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Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
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Hummer 300«
Dienstag» 23. Dezember 1930
20. Jahrgang
Deutschland verzichtet aus den Mtsvorsih
Dr. Evrtius will sich im Januar nicht mit -en Geschäften -es ^orsihen-en belasten / Rußlands Kampf gegen -ie Religion
Größere Ellbogenfreiheit!
lEtgene Drahtmeldung.)
wurden bereits zwei Reichsdeutsche, polnischer
Na.
Die Weltpoliiik an der Jahreswende
bin Fahr von starker Politischer Bewegtheit.
Frankreich und Italien
und sozialen Unsere Zeit Uebergangs nirgends je
besetzt werden müssen. Durch den plötzlichen Tod des Gesandten R a u s ch e r in Warschau ist diese Notwendigkeit noch zwingender geworden, denn jetzt sind die
ein Fahr. das von wirtschaftlichen Nöten erfüllt war, geht zu Ende, zeigt deutlich alle Merkmale einer Periode: Neues drängt nach vorn.
trauen der Franzosen weiter verschärft, so mußte die Reaktion auf dte Reden deutscher Mancher, in denen die Forderungen Deutschlands an das neue Europa angemeloet wurden, mußten die Gegenerklärungen des französische» Ministerpräsidenten und Außen m irrster s, die von der Kammeriribüne herab den Wünschen Deutschlands in mehr oder weniger großer Verständnislosigkeit ein schroffes oder verklausuliertes Nein entgegensetzten, geradezu niederschmetternd wirken!
Verständnislosigkeit, das ist es, woraus alle deutschen R evisi o n s w ünsche, mögen sie sich nun aus don Versailler Vertrag oder auf den Voungplan beziehen, in Frankreich bisher gestoßen sind und in nächster Zukunft stoßen werden. Das konserva ive, von der Not der Zeit noch kaum berührte Frankreich steht der vorwärtsdrängenden Dynamik Deutschlands mit größter Beunruhigung gegenüber, klammert sich in ängstlicher Zorge um die Früchte seines „Sieges" verzweifelt an den Buchstaben der Verträge und spricht entweder Deutschland jedes Recht auf eine Erleichterung der durch den Kriög ihm auserlegten territorialen und finanziellen Lasten ab oder sucht ihm die völlige Nutzlosigkeit seiner Bemühungen klar zu machen, wobei es insbesondere seinen Entschluß bekundet, die im Artikel 19 des Völkerbund-Paktes vorgeschriebene Einstimmigkeit in aller Ewigkeit zu verhindern. — Noch schlimmer liegen die Dinge zwischen
Sicherheit und Frieden sei. Die alliierten Mächte seien vertraglich verpflichtet, ihrerseits auch abzurüsten. Er glaube, daß man der Zukunft hoffnungsvoll entgegensehen könne und er sei überzeugt, daß die Abrüstungskonferenz, in ein oder zwei Jahren zusammentreten werde. In Europa bestehe keine Kriegsgefahr, ebensowenig wie der Ausgang der deutschen Wahlen die Möglichkeit eines Konfliktes schaffe.
Diplomatisches Revirement
th. Berlin, 23. Dezember
In der deutschen Diplomatie steht schon seit längerer Zeit eine Reihe Veränderungen bevor, da mehrere wichtige Auslandsposten unbedingt neu
doch ist die Synthese zwischen Altem und Neuem bereits gefunden worden. Da ist es wichtig, am Ende des Jahres die Bilanz des politischen Geschehens zu ziehen. Wichtig vor allem deshalb, weil es ohne diese Untersuchung der gegenwärtigen Lage auch keine Antwort auf die Frage, wel ckzes die Wege und die Ziele der Zukunft seien, gibt.
Wir veröffentlichen in diesen letzten Tagen des Jahres 1930 eine größere Anzahl von Artikeln, in denen sachkundige in den Hauptstädten des Auslandes ansässige Mitarbeiter die weltpolitische Situation skizzieren. Alle Abhandlungen, möge« sie nun von der französischen „Friedenspolitik" oder von den politischen und wirtschaftlichen Sorgen Englands, von der Politik der Bereinigten Staaten, der Mittelmeerländer und der Balkanstaaten oder vom Versagen des Völkerbundes handeln, haben das eine gemeinsam: Sie sind nicht Selbstzweck, sie begnügen sich nicht mit Einzelschilderungen, sondern sie versuchen, die Entwicklungslinien herauszuarbeiten, die für Deutschland wichtig find. Einem Schlußartikel wird es dann Vorbehalten sein, die Nutzanwendungen, die sich für uns aus diesen Darlegungen
Der wundeste Punkt 6er ganzen französischen Politik ist der Südosten Europas,
-as Donaubecken und der Balkan
Dort prallen die französisch-italienischen Gegensätze mit aller Schärse aufeinander; nur größter Sorge verfolgt Frankreich die Bemühungen Iraltens, dem französischem Bündnissystem zwischen Polen Rumänien, der Tschechoslowakei und Sndfla- wien, das durch die jüngsten wirtschaftlichen Entwlck- hingen schon ein wenig ins Wanken geraten ,ft, eine aus Ungarn, Bulgarien, Griechenland, der Türkei und gegebenenfalls Rumänien bestehende Gegonkom- Hinatio-n, ein „Syndikat der Unzüchriede- n e -t" entgegenzusetzen, das — unter Umstanden gemeinschaftlich mit Deutschland — den Feldzug gegen die -.Pax Galliea" aufnehmen könnte. Hier ist tue französische Position auch durch den deutschen Einfluß gefährdet, durch die EinigungÄbestrebungen jener Nation, die zur Zeit noch m zwei Staaten gespalten ist. .
