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Nummer 298
Sonnabend/Sonntag, 20./21. Dezember 1930
20. Jahrgang
IWI IlTT-r
Deutschlands Recht auf koloniale Arbeit
Eurtius über Englands Ostafrikapläne / 45 Vermißte bei einem Schiffsunglück im Kattegat / Reichskabinett und Genfer Märzkonventton
Oer Außenminister in Oberfchlefien
zEtgene Drahtmeldunz.)
Gleiwitz, 20. Dezember.
Reichsautzenminister Dr. Curtius traf mit Begleitung am Sonnabend vormittag 9 Uhr mit dem fahrplanmäßigen D-Zug in Gleiwitz ein. Zu seinem Empfange hatten sich der Oberbürgermeister der Stadt Gleiwitz und andere Behördenvertreter eingefunden. Oberpräsident Dr. Lu laschet war bereits in Oppeln eingestiegen, um Tr. Curtius zu begrüßen.
Im Gleiwitzer „Haus Oberschlesien" nahm der Minister einen kurzen Vortrag über die gegenwärtige Lage in der Provinz entgegen. Er begab sich sodann mit seiner Begleitung auf eine Fahrt durch das oberschlesische Industriegebiet. Später wird der Minister die Vertreter der oberschlesisä-en Wirtschaft und des öffentlichen Lebens empfangen und sich über ihre Wünsche unterrichten.
Beuthen, 20. Dezember. Die „Ostdeutsche Morgenpost" veröffentlicht eine Erklärung von Reichsaußen- minlster Dr. Curiius, Hie dieser dem Berliner Vertreter des Blattes vor seiner Abreife als Gruß an Oberschlesien gegeben hat. Sie lautet:
Es -ist mir ein Bedürfnis, dem schwer ringenden Grenzland Oberschlesien einen Besuch abzustatten. Die Leiden, die bie Bewohner fees uns entrißenen Gebietes während ver vergangenen Monate zu erdulde» hatten, haben bie Reichsregierung in ihrem Bestreben, den Schutz der deutschen Minderheiten zu sichern, aufs neue bestärkt. Die Deutschen diesseits urob jenseits feer Ostgrenze dürfen versichert fein, daß es mein heißes Bemühen sein wird, den Völkerbunfes- rat von der Notwenbigkeit zu überzeugen, daß den geschädigten undmiß- hanfeelten Deutschen in Polen volle G e- re ch t i g k e 11 widerfährt und daß feie durch den Vertrag zugestcherte Schutzpflicht nicht weiter verletzt werden darf.:
Teulschlan-s koloniale Rechte
Berlin, 20. Dezember.
Reichsaußenminister Dr. Curtius empfing den Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft, Gouverneur z. D. Dr. Schnee, sowie als Vertreter des Vorstandes Dr. Hindorf, Generaldirektor Kemner und Frau Hedwig von Bredow, Vorsitzende des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft.
Die Abordnung überreichte, wie die Deutsche Tageszeitung berichtet, eine vom großen Vorstand der
Deutschen Kolonialgesellschaft einstimmig gefaßte Entschließung, in der an die Reichsregierung die Aufforderung gerichtet wird, eine entschlossene kraftvolle und zähe Politik zum S ch u tz der deutschen kolonialen R ch 1 e und Ansprüche zu verfolgen. Vor allem müsse erwartet werden, daß die Reichsregierung allen Bestrebungen der englischen Regierung, den M a n d a t s- charakier von Deutsch-O st afrika zu verwischen, mit allem Nachdruck entgegentritt.
Der Reichsaußenminister Dr. Curtius betonte in seiner Erwiderung, daü die deutsche Regierung nach wie vor zu ihrem Memorandum von 1924 stehe, das der Erwartung Ausdruck gibt, daß Deutschland zu gegebener Zeit aktiv am Mandatssystem beteiligt werde, s.wie zur Erklärung des Reichsministers Dr. Stresemann in der Reichstagsrede vom 24. Juni 1929, wonach die deutsche Wirtsckmft eine Erweiterung ihrer Rohstoffbasis benötig:, und zu der von ihm selbst in der Reichstagsrede vom 26. Juni 1939 abgegebenen Erklärung, daß Deutschland seine Forderung nach kolonialer Betätigung aufrechterhalte. Er sagte zu, die Entschließung zur Kenntnis des Reichskabinetts zu bringen und sie zum Gegenstand der Behandlung im Rahmen der Gesamtaußenpolitik zu machen.
