Einzelbild herunterladen
 

Einzelpreis 20 Pfennig

Kasseler Neueste NachMen

Kasseler Abendzeitung JM. Hessische Abendzeitung

«HdiefttttttflSroefre: mbdjentlliS fe6?ma! na<Smfttas8. «bonnementgeretB: fflt 6en 9Ron<u 2.30 Ji bet freier 3ti. K flnaetgenereHe: Gelchäftr- und $umtlten=an»etaen bie SO mm - Seile 11 Pfennig. Kleine Ameisen an«

»ellung ins Haus, in der Geickaiisitelle abgeboit 2.10 JC. Durch die Po» monatlich 2.30 m ausschltehlich Zu- /CK staffel das Wort 7 J. Äuswärttge Kleine Anzeigen die.30 mm breite Zelle N Ä. Anzeigen im ReklameleU die

üellungsgebübr An Fällen von böberei Gewalt beftebt kein Anlvruch auf Lieferung der Zeitung oder auf iQ'kK. J 78 mm breite Zeile 45 Ji Cffertgebübr 25 J (bei Zuitellung 85,4t. Für das Ericheinen von Anzeigen i»

Rückzahlung des Bezugsvreiies. Verlag. Schriftleitung und Druckerei: Kölnische Strohe 10. Televdon: bestimmien Ausgaben, an besonderen Platzen und für televdonifch erteilte Aufträge keine Gewahr. Rech.

Sammelnummer 6800 Juristische Svrechstunde leien Dienstag von 5 bis 7 Uhr Kölnische Strabe Nr 10. nungsbeträge innerhalb von 5 Tagen zahlbar (Seritotsitani Kaisel. Potticheckkonw Frankfurt a. M. 6380,

Nummer 298

Sonnabend/Sonntag, 20./21. Dezember 1930

20. Jahrgang

IWI IlTT-r

Deutschlands Recht auf koloniale Arbeit

Eurtius über Englands Ostafrikapläne / 45 Vermißte bei einem Schiffsunglück im Kattegat / Reichskabinett und Genfer Märzkonventton

Oer Außenminister in Oberfchlefien

zEtgene Drahtmeldunz.)

Gleiwitz, 20. Dezember.

Reichsautzenminister Dr. Curtius traf mit Be­gleitung am Sonnabend vormittag 9 Uhr mit dem fahrplanmäßigen D-Zug in Gleiwitz ein. Zu seinem Empfange hatten sich der Oberbürgermeister der Stadt Gleiwitz und andere Behördenvertreter eingefunden. Oberpräsident Dr. Lu laschet war bereits in Op­peln eingestiegen, um Tr. Curtius zu begrüßen.

Im GleiwitzerHaus Oberschlesien" nahm der Mi­nister einen kurzen Vortrag über die gegenwärtige Lage in der Provinz entgegen. Er begab sich sodann mit seiner Begleitung auf eine Fahrt durch das oberschlesische Industriegebiet. Später wird der Minister die Vertreter der oberschlesisä-en Wirtschaft und des öffentlichen Lebens empfangen und sich über ihre Wünsche unterrichten.

Beuthen, 20. Dezember. DieOstdeutsche Morgen­post" veröffentlicht eine Erklärung von Reichsaußen- minlster Dr. Curiius, Hie dieser dem Berliner Vertreter des Blattes vor seiner Abreife als Gruß an Oberschlesien gegeben hat. Sie lautet:

Es -ist mir ein Bedürfnis, dem schwer ringenden Grenzland Oberschlesien einen Besuch abzustatten. Die Leiden, die bie Bewohner fees uns entrißenen Gebie­tes während ver vergangenen Monate zu erdulde» hatten, haben bie Reichsregierung in ihrem Bestre­ben, den Schutz der deutschen Minderheiten zu sichern, aufs neue bestärkt. Die Deutschen diesseits urob jen­seits feer Ostgrenze dürfen versichert fein, daß es mein heißes Bemühen sein wird, den Völkerbunfes- rat von der Notwenbigkeit zu über­zeugen, daß den geschädigten undmiß- hanfeelten Deutschen in Polen volle G e- re ch t i g k e 11 widerfährt und daß feie durch den Ver­trag zugestcherte Schutzpflicht nicht weiter verletzt wer­den darf.:

Teulschlan-s koloniale Rechte

Berlin, 20. Dezember.

