Einzelbild herunterladen
 

DienSta« 16. Dezember 1930

Kasseler Neueste Nachrichten

kette I

Hoheiisrechte

gh. HRe*.

Die österreichischen Behörden haben eine Portio-« fürs Dekorative. In Oesterreich ist ein Geburls- schein kein einfacher Geburtsschein, sondern ein reich bebildertes Kunstblatt. Eine Münze ist keine Münze, sondern eine Plakette. Und eine ^unoentarte--?

Jahrzehntelang waren die Hundemarken einfache Hundemarken, rund« Blechstückchen mit einer Nummer dran. Dann wollte auch die Hundesteuerbehörde ihre Kunst haben Man bemühte einen Bildhauer. Die neue Mark wurde sehr schön. Aber sie wurde auch sehr groß. Denn der BiDhauer sagt«, aus einer kleinen Marke würde seine Kunst nicht zur Geltung kommen Das war zu verstehen---

Nun gießt es aber auch recht kleine Hunde. Die stolpern beinahe über das gute, repräsemabl« Stück von Hundemarke, das ihnen am Hals« baumelt. Tas ist so, als ob ein Mensch immer mit einem Wagenrad vor der Brust herumlaufen müßte. Und gerade die kleinen Hunde gehören immer besonders tierlieben­den Damen Deshalb entsetzen sich die tierliebenden Damen über den Umfang der Hundemarke.

Urd eine, di« einen praktischen Sinn hat, nahm eine Feile und feilte die Hundemarke so klein, daß nur die Nummer übrig blieb, denn sie meint«, die Nummer wäre eben das Wesentliche.

Die Behände meinte das nicht. Für sie ist die Kunst das Wesentliche. Sie verlangt, daß die Hundemarke unbeschädigt bleibt. Sie beschuldigte die Dame der mutwilligen Beschädigung staatlicher Einrichtungen und erwirkte «inen Strafbefehl über zchn Schilling«.

Um diesen Strafbefehl tobt jetzt der Kamps. Es wird noch ein großer Prozeß daraus. Die Bchörde ist hartnäckig. Sie meint, wenn schon eine Behörde in Kunst mache, dann möge man ihr dankbar fein und sie nicht noch daran behindern---

Bettler fein macht reich... in Amerika

A. 8. NeuyorL

Die ersten Ergebnisse der vom Staat angeordneten Untersuchung über das BetUerunwesen in Reuyork hat überraschendes Material zutage gefördert. Der mit der Untersuchung beauslragte Beamte hat erklärt, die zweitausend in Neuyork „arbeitenden Bettler" verdienten jährlich zchn Millionen Dollar. Nicht sel­ten entdecke man bei einem Bettler eine Summe von 50 bis 100 Dollar, während seine „Tagesarbeit" noch nicht einmal beendet sei. Man stche vor einer richtigen Industrie. Es gebe Magazine, in denen die Bettler alle für ihre Ausstattung notigen Kleidungs­stücke, Bandagen, Lumpen etc. kaufen können. Manche begeben sich in einer Droschke zu ihrer „Arbeitsstätte", viele hätten chr eigenes Automobil.

Bei Los Angeles gerl-rsn 15 Häuser eines mon­dänen kalifornischen Srramvorles infolge einer Ex» vlosion in Brand. Das Feuer wütete drei Stunden lang. Sämtliche Häuser wurden gänzlich zerstört. Sie Bewohner, FÄmfchauMeler — und Schauspiele­rinnen konnten nur das nackte Leben retten. Der Sachschaden ist bedeutend.

♦

In Waukegan (Illinois^ wurde Gras Luckner bei einem Autounfall ernstlich verletzt. Er hat das Schlüsselbein sowie mehrere Rippen gebrochen und befindet sich im hiesigen Krankenhauffe, wo er wahr- 'chcinlich mehrere Wochen an das Bett gefesselt sein wird.

Aus aller Well

Do x wird repariert

Kommandant Christiansen über den Europaflug

, Berlin. 16. Dezember

Ueber die Reparatur an dem Flugschiff -Do X* wird berußtet, daß am Samstag der Hauptteil des Revaraturmaterials in Lissabon eingetrossen fet. sc daß Montag mit der Wiederherstellung der Stossbe spannuna am linkenTragd-'ck begonnen werden konnte Die Besatzung des Do X habe in der Zwischenzeit alle Vorbereitungen für die Montage der einzelnen S oefplatten getroffen.

Die Dornier-Werke haben setzt einen ausführlichen Bericht des Kommandan'en des Flußschiffes, Kapi­tän Christiansen über seine Erfahrungen bei den Flüaen vom Bodensee nach Lissabon erhalten. Da nach betrug die reine Flugzeit für diese Streck« rund 26 Stunden bei einer Durchechni'tsge^chwindigkeit ton 151 Kilometer ober 81 Seemeilen, wobei dte zum Teil sehr erheblichen Gegenwinde, namentlich bei dem Siumrflua über die Mscada ,u berücksichtigen sind Die Seesäbigkeit des Flugschiffes ist bei zahl­reichen Gelegenhei en erprobt werden. Beim Stan in Amsterdam herrschte Windstärke 4—5 bei Seegang 2—4. trotzdem betrug die Swrtdauer nur 35 Sekun­den bei einem Abfluagewicht von 46 Tonnen. Dte Landung vor Santander erfolgte auf offener Bückt bei Windstärke 6—7 und Seegang 5—6. In San­tander wurde auch em zehnstündiger Sturm vor An­ker .abgeritten", bei Windstärken bis zu 9 <88 S'un- denkilometers. webei zur En lastung der Ankertroflen zeitweise die Motoren taufen mußten.

Ein ganzes Wohnhaus unter Gas

Berlin, 16. Dezember.

Durch die Unvorsichtigkeit eines angeheitert von einem Vergnügen zurückgekohrten Ehepaares wurden in der Nacht zum Montag die sämtlichen Bewohner eines großen Hauses im Norden Berlins auss schwer­ste gefährSei. Die Frau hatte wahrscheinlich im Bett noch eine Zigarette geraucht und damit das Kopfkissen in Brand gesteckt. Dem Mann war wohl übel geworden, er war aufgestanden uns in die Küwe gegangen. In der Dunkelheit Hai er dort den Gas- fchlauch abgerissen und wär dann auf dem Fußboüen liegen geblieben. Die Folge war daß morgens die Bewohner des Hauses mit Kopfschmerzen und Uebel- sein erwachten, weil vas Gas in alle Wohnungen eingedrungen war. Eine alleinstchenüe Frau war so schwer mit Gas vergiftet, daß die Feuerwehr sie erst nach stundenlangen Bemühungen ins Leben zurück­rufen konnte. Das an öem Unglück schulüige Ehepaar war jedoch bereits tot. Der Brand im Cch las-im­mer konnte schnell gelöscht werden. Man kann sich kaum vorstellen, zu welcher Ka astrophe es gekommen wäre, wenn der Brand des Schlafzimmers eine Ex­plosion herbeigeführ, hätte; bas ganze Haus würbe dann in Trümmer gegangen sein.

Ein betrügerischer „Syndikus"

Berlin, 16. Dezember.

Das Schöffengericht Charlotte üburg verurteilte nach zweitägiger Verhandlung den Rechtsbeistand Linde und dessen Frau zu je drei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust. Das schon vielfach vorbestraf.e Ehepaar hatte es verstanden, sich in das Vertrauen von Angehörigen der Berliner Baptisten- gemeinde einzuschleichen. Linde gab sich als Rechts­anwalt aus und übernahm für Baptisten die Füh­rung von Prozessen. Er lieft sich Vorschüsse zahlen, ohne in den Prozeßsachen etwas zu tun.

Bei Ausschachtungsarbeiten für das neu« Ober- Präsidium in Oppeln fand man zahlreiche höchst interessante Reste aus drei verschiedenen Siedlungs­schichten. nämlich FestungSbauten aus dem 16. Jahr­hundert, dann Reste gotischer Ziegelsteinbauten aus dem 13. ober 14. Jahrhundert und endlich Holzbauten aus dem 11. Jahrhundert.

*

Richt weniger als rund 19 Millionen unverheira­tete Frauen gibt es in Europa nach den Berechnun­gen des Londoner Statistischen Büros; an erster Stelle steht dabei Deutschland, für das das Büro ein „Unterangebot" an Männern in Höhe von ca. 16 Prozent errechnet.

Oie Stadt

LourdeS, Ende November.

Am Nordabhang der Pyrenäen liegt in einem lieblichen grünen Tal, das der Gavettuß in glitzern­der Schleife durchströmt, zu Füßen waldiger Hügel rnd schneebedeckter Giosel. über-agt von trutz.H-r alter Bergfeste, Lourdes, das Ziel un "' rter Wall- sa' die Stadt der Wunder "'**■*!» dreiviertel Millionen Menschen sieht das einst so stille Land­städtchen. das selbst kaum 8000 Einwohner fein eigen nennt, alljährlich in seine Mauern einziehen.

Sich in Lourdes zu verlaufen, ist unmöglich. Es gibt nur eine Richtung; alle Wege führen hi» im ivahrsten Sinne des Lories nach — Rom, alle Stra­ßen münden auf die Lebensader der S »bt,_ die den Ort speist, ihm immer neue Wellen des ernährenden Bilgersromes zuführend. Dichter Menschenschwarm firtet über die breite Essplan ade der dreistöckigen Wallfahrtskirche. Attention" rufen die Krankenträger sich mit Mühe einen Weg durch die Menge bahnend Leidende werden in Wägelchen gefahren; diejenigen, die sitzen können, in kleinen, von einem Sonnenvec- deck überdachten Karren, die Bettlägerigen auf rollenden Tragen. Alles, was die Phantasie an fürchterlichen und grausigen Leiden zu ersinnen-ver­mag. alle Geiseln der Menschheit, scheinen auf diesen Raum zustMtmenge ragen Kranke mit grauenvoll entstelltem Antlitz, mit ha'bzerfressenem Gesicht, jam­mervolle Zerrbilder von Menschen, Krüppel und Ge­lähmte, Blinde und Taube, Lungenleidende, die krampfartiger Husten schüttelt und denen der Schweiß aus der Stirn steht. Kranke, bereit wachsgelber Haut siirbe man es ansieht, daß irgend ebn schleichendes Leiden an ihren Eingeweiden nagt, Kinder und Er­wachsene, Junge und Greise, Männer und Frauen, zielten in erschütternder Prozession vorüber.

In langer Reihe bewegen sick die Krankenwagen den in den Fels aemauer en Becken entgegen, In die man das ttnmbertä'vge Wasser geleitet hat. Ein Vor­hang nur trennt den schmalen Raum von dem Vor-

An 80|Wger vor dem Lichter

Essen, 16. Dezember.

Ein seltsamer Fall beschäftigte das Erweiterte Schöffengericht in Essen. Auf der Anklagebank saß ein 80jähriger Greis wegen fortgesetzten Geflügeldieb- stahls. An seinen Namen knüpft sich ein großer Mordprozeß, der vor nunmehr 45 Jahren vor dcm Essener SckMmrgericht verhandelt wurde. Es han­delte sich um den Invaliden Bernhard R., der in der Nacht zum 9. Februar 1885 in den Waldungen bei Bochum nächtlicherweile zwei Gendarmen niederschoß, die ihn beim Wildern ertappten. N. war ein leiden­schaftlicher Wilddieb und mehrfach von den damaligen Kreisg richten in Recklinghausen und Böckum wegen Wilddieberei bestraft w"tden. Einer der beiden ge­troffenen Gendarmen starb an Verblutung, während der andere, dem ein Auge ausgeschossen wurde, geret­tet werden konnte. Das Wildererdrama beschäftigte zwei Monaie fpater das Essener Schwurgericht, das den Angeklagten wegen Mordes zum Tode und wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Zuchthaus verur­teilte.

Der damalige König von Preußen begnadigte den Täter zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe, die der De- linquent tn der Strafanstalt zu Werben verbüßte. Nachdem er 43 Jahre im Zuchthaus verbracht hatte, würbe er begnadigt. Er fand bei seinen Söhnen in Gelsenkirchen Aufnahme, konnte sich aber boch nicht auf dem Wege der Ehrlichkeit halten. Er verlegte sich auf den gewerbsmäßigen Hühnerdiebstahl. Wegen einer großen Anzahl solcher Diebstähle stand er jetzt vor dem Gericht. Er erhielt eine Gefängnisstrafe von einem Jahre sechs Monaten.

Daß ein Verurteilter von seinen Richtern beschenkt wird, ist ein nicht gerade alltägliches Ereignis. Tas Gericht in Neu-Ulm (Württemberg) hatte einen Landwerksburschen wegen Bettelns zu einem Tage Haft mit Bewährungsfrist verurteilt. Als er das Gerich.sgebäube verließ, traf er die beiden Schöffen, die bei seiner Verurteilung mitgewirkt und eben die ihnen zustehende Schöffengebühr von 1 RM. in Empfang genommen hatten. Jeder der beiden Schöf­fen händigte nun fein Markstück dem armen Teufel ein, der das unerwartete Geschenk mit größter Freude in Empfang nahm.

der Wunder

platz, vor dessen Gitter die Menge sich drängt. Kran lenträger die alljährlich freiwillig hier ihr humanes Werk verrichten, tragen die Leidenden Himer den Vorhang. Unter ständigen Gebeten wird der Kranke entlUibet. Immer näher rückt der Augenblick, auf 6en sich jeder Gedanke vereint. In letzter Sekunde hält der Wärter dem Kranken ein Bradotmeubild zum Kusse hin, und bann schlägt das eiskalte Quell wasser über dem kranken Leibe zusammen. Ohne Abtrccknimg wird der Patient wieder angefletbel, auf die Bahre zurückgelegt, und schon wird der Nächste für das Bad vorbereitet.

Ein paar Schritte weiter führt unter überhängen­dem Grün eine niedrige Höhle in den Fels: die hei­lige Grotte. Eine Kanzel ist am Eingang errichtet, eine Unzahl von Krücken Bruchbändern und Gips­korsetts der Geheilten bangt vor und in der Grotte deren Wände geschwärzt sind vom Rutz ständig flackernder Wachskerzen. Blank gescheuert ist bet Fels, poliert von ben Küssen bet Gläubigen, bie mit den draußen gekauften Amuletten und Rosenkränzen über den Sein fahren, solcherart nach ihrem Glau­ben die Wunderkraft der Grotte auf die frommen Gegenstände übertragend.

Dicht an dicht kniet die Menge auf dem freien Platze vor der Stätte des Wunders. Bahre an Bahre siegen die Kranken mit den gräßlichsten und an­steckendsten Leiden tni'ten zwischen den Gesunden. Und während nun dort hinter der grauen Leinwand die Kranken in den Quell getaucht werden, sendet hier die Menge ihre inbrünfti.w Gebete zum Him­mel ein einziger Gedanke befreit: -Herr, hilf unseren Kranken" .. . Der Priester, der die Kanzel bestiegen hat, leitet die Gebete. Und immer von neuem steigt

Flehen der Menge emvor. bald in leisem, dump­fem Murmeln, dann rauschend anschwellend wie der Sturm, der durch die Kronen alter Bäume fährt, um schließlich ht gellenden Schreien der Verzückten cms- zMingen. D. G. Venzmer.

Zuzambuga kaust sich eine Frau

h. Paris.

Im Kabarett „Atlantic" trat ein junger Neger auf. Er war ganz frisch importiert aus dem Kongo, er sprach kein Wort französisch, er war wirklich unbeleckt von jeglicher Kultur, er tanzte die Tänze, die ihn bie Väter gelehrt hatten und er wunderte sich über den Beifall, ben man ihm zollte, da in seiner Heimat doch jedermann diese Tänze zu tanzen vermochte.

Dieser junge Neger nun verliebte sich in ein wei­ßes Mädchen, in eine Bardame. Er liebte sie, wie man am Kongo wohl die Mädchen liebt, ohne weitere Umschweife, ohne viel Federlesens, auch ohne Senti­mentalität. Unb das machte der Bardame und ihren Verehrern einigen Spaß. Denn sie wußten, daß man am Kongo, wenn man ein Mädel liebt, einfach zum Vater geht, ihm zwei Ochsen anbietet, schließlich drei Ochsen bezahlt und bann Herr über die Jungfrau ist, unbeschränkter Herrscher mit allen Besitzrechten.

Die Dame redete also bem Neger ein, er müsse sie von ihrem Vater kaufen, nicht für Ochsen, das gäbe es nickt in Paris, aber für Geld, bas er im Kabarett verdiente. Und sie bezeichnete ihm einen alten Müßig­gänger als den Vater, an den er sich zu wenden habe.

Der .Pater" verhandelte ein langes und breites mit dem Jungen, er nahm ihm zehntausend Franken ab, die er verdient hatte und überantwortete ihm die „Tochter", nach den Regeln des Ehekodex, der am Kongo in Kraft ist.

Die zehntauserd Franken wurden geteilt zwischen dem „Vater", der Bardame und einigen anderen Ehrenmännern.

Tags darauf hat die Polizei den jungen Neger verhaftet. Der hatte der Barmaid — Gewalt angetan. Er hat sie in fein Zimmer geschleppt, die Türe zuge- riegelt — und bann haben die Nachbarn Hilferufe gehört und bie Polizei gerufen.

Die Zusammenhänge wurden erst vor Gericht ge­klärt, als man den Neger durch einen Dolmetsch be­fragte, was man früher sich erspart chatte, weil ber Fall so „klar" schien. Der Richter sprach ben Jungen frei. Und er veranlaßte Überdies, daß di« Barmaib und ihr „Vener" