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Freitag, 2. Januar 1931

Kasseler Neueste Nachrichten

teeitt 1

Le-ensfein-liche Mächte

Tiefdruckgebiete der Seele

vm Jahr 1929 haben in Deutschland, wie die Zlffern der Srat.stik zeigen, 16000 Menschen durch S-fÄnnf, 9£eüb!L ~ 16000 Menschen, die von Lebensangst erdrückt wurden weil sie das Dasein nrch mehr ertrugen und zu schwach waren, den Kampf gegen das Schicksal durchzukämpfen. Be- londers in den letzten Jabren ist die Zahl der f£6ensmüden bedeutend gestiegen. Aber nichi nur ^."Utschen Reich sondern auch in andern Län- »f m r* t ^£^?Hserschemung zu beobachten und eS ist sicher, daß die Nachw rkungen des Weltkrieges daran emen bedeutenden Anteil haben. Ueberdies die Mehrzahl aller Menschen der Kampf um die Lebenserhaltung deshalb weit schwieriger ge­worden, weil vom Einzelnen größere Leistungen bei oft geringeren Verdienst- und Arbei'smSglichkeiten

Da ist es nur zu natürlich, daß die Lebenskraft^leichter versagen kann. Hierzu komm', daß m vielen Fallen die überwiegend mechanische WettbeÄnütslin^^ Arbeit dem Einzelmenschen sein S"ÄÄ'unb 16n "id"w,t -u- naheliegend daß ungesunde äußere "nativen und aufrührerischen Kräfte im Menschen, die er dann gegen sich selbst oder gegen andere richtet, fördern muffen Oft vorerst gegen seinen Willen, wird er, umnurdasnack e Leben zu erhalten, aanz auf mate- ^al'stische Lebensziele hingedrängt, die dann nach ^"d uach sein Empfinden so einseitig gestalten mid so einschnüren, daß er nicht mehr davon freikommt und mtt dem Verluit der materiellen Grundlagen alle Lebenswerte verloren siebt.

Man weiß, daß die meisten Selbstmorde durch persönliche Angelegenheiten veranlaßt werden. Oft sind es nur geringfügige Dinge, die den Aus­schlag zur Tat geben: abgewiesene Liebe, verlebter krankhaftes Ehrgefühl, unbefriedigter Ehr- getz. Dann gibt es Schwache, die die Natur schon von Geburt an mit wen-g Lebensener^»- bedacht bat die überbauvt, auf sich allein anaestellt, nicht im- stand sind, ihr Geschick auch nur einigermaßen selb- standig zu lei'en und die dann, meistens durch die Verständnislos,gkeit ihrer Umgebung, aus dem Leben gedrängt werden.

Em großer Teil dieser Unglücklichen wäre gewiß zu retten gewesen, wenn ein wenig Teilnahme oder Aufmunterung ihre Lebenskraft gestärkt hätte. Wie mancher von diesen hat sein inneres Elend und seine Einsamkeit lahrelang mit sich herumgeschleppt, nach einem verstehenden Menschen gesucht und hat ihn nicht finden können. Viele waren zu schwach, um tbren großen Wünschen Tat zu verleihen: sie haben sich langsam in stillem Nur-Wünschen aufgezehrt.

Alle diese äußeren Einflüffe, sie mögen sein wie sie wollen, regen den Lebensmüden nur zur letzten verzweifelten Tat an, sind aber nicht die Hanntur- sacke: diese liegt vielmehr im Kern des Charakters. Daß Selbstmorde in bestimmten Familien Genera­tionen hindurch immer wiederkehren, ist allgemein bekannt. Diese Erscheinung erklärt sich daraus, daß Charakter und Krankheitsneigungen Erbgut sind; nicht aber wird der Selbstmord an sich vererbt, son­dern nur bestimmte Charaktereigenschaften, die, Lurch äußere Einflüffe anaeregt, einen guten Nähr­boden akmeben zur E"twicklunq der Selbstmord­idee. Offene, ursprüngliche, anspruchslose, herzliche,