Reichsaußenminister Dr. Curtius empfing den Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft, Gou­verneur z. D. Dr. Schnee, sowie als Vertreter des Vorstandes Dr. Hindorf, Generaldirektor Kemner und Frau Hedwig von Bredow, Vorsitzende des Frauen­bundes der Deutschen Kolonialgesellschaft.

Die Abordnung überreichte, wie die Deutsche Ta­geszeitung berichtet, eine vom großen Vorstand der

Deutschen Kolonialgesellschaft einstimmig gefaßte Ent­schließung, in der an die Reichsregierung die Auffor­derung gerichtet wird, eine entschlossene kraftvolle und zähe Politik zum S ch u tz der deutschen kolonialen R ch 1 e und Ansprüche zu verfolgen. Vor allem müsse erwartet werden, daß die Reichsregierung allen Be­strebungen der englischen Regierung, den M a n d a t s- charakier von Deutsch-O st afrika zu ver­wischen, mit allem Nachdruck entgegentritt.

Der Reichsaußenminister Dr. Curtius betonte in seiner Erwiderung, daü die deutsche Regierung nach wie vor zu ihrem Memorandum von 1924 stehe, das der Erwartung Ausdruck gibt, daß Deutschland zu ge­gebener Zeit aktiv am Mandatssystem betei­ligt werde, s.wie zur Erklärung des Reichsministers Dr. Stresemann in der Reichstagsrede vom 24. Juni 1929, wonach die deutsche Wirtsckmft eine Erweite­rung ihrer Rohstoffbasis benötig:, und zu der von ihm selbst in der Reichstagsrede vom 26. Juni 1939 abgegebenen Erklärung, daß Deutschland seine Forderung nach kolonialer Betätigung aufrecht­erhalte. Er sagte zu, die Entschließung zur Kenntnis des Reichskabinetts zu bringen und sie zum Gegen­stand der Behandlung im Rahmen der Gesamtaußen­politik zu machen.

Zu der ostafrikanischen Frage wies Dr. Curtius auf die wiederholten, auch heute noch gülti­gen Erklärungen hin. die er und sein Amtsvorgänger tm Reichstag abgegeben haben, daß die Reichsregie­rung eine tatsächliche Bedrohung des Mandatssystems mit allen Mitteln zu verhindern suchen werde.

Wohin marschiert -er Landbund?

Liegnitz, 20. Dezember.

Der Kreislandbund hielt gestern eine Generalver­sammlung ab in der der Hauptgeschäftsführer des Schlesischen Landbundes, Major a. D. H ö f l e r-Bres- lau Ausführungen machte, denen infolge ihres radika­len Charakters noch Bedeutung zukommen dürfte. Er erklärte u. a., heute stehe nicht nur die Landwirtschaft, sondern das gesamte deutsche Wirtschaftsleben vor dem Zusammenbruch. Der Landbund fei die stärkste Kampf- orgauifation der deutschen Landwirte, und der Land­bund sage dem gegenwärtigen System den Kamps bis aufs Messer an. Die Landwirtschaft gehöre in die Nationale Front hinein; der Landbund müsse sich da­her in die nationalsozialistische Bewe­gung eingliedern. Im dritten Reich werde der Land­bund gewissermaßen die Bereitschaft des Landvolks darstellen. Schon aus diefem Grunde unterstütze der Landbund die nationalsozialistische Bewegung.

Oampftrzusammenstoß im Kattegat

45 Vermißte

Kopenhagen, 20. Dezember.

Der etwa 4000 Tonnen große sinnifche Paffagier­dampferOberon" ist mit dem finnischen Fracht­dampferArtturi s", sieben Seemeilen füdlich von der tmnischen Jnfel Laefö im Kattegat, zusammen- gestoßen.Oberon" sank im Lause von wenigen Mi­nuten. Ein Bergungsdampfer der dänischen Kom­pagnie, ein dänischer Jnspektionsdampfer, sowie ein schwedischer Dampfer sind nadj der Unglücksstelle unterwegs. Man glaubt, daß etwa 40 Personen den Tod gefunden haben.

Kopenhagen, 20. Dezember. Die Dampfschaffahris- agentur Kranch und Tobiffen teilt um 10 Uhr vor­mittags mit: Der Dampfer Arcturus liegt immer noch an der Unglücksstelle. Die Besatzung der Oberon betrug 60 Mann. Außerdem befanden sich 21 Passa­giere an Bord, davon in der 1. Klaffe 5 Erwachsene und 1 Kind, in der 3. Klaffe 15 Erwachsene. Soviel man weiß, sind bisher nur vier Paffagiere und 32 Mann der Besatzung gerettet. Es werden also noch 17 Passagiere und 28 Mann von der Be­satzung vermißt.