Frankreichs Taktik läuft darauf hinaus. etnerfett8 pie mit ihm verbündeten Länder der Kleinen Entente bei der Stange zu halten, diese Entente aber gleichzeitig etwas zugunsten von Oesterreich und Ungarn aukzülockern, um dem „italienischen Block" den Zv- zng fernzuhalten. Daher der immer, wieder aus- tauchende Gedanke einer Donau ivderatton daher auch die französische Einstellung zu den Restaurationsbestrebungen der Habsburger, die man unter Umständen als das „kleinere Uebel" in Kauf nehmen würde, wenn dadurch Ungarn und Oesterreich isoliert und aus dem „Revisionistenblock
tionalität festgenommen und vor kurzem in Breslau wegen Landesverrats verurteilt.
Keine Kriegsgefahr in Europa
Kellogg über seine Europareife.
Neuyork, 23. Dezember.
Der frühere amerikanische Staatssekretär Kellogg, der von seiner Europareise zurnckgekehrt ist. erklärte nach seiner Ankunst im Neuyorker Hafen, daß die, mgren now znnngeuoer -t««
Landabrüstung der wichtigste Faktor für • Gesandtenposten in Oslo, Lissabon und ^var,chau
unbesetzt. Durch die Berufung neuer Persönlichkeiten auf diese Posten entstehen natürlich wieder an anderer Stelle Verschiebungen, und da auch wichtige Generalkonsulate, so z. B. in Neuyork und Kat- towitz neu besetzt werden müssen, ist überhaupt mit einem großen sogenannten Revirement in der Diplomatie zu rechnen.
Man nimmt an. daß der neue deutsche Gesandte in Oslo der bisherige Leiter der Lftabteilung im Auswärtigen Amt Ministerialdirektor Trautmann sein wird. Als Nachfolger Rauschers in Warschau gilt in erster Linie der Vortragende Le. gationsrat von Moltke. Wer nach Lissabon gehen wird, ist noch unentschieden. Die Vermutung einer Korrespondenz, daß dafür der vortragende Legationsrat Eisenlohr bestimmt ist, wird stark bezweifelt.
Berlin, 28. Dezember.
Während die „Vosfische Zeitung heute früh das Programm der Genfer Völkerbundsverhandlungen noch unter der Ueberschrist „Ratstagung unter Cur..us Vorsts behandelt, berichtet ein anderes Morgenblatt, daß der Reichsautzenminister den Rat diesmal nichtpräsidieren wird. Wir glauben zu wissen, daß diese letzte Darstellung richtig ist. Turnusmäßig steht der Vorsitz uns zwar im Januar zu; in der Wil- helmstraße hat man sich aber die Frage vorgelegt, ob eS opportun sei, daß der Reichsaußenminister den Vorsitz wirklich ausübt, während wir gleichzeitig in einer Reihe von wichtige« Punkten der Tagesordnung, vor allem wegen der deutschen Unterdrückung in Polen, in einer scharfen Kampfstellung stehen.
Ist der Vorsitz schon rein arbeitsmäßig eine starke Belastung, die die Vertretung der deutschen Interessen beeinträchtigt, so würde die traditionelle Ausgabe des Vorsitzenden, auszugleichen und Kompromisse vorzubereiten und zu empfehlen, den deutschen Außenminister auch in seiner E l l b 0 g e n f r e i h e i t als Partei zweifellos erheblich daran hemmen. Auch Dr. Strese- mann hat diesen Nachteil des Vorsitzes äußerst unangenehm empfunden, als er seinerzeit die Frage des BahnschntzrS im Saargebiet durchzukämpfen hatte. Es ist deshalb damit zu rechne«, daß wir für diesmal auf den Vorsitz verzichten.