aus tiefster Ueberzeugung religiöse und dazu seelen­volle Menschen werden nicht den Freitod wählen, auch wenn sie in die schwierigsten, nachteiligsten Lebensverhältnisse gestellt werden. Dagegen werden Schwermütige, Grübler, Nervenschwache, krankhaft Ehrgeizige, Egoisten, Fanatiker, hysterische Personen der Idee, das Leben von sich zu werfen, leichter er­liegen. Es gibt unter den Lebensüberdrüssigen allerdings die verschiedensten, scheinbar extrem von einander abweichenden Charaktere, doch bei allen ist das zur Tat Ausschlaggebende der Verlust des see­lischen Halts. Sobald der Seele die Führung über Geist und Körper entgleitet, vermag der Mensch die alltäglichen Tinge, aus denen sich das Schicksal zu­sammensetzt, nicht mehr zu beleben, er vermag kein Leid mehr zu ertragen. Gerade in unserer Zeit sind sene Menschen zahlreich genug, die alles Mög­liche aufbieten müssen, um nur ein wenig Lust, An­regung und Freude zu erjagen, die nach Sensationen suchen, um ihre innere Leere wenigstens für kurze Zeit betäuben zu können. Bei ihnen ist die Seele verkümmert, sie sind innerlich ausgebrannt. Ihr Weltbild hat keine Weite, weil diese Menschen fi* selbst Schauplatz des Lebens sind. Und dieser Schauplatz ist eng, er- ist verdüstert von quälenden Gedanken und kann nicht aufnehmen, was die Welt in der Fülle der Erscheinungen zu bieten vermag. Der seelisch starke und reife Mensch aber wird auch in Tagen und Stunden der Krise schnell den Tief­druck überwinden, während der seelisch Verkümmerte und deshalb nur auf sich Konzentrierte jedes ihm widerfahrene Leid gewissermaßen einsaugt, es in sei­nen Vorstellungen mehr und mehr vergrößert und so zu der Illusion gelangt, ein vom Schicksal beson­ders Benachteiligter und Geschlagener zu sein.

Es ist fast so, als ob finstere Gedanken auch fin­stere Kräfte anziehen,, dft mit der Zeit die gesunden und lebensbejahenden Gefühle vollständig verdrän­gen. Gedanken haben eine werbende Kraft. In ihnen leben Energien, di? dem Naturgesetz gehor­chen, zu wachsen und stärker zu werden. Wir kön­nen wählen, welche Kräfte wir rufen wollen. Uni. wir entscheiden damit unser Schicksal. Wir können den dumpfen Triebkräften folgen und den Schein der Lebensfreude im Materiellen kosten, und wir kön­nen, indem wirimmer strebend uns bemühen", das Ziel des Lebens darin suchen, unseren» Wirken einen tieferen Sinn zu geben. Unser Erdendasein hat den Inhalt, den wir ihm geben Und auch die bitteren Erfahrungen und jene Tage, von denen es heiß», daß sieuns nicht gefallen", sind uns vorbestimmt, um an ihnen unsere Kraft zu messen und im Schat­ten des Leids zu reifen.

Unser Erdenleben ist, im Licht geisteswissenschaft­licher Erkenntnis gesehen, nur eine Vorform. Freude und Leid sind wie Bogenstriche, unter denen unsere Seele erklingt. Was wir an geistigen und seelischen Kräften in uns tragen, ist in eine Entwicklung ein­gespannt, die durch freiwilligen Tod nicht unter­brochen werden darf. Dem liefen und geheimnis­vollen Sinn des Lebens widerspricht die Selbstzer­störung. Das Leben will Aufbau und Entwicklung und den letzten Einsatz aller Kräfte. Das Leid aber ist, wie Meister Ekkebardt sagt,das schnellste Pferd, das zur Erkentnis führt."

R. Buttkus.

Kunst und Wissenschaft

Deutschland das Lcno der Musik. Nach der Sta­tistik des soeben neu erschienenen Max Hesse-Kalen- ^»rs nimmt die Aufzählung der in Deutschland an» lässigen und wirkenden Musiker den weitaus größ­ten, ja genau soviel Raum ein, wie in allen anderen Staaten, Ländern und Städten zusammengenommen. Allein in Berlin gibt es 125 Musikschulen, zehn große Orchester und 54 kleinere Orchcstervereiniaunaen und außer zahllosen Männerchören werden 120 Cborver- eine gezählt. Selbst die kleineren deutschen Städte haben eigene Orchester, Cborvereine und Musikschu­len, mit denen di« Provinzstädte anderer Länder keineSweaz einen Vergleich ar>Sbal-en können. ?Vn Rom z. B., der Hauptstadt des Musiklandes I alten, gibt eS nur ein einziges Orchester und leinen ein­zigen Chorverein.

