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bisher sich noch nie mit ihnen befaßt Hal) finden eine | Stütze und eine Waffe immer wieder in dem Revi­sion s a r 11! e l 19 ver Völkerbundssatzuna und werden zu einem großen Teil auch stets im Völker­bund erhoben und vorbereitet werden müssen. Ge­rade zur Vorbereitung der Oeffentlich- k e i t der Welt aus die Reoisionsforderungen Deutsch­lands ist der Völkerbund das gegebene Sprachrohr. Wenn heute schon die Argumente Deutschlands gegen die einseitige Abrüstung von Ver­sailles in der Welt Gehör finden, so ist das im we­sentlichen doch mit aus die Darlegungen und Erklä­rungen der deutschen Delegation bei den Genfer Ab­rüstungsverhandlungen zurückzuführen Es wird auch einmal die Stunde kommen, wo man über den wirt­schaftlichen Widersinn der Reparationen im Völker­bund sprechen muß. Vielleicht geschieht das bei den Europaverhandlungen, vielleicht in den europäischen Wirtschaftsverhandlungen wo ja jetzt schon die ge­schickte Ausnutzung des deutschen Einflusses durch die Wirtschaftsvertreter den Weg zu Verhandlungen vor­bereitet Hal, di«, wenn auch keinen Erfolg für den Völkerbund, so doch wertvolle Aussichten für die Be­ziehungen der deutschen Wirtschaft zu den Donau- staalen bringen. Der Völkerbund ist, international gesehen, zweifellos ein schlechtes Instrument. Wer auch mit einem schlechten Instrument lassen sich T«il-

. erfolge erringen.

wenn man es geschickt benutzt. Auch das Instrument selbst läßt sich verbessern. Die Völkerbundssatzung ist ebensowenig unabänderlich und ewig wie alle an­deren Verträge. Wenn-sie Deutschlands Ueberzeu- gung von einem wahren Völkerbund nicht entspricht, wenn sie seine Erwartungen aus die gleichberechtigte Zusammenarbeit aller Nationen nicht erfüllt, so hat das Reich jederzeit die Möglichkeit, solange es Mtt- glicd des Bundes ist. den Völkcrbundsbau

von innen her zu erneuern und umzugeftal­ten. Vernichten Die Mißernten des Völkerbundes wirklich alle Hoffnungen darauf, daß der Boden nach zähem und unerschütterlichem Ringen nicht doch noch einmal auch für Deutschland gute Früchte trage» wird? - i

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, Oie Frucht der Gerechtigkeit*

Eine WeihnachtSansprache des Papstes.

Stadt des Vatikans, 27. Dezember.

Der Papst empfing Mittwoch die Kardinale, bie ihm ihre Glückwünsche zum Weihnachtsseste ausjpra- chen. In seiner Erwiderung wies der Papst bei Be­handlung des Problems des inneren und äußeren Friedens auf den schwere Jrrmm hi», der darin be­stehe zu glauben, daß wahrer und dauerhaster Friede zwischen den Menschen herrschen könne, solange diese ihre wichtigsten Bestrebungen zu allererst auf die ma­teriellen und irdischen Güter richten. Der Friede müsse nach einem Wort das Propheten JesaiaS die Frucht der Gerechtigkeit sein und gehöre, wie der Heilige Thomas ergänze, eher in das Gebiet der Caritas als der Gerechtigkeit. Wenn die Erhaltung des inneren Friedens bet den sozialen Gegensätzen schwer sei, so fei ein dauernder Friede zwischen den Völkern und Staaten noch schwerre, wenn nicht gar unmöglich, solange an Stelle der wahren und ur­sprünglichen Vaterlandsliebe ein egoistischer und har­ter Nationalismus vorherrsche, der anstelle des gegen- fettigen Wunsches nach Wohlergehen Haß und Neid setze und den Ehrgeiz nach Hegemonie und Vorherr­schast anstelle der Wahrung und des Schutzes der Rechte aller.

