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Nummer 296* Donnerstag, 18. Dezember 1930 20. Jahrgang
Gesandter Ulrich Rauscher gestorben!
3m Alter von 46 Jahren / Briand über seine Außenpolitik / Verschärfte Maßnahmen gegen den Waffenmißbrauch
Eine vieiumstrittene Persönlichkeit
Eigene Drahimeldung.)
verschiedenen Ministerien, denen er angehört habe, habe er
stets die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit einer starken Grrnzorganisation gelenkt und darauf
gen, Sanktionen und ähnlichen Dingen reden, erkauft worden ist.
Explosion in einer chemischen Fabrik
Berlin, 18. Dezember.
Der deutsche Gesandte in Warschau, Ulrich Naus ch e r, ist in der Nacht Dom Donnerstag in £t. Blästen an den Folgen einer doppelseitigen Lun- tentzündung gestorben.
*
Der so plötzlich aus einem erfolgreichen Leben ab- gerufene deutsche Gesandte in Warschau, Ulrich Rauscher, hat nur ein Alter von 46 Jahren erreicht. Seil Mai 1922 hat er das Reich in Warschau vertreten, nachdem er zuvor auf dem Wege über eine journalistische Laufbahn in den Revolutionstagen als Sekre- tär Scheidemanns in die Politik eingetreten war. In der Folge hat er als Pressechef bei der Reichskanzlei mit dem Titel Ministerialdirektor die tZusammenfassung des amtlichen Pressewesens zu der eutigen Presseabteilung der Reichsregierung durchgeführt.
Sein Ableben kommt der weiteren Oeffentlichkeit vollkommen überraschend. In der Tat haben sich erst vor drei bis vicr Wochen in Warschau die ersten Anzeichen einer Erkrankung bemerkbar gemacht, die mit den Symptomen einer Kehlkopfentzündung auftrat und mit Fieberzuständen verbunden war.
Vor etwa zehn Tagen kam Rauscher deshalb nach Vertin, um verschiedene namhafte Aerfte >u fotthrL fieren und Röntgenaufnahmen machen zu lassen. Er Hag hier drei Tage zu Beit uns wurde dann von den Aerzten nach St. Blasien im Schwarzwald ae- sch.ckt. Die Krankheit stellte sich.als eine Kehlkopi- und Lunge,utuberkulose ciu'efter Art heraus, die auch keinen cveraiiven Eingriff mehr zniließ.
Seine Warschauer Tätigkeit wurde in den letzten Wochen sehr lebhaft • kritisiert, man warf Rauscher vor allem eine zu starke Betonung der Verständigungstendenzen vor. Der Tod macht dieser Kritik nunmehr ein Ende.
den Ausdruck des deutschen Gesandten von Mntius verletzt.
Es steht fest, daß dem Gesandten von Mutius, dem Filipesku persönlich nicht bekannt ist, jede Beleidigung ferngelegen hat. Der Brief des deutschen Gesandten trug keinerlei amtlichen Charakter und stellte keineswegs einen. Eingriff in die Redaktion des deutschsprachigen f rumänischen „Bukarester Tageblattes" dar, sondern war lediglich eine persönliche und private Leserkritik.
An Berliner zuständiger Stelle liegt ein Bericht über diese Angelegenheit, die hier als eine aufgebauschte Affäre angesehen wird, noch nicht vor.
Buhe in Madrid
Paris, 18. Dezember.
Nach einer Nachricht des Sonderberichterstatters der Zeitung „La France de Bordeaux" aus Hendaye sollen aus Madrid angekommene Reisende erklärt haben, daß in der Hauptstadt völlige Ruhe herrsche und der Straßenverkehr normal sei. An den Hauptplätzett der Stadt ständen Militärposten. In Santaztder dauere der Streik an. Tie am Montag in otgarid verfügte allgemeine Mobilisierung soll 320 uuö .munn umfaßt haben. Rach den Unruhezentren in der Provinz seien Truppen abgesandt worden mit dem Befehl, die Ruhe um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Tie spanische Regierung soll die Auslieferung des spanischen Flieget- majors Franco beantragt haben mit der Begründung, er habe Militärflugzeuge entwendet und mit diesen fremdes Gebiet, nämlich Portugal, überflogen.
Auch Guatemala hat seine Revolution
Eine aufgevauschte Affäre?
Zeitungshetze gegen den deutschen Gesandten in Bukarest.
Bukarest, 18. Dezember.