Zu der ostafrikanischen Frage wies Dr. Curtius auf die wiederholten, auch heute noch gültigen Erklärungen hin. die er und sein Amtsvorgänger tm Reichstag abgegeben haben, daß die Reichsregierung eine tatsächliche Bedrohung des Mandatssystems mit allen Mitteln zu verhindern suchen werde.
Wohin marschiert -er Landbund?
Liegnitz, 20. Dezember.
Der Kreislandbund hielt gestern eine Generalversammlung ab in der der Hauptgeschäftsführer des Schlesischen Landbundes, Major a. D. H ö f l e r-Bres- lau Ausführungen machte, denen infolge ihres radikalen Charakters noch Bedeutung zukommen dürfte. Er erklärte u. a., heute stehe nicht nur die Landwirtschaft, sondern das gesamte deutsche Wirtschaftsleben vor dem Zusammenbruch. Der Landbund fei die stärkste Kampf- orgauifation der deutschen Landwirte, und der Landbund sage dem gegenwärtigen System den Kamps bis aufs Messer an. Die Landwirtschaft gehöre in die Nationale Front hinein; der Landbund müsse sich daher in die nationalsozialistische Bewegung eingliedern. Im dritten Reich werde der Landbund gewissermaßen die Bereitschaft des Landvolks darstellen. Schon aus diefem Grunde unterstütze der Landbund die nationalsozialistische Bewegung.
Oampftrzusammenstoß im Kattegat
45 Vermißte
Kopenhagen, 20. Dezember.
Der etwa 4000 Tonnen große sinnifche Paffagierdampfer „Oberon" ist mit dem finnischen Frachtdampfer „Artturi s", sieben Seemeilen füdlich von der tmnischen Jnfel Laefö im Kattegat, zusammen- gestoßen. „Oberon" sank im Lause von wenigen Minuten. Ein Bergungsdampfer der dänischen Kompagnie, ein dänischer Jnspektionsdampfer, sowie ein schwedischer Dampfer sind nadj der Unglücksstelle unterwegs. Man glaubt, daß etwa 40 Personen den Tod gefunden haben.
Kopenhagen, 20. Dezember. Die Dampfschaffahris- agentur Kranch und Tobiffen teilt um 10 Uhr vormittags mit: Der Dampfer Arcturus liegt immer noch an der Unglücksstelle. Die Besatzung der Oberon betrug 60 Mann. Außerdem befanden sich 21 Passagiere an Bord, davon in der 1. Klaffe 5 Erwachsene und 1 Kind, in der 3. Klaffe 15 Erwachsene. Soviel man weiß, sind bisher nur vier Paffagiere und 32 Mann der Besatzung gerettet. Es werden also noch 17 Passagiere und 28 Mann von der Besatzung vermißt.
Im dichten Rebel...
Heber das Unglück liegen noch folgende Einzelheiten vor: -Der Zusammenstoß sand im dichten Nebel statt. „Oberon* bekam dabei ein Leck an Steuerbord und sank in wenigen Minuten. Es gelang alle Rettungsboote zu Wasser zu bringen und von dem Schiff frei zu machen. Der »Arkturis* begann trotz des großen erlittenen Schadens sofort mit den Rettungsarbeiten, die wegen des dichten Nebels sehr schwierig waren. Es wurden auch sofort SOS. Signale gegeben, und von allen Seiten eilten Schiffe
ist 2500 Tonnen groß und wurde 1898 gebaut, Oberon* 3000 Tonnen groß, wurde 1925 gebaut
Der „Arkturis" selbst ist bei dem Zusammen stoß schwer beschädigt worden, aber das Deck des Schiffes befindet sich über Wasser und der Dampfer blieb an der Unnlücksüelle über Nacht liegen.