Für die nächste Tagung steht er E n g l a n d zu. Es ist wahrscheinlich, daß das Auswärtige Amt in London Vorschlägen wird, mit uns zutauschen. Das würde also bedeuten, daß Dr. Curtius dein Rat dann in der Maitagung präsidieren würde. Einen solchen Tausch hat es in der Praxis des Völkerbundes schon gegeben. Man kann also damit rechnen, daß England sich dem deutschen Vorschlag nicht entziehen wird.
Oie 62. Ratstagung
Genf, 23. Dezember.
Die Tagesordnung der nächsten Tagung des Völkerbundsrats wird jetzt, geschäftsordnungsmäßig vier Wochen vor Beginn der Tagung veröffentlicht. Ihre wichtigsten Verhandlungsgegenstände, die deutsch-polnische Frage und die Festlegung des Termins der allgemeinen Abrüstungskonferenz, die der Tagung chre politische Bedeutung sichern, sind bekannt. Aber die 31 Punkte der Tagesordnung enthalten auch sonst noch eine ganze ReE* bedeutsamer Fragen, so daß die Januartagung aller Wahrscheinlichkeit nach unter die politisch wichtigsten Tagungen des Völkerbundsrats gehören wird.
Außer den Beschwerden der deutschen Regierung stehen noch mehrere Beschwerden der Minderheiten zur Verhandlung. Ferner steht wiederum die deutsche Klage wegen der Verletzung des Memel st atuts durch Litauen auf der Tagesordnung. Zur Abrüstung muß der Rat noch die nächste Tagung der vielberühmien Bernstorff- Kommission für die Kontrolle der Rüstungsindustrie ein berufen. Von den Mandats fragen sind ebenfalls zwei von größtem Interesse, ‘-efoit« ders auch für Deutschland, nämlich nicht nur die von England geplante verwaltungsmäßige Vereinigung vstafrikanischer Mandatsgebiete mit der englischen Kolonie Uganda, sondern auch die grundsätzlich wichtige Frage, welche allgemeinen Regeln für die Beendigung eines Mandats gelten sollen, die also logischerweise auch für die Möglichkeit der Neuübertragung eines Mandats sinngemäß anwendbar fein würden.
polnische Spionagezentrale in -er Grenzmark
Meferitz, 23. Dezember.
Die Grenz- und Kriminalpolizei in Neubentfchen hat drei polnische Agenten festgenommen. Es handelt sich um Reichsdeutsche polnischer Nationali- tät aus Groß-Dammer. Zwei von ihnen wohnen in Groß-Dammer, der dritte ist don gebürtig, war aber in letzter Zeit im östlichen Teile des Kreises Schwerin an der Warihe in Stellung Die Festgenomme- nen, die Spionage zugunsten Polens getrieben haben sollen, wurden nach den ersten polizeilichen Vernehmungen in das Untersuchungsgefängnis in Meferitz ehtfleltefett Der Untersuchungsrichter hat bereits Haftbefehl erlassen. Mii diesen Verhaftungen schein; man einer ausgedehnten polnischen Spionagezentrale in der mittleren Grenzmark auf die Spur gekommen zu fein.
Dies ist im Bereiche des Grenz- und Kriminalkom- missariats Reubenn'chen innerhalb eines halben Jahres' der zweite Spionagefall. Im Sommer d. I.
ergeben, znsammenzufaffen.
Frankreich und der „Friede"
Paris, Ende Dezember.
„Frankreichs Außenpolitik ist auf die Erhaltung des europäischen Friedens gerichtet", so ober ähnlich klingt es uns immer wieder aus dem Munde franzö fischer Staatsmänner, aus den Leitartikeln der gesamten französischen Presse entgegen. Sieht man sich die sranzösische Auffassung des Begriffs .Friede" etwas näher an, so muß man allerdings die Feststellung mache«, daß hier -Stiebe" mit >Status quo" gleichgefetzt wirb, unb daraus wiederum wird verständlich, warum Frankreich in allen Ber suche«, auch nur die geringste Aenberung des «egen wärtigen europäische« Zustandes herbeizuführen, „Attentate gegen den Frieden" sieht. Kein Wunder, daß bei einer derart negativen Einstellung die Außenpolitik Frankreichs in ihrem Tun und Lassen aus ein einziges, jede wahrhaft vorwär-'sbringeude Initiative ausschließendes Grundelement zurückzusühren ist: Das Mißtrauen!
Oie deutsch-französischen Beziehungen
haben unter diesem Mißtrauen Frankreichs in den letzten Monaten besonders zu leiden gehabt. Die Annächrmtgspolittk hat ernste Rückschläge erlitten; zu den alten Meinungsverschiedenheiten sind neue Mißverständnisse hinznaekommen, und so endet das Fahr 1930 mit einer Spannung, die an die schlimmsten Nachkriegszeiten erinnert.