Die heutige- ,Epoca" veröffentlicht einen offen kundig dem Adressaten entwendeten Brief, in welchem der Bukarester deutsche Gesandte von Mntius dem CHefrcdaktenr des den schfprachigen „Bukarester Tagevlaltes" gegenüber Kritik an einem gegen den Prinzen Sttibev gerichteten Artikel Mt. Ter Chefredakteur der ,Cpoca", Gregor Filipesku. ein dem König nahestehender Poli.iker und schärfster Gegner Stirbeys, fühlt sich nach dem an die Bricfpublikation angchüngten Kommentar durch einen ihn berühren-
Washington, 18. Dezember.
Einer Meldung der Associated Preß zufolge erhielt der htestge Gesandte von Guatemala, Dr. Recinos, gestern aus Guatemala die Nachricht, die R e- gierung des Präsidenten Palma, der an Stelle des schwer erkrankten Präsidenten Chacon die Präsidentschaft führte, fei gestürzt worden.
Nach Privatmeld'tngen soll eine proviso- tische Regierung gebildet roorden sein, als deren Präsident Manuel Orellana ausersehen ist. Angeblich wurden bei den Straßenkämpfen gegen 60 Personen getötet oder verwundet. Die Truppen m. den Garnisonen und die Ztvilbehörden im Lande unterstützten die neue Regierung, die offensichtlich dadurch an Stärke' gewann, daß sie keine Beamten --er Regierung Palma entlassen oder verhaftet hat.
//Regierung des Ausgleichs"
Der Existenzkampf -es Kabinetts Steeg beginnt
Paris, 18. Dezember.
Heute vormittag wird die Regierungserklärung, die am Nachmittag in der Kammer verlesen wird, noch einmal vom Kabinett durchgesprochen werden. In Opposttionskreisen hofft man immer noch, daß die alte Tardieusche Mehrheit dem Kabinett einen geschlossenen Block entgegensetzt. Die radikale Linke ist in zwei gleich starke Lager geteilt, von denen das eine der Regierung günstig gegenüber steht, während das andere gegen sie stimmen wird. Die Sintere; pnblikaner find zu 90 von 100 gegen die Regierung, obgleich vier ihrer Parteigenossen Mitglieder des neuen Kabinetts find. Die Sozialdemokraten haben bisher immer noch nicht erklärt, ob sie stch der Stimme enthalten oder für die Regierung stimmen werden.
Die Regierungserklärung, die Minister- präfident S t eeg heute nachmittag in der Kammer und Justizminister CH e r o n in seiner Eigenschaft als stellvertretender Ministerpräsident im Senat verlesen werden, wird dem Vernehmen nach ziemlich kurz fein. Das Kabinett wird darin zuin Ausdruck bringen, daß es nicht als eine Kampfregierung, sondern als eine R e g i e r u n g d e s A u s g l e i ch s, die aus Männern guten Willens bestehe, die nichts weiter im Auge hätten, als daL nationale Interesse, sich dem Parlament vorstelle.
Die Finanzlage und die Wirtschaftskrise sowie die nationale Verteidigung würden die Hauptsorge der neuen Regierung bilden. Die Verwirklichung aller Maßnahmen, die für die Anwendung der einjährigen T cnstzeit vorgefehen feien, würde dringend und energisch betrieben werden. Frankreich habe bereits so
viele Beweise für feinen Geist internationaler Eintracht gegeben und werde der Friedenspolitik weiterhin treu bleiben. D .egierung wünsche auch innenpolitisch zur Beruhig g der Geister beizutragen.
Irland beglückwünscht sich...
Paris, 18. Dezember.
Auf dem Bankett des republikanischen Komitees für Handel und Industrie, das gestern abend unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten stattfand, ergriff auch B r i a n d das Wort. Er beglückwünschte sich dazu, daß er trotz aller Angriffe gegen ihn heute eine Rechtfertigung erfahre, die ihn ermutige, die Politik, die er als ehrenhaft für Frankreich und als nützlich für Frankreichs Interessen erachte, weiter zu verfolgen. Trotz der lebhaften und oft verleumderifchen Angriffe, denen er ausgesetzt werde, sei er sich darüber klar, daß die ungeheure Mehrheit des Landes mit ihm gehe.
Frankreich wünsche niemand anzugreifcn, es wolle den Frieden. Aber trotz des brennendsten Friedenswunsches müsse man alles tun, damit Frankreich niemals in feiner Existenz bedroht werde. Man müsse das Notwendige unternehmen, damit beispielsweise in der Abrüstungsfrage die ehrlich gewillten Rationen nicht das Opfer der Unehrlichen sein würden, damit auch der Völkerbund an moralischer und physischer Kraft zunehme.