MinungrverWedenheiten im Kabinett?
th. Berlin, 20. Dezember.
Gestern hat die letzte Sitzung des Reichskabinetts vor Jahresende stattgefunden, und oer Reichskanzler hat dabei, wie gemeldet, den Dank des Reichspräsidenten an die Mitglieder des Reichskabinetts für die in den letzten Monaten geleistete Arbeit übermittelt. Diese Tatsache findet in der rechts-opposttionellen Presse eine bezeichnende Kommen ' • - ^sofern, als
darauf hingewiesen wird, daß innerhalb des Kabinetts bereits große Meinungsverschiedenheiten beständen, und daß die Reichsregierung ihrerseits in den größten Sorgen wegen der für den Beginn des neuen Jahres zu erwartenden politischen Verwicklungen schwebe.
Diese Sorgen knüpfen sich vor allem an die T a - gung des Völkerbundsrates im Januar und an die unmittelbar bevorstehende Urteilsverkündung des Staatsgerichtshofes in dem Konflikt zwischen dem Reichsinnenministerium und der thüringischen Regierung an. In der
thüringischen Streitfrage werde vielleicht ein Urteil vermieden werden können.
zur Hilfe. Die beiden, zusammengestoßenen Schiffe ^Arkturis* und „Oberon* gehören der finnischen Dampfergesellschalst A. G. m Helfen gsors. -Artturis
falls die Vergleichsoerhandlungen, die der Präsident
des Reichsgerichts und der Vorsitzende des Staatsge- rich.shofes, Dr. Burnke, vorgeschlagen haben, zu einem Ergebnis führen. Der Reichsgerichtspräsident hat die Parteien, also den Reichsinnenminister und den thüringischen Ministerpräsidenten für den nächsten Montag, den 22. Dezember, zu einer Aussprache nach Leipzig gebeten. Er beabsichtigt, einen Vergleich vorzuschlagen und über diesen Vorschlag mit den beiden Parteien zu verhandeln, so daß es möglicherweise gar nicht zu einem eigentlichen Utieilsspruche kommen wird.
In außenpolitischer Hinsicht spielt gegenwärtig unter anderem das
Genfer Abkommen vom März dieses Jahres
eine besondere Rolle. Die Reichsregierung hat dieses
Abkommen nunmehr den gesetzgebenden Kör» perschaften zur Ratifizierung vorge» legt und in ihrer Begründung unter anderem ausgeführt, daß sich die in diesem Abkommen vorgesehene Regelung auf den Versuch einer gewissen Stabilisierung des hestehrndenZolltaris-Ni» d e a u s beschränkt. Von den durch Deutschland zu übernehmenden Verpflichtungen komme die größte Tragweite dem Verzicht aus die A e n d e r u n g der mit den anderen Teilnehmern abgeschlossenen Handelsverträge zu. Die Verpflichtung, Zollerhöhungen den Teilnehmerstaaten vor ihrer Inkraftsetzung anzuzeigen, werbe kaum zu Unstimmigkeiten führen, da jede Stelle berechtigt ist, in dringenden Fällen von dieser Voranzeige abzusehen.
Plaudereien an
römischen Kaminen
W. P. „Hätten nicht ... im Unglückssommer 1914 die diplomatischen Leiter aller Großmächte den Kops verloren, die deutschcn, Gott sei es geklagt, noch mehr als die anderen, und wäre in der zweiten Julihälfte 1914 eine Konferenz der Großmächte zur Schlichtung des serbisch-österreichischen Konflikts zusammengetreten, so hätte sich die entsetzlichste Katastrophe vermeiden lassen, welche die Welt seit Jahrhunderten sah." Wäre damals nicht der unglückliche Theobald von Beihmann Hollweg, der Kanzler, den die Zeichner der Witzblätter nicht anders als mit Kants „Kritik der reinen Vernunft" unter dem Arm dar- stellten, wäre ich, ich Bernhard v o n B Ü l o w, in diesen aufgeregten Wochen der Lenker der Reichspolitik gewesen, hätte man mich im Juli des Jahres 1909 nicht von der Wilhelmstraße nach der Villa Malta ziehen lassen, — dann wäre Deutschland nicht „in den entsetzlichsten und dabei dümmsten aller Kriege" gestolpert. Das ist die Melodie, die immer wieder in den Bülowschen Memoiren anklingt, und sie ist gewiß vorn ersten bis zum letzten Ton nur auf „Bescheidenheit" eingestellt. . .