Ruhige Festtage

Auch die kommunistische« Demonstrationen verlaufe« ohne wesentliche Zwischenfälle

th. Berlin, 27. Dezember.

Die Weihnachisfeieriage sind in diesem Jahre in Berlin in vollkommener Stille verlaufen. Da der Reichskanzler und mehrere Mitglieder des Reichs- tabinetts sowie der preußischen Regierung sich im Weihnach «urlaub außerhalb Berlins befinden, sind politis h keinerlei Ereignisse zu verzeich­nen. Dieser Zustand der vollkommenen politischen Stille dürste auch für die nächsten Tage wahrschein­lich noch archalten. In diesem Jahre fehlt erfreu­licherweise auch zum erstenmale das einzige politische Ereignis, welches sonst in die Weihnachtspause zu fallen pflegt, nämlich die Veröffentlichung des Jah­resberichtes, den der frühere Reparationsagent Par­ker Gilbert Jahr für Jahr verfaßte und aus dem uns jedesmal die Tatsache der fremden Kontrolle schmerzlich vor Augen geführt wurde.

Die Demonstrationen, bie von bett Kommuni­sten in Berlin und in manchen anberen Stäbten des Reiches besonders für den Weihnachtsabend angekündigt waren, haben im allgemeinen keinen großen Umfang angenommen.

Ueberall ist es bei Polizei gelungen, die kommu­nistischen Ansammlungen ohne große Mühe zu zer­streuen. Auch aus dem Reiche liegen eine Reihe von Meldungen vor. wonach Ruhestörungen grö­ßeren Stil«s überall bermieden werden konnten. Nur in Weimar ereigneten sich Zusammen­stöße. Dort haben die Kommunisten versucht, die öffentlichen Weihnachtsfeiern der Kirchengememde Weimar, die am Museumsplatz stattfinden, zu ftöiL» und dabei ist es wiederholt zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. 5 Polizeibeamte wurden tm Handgemenge verletzt. 7 Verhaftungen wurden vor­genommen.

Sin Zwischenfall im Berliner Dom

Von politischen Vorgängen, bie sich während der Weihnachtsfeierliage abgespielt haben, ist ein Zwi­schenfall int Berliner Dom hervorzuheben. Kurz vor Beginn des Vormittagsgottesdienstes am ersten Feiertage bemerkte man einen Mann, der in großer Nervosität am Eingang des Domes umberlief. Schließlich setzte er sich in unmittelbarer Nahe des Altars nieder. Kur, vor Beginn des Gottesdienstes sprang der Mann auf. ging zum Altar und rief mit lauter Stimme: »Ich bin em Abgesandter Gottes! Mein Haus ist ein Bechaus, ihr habt es zu einer Mördergrube gemacht*. Mit biefen Worten riß er

einen der beiben Weihnachtsbäume um, die neben dem Mar stehe». Einige Kirchendiener imb Ktv- chenbesucher nahmen ben Mann, bet zunächst hef­tigen SBibeiftanb leistet« und um sich fchlug. fest. Man konnte ihn aber überwältigen und draußen bat Polizei übergeben. Es handelt sich um einen Ost­preußen, der nach Berlin zugewandert ift und der hier predigen wollte. Lr gehört einer Sekte an.

Mit oder ohne die Nationalsozialisten?

Berlin, 27. Dezember.

DieD. A. Z.* hat einigen bekannte» Persönlich­keiten die Frage vorgelegt, ob sie eine Beteiligung der Nationalsozialisten an der Regierungsverantwortung für wünschenswert hielten. Darauf antwortete Gene­raloberst v o n S e e ck t M. d. R. mit einem uneinge­schränkten Ja. ,> möchte dieses Ja", so schreibt Seeckt weiter,nicht im engen parteipolitischen und parlamentarischen Sinn verstanden wissen; denn ganz abgesehen davon, ob die Partei gleich stark bleibt, sich an Zahl und Kraft vermindert oder verdoppelt das, was in dieser Bewegung den echte» Kern bildet, das nationale Empfinden, der Wehrwille, das soziale Ver­ständnis, alles getragen von einem jugendlichen, re- sormbestrebten Auftrieb, all diese Elemente sind ein notwendiger Bestandteil der Regierung der Zukunft.*

Di. Hjalmar Schacht beantwortet die Frage mit einem Zitat aus einer feiner Reden:Wenn es un­möglich ist, gegen bie Sozialbemokratie zu regieren, bann ist es auch nicht möglich, gegen bie ebenso starke extreme Rechte zu regieren, bte am 14. September durchaus nicht für Hitlers Wirtschaftsprogramm ge­stimmt, sondern nur ihrem Lebnswillen Ausdruck ge­geben und so dem Ausland hat bekunden wollen, daß sie nicht eine zugrunde gehende Nation werden wollte.*

Der Deutschnationale Abg. V.Oldenburg-Ia- n u s ch a u faßt feine Ansicht in bie WorteLiebr Frick als Wirth* zusammen, währenb Universitätsprofeffor Schüßler-Restock glaubt, baß es heute noch z» früh für eine Regierungsbeteiligung ber Nationalso­zialisten fei, weil es Im Fall eines Fehlschlages bet Hitlerbewegung keineAusnahmestellungen* gäbe,um die zerrütteten Massen zu sammeln und sie baut lauernben Bolschewismus zu entreißen.

Dr. Eduard David -fr. Der langjährige sozial­demokratische Abgeordnete und ehemalige Reichs­minister des Innern Dr. Eduard David ist t Zehlendorf gestorben.

' Sekte 2

Kasseler Treueste Nachrichten

Waltungen der Verteilung der veraniwortlichsten Po­sten unter Mohammedanern u. Hindus, der Machtbe­fugnisse der Bunbesregierung. ber vorgefchlagenen zwei Kammern uf». sinb noch ungelöst. Sollte es in der Tat möglich fein, alle mit biefen Fragen berbun denen Schwierigkeiten zu überwinden, fo bleibt letz­ten Endes immer noch die Frage unbeantwortet: Welche Halmna wird das indische Volk zu der neuen Verfaffung einnehmen?

Von einer wesentlichen Besserung der Lage in Indien kann überdies ebenfalls nicht die Rebe sein. Es bebarf nur eines geringen Funkens, um ben Brand in Indien wieder anzufachen. Die Rede» Curckills. Lord Lloyds und anderer englischer Diehards sind keineswegs dazu angetan, ben Geist bcs Wiberstan-

bes. des Hasses gegen England zu besänftige». Es muß als Utopie betrachtet werden, den Einfluß des allindischen Kongresses und Ghan- bis auf baS inbifche Volk mit brutaler Gewalt vernichten zu wollen. Im Gegenteil, je schär­fer bie Repressalie» bet englischen Regierung in In­dien werden je größer wirb die Mach, unb ber Ein­fluß bes Kongresses, denn die Sache der indischen Kongresses ist keine Parteiangelegenheit, sie ift bie Sache des ganzen indische» Volkes. gleichgültig, ob reich ober arm.

Im Augenblick ist bas inbische Problem noch baS große Rätsel, besten Lösung England vorzuneh­men hat. Cb bieS mit ber Rounb Tabl« Konferenz geschehen wird, kann einzig unb allein bie Zelt lehren.

Genfs passive Bilanz

Genf, Enbe Dezember.

