -erPsy­chologie des Iugen-alters" beschäftigen.Dichtung Ser Ge­genwart" ist das Thema einer Arbeitsgemeinschaft, geleitet von Fräulein Diehl, der Einzclvortväge von Akademievro- fcffor Dr. Richter unS Sri. Diehl ergänzend zur Sette tre­ten Das Gebiet Ser Kunstbetrachtuna ist vertreten durch die ArbeitsgemeinschaftDie Stilentwtcklnna in der Bau­kunst", bei welcher im kommenden Lehrabschnitt bi« Zeit vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ringen um die neue Form in der Gegenwart besvrochcn werden soll. Lei­tung Büchereidirektor Grässel. Mit moderner Malerei und Planik beschäftigt sich Frl. Stadtrat Bogt in ihrer Arbeits­gemeinschaftBom Jmvressionismus zur neue« Kunst.

Joe Furtner überwacht Sie Probe der Nelson-Revue mit kritischer Miene, wie sie Profeffor BirlS flinker Stift im Momentbild feftgehalte» hat.

Wohin gehen wir am Dienstag?

Staatstheaier:Der Mann, den sein Gewiffen trieb", 20.00.

Kleines Theater:Aber Mama ...!", 20 Uhr.

Stadtvark: RevueDer rote Faden", 20.15 Uhr.

Palaft-Tbeater:Rivalen im Weltrekord".Panzerkreuzer Poternktn".

Capitol-Tbeater: MorgenfeierTürkstb". 1146 Uhr:Unter den Dächern von Paris".

Chaffalla-Licktsviele:Das heilige Schweigen

Uuiverium-Lichtlviele: 1000 Worte Deutsch von Pat und

Patachon.

Ufa-Theater:Stürme über dem Montblatw".

Metrovol-Tbeater:Möbliertes Zimmer".Bob der Borer- Cowboy".

Peffeolaud-Perle: Kabarett / Tanz, 16 und 20 Uhr.

Oberbayer»: Amateur-Preisdirigieren.

Heute, Montag:

Murhardlaal: Klavierabend Georg Rothlrnlf, 20 Uhr.

LaudesbibUoshrk:Der Schmalkaldener Bund", 20.30 Uhr.

Oer Zug des Ltnwetters

Stärkster Sturm feit 1914

Was ein Meteorologe zu dem Samstagunwetter sagt

Nachbem bei fallendem Barometer die Tempera­tur dauernd angestiegen war, erhob sich gegen 3 Uhr morgens ein Sübweststurm ,ber ein Gewitter aus Westen tn Begleitung hatte, dessen grüngelbe Blitze bie Winternacht wie im Sommer erhellten. Der Donner rollte und bei ber Drehung bes Win­des nach Nordwest gegen 4 Uhr nahm er volle Or­kanstärke an. Dabei klarte ber Himmel völlig auf, und die Feuchtigkeit der Luft ging auf 75 Prozent zurück. Es wurden 10,1 Liter Niederschlag auf den Quadratmeter gemessen. Verursacht wurde das Ge­witter durch einen Kältevorstoß von I s - land aus im Rücken des an der Küste von Nor­wegen liegenden Tiefs. Die Windstärke war die größte die seit 1914 gemessen wurde. Interessant für den Naturbeobachter waren die elektrischen Ausstrahlungen, die man von dem Umspannwerk auf dem Kegelberg bei Franken­berg nach dem dunklen Nachthimmel hin beobachten konnte. Nach einer solchen Ausstrahlung konnte man in höheren Wolkenschichten Flächenblitze sehen, denen erst nach langer Zeit der Donner folgte.

Oberzwehren. Der Sturm in ber Nacht zum Sonn­abend knickte einen Mast der Lichtleitung um, sodaß der gesamte Ort des Lichtes beraubt wurde. Ferner richtete er an Gartenzäunen unb Hausdächern schweren Schaden an.

Guxhagen. Unwetter. Heulend fegte der Sturm durch die Straßen und peitschte den hernieberpraffeln- den Regen klirrend gegen die Fensterscheiben, die oft der Wucht nicht widerstehen konnten. Ziegeln wurden von den Dächern auf die Straßen geschleudert, Stake­

tenzäune umgerissen. Auch wurden Schornsteine um bie Hälfte gekürzt und krachenb sausten die Steine in die Tiefe. Weitere größere Schäden wurden überall in Gärten angerichtet.

Säume sperren eine Bahnstrecke

Göttingen, 18. Januar.

Der in den letzten lagen herrschende starke Wind steigerte sich in bei Nacht zum Sonnabend zu einem orkanartigen Sturm, der erheblichen Schaden anrichtete. Der Sturm wurde auch durch ein regel­rechtes Ianuargewitter begleitet, mancher Baumstamm wurde geknickt und ganze Linienzüge im Fernsprech­verkehr unterbrochen. Sie Eisenbahnstrecke Drans­feldMünden konnte nur eingleisig be­trieben werben, ba umgerissene Baum­stämme bie Strecke versperrten.

Ausbau ber Eber

bei Battenberg.

Die Gemeinde Battenberg beabsichtigt, wie amtkich verlautet, den Ausbau der Eber. Die zu regulierende Strecke reicht von ber Eisenbahnbrücke Berleburg Allendorf/Eder bis zur Straßenbrücke Sattenberg Battenfeld unb hat eine Länge von einem Kilometer. Die Linienführung des neuen Eberbettes auf ber Regulierungsstrecke gestaltet sich wie folgt: Unterhalb der Eisenbahnbrücke behält die Eder ihren alten Lauf, folgt dann dem vorhandenen Durchbruch bis zur neuen Brücke. Die weiteren 200 Meter sind bann als Durchstich durch das ertraglose linksseitige SfelinL» auszubaueu.