Das Deutsche Buch an erster Stelle in der it-lftni- schen Bucheinfuhr. Nach der Statistik für 1930 steht

das gebundene deutsche Buch in der italienischen Bü­chereinfuhr an erster Stelle. Die Leu sche Buchein­fuhr in Italien repräsentiert einen Wert von 1025550 Lire, an zweiter Stelle folgt Frankreich mit einem Einfuhrwert von 728064 Lire, den dritte»» Platz nimmt Großbritann'en ein und die vierten Belgien. Für broschierte Bücher verändert sich das Verhältnis zugunste,» Frankreichs, dem an zweiter Stelle Deutschland folgt, dann komnren Belgien, die Schweiz und an letzter Stelle England.

Deutsche Dramen im Auslande. Ernst Tollers Dra­maMaste Mensch" wird jetzt in Amsterdam im Volkstooneel vorbereitet. Das SchauspielCecile" von Emil Ludwig, das bereits einen großen Erfolg in Prag zu verzeichnen hatte, wird im Januar auf einer italienischen Bühne erscheinen. Auch Ludwigs Napoleon" acht demnächst in Italien in Szene. Die Titelrolle wird der berühm e italienische Tra­göde Rugaiero Ruggeri spielenDer Kreidekreis" von Klabund erlebt kürzlich seine Erstanfstthrung am Svenska-Theater in Helsingfors und wird jetzt

vom National-Theater in Belgrad vorbereitet Der Streit um den Sergamen Grischa" von Arnold Zweig errang am polnischen Stadltheater in Lodz einen großen Erfolg.

Schloß Neudeck, dem Stammsitz der Familie des Reichspräsidenten von Hindenburg, ist im letzten Sport im Bild"-Heft dieses Jahres ein reich illu­strierter- Aussatz gewidmet. Daneben gibt es vie­lerlei Jnteressan.es aus Gesellschaft und Mode und herrliche Aufnahmen vom Wintersport.

Originelle Grabinschriften

Bon G- Krause.

Häufig sind Grabstein-Inschriften, die zänkischen Frauen auf den Weg zur Ewigkeit mitgegeben wur­den. Ein Beispiel:

Hier lieat mein Weibchen großen Dank

Ihr Leben war ein steter Zank.

O Wandrer fliehe weit von hier.

Sonst steht sie auf und zarckc mit dir!

*

Ein Binger Ehepaar lebte in 'nicht gerade sehr glücklich zu nennender Ehe. Als die Gattin starb, ließ der wenig b« rübte Herr Gemahl, zum Erstau­ne« seiner Mitbürger, folgenden Nachruf auf deren Grabstein setzen:

Wohl auch die stille Häuslichkeit

Ist eines Denkmals wert:

Ihr sei es hier von mir geweiht.

Und wer die Tugend ehrt,

Auch in dem einfachen Gewand,

Mir. meinem Schmerz, ist er verwandt.

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Großer Finanzschwindel

Graz, 2. Januar. Bei der hiesigen Sicherheitsbe­hörde ist eine Anzeige des Kaufmanns Hubert Haas in Köln gegen den angeblichen Doktor und Diplom- Ingenieur Kurt Seidler in Graz wegen Betruges in Höhe von 180 000 Mark eingelaufen Seidler war Gründer, Präsident und gechäftsführender Verwal­tungsrat der Beryllium A.-E. und wurde vor mehre­ren Wochen in Paris auf Anzeige von Schweizer Geldgebern verhaftet. Er befindet sich zur Zeit im Auslieferungsamt in Paris. Haas hatte Seidler für Sohgetoäfte und Investionen für die Beryllium A.-G. Den genannten Betrag in bar und in Hypo­thekarpfandbriefen übergeben. Von dem Schweizer Konsortium hatte er 400 000 Franken erhalten.