Das Iahresergebnis bes Völkerbunbes zeigt das gleiche Bild wie die gesamte internationale Politik: überall Verwirrung und Rückschritt. Wie die Regierungen, bie ben Bund bilden, außerhalb der Mauern GenfS handeln, so han­deln sie auch im Völkerbund, und deshalb müssen sich notwendigerweise im Getriebe bes Bunbes alle Rei­bungen unb Spannungen fühlbar machen, bie In ben weltpolitischen Geschehnisse» auftreten. In manchen Fragen sind sogar die Genfer Farben des Bildes noch schärfer und stärker, weil die eigenartige Ge­stalt und Arbeitsweise des Bundes die zerstreuten politischen Vorgänge wie in einem Brennspiegel zu­sammenfaßt und zusammenbrängt. Der

niederschmetternde Mißerfolg der Abrüftungsver- handlungen

nach zehn Jahren nutzlosen Geredes, bie mit ber Le­galisierung oer Aufrüstung enbeten. steht auf ber lan­gen Liste ber Fehlschläge bes abgelausenen Jahres obenan. Die Konferenz wirb kaum etwas an diesem Mitzergebnis ändern. Die Warnungen Im Vorberei­tenden Abrüstungsausschuß durch ben Präsidenten Loudon und den amerikanischen Vertreter Gibson sind nur zu berechtigt: Es wird auch auf der Konferenz nicht mehr als eine Rüstungsstabilisierung heraus- konnnen, und das wirb ber Welt wenig nutzen, denn bann bleiben bie Riefenrüstungen, wie sie heute schon bestehen unb immer noch geschaffen werben, nnver- änbert bie gleichen.

Fehlschläge waren bet Tätigkeit des Völkerbundes auch aus bem Gebiet ber Wirtschaft beschert. Der Völletbunb ist feil 1927 von bet Forderung nach all­gemeinem Freihandel Schritt um Schritt auf bie Empfehlung zweiseitiger Handelsvertragsverhand­lungen, also bis zur Anerkennung des heute praktisch bestehenden handelspolitischen Zustandes zutückge- wichen. Damit sind ihm auch seine Pläne auf Bil­dung eines großen innetentopäischen Mark­tes fast fchon unter den Fingern zerronnen. Das Versagen in ber Minberheitenpolitik, bas Scheitern ber Rechtskobifizierung, bet Bestrebungen ber geistigen Zusammenarbeit, zur Anpassung von Kellogg- unb Völkerbunbspakt, zur Neuordnung bei internationalen Gerichtshofes, bie Unmöglichkeit, den polnisch-litauischen Konflikt enblich zu lösen, alles bas sinb

Kreuze auf ben Gräber» gescheiterter, ach so beschei­dener Hoffnungen.

Es geht nicht an. dein Völkerbund die Verant­wortung für biefe Mißerfolge mit bet bequemen Finte abzunehmen, schuld an allem Rückschritt seien allein bie Regierungen. Regierungen unb Völker­bund sind identisch und beide tragen die gleiche Ver­antwortung. Gerade wer den Völkerbund besser, wirksamer, nützlicher, aktiver will, wird zugeben müs­sen, daß im abgelaufenen Jahre die Regierungen tn der heule bestehenden Völkerbundsform interna tonaler Zusammenarbeit nickt weiter gekommen und daß Er­folge wohl nur zu erzielen sind, wenn Form, Inhalt und Geist der Zufammenarbeit, vor allem der Völker­bund felbst geändert werden. Solange das stetltch nicht geschehen ist, wird man vom Völkerbund nicht verlangen können, daß et übet seinen eigenen Schat­ten springt. ,

Das vollständige Versagen des Völkerbundes auf allen wichtigen Gebieten hat

in Deutschland den Rus nachAustritt" laut werden lasse».

Es ist verständlich, daß bie CeffentfWeit durch Er- folge in ber Ausdehnung ber Hvgiencarbeit ober ber Lransitregelung des Bundes unbefriebigt ift. weil sie deutlich spürt, daß diese Fragen nicht das Wesen des

Bundes ausmachen können. ES ist ebenso verständ­lich, daß sie nach irgend einer Form des Protestes sucht gegen die Unzulänglichkeil und den schlechtes Willen des Völkerbundes und vieler seiner Mitglie­der in ben entschetbenden Problemen. Aber ist der Austritt wirklich bie einzige Möglichkeit biefen Pro­test zu erheben?