Im dichten Rebel...

Heber das Unglück liegen noch folgende Einzel­heiten vor: -Der Zusammenstoß sand im dichten Nebel statt.Oberon* bekam dabei ein Leck an Steuerbord und sank in wenigen Minuten. Es ge­lang alle Rettungsboote zu Wasser zu bringen und von dem Schiff frei zu machen. Der »Arkturis* be­gann trotz des großen erlittenen Schadens sofort mit den Rettungsarbeiten, die wegen des dichten Nebels sehr schwierig waren. Es wurden auch sofort SOS. Signale gegeben, und von allen Seiten eilten Schiffe

ist 2500 Tonnen groß und wurde 1898 gebaut, Obe­ron* 3000 Tonnen groß, wurde 1925 gebaut

DerArkturis" selbst ist bei dem Zusammen stoß schwer beschädigt worden, aber das Deck des Schiffes befindet sich über Wasser und der Damp­fer blieb an der Unnlücksüelle über Nacht liegen.

MinungrverWedenheiten im Kabinett?

th. Berlin, 20. Dezember.

Gestern hat die letzte Sitzung des Reichskabinetts vor Jahresende stattgefunden, und oer Reichskanzler hat dabei, wie gemeldet, den Dank des Reichspräsi­denten an die Mitglieder des Reichskabinetts für die in den letzten Monaten geleistete Arbeit übermittelt. Diese Tatsache findet in der rechts-opposttionellen Presse eine bezeichnende Kommen ' - ^sofern, als

darauf hingewiesen wird, daß innerhalb des Kabinetts bereits große Meinungsver­schiedenheiten beständen, und daß die Reichs­regierung ihrerseits in den größten Sorgen wegen der für den Beginn des neuen Jahres zu erwartenden politischen Verwicklungen schwebe.

Diese Sorgen knüpfen sich vor allem an die T a - gung des Völkerbundsrates im Januar und an die unmittelbar bevorstehende Urteilsverkündung des Staatsgerichtshofes in dem Konflikt zwischen dem Reichsinnenministerium und der thüringischen Regie­rung an. In der

thüringischen Streitfrage werde vielleicht ein Urteil vermieden werden können.

zur Hilfe. Die beiden, zusammengestoßenen Schiffe ^Arkturis* undOberon* gehören der finnischen Dampfergesellschalst A. G. m Helfen gsors. -Artturis

falls die Vergleichsoerhandlungen, die der Präsident

des Reichsgerichts und der Vorsitzende des Staatsge- rich.shofes, Dr. Burnke, vorgeschlagen haben, zu einem Ergebnis führen. Der Reichsgerichtspräsident hat die Parteien, also den Reichsinnenminister und den thü­ringischen Ministerpräsidenten für den nächsten Mon­tag, den 22. Dezember, zu einer Aussprache nach Leipzig gebeten. Er beabsichtigt, einen Vergleich vorzuschlagen und über diesen Vorschlag mit den bei­den Parteien zu verhandeln, so daß es möglicherweise gar nicht zu einem eigentlichen Utieilsspruche kommen wird.

In außenpolitischer Hinsicht spielt gegenwärtig un­ter anderem das

Genfer Abkommen vom März dieses Jahres

eine besondere Rolle. Die Reichsregierung hat dieses

Abkommen nunmehr den gesetzgebenden Kör» perschaften zur Ratifizierung vorge» legt und in ihrer Begründung unter anderem aus­geführt, daß sich die in diesem Abkommen vorgesehene Regelung auf den Versuch einer gewissen Stabili­sierung des hestehrndenZolltaris-Ni» d e a u s beschränkt. Von den durch Deutschland zu übernehmenden Verpflichtungen komme die größte Tragweite dem Verzicht aus die A e n d e r u n g der mit den anderen Teilnehmern abge­schlossenen Handelsverträge zu. Die Ver­pflichtung, Zollerhöhungen den Teilnehmerstaaten vor ihrer Inkraftsetzung anzuzeigen, werbe kaum zu Un­stimmigkeiten führen, da jede Stelle berechtigt ist, in dringenden Fällen von dieser Voranzeige abzusehen.