lieber die Person und die Tätigkeit des Seidler als Präsident der Beryllium A.-E. laufen g aenwär- trg auch Erhebungen bei den Polizeibehörden in Wien, Hamburg. Köln, Zürich und Paris, da Seidler das Beryllium-Vorkommen in der Weftsteiermark und die von ihm gegründete Gesellschaft zu einem groß- angelegten Finanzschwindel ausgenutzt haben soll. Die Grazer Polizei hat in dcn hiesigen Bureaus der Gesellschaft Haussuchungen vorgenommen, Oie Bücher und die Geschäftskorrespondenz beschlagnahmt. Seid­ler scheint auch in andere Schwindeleien verwickelt zu sein, so int Zusammenhang mit dem Ankauf des gro­ßen Gutes Abkenstein bei Pettcm.

Das Gericht in Cbikago verurteilte den »Geschäfts- srihrer" des .Syndikates" des Bandens-ichrerS Al Capcne wegen Steuerhinterziehung von über einer Million Mark zu 70 000 Mark Geldstrafe und fünf Mona en Gefängnis. Ralph Capone, ein Verwandter des Bandensührers, der drei Jahre Gefängnis und '00*0 Mark Geldstrafe erhalten hatte, wurde gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt.

*

In einer Vorstadt von Chicago wurde ein Auto­mobil, in welchem zwei befreundete Familien von einem Ausfluge zurückkehrten, an einer Bahnkreu­zung von einem Zuge der Grand Trunk-Eisenbahn überrannt Vor» den Insassen des Automobils wur­den neun auf der Stelle getötet. Nur ein drei Mo­nate altes Kind kam, wie durch ein Wunder, mit dem Leben davon; es ist das einzige überlebende Mitglied der beiden Familien.

Amerika in Sachsew

»Ich mechde eene Fghrgarde nach Ameriga."

Nach Ameriga? Also wohl zunächst bis Ham­burg?"

»I wo, nach Ameriga!"

Mann, Sie können doch nicht mit der Bahn direkt nach Amerika fahren. Sie müssen eine Fahr­karte nach Hamburg lösen und von dort eine

einer jeden Verszeile hintereinander: .Wohl ist »hr und auch mir!"

Berühmt ist der .Friedhof der Heimatlosen", der sich auf Hel, auf der früher deutschen Halbinsel Hela, befindet. Die vom Meere ängespülten Leichen vo» den im Smrm auf der See umgekommenen Fischer» werden hier bestatte». un>d einfache Kreuze und Gra^ spräche zieren ihre Gräber. Auf einem ähnliche»» Friedhöfe eines Fischerdorfes am Gestade der Ost­see liegt das Grab eines Fischers, >das folgende In­schrift trägt:

*

Die Ostsee war mein Sterbebette, Punkt 4 war ich dem Tcde nah. Vergebens rief ich: -Rette, rette!" Obwohl man mich ertrinken sah. So schlief ich denn, nicht ohne Pein, So peu a peu int Wasser ein.

- *

Eine unverkennbare Aehnlichkeit diesem Spruch zeigt das Marterl eines Fuhrmanns, das da lautet:

Der Wea zur Ewigkeit

Ift manchmal garnicht weit.

Um 4 Uhr fuhr er fort, Um 5 Uhr war er dort.

Zum Schlüsse fei noch eine Grabinschrift zitiert, die in einem Tiroler Dörfchen zu finden ist. und die man bei aller Originalität als geradezu rührend bezeichnen muß.

Hier liegen begraben.

Vorn Dunder (Donner) erschlagen,

3 Schaf, a Kalb und a Bua,

Herr, geh chnen die ewige Ruha!

Schiffskarte, und außerdem brauchen Sie auch noch Einreise- und sonstige Papiere."

Aber das hadd 'ch doch bisher nich needig, u« 'ch bin doch schon efder in Ameriga gewesen."

Das ist aber dcch ganz unmöglich. Wollen Sie also eine bis Hamburg oder nicht?"

Das gentt Se mer ja nu nich zumuhden nach Hamburg, ich will doch bloß nach Ameriga!"

So geht das Gespräch hin und her, bis ein ande­rer Beamter sich ins Mittel legt Er greift stumm ins Fach und legt eine Karte hin mit den Worten: Amerika in Sachsen bei Penig an der Mulde. Macht 5,60 Mark."