Politik läßt sich nicht mit einmalige» Demonstra­tionen machen. Die täglichen Kleinigkeiten, aus bene» sich bas politifche wie bas menschliche Dasein über­haupt zusammenfetzt, kämen dabei zu kurz. Unb ge­rade für Deutschland stehen im Völkerbund eine Un­masse solcher .täglichen Kleinigkeiten* aus bem Spiel.

Set Deutschlands Austritt würbe ber Völkerbund, was er vor bem Eintritt war unb heute noch größtenteils ist: ein politisches Instru­ment gegen D e u t f ch 1 a n d. Er würbe wieder zu der reinen gegen Deutschland gerichteten Nachlaß- Verwaltung des KriegSerbeS. Der Völkerbund ist das vergißt man zu leicht nicht nur bie große Tri­büne, auf ber jeder Staat vor der Welt zu Worte komme» kann, nicht nur ein günstiger Treffpunkt für Außenminister, nicht nur die Arena, in ber um die Problematik ftnd bie Entwicklung internationaler Be­ziehungen gerungen wird, ober bie Schlüsselstellung zu bem auch bie beutfche Rheingrenze sichernden Lo- carnobertrag. Der Bund hat für Deutfchlanb noch eine viel größere unmittelbare Bedeutung: Er verwaltet das deutsche Strandgut, das der Versailler Vertrag aus dem großen Zusammenbruch an die Ufer

gespült hat.

Die Inv-'ttgaiion, biefer Wurmforifatz ber inter­nationalen Militärkontrollkommifsion steht unter fei­ner Obhut. Er ist bas Aktionsfeld für eine tatkräf­tige Minberheitenpolitik; er ist Schutzherr ber Freien Stadt Danzig, dieses vom Reich losgerissenen Stücks deutschen Volkstums; er kontrolliert bie beutschen Ko­lonien, bie man heute Manbate nennt; er beaufsich­tigt bie Verwaltung unserer internationalisierten deutschen Ströme, ber Elbe, ber Oder, des Rheins; er führt bte Verwaltung bes Saargebietes und wird über bie Volksabstimmung zu entscheiden haben.

Seit Gründung de« Völkerbundes sind es immer wieder diese Fragen, die das deutsche Volk, seine» Besitz, seine Interesse» und seine Existenz angehen, bie am RatStisch unb in ber Vollversammlung zur Verhandlung kommen. In ben ersten Jahren hat ber Völkerbunb stets gegen Deutschland entschieden. Ma» braucht nur an bie oberschlesische Grcnzenischeibung zu benlen, um sich daran zu erinnern, wie es vor bem Eintritt Deutschlands war. In ben nächsten Monaten geht es wieder um eine Lebensfrage ber oberschlesischen Deutschen, in ben nächsten Jahre» um bas Schicksal bes deutschen Saarvolkes, um die Eri- stenz ber Freien Stabt Danzig. In all biefen Fra­gen mag ber beutsche Einfluß im Völkerbunb zu ge­ring fein. Durch ben Austritt wirb er nicht größer. Dagegen kann bie Bedeutung des Mitsprachrechts ge­hoben werden, wenn Deutschland feinen Standpunkt in allen biefen Dinge» mit dem notwendigen Ernst, Nachdruck und Geschick innerhalb des Völkerbundes auf ber Grundlage feiner vollen Gleichberechtigung vertritt.

DaS Kampffeld in Gens räumen hieße bie Schlacht abbrechen in einem Augenblick, wo sie bei unermüd­lichen Bemühungen Deutfchland wenigstens einen taktifchen Sieg verspricht.

Wie foll man sich denn eineRevisionspoli- t ik*. über bie sich bie brutschen Parteien boch alle einig sind, ohne Völkerbund vorstellen? Die friedliche Durchkümpsung der Revisionsforderungen, bte Abän­derung ber unantoenbbar unb untragbar geworbe­nen Verträge und Vertragsbestimmungen über bte Abrüstung, bie unglücklichen Grenzen unb schließlich auch die Reparationen (auch wenn ber Völkerbund

Sonnabend Sonntag. 27.128. Dezember 1930

Ermanno Wolf-Ferrari:Die vier Grobiane"

Erstaufführung im Kasseler Staatstheater.

ulan kann sehr darüber streiten, ob es klug war, dieses vor 23 Jahren komponierte Werk ausgerechnet nach bei viel jüngeren, heutigeren, aufwühlenden TragikomöbieSly" herauszubringen. DieGro­biane" haben sicherlich zu ihrer Zeit eine Mission er­füllt. Die Parole hieß damals, weg von Wagner, weg von ben schweren Motiven, fort mit Hübet» palhos: Es lebe bie Mozart-Renaissance! Vor 20 Jahren hat Wolf-Ferrari ber staunenden Mitwelt ge­zeigt, daß Duette, Terzette, ja Quintette auf der Bühne noch ober wieder möglich sind, daß ber Tanz, bas Menuett, die Gavotte auf ben roeltbebeutenben Brettern eine Stätte haben, daß die Schilderung der kleinen Freuden unb Leiben uns ebenso rühren fön» nen, wie die Tragödie vorgeschichtlicher Helden. Was damals neu schien, ist heute Binsenwahrheit.

In vielem hat Wolf-Ferrari Recht, aber in dem einen Wesentlichen irrte er doch: daß nämlich ohne dramatische Entwicklung auf die Dauer aufX bet Bühne Wirkung nicht zu erzielen ist. Man vergleiche einmal das innere und äußere Geschehen in Mozarts leichtester LustspieloperCofi fan tutte" mit bem ber Grobiane" unb man wirb den Unterschied Har er­kennen, den» ber Inhalt bieses zweistündigen Werkes ist in drei Zeilen niederzulegen: Vier grobe Kerle, bie ihre Frauen btangfalieren, Darunter ein böser Vater, der die Tochter zur Ehe zwingen will uno als er merkt, daß ber künftige Schwiegersohn der Tochter ge­fällt bie Heirat verhinbetn will, nut weil bas Töchterchen nicht bie Borstellung des Zukünftigen durch ben Vater abgemattet hat; dies und das Enbe, wie bie vier Männer von ein paar listigen Frauen besiegt werden, ist der kümmerliche Inhalt dieses Stückchens.

Ein paar Worte zur Musik: Man muß vor so viel Können, vor so viel Geschmack und vor so starkem sel­tenen Farbensinn großen Respekt haben. Man freut sich der Delikatesse, mit bet Wolf-Ferrari musiziert; aber man wird doch nicht ganz froh denn es fehlt die­ser Musik der geniale Funke; oft tauscht ein spritziges kleines Tänzchen über bie musikalische Leere; aber all zu bald muß auch der gutwillige Höret inne werben, baß das, was der Komponist zu sagen hat, zu Dünn, zu wenig ist, um zu fesseln. Ich giaube, baß Wolf-Fer- rari das selbst erkannte, als er DenSly" schrieb.

Vor ber Aufführung: allen Respekt. Das war ein­mal eine wirkliche Tat. Vor allen Dingen der Büh­

nenbildner Lothar Schenk von Trapp verdient um seiner köstlichen Szenenbilber den warnten Dank des Publikums. Es war nichts Ernsthaftes auf der Bühne. Der köstliche Antiquitätenladen des ersten Bildes, die Terrasse des zweiten und das Gesellschafts­zimmer des dritten Bildes waren mit Einfällen so vollgestopft, daß man all;in durch Hinsehen zum Lachen gereizt wurde (während bas Hören doch manch­mal einschläfernde Wirkung batte, woran, nota bene, nicht die Aufführung bie Schuld trug).