Plaudereien an

römischen Kaminen

W. P.Hätten nicht ... im Unglückssommer 1914 die diplomatischen Leiter aller Großmächte den Kops verloren, die deutschcn, Gott sei es geklagt, noch mehr als die anderen, und wäre in der zweiten Julihälfte 1914 eine Konferenz der Großmächte zur Schlichtung des serbisch-österreichischen Konflikts zusammengetre­ten, so hätte sich die entsetzlichste Katastrophe vermeiden lassen, welche die Welt seit Jahrhun­derten sah." Wäre damals nicht der unglückliche Theo­bald von Beihmann Hollweg, der Kanzler, den die Zeichner der Witzblätter nicht anders als mit Kants Kritik der reinen Vernunft" unter dem Arm dar- stellten, wäre ich, ich Bernhard v o n B Ü l o w, in diesen aufgeregten Wochen der Lenker der Reichspoli­tik gewesen, hätte man mich im Juli des Jahres 1909 nicht von der Wilhelmstraße nach der Villa Malta ziehen lassen, dann wäre Deutschland nichtin den entsetzlichsten und dabei dümmsten aller Kriege" ge­stolpert. Das ist die Melodie, die immer wieder in den Bülowschen Memoiren anklingt, und sie ist gewiß vorn ersten bis zum letzten Ton nur aufBescheiden­heit" eingestellt. . .

Memoiren sind immer bis zu einem gewissen Grade Verteidigungsschriften; das ist selbstverständ­lich, und mit dieser Selbstverständlichkeit wirb man sich umso eher abfinben, je sachlicher ber Verfasser seine Taten oerteibigt, je positiver seine Leistungen sind und je weniger seine Rechtfertigungsversuche auf Kosten der Gerechtigkeit gegen die anderen gehen. Bernhard Bülow meint es besser mit sich als diese sachlich- denkenden und nach Objektivität strebenden Memoiren- schreiber. Ihm kommt es vor allem darauf an, seinen Stern strahlen zu lassen, und um diesen Glanz zu he­ben, wird alles verdunkelt, was um ihn war und was nach ihm kam. Er, der Steuermann, beklagt sich über den Kapitän, der mit seinemUnfug" bas Einhalten des richtigen Kurses immer wieder erschwert habe. Er stellt seinen Mitarbeitern im Amt und in den auswärtigen Vertretungen Zensuren aus, die^ ihnen das politische Todesurteil verkünden, und nur wenige find es denen, wie bezeichnenderweise der grauen Emi­nenz, dem Herrn von Holstein, große Erfahrung, Schnelligkeit der Auffassung, Verschlagenheit und an­dere lobende Prädikate ausgestellt werden.

Das Lob für die anderen ist selten, die eigene Eitelkeit aber kommt in diesen Bülowschen Memoiren (B. Fürst von Bülow, Denkwürdigkeiten. 2. Band. Von der Marokkokrise bis zum Abschied Im Verlag Ullstein, Berlin) voll auf ihre Kosten. Alles geschieht, was zur Glorifizierung des Bülowschen Werkes ge­schehen kann, und wenn es in diesen Plaudereien an römischen Kaminen einmal als Fehler deutscher poli­tischer Betrachtung bezeichnet wirb, baßEreignisse unb Fragen der Gegenwart auf allzu weit zuriick- reichende Ursachen" zurückgeführt würben, bann könn­ten boshafte Menschen aus diesem Satze den Wunsch herauslesen, das Unglück des Weltkrieges in seinen ursächlichen Zusammenhängen nicht gar zu weit, höch­stens aber bis zum Juli 1909, zurückzuverfolgen. Bü­low meint es gut mit sich in seinen Memoiren, und gerade weil er so eifrig für feilten Nachruhm sorgt, geschieht es, daß wir doppelt deutlich die Reparaturbe­dürftigkeit dieses Ruhmes erkennen.

Von der Marokkokrise bis zum Ab­schied werden in dem vor kurzem erschienenen zwei­ten Bande der Bülowschen Denkwürdigkeiten der Le­bensweg des Kanzlers und der politische Schicksalsweg Deutschlands verfolgt. Und wieder steht, wie nach der Lektüre des ersten Bandes, jene Frage auf, die über die staatsmännische Begabung und die staatsmännische Leistung Bülows entscheidet: Hat ber Kanzler in die­sen Jahren von 1905 bis 1909 bereits erkannt, welche Gefahren Deutschlands außenpolitische Lage in sich barg, und was tat er, um diese Gefahren zu bannen? 1904 war die Entente cordiale zwischen Frankreich und

England geschlossen worben. Die Konferenz von Alge- ciras zeigte zwei Jahre später deutlich, daß Deutsch­land unter den Großmächten vereinsamt dastand. Im August 1907 einigten sich England unb Rußland über die Aufteilung ihrer Interessensphären in Asien, und seit Iswolskis Niederlage in der bosnischen Frage be­gann die Umorientierung ber russischen Balkanpoli­tik, die sich jetzt immer stärker gegen Oesterreich wen­dete. Mit diesen wenigen Sätzen ist die Verschärfung der politischen Lage, die in diesen Jahren festzustellen war, kurz gekennzeichnet.

Und Bülow? Nicht ohne Erschütterung kommt man auch nach der Lektüre dieses zweiten Bandes zu der Feststellung, daß Bülow der ganze Ernst der Lage da­mals noch nicht aufgegangen sei. In einer seiner gründlichsten Betrachtungen über die Außenpolitik, die freilich immer noch oberflächlich genug ist, nennt Bü­low es die erste Pflicht der deutschen Politik, Oester­reich an unserer Seite zu halten, ohne uns anderer­seits von den Wiener Politikern gegen unseren Wil­len in einen Weltkrieg hineinziehen zu lassen. Und weiter schreibt Bülow in dieser Zirkularnote an die preußischen Missionen, die er kurz nach der Begeg­nung des englischen Königs und des Zaren in Re­val, zu einem Zeitpunkte also, in dem bie englisch-rus­sische Zusammenarbeit sich immer offener dokumen­tierte, erließ:Rußlanb ist infolge des japanischen Krieges noch für längere Zeit wenig aktionsfähig. Seine Regierung sucht im Hinblick auf ihre besonders in Asien geschwächte unb gefährdete Position mit dem bisherigen Gegner England zu paktieren, zugleich aber an der traditionellen Freundschaft mit uns festzuhal­ten. Wir unsererseits haben auch ferner Interesse daran, den alten Draht mit St. Petersburg nicht zu durchschneiden. England, bedrückt von unbegrün­deter Furcht vor dem vermeintlich drohenden deut­schen Uebergewicht . . . sucht dagegen, wenn auch noch nicht Allianzen, so doch Freundschaften . . . Uns bleibt demgegenüber nur übrig, unsere bisherige Politik der Geduld und Vorsicht fortzusetzen und uns zu bemühen, unbegründete Befürchtungen nach Mög­lichkeit zu zerstreuen. Frankreich . . . schwebt in stän­diger Besorgnis vor einem Konflikt mit uns und sucht, ohne eigentlich kriegerische Äbsichten gegen uns zu hegen, nach deckenden Freundschaften." Bülow gibt bann zu, baß die französische Reoanchelust noch nicht erloschen sei, glaubt aber, daß die Zeit für bas an Bolkskraft stärkere Deutschlanb ar­beiten werde.

Dieser Glaube an die Zeit, die für Deutschland wirksam sein werde, ist die eine Zuflucht Bülows. Im übrigen vertraut er seiner elastischen Hand; de» Kaiser, der, in starkem Maße Stimmungsmensch, oft pes­simistischen Anwandlungen unterliegt, beruhigt er mit Sätzen wie diesem: Schwierigkeiten find da, um über­wunden zu werden, durch Ruhe, mit Mut, aber auch mit Besonnenheit. Es war gewiß notwendig, daß Bülow derartige Mahnungen an seinen Monarchen richtete. Traurig aber ist es, daß derartige Allge­meinplätze anscheinend den wichtigsten Teil im außen­politischen Programm des Kanzlers ausmachten, und vergeblich sucht man in dem mehr als 500 Seiten des zweiten Bandes der Bülowschen Memoiren nach Zei­chen, die erkennen ließen, daß Bülows Politik nicht nur Opportunitätspolitik gewesen sei. Erft in der letz­ten Zeit seiner Kanzlerschaft ventiliert Bülow unter dem Eindruck der Tätigkeit Nicolsons, der als engli­scher Botschafter in Petersburg gegen Deutschland unb Oesterreich hetzt, den Gedanken einer Verlang­samung des Flottenbaus, und als sich der gestürzte Kanzler vom Kaiser an Bord der ,Hohen- zollern" verabschiedet, gibt er dem Monarchen zwei Ratschläge:Trachten Sie, zu einem Naval agnement (Flottenabkommen) mit England zu kommen", und Wiederholen Sie nicht die bosnijK»'