Der Reisende zahlt und zieht endlich befriedigt ab.

Das Schicksal an das neue Zahr:

.Nur keine Angst, dein Vorgänger ba auch dnrch- gehalten!" (Obwohl die Zündschnur schon brennt, aie oen E»h>b'll zur .Explosion- o. inf.cn taun).

lAus der neuesten Nummer des SimpNzissimus.)

Die heutige B'wm-r umfaßt 12 Seiten

Ser'aniroortnd) kür den politischen Teil: Dr. Sollet dehnt: für das Feuilleton: German M Bonau: kur lokalen und Heimatteil: Dr. Hans Foachim G l a b e r: kltr Handel: Dr. Sans San gen berg: für Sportteil: Herbert « veich: Photo-Redakteur: Eduard Schulz» Kessel: für den Anzeigenteil: Konrad Wachsmann. Berliner s-chriftleitunz: Dr. Walter Thum Ber- ltn sffi. 68. Druck und Verlag: Kasseler Neueste Nachrichten (S. m. b H.. Kassel. Kölnische Straße 10.

Heile mit Musik!

Don Dr. Ku

Dr. Kurt Singer, der im Berliner Ooernleben an vorragender S.elle tätig ist und auherbem als ervenaru einen guten Namen besigt, bat u. a. auf nem wissenschaftlichen Gebiete gearbeitet, das bisher wch sehr wenig erschlossen ist. obwohl es für die Oes. rentlichkeit eine Menge Interessantes und Wettvolles bietet. Er hat die Heilwirkungen der Musst untersucht und seine Erfahrungen unserem Mitarbeiter gegen« über etwa folgendermaßen zufammengefatzt

Krankheit ist oft durch Arzneien allein nicht zu heilen, die Wirkung psychologischer Fattoren ist von wesentlicher, ja nicht selten von entscheidender Bedeu­tung für Sie Gesundung eines Kranken. Diese An­schauung ist heute schon Allgemeingut geworden. Aber hat man schon jene psychologischen Heilsaktoren unter­sucht uwd in den Dienst der Menschheit gestellt, die geeignet sind, den Gesundun-svrozeß zu beschleunigen oder ihn ggr erst zu veranlassen? Ich glaube, daß auf diesem Gebiete erst Her Anfang gemacht ist.

Ein solcher He'l'aftor von großer, wesentlicher Be­deutung ist die Musik. Man mutz sie als Arzt unb als Künstler kennen, um ihre Eigenschaften in dieser Rich.una erkennen zu können.

Die Musik ist die Kunst der Affekte, des gesteiger­ten Gefühls, ist selbst gefteigerter und geläuterter Ausdruck Sie wirft auf die meisten Menschen stär­ker als Malerei nwd Plastik. Auch in Itmdien der Angst, der Erregung, der fieberhaften Zustande, ist eS denkbar, Musik. Klang, Töne in den Dienst der Heilkunde zu stellen. Wir wenden diesen Dienst der Heilkunde oft an, ohne es zu ahnen. Mütter singen ahr unruhiges Kiwd in «den Schlaf Die suggestive Straft unferer Stimme, die Modulationsfähigkeit unserer Sprache, die AuSdrucksfärbung unserer Worte sino ungeheure Waffen int Stampf gegen die Erregung, Verzweiflung. Beklemmung. Unruhe. Vielleicht sind Musik und Sprache in ihren Ursprüngen eins gewe- Jen . . Wir nutzen heute die Musik «der Sprache in er Form der Hypnose aus, wir modeln den Klang unseres Redens ie nach der Form unserer auf Be­fehl Nachgeben, Trost. Auftütteln. Energie gestellten ärztlichen Initiative. Wir können durch »en Klang und Ton unserer Stimme Menschen zur Beschaulich­keit 6e8 Nachsinnens, des Grübelns, des sich Vertie­fens zwingen, wir können ihnen den Abglanz einer anderen höheren, werwolleren Welt vorzaubern, wenn ihnen das indische Dasein unlieb geworden ist. Nervöle fliehen gern ans den Krücken der Neurosen in das Land der Krankheit, der M.ßempsindung, »er Umformung physischer Gebrechen in körperlich zutage-

/ Neue Wege der Heilkunde

r t Singer.

tretende Erscheinungen. Sollte es nicht »enlbar fein, den gleichen Unglücklichen durch das Leben »er Musik neue Lebenspläne, neue, ungeahnte Erlebnismüglich- feiten zu verschast-n?