In diesem Sinne habe er sich stets geäußert. Die erste Bedingung, das Friedenswerk zum guten Ende zu führen, bestehe darin, nicht fortwährende Befürchtungen haben zu müssen, und die notwendige Kraft u besitzen, sich auch Gehör zu verschaffen. In den
daß es dem Heer an nichts fehlen dürfe. Man habe nach Sankiionen gefragt. Gewiß gebe es keine Sanktionen, aber immerhin eine moralische Sanktion, und moralische Sanktionen hätten bei den Völkern trotz allem einen Wert. Weil sic die moralische Kraft außer Acht ließen, hätten die Führer eines großen Volkes dieses einem tragischen Schicksal entgegengeführt.
Zum Schluß erklärte Briand: Wissenschaftler und Geilcchrte bä ten daran gearbeitet, die Menschheit von allen möglichen Krcmkheiten und Plagen, die man früher als unheilbar angesehen habe, zu befreien. Sollten sich die Völker nicht auch von dieser schrecklichen Pest, dem Krieg heilen können? Wenn er Zuschriften erhalte, aus denen ihm Haß und Mißgunst eutyegenklängkn, tröste er sich mit dem Bewußtsein, daß Millionen französischer Mutter sich ihm zuwenden und sagen: „Laßt nicht nach, laßt nicht nach!" Er werde bis zum letzten Atemzuge an seinem W<xke arbeiten.
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Ob Briand wirklich Grund hat, sich zu beglückwünschen? Gerade diese neue Rede des französischen Außenministers zeigt deutlich, daß die „Rechtfertigung" seiner Politik durch vielerlei Zugeständnisse an den Geist jener anderen, die dauernd von Erenzbefestigun-
Bisher 7 Tote und 12 Schwerverletzte Roch 40 Arbeiter vermißt.
Paris, 18. Dezember.
In einer chemischen Fabrik in Manciouse bei St. Gaudens unweit Toulouse ereignete sich am Mittwoch nachmittag eine schwere Explosion, durch die sämtliche Fabrikgebäude in die Luft gesprengt wurden. Die Belegschaft der Fabrik, die über 100 Arbeiter beträgt, wurde von dem Unglück überrascht und fast ausnahmslos verschüttet. Einem Teil gelang es, sich aus den Trümmern zu retten, andere wurden mit schweren Verletzungen geborgen. Ueber 40 Opfer liegen noch unter den Trümmern.
Aus allen umliegenden Dörfern eilte« Hilfsmann- schäften herbei, die zusammen mit der Feuerwehr am Rettungswerk arbeiten. Der größte Teil der bis jetzt Geborgenen hat sehr schwere Verletzungen davon-- getragen. Die Rettungsarbeiten wurden die ganze Nacht hindurch fortgesetzt. Es fehlen noch mehr als 40 Arbeiter, die unter den Trümmern liegen. Man vermutet, daß das Unglück aus di«. Explosion eines Aetzmittel enthaltenden großen Kessels zurLckzuführeu ist. Nach den letzten hier eingetroffenen Meldungen wurden bis jetzt 7 Tote und 12 Schwerverletzte geborgen, ju» w. w- wbw* ■*
Gegen den Waffen mißbrauch!
(Von unserer Berliner Schriftleitung.)
th. Berlin, 18. Dezember.
Angesichts der immer wieder z« verzeichnenden Zwischenfälle und Zusammenstöße zwischen den Vertretern der radikalen Flügelparteien, hat derReichs - innenminister sich entschlossen, den parlamentari- schen Körperschaften ein neues Gesetz gegen Wasfenmißbrauch vorzulegen, worin die bisher schon bestehenden Bestimmungen über den Gebrauch von Schießwasfen nunmehr auch aus Hieb- und Stichmassen in sinngemäßer Abwandlung angewendet wird.
Sn der neue« Gesetzesvorlage wirb unter anderem bestimmt, daß diejenigen, die außerhalb ihrer Wohnung Hieb- ober Stichmasse« mit sich führen, mit Gefängnis bis ru einem Jahr und bei mildernden Umständen mit tmlberen Strafen bestraft werden. Schärfer ist die Bestimmung, die sich gegen das politische Bandenwesen richtet, und die ihren Ausdruck darin sindet, daß diejenigen, die gemeinsam mit anderen Personen zu politischen Zwecken an bestimmten Orten angetrossen werden und dabei bewaffnet find, mit Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft werde« sollen. '
Oer 18. Januar
Die gestrige Sitzung des Reichskabinetts.
th. Berlin, 18. Dezember.