Memoiren sind immer bis zu einem gewissen Grade Verteidigungsschriften; das ist selbstverständlich, und mit dieser Selbstverständlichkeit wirb man sich umso eher abfinben, je sachlicher ber Verfasser seine Taten oerteibigt, je positiver seine Leistungen sind und je weniger seine Rechtfertigungsversuche auf Kosten der Gerechtigkeit gegen die anderen gehen. Bernhard Bülow meint es besser mit sich als diese sachlich- denkenden und nach Objektivität strebenden Memoiren- schreiber. Ihm kommt es vor allem darauf an, seinen Stern strahlen zu lassen, und um diesen Glanz zu heben, wird alles verdunkelt, was um ihn war und was nach ihm kam. Er, der Steuermann, beklagt sich über den Kapitän, der mit seinem „Unfug" bas Einhalten des richtigen Kurses immer wieder erschwert habe. Er stellt seinen Mitarbeitern im Amt und in den auswärtigen Vertretungen Zensuren aus, die^ ihnen das politische Todesurteil verkünden, und nur wenige find es denen, wie bezeichnenderweise der grauen Eminenz, dem Herrn von Holstein, große Erfahrung, Schnelligkeit der Auffassung, Verschlagenheit und andere lobende Prädikate ausgestellt werden.
Das Lob für die anderen ist selten, die eigene Eitelkeit aber kommt in diesen Bülowschen Memoiren (B. Fürst von Bülow, Denkwürdigkeiten. 2. Band. Von der Marokkokrise bis zum Abschied Im Verlag Ullstein, Berlin) voll auf ihre Kosten. Alles geschieht, was zur Glorifizierung des Bülowschen Werkes geschehen kann, und wenn es in diesen Plaudereien an römischen Kaminen einmal als Fehler deutscher politischer Betrachtung bezeichnet wirb, baß „Ereignisse unb Fragen der Gegenwart auf allzu weit zuriick- reichende Ursachen" zurückgeführt würben, bann könnten boshafte Menschen aus diesem Satze den Wunsch herauslesen, das Unglück des Weltkrieges in seinen ursächlichen Zusammenhängen nicht gar zu weit, höchstens aber bis zum Juli 1909, zurückzuverfolgen. Bülow meint es gut mit sich in seinen Memoiren, und gerade weil er so eifrig für feilten Nachruhm sorgt, geschieht es, daß wir doppelt deutlich die Reparaturbedürftigkeit dieses Ruhmes erkennen.
Von der Marokkokrise bis zum Abschied werden in dem vor kurzem erschienenen zweiten Bande der Bülowschen Denkwürdigkeiten der Lebensweg des Kanzlers und der politische Schicksalsweg Deutschlands verfolgt. Und wieder steht, wie nach der Lektüre des ersten Bandes, jene Frage auf, die über die staatsmännische Begabung und die staatsmännische Leistung Bülows entscheidet: Hat ber Kanzler in diesen Jahren von 1905 bis 1909 bereits erkannt, welche Gefahren Deutschlands außenpolitische Lage in sich barg, und was tat er, um diese Gefahren zu bannen? 1904 war die Entente cordiale zwischen Frankreich und
England geschlossen worben. Die Konferenz von Alge- ciras zeigte zwei Jahre später deutlich, daß Deutschland unter den Großmächten vereinsamt dastand. Im August 1907 einigten sich England unb Rußland über die Aufteilung ihrer Interessensphären in Asien, und seit Iswolskis Niederlage in der bosnischen Frage begann die Umorientierung ber russischen Balkanpolitik, die sich jetzt immer stärker gegen Oesterreich wendete. Mit diesen wenigen Sätzen ist die Verschärfung der politischen Lage, die in diesen Jahren festzustellen war, kurz gekennzeichnet.