Schon die Griechen schrieben dem HeiEaftor Mulik eine große Wirkung zu. Pla'o stellte drei Arten »er musikalischen Wirkung auf das Einzel-Jndivssduum fest: Sie erzeuge entweder einen Willensalt oder sie un­terdrücke eine Willenshandlung aber schließlich sie schalte jeden Willensvorgang vorübergehend aus, so daß der Mensch willenlos »er musikalischen Wirkung preisgegeben sei. Der Weg, den »ie Griechen ein- schlugen, bestand darin, daß auf den Kranken immer wieder mit bestimmten Klängen und Musikreizen ein» gewirkt wunde Man glaubte, durch diese Methode Wahnideen, besonders solche religiöser Art, heilen zu können.

Ebenso Weitz das alte Testament vom heilenden Wunder der Töne zu reden. Im ersten Buch Jamu- elis, Kavitel 16, heißt eS:Unser Herr (Saul) sage seinen Kranken, »ie vor ihm stehen, datz sie einen Mann suchen, der auf »er Harfe wohl spielen könne, auf daß, wenn Oer böse Geist über »ich kommt, er auf feiner Harfe spiele, daß es besser mit Dir werde." Auch sonst stfd altes wie neues Testament reich an Hinweisen auf die seelische und beseeligende Macht der Musik.

Die Heilkraft »er Musik kann sowohl für »en Mu­sizierenden wie für den Zuhörenden gelten. Ihre Wir­kungen sind psychologischer wie physiologischer Art.

Heber beiderlei Wirkungen nnb zahlreiche Versu­che angestellt worden. Die physiologische Wirkung, di« mit musikalischen Reizen bezw. mit der musikali­schen Empfindung verbunden ist, findet in einer Ver­längerung des Pulses ihren Ausdruck, »ie das An­zeichen für ein Lustgefühl ist. Man hat, um dies fest­zustellen, Taufende von Pulsen untersucht. Die Puls­veränderung hängt zusammen mir Atemveränderun­gen und bewirft eine Besserung »es Allgemeinbefin- »ens. Nach Fkrs wird auch die muskuläre Leistungs­fähigkeit beeinflußt. Die Musik hat eine anspornenüe Wirkung, die am besten ihren Ausdruck in der Musik von Arbeitern, von marschierenden Menschen usw. findet.

Der physiologischen Wirkung entspricht »ie psycholo­gische Wirkung. In der Berliner Charits hat Profes­sor Bruck Versuche gemacht, um sestzustellen, wie Mu­

sik aus Kranke einwirkt. Ein Programm, das aus­schließlich sentimentale, schwermütige, weiche, volle und ernste Kompositionen «durch Benutzung von Cello, Geige, Harfe un>d Orgel enthielt, wirkte auf die Kran­ken sehr deprimierend und rief schwere Erschütterun­gen hervor. Demgegenüber wirken leichte, lustige Me­lodien auiheiternd und führen in außerordentlich starkem Maße eine seelische Beruhigung herbei, Oie stets Voraussetzung eines günstigen KrankheitSver- lauss und einer Heilung ist. Der amerikanische Arzt Dr. Budick versuchte, durch geeignete musikalische Darbietungen die Patienten vor der Operation zu beruhigen. Die Wirkung war, daß die ängstliche und

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gedruckte Stimmung des Kranken tatsächlich abge­lenkt wurde. Um gleich zu Beginn der Narkose beru­higend auf die zu Operierenden einzuwirken, leitete man durch Schläuche Grammophonmusik unmittelbar in die Ohren der Kranken. Die Erfolge waren ausge­zeichnet.

Das ProblemMusik als Heilsaktor" kann in die­sem Rahmen nur angedeutet, nicht erschöpft werden. Vielleicht sind diese Sätze aber geeignet, wenigstens einen Begriff zu geben von der medizinischen Bedeu­tung dieses Problems, dessen WeiterentwiÄung in Zukunft für die medizinische Wissenschaft sicherlich noch überraschende Ergebnisse zeitigen wird.

Legal macht Karriere!