Konnte schon die berfbätete Rheinlandrämnung ferne Rückwirkungen mehr auf das Verhältnis der beiden Völker haben, halte dann die lnnerpolitische Entwicklung in Deutschland (Reichstagswahlen. StahlhelmkunDgebungen usw.) das ftets wache Miß-
Die für Frankreich beunruhigende italienische- Flot- tenbauPolitik u. Paritätssordernng, die kolonialpolui- schen Wünsche Italiens, die ungestümen Reden des Duce und schließlich die gegen Iahrsende sich häufenden Ministerbesuche haben die französische Nervosität gegenüber der -lateinischen Schwester" auf einen Grad gesteigert, bei dem man schon von Nerven- k r i f e sprechen darf.
Das Schlimmste ist, daß es aus dieser zitgespitzten Lage überhaupt keine«Ausweg pi geben scheini- Daran dürste auch eine etwaige „provisorische und partielle Einigung in der Flottensrage nichts ändern, denn da Frankreich auf seinen Tonnagevorspruna (240000 Tonne,r> nickt verzichten wird, den es zum Schutze überseeischen Verbindungswege zu benötigen »ergibt, da andererseits Italien finanziell nicht in der Lage ist. ein Wettbauen mit Frankreich anszn- nöhmen, kann eine solche Einigung nur unter einem Prestigeverlust Mussolinis zustaNdekommcn, für den er aus anderem Gebiet also dem der Kolonialfragen, einen Ausgleich heintbringen müßte.
Die italienischen Kolonialwünsche erstrecken sich, abgesehen von der Forderung nach einem Statut der italienischen Einwanderer in Französisch-Skordasrifa, das deren Entnationalisierung verhindern und zu einer italienischen Ueberschwemmung dieser Kolonien führen würde, zunächst auf Grenzberichtigungen Tripolis und Tunis, darüber hinaus auf einen Zugang zum Tschad-See über Tibesti und Borkn und schließlich — bei einer etwaigen Neuverteilung der ehemaligen deutschen Kolonien auf das Kamerun- Mandat Italien strebt also di« Bildung eines von der Mittelmeerküste bis 'zum Golf von Guinea reichenden Kolontalbesiyes an, der das afrikanische Kolonialreich Frankreichs in zwei vollständig voneinander getrennte Teste zerlegen würde. Die Frage nach der Einwilligung Frankreichs zur Verwirklichung dieses Planes, zu einer solchen Verstümmelung seines Besitzes stellen, heißt sie bemeinen.
gelöst werden könnten.
Zur Sicherung seiner politischen Stellung steht Frankreich eine wirksame Waffe zu Gebote. Bei der wachsenden Vedeutung, die im Sizdosten Europas die finanziellen und wirtschaftlichen Notwendtglett-n erlangen, ist anzunehmen, daß Frankreich in Zü.un't zur Unierstütznng seiner Donau- und BaUanpoiwk in weit stärkerem Maße von den in seinen Ban-kg<- wölben schlummernden Schätzen Gebrauch machen wird. Anzeichen dafür liegen 6et Fahresichlue schon vor: Polen und den Ländern der Kleinen Entente sind viele hundert Millionen zugeflossen. uKb selbst in Oesterreich und Ungarn ist die nicht »u unter» chätzende Beeinflussung durch privaten Kapitaietn- fluß in Gang gekommen, sicherlich noch ohne Wissen und Billigung der französischen Regierung.
Das Mißtrauen und Angstgefühl Frankreichs äußert sich vor allem in einem krankhaften
Sicherheits-Bedürfnis
Trotz seinen wahnwitzig übersteigerten Rüstilngm zu Land, in der Luft und zur See, trotz dem gewaltigen Grenzfestungsgürtsl. trotz feiner Kapitalmacht und feinen zahlreichen Militärbündnissen wähnt sick Fra ick reich noch nickt sicher. Es fühlt, daß dem bisher aufgebamen Werke der Garantien die Krömmz fehlt. Es suchte sie zunächst in Bündnissen mit England und den Vereinigten Staaten und dann — nach der angelsächsischen Absage — folgerichtig in der großen Idee der europäischen Föderation, die den Bestand der französischen Macht, den heutigen verkrampften Zustand Europas aus die Dauer gewährleisten und der dringend notwendigen Gesamtbereiniaunz aller europäischen Schwicrigkeittn vorbeugen sollte. Man wird sich drüben darum nicht wundern dürfen, wenn die im Weltkriege unter» logenen Staaten es vorziehen, die Frage der Revi- stonsmöglickckeiten zu klären, bevor sie sich an Händen und Füßen gebunden der europäischen Föderation französischer Konzeption ausliefern.