Der szenische Leiter, Hanns Friederici, hakt« mit dem Bühnenbildner Hand in Hand gearbeitet, alles auf die Groteske g stellt unb versucht, durch sausen­den, puppenspielmätzigen Ablauf bes Spieles für gute Unterhaltung zu sorgen. Daß zwilchen bet grotesken Bühne und der Musik, die ganz Kammermusik sein will, eine unüberbrückbare Discrepanz herrschte, ist niemanben, den Leitern brr Aufführung wohl zuletzt, entgangen. Aber gleichwohl muß man ihnen Recht geben, denn würbe man dieGrobiane" in bem alten Stil gegeben haben, wie etwa vor Jahren dieNeu­gierigen Frauen", so würben auch bieGrobiane" schnell in bet Versenkung verschwinden unb bas wäre schade um die viele Mühe. Maurice de Abravanel rnusizictte seht vornehm und hatte vor ollen Dingen für äußerste Flüssigkeit auch des musikalischen Stils

Kunst und Wissenschaft

Geheimrat Rehmke gestorben. Nach kurzem Leiden ist in Marburg bet Nestor bet brutschen Philosophie, Ge­heimrat Prof. Dr. Johannes Rehmke, im Alter von 84 Jahre» gestorben.

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Ein Preisausschreiben und seine Hintergründe. Kürzlich durchlief die Tagespresse die Mitteilung von einem internationalen Wettbewerb, wobei das schönst« Lied unb bie schönste Stimme aller eure» päischen Länder preisgekrönt werben sollten. Der Ur­heber dieses Preisausschreibens sollte ber Präsident des französischen StickstoffsyndikatS gewesen sei». Wie wir nun an Hand eingefanbter Unterlagen er­sehe», handelt es sich bei diesem unter dem Titel

für fabelhaftes Zusammengehen zwischen Solisten unb Orchester gesorgt.

Bon den Solisten verdient an erster Stelle der Gast des Abends, ber grobe Vater Lunardo, der Bassist Theo Herrmann vom Landcstheater in Darm­stadt, erwähnt zu werben. Herrmann ist ein ganz erst­klassiger Spielbaß, der eine wunderschöne leichte Stimme fein eigen nennt unb sie mit Vornehmheit verwendet. Sein Spiel, insbesondere fein großartiges Mienenspiel, verdient besondere Erwähnung. Von den hiesigen Künstlern schoß Hilde Oldenburg als Führerin des«Frauenkomplottes den Vogel ab. Die Künstlerin mar so recht in ihrem Element, sich bl cn- dend aus und gab sowohl im Spiel wie in lichtesten Koloraturen feit langer Zeit wieder einmal Zeugnis davon, daß sie auch tn der Oper ihreFrau" stellen kann. Vortrefflich wat Sofie Brandftiitter als jugendliche Tante. Es ist sehr erfreulich, die Wand­lungsfähigkeit dieser ausgezeichneten Künstlerin fest­stellen zu dürfen. Fritz Hintz-Fabricius gab einen zum Schreien komischen gehörnten Ehemann, Eugen Schürer prächtig einen trotteligen Gecken, Max Oßwald war als schüchterner Liebhaber unüber­trefflich. wogegen Alice Ritter-Wunsch als seine an­gebetete Lucictta sich nut schwer in ben Stil des Ganzen einfügen wollte. Alfred Borchardt und Georg Buttlar waren echte Grobiane. Maria Barth zeigte als Frau des Lunardo viel Spiel­talent und eine hübsche Stimme.

Der Beifall war nicht gerade überwältigend, immerhin konnten sich die Hauptpersonen und am Schluß auch bie Leiter bet Aufführung mehrfach dan­kend verneigen. Dr. P.

Lied bet Nationen* fegelnben Wettbewerb um eine sehr einbeutige geschäftliche Mache. Die nicht berück­sichtigten Einsender von Komposttione» erhalten von einem Musikverlag namens .Edition Ernesto*, Ber­lin, eine gedruckte Aufforderung, bie Komposition dem Verlag zu übergeben. Es heißt da wörtlich: .Sie hätten bloß (bloß! !) die Herstellungskosten zu bezahlen, welche durch die aus ber Verwertung einlaufenben Beträge ja toiebet gedeckt werden, bie anberen Kosten, besonders (besonders!!) für Pro­paganda würden wir vorftrecken*. Hoffentlich gibt es nicht allzu viele Dumme, die aus diesen Gesckäfts- tritf hineinfallen. Es wäre angebracht, diesem famo- fen Musikverlag Ernesto einmal ein wenig auf die Finger zu sehe».