Und Bülow? Nicht ohne Erschütterung kommt man auch nach der Lektüre dieses zweiten Bandes zu der Feststellung, daß Bülow der ganze Ernst der Lage damals noch nicht aufgegangen sei. In einer seiner gründlichsten Betrachtungen über die Außenpolitik, die freilich immer noch oberflächlich genug ist, nennt Bülow es die erste Pflicht der deutschen Politik, Oesterreich an unserer Seite zu halten, ohne uns andererseits von den Wiener Politikern gegen unseren Willen in einen Weltkrieg hineinziehen zu lassen. Und weiter schreibt Bülow in dieser Zirkularnote an die preußischen Missionen, die er kurz nach der Begegnung des englischen Königs und des Zaren in Reval, zu einem Zeitpunkte also, in dem bie englisch-russische Zusammenarbeit sich immer offener dokumentierte, erließ: „Rußlanb ist infolge des japanischen Krieges noch für längere Zeit wenig aktionsfähig. Seine Regierung sucht im Hinblick auf ihre besonders in Asien geschwächte unb gefährdete Position mit dem bisherigen Gegner England zu paktieren, zugleich aber an der traditionellen Freundschaft mit uns festzuhalten. Wir unsererseits haben auch ferner Interesse daran, den alten Draht mit St. Petersburg nicht zu durchschneiden. England, bedrückt von — unbegründeter — Furcht vor dem vermeintlich drohenden deutschen Uebergewicht . . . sucht dagegen, wenn auch noch nicht Allianzen, so doch Freundschaften . . . Uns bleibt demgegenüber nur übrig, unsere bisherige Politik der Geduld und Vorsicht fortzusetzen und uns zu bemühen, unbegründete Befürchtungen nach Möglichkeit zu zerstreuen. Frankreich . . . schwebt in ständiger Besorgnis vor einem Konflikt mit uns und sucht, ohne eigentlich kriegerische Äbsichten gegen uns zu hegen, nach deckenden Freundschaften." Bülow gibt bann zu, baß die französische Reoanchelust noch nicht erloschen sei, glaubt aber, daß die Zeit für bas an Bolkskraft stärkere Deutschlanb arbeiten werde.
Dieser Glaube an die Zeit, die für Deutschland wirksam sein werde, ist die eine Zuflucht Bülows. Im übrigen vertraut er seiner elastischen Hand; de» Kaiser, der, in starkem Maße Stimmungsmensch, oft pessimistischen Anwandlungen unterliegt, beruhigt er mit Sätzen wie diesem: Schwierigkeiten find da, um überwunden zu werden, durch Ruhe, mit Mut, aber auch mit Besonnenheit. Es war gewiß notwendig, daß Bülow derartige Mahnungen an seinen Monarchen richtete. Traurig aber ist es, daß derartige Allgemeinplätze anscheinend den wichtigsten Teil im außenpolitischen Programm des Kanzlers ausmachten, und vergeblich sucht man in dem mehr als 500 Seiten des zweiten Bandes der Bülowschen Memoiren nach Zeichen, die erkennen ließen, daß Bülows Politik nicht nur Opportunitätspolitik gewesen sei. Erft in der letzten Zeit seiner Kanzlerschaft ventiliert Bülow unter dem Eindruck der Tätigkeit Nicolsons, der als englischer Botschafter in Petersburg gegen Deutschland unb Oesterreich hetzt, den Gedanken einer Verlangsamung des Flottenbaus, und als sich der gestürzte Kanzler vom Kaiser an Bord der ,Hohen- zollern" verabschiedet, gibt er dem Monarchen zwei Ratschläge: „Trachten Sie, zu einem Naval agnement (Flottenabkommen) mit England zu kommen", und „Wiederholen Sie nicht die bosnijK»'