Nachfolger JeßnerS am Staatstheater Berlin.

Ernst Legal erhielt vom preußischen Kultusmini­sterium etnen mehrjährigen Kontrakt, der ihn end- gUl ig zum Intendanten der Staatlichen Schauspiele »n Berlin bestellt. Ein Jahr lang bat Legal das Amt interimistisch verwaltet und daneben noch als geschäftlicher Direktor die Kroll-Oper geleitet. Jetzt soll er seine Kräfte allein auf die Staatsschauspiele konzentrieren.

Legal war vor vielen Jahren eine schauspielerische Stütze des berliner Schiller-Theaters und gehörte später als Schauspieler dem Staatlichen Schauspiel­haus an. Roch während seiner künstlerischen Aktivi­tät wurde er zu mancherlei verwaltungstechnischen Geschäften herangezogen. Er kam als Beamter des preußischen Staats auf den Kasseler Intendanten- posten, der nach dem Kriege eine Art Durcbgangsstation für die Intendanzen der preußischen Staatstbeater geworden ist «Siehe auch Paul Setter!). Dann hatte er die Kroll-Oper finanziell zu sanieren und beson­ders auf die reduzierten Staatssubventionen umzu­stellen. Er genoß den Rus eines sparsamen Thea- terpraftikers, und wenn ihm jetzt die Leitung der Staatlichen Scyauspiele definitiv übertragen wird, so verdankt er diese Befestigung feiner Stellung in erster Linie dem Versprechen, sorgsältigst der pre­kären Finanzlage des Landes Preußen Rechnung zu tragen Legals Anstellung bedarf noch der Zust m- ntung des zurzeit verreisten Kultusministers Dr. Grimme, an der aber nicht zu zweifeln ist.

Schallplatte«

Tschaikowskys Vierte und anderes. Auf Odeon ist Tschaikowskys vierte Symphonie erschienen, jenes Werk, das nach dem Weftersolg seiner 5. und 6.

Symphonie im Konzertleben sich stark in den Vor- dergrund drängte, wohl nicht zuletzt durch das crigi- nelle Pizzicaio-Scherro des dritten Satzes, ein lie­benswürdiges Kuriosum der Orchesterliteratur. In der ftistallklaren Wiedergabe durch das berühmte Amsterdamer Konzertgebouw-Orchester unter Willem Mengelberg tritt vor allem der zweite Satz hervor, ein slawisches Idyll von eigenartigsten Reizen und eine der feinsten Erfindungen Tschaikowskys über­haupt. An großen Aufnahmen der Lindström- Marken sind noch zu nennen: Richard Strauß' sym­phonische DichtungTod und Verklärung" (auf drei Parlophonplatten), Mozarts Serenade für 13 Blas- inftrumen e (cP. 361) und, auf neun Columbia- platten, der gesamteBajazzo", aufgeführt von her­vorragenden Solisten, Chor und Orchester der Mai­länder Scala; schon Einzelplatten dieser Serie ver­mögen einen vollkommenen Beariff italienischer Overnkunst zu geben. Einen hochwertigen Klang­körper stellt Columbia in dem Orchester des Kgl. Konservatoriums in Brüssel vor, das unter Desauws anseuernder Leitung den erregenden Mephisto-Wal­zer von Liszt und die zart malende Einleitungs­musik zu d'JndysFervaal" spielt. Der durch den Tonfilm schnell berühmt gewordene vclnische Tenor Jan Kiepura ist auf Odeon und Parlopbon mit Arien aus Rigoletto und Tosca zu hören. Wenn sich das erstaunlich gute Material dieser jungen Tenorstimme günstig auswirkt, kann Kiepura in die erste Reihe der internationalen Tenöre treten. Tie geistvolle Paraphrase über Themen von Johann StraußWiener Carneval" von Prof. M Rosen­thal spritzig vorgetragen, wird allgemein gefallen. Die neuesten Tanze vermitteln die bekannten Orche- ster Tajos Bela, Dobbri, Edith Lorand, Bernabas von Geczy m»d Casa Soma. E ne hübsche Kabarett- platte zum Schluß: die witzige Irene Ambrus trägt das frivole Liedchen vor» den besseren älteren Her­ren ein wenig a la Marlene Dietrich vor. V.