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Musik und Politik. Eine Berliner Zeitung veran­staltete eine Rundfrage zu dem Thema »Darf die

Musik politisieren?* Während für Bruno Walter bie Tendenz etwas .Penetrantes* hat mit Aus­nahme derjenige» Fälle, in bene» unkünstlerische Prinzipien .von einem Genie verwanbr werden*, behauptet Kurt Weill, der Dreigroschen-Komponist, daß Musik sich heuteweniger denn je der Politik entzrehen* dürfe, unb das .Vermögen ber Kunst auch politische Ibee» des Tages in einen Rahmen ZU fassen, sie zu konzentrieren unb aufzubewahren, scheint mir ihre schönste Stärke* (I!) Als Beispiel führte er u a. die .imperialistische Weltanschauung in WagnersRing* an. Weill ist ein Beweis bafür, wie weit die musikpolitische Verirrung unb Verwir­rung schon fortgeschritten ist. Der Direktor ber Ber­liner Llnben-Oper. Franz Ludwig Hoerth, ist ba- gegen ber Meinung, daß sich di« Opernbühne nie­mals zu polittscher Propaganda hergeben darf. .Ter Uebergang vom Zeitalter zur Zeitoper erscheint mir weder möglich noch wünschenswert. Unb selbst Ar- nolb Schönberg ist ber Meinung, baß sichweniger zeitgebunbene Stoffe besser zur Vertonung eignen, als Dinge des Tages unb der Stunde.*

Mickikalifcher Lokalpntriotismus. Es gehört zu de» Unsitten unserer thiltur, jedes musikalische Ereignis größeren Stils in ben Dienst des Kunstgewerbes zu stellen. Was gab es nicht alles für nützliche und un­nütze Gegenstände zur Zeit bes Schubert-Festes n Wien, bie unter dem Reklameschild Schuberts ein kauflustiges Publikum sanden! Richt viel anders >st eS in Bavteuth. Ein Plakat auf dem Festhügel wirbt für ben Kauf von:Gral mit Purpurglas unb Me« tallfuß, einzig richtige Form: Rittermantelstoffen, Ritterbechern, Brotkörben, Gralkannen, Gral als Vorstecknadel Parsivalbrosche. Neben biversen Nen- igkeiten*. Das ist ein Lokalpatriotismus, dessen Auswüchse es zu bekämpfen gilt, da sie der Kunst selbst keinesfalls zum Vorteil gereichen. Genügt nicht ber feelifche Erinnerungswert? Muß man immer unb unter allen Umständen materielle Anbenken in hanbgreiflichster Form mit nach Hause tragen?k

® ie «roß« SÜ6«. 6iit Vst-Sfrika-Roman von Wilhelm Rothhaupt. Verla«Belfermübr, Wels, (rin ergreifendes Lied der Treue von jener Wucht, wie sie t'roa nur Dahn's Schilderung der Gotenschlacht kennt, «her daS. was Rothhauvt schildert, geht-uns näher an: es ift das verlorene, doch nicht vergessene Deusch-Lstafrika und der Seldenkamvf der Zkolonialvioniere und ihrer schwarzen Askaris. Und zugleich klingt durch alle Tchi'derung jener SSmvse das Hobe Lied ber Menschlichkeit und tiefen Bev- stebenS. RichtS wird beschönigt, aber auch müde Resigna­tion bleibt fern. Prachtvoll ist die Landschaft gelegen ebenso wie die Seele de« schwarzen Mannes. So wird es zu einem Buch der Sehnsucht, die auch uns ergreift, nach jenem verlorenen Paradies. gu