Die gestrige Sitzung des Reichskabinetts ist zwar noch nicht die letzte vor der Weihnachtspause gewesen, aber tdas Kabinett hat doch im wesentlichen alle die.Gegenstände beraten, eie zunächst noch als besonders" wichtig auf der Tagesordnung standen. Abgesehen von der Stellungnahme zu oer Denkschrift über die Kraftfahrzeug st euer, aus der vorläufig nur die wichtigsten Gesichtspunkte in die geltenden Gesetzesbestimmungen übernommen wenden sollen, hat sich das Kabinett besonders mit der Frage der
Personalverringerung in den wichtigsten Ministerien
beschäftigt. Dies geschah an Hand von Richtlinien über die Beamtenbeförderung, und zwar ist beschlossen worden, eine Verringerung des Personalbestandes dadurch vorzunehmen, daß die sogenannten Eingangsstellen für einige Zeit gefperrt werden, d. h., daß bei Beförderungen von Beamten innerhalb der Ministerien die unteren frei werdenden Stellen nur in einzelnen Fällen wieder besetzt werden, in anderen Fällen aber frei bleiben.
Weiterhin hat die Reicktsregierung über die Feier »cs 18. Januar
beraten, weil an diesem Tage die 60. Wiederkehr der Reichsgründung festlich begangen werden soll. Das Kabinett beschloß, diesen Tag in der gleichen Weise zu feiern, wie es alljährlich bei dem Verfassungstag am 11. August üblich geworden ist, also vor allem mit einem Festaktim Reichs
tag, mit Beflaggung der amtlichen Gebäude und mit dem Aufmarsch einer Ehrenkompagnie, deren Front der Reichspräsident abschreiten wird.
Schwere Stunden für Curtkus
Am Nachmittag fand nach der Kabinettsitzung noch eine Minister besprechung statt, in welcher Graf Bernstorff über die Genfer Abrüstungskonferenz berichtete. Diese Sitzung trug im wesentlichen informatorischen Charakter und galt der Vorbereitung für die heuti.ge Debatte im Auswärtigen Ausschuß des Reichstags, wo das gleiche Thema auf der Tagesordnung steht. Man nimmt allerdings an, daß die Aussprache im Auswärtigen Ausschuß sich nicht allein auf die Genfer Abrüstungskonferenz beschränken wird, sondern daß vor allem die Abgeordneten der Opposition auch noch^andere aktuelle, außenpolitische Gegenstände in. die Debatte ziehen werden. So erwartet man vor allem, daß auch über das Verbot des Films „Im Westen nichts Neues- und die damit zusammenhängenden Begleiterscheinungen gesprochen werden wird. Es ist anzunchmen, daß Außenminister Dr. Curt ins weder in der einen noch in der anderen Angelegenheit in der heutigen Diskussion einen leichten Stand haben wird. _
Dr. Curtius wird voraussichtlich am Sonnabend die geplante Reise nach Oberschlesien antreten, von der er am 10. Januar nach Berlin zurückkehrt. Dann wird er noch eine Woche Zeit haben, um die Verhandlungen des Völkerbundsrates vorzubereiten, die am 19. Januar in Genf beginnen. Füx die Reise, die der Kanzler und mehrere Mitglieder des Reichskabinetts und der preußischen Regierung gemeinsam nach dem gesamten deutschen Ostgebiete planen, sind noch keine endgültigen Dispositionen gc- trofjen.
Oingeldey beim Kanzler
th Berlin, 18. Dezember.
Der Reichskanzler hatte gestern eine Unterredung mit dem Abgeordnetn Dinge 1 dev von der Volkspartei. Dabei handelte es sich um die Durchführung des bekannten Antrages der Volkspartei, den Reichsetat um weitere 300 Millionen zu kürzen. Die Volkspartei ergänzte diesen Antrag noch durch einen weiteren Antrag, der sich auf die Realsteuer bezieht und in den weiteren Diskussionen ebenfalls von beträchtlicher Bedeutung werden kann. Bekanntlich sieht die Notverordnung vom 1. Dezember vor, daß mit Wirkung vom 1. April nächsten Jahres ab den Real steuern der Länder und Gemeinde keine höheren Steuersätze zugrunde gelegt werden dürfen als diejenigen, die bis zum 31. Dezember dieses Jahres rechtlich wirksam finb- Auf Grund dieser Bestimmung der Notverordnung versuchen nun einige Gemeinden noch vor dem 31. Dezember ihre Realsteuern zu erhöhen Der erwähnte Antrag der Deutschen Volkspartei möchte nun derartige Transaktionen unmöglich machen und zwar dadurch, daß anstelle des Stichtages vom 31. Dezember nunmehr der 1. Dezember genommen werden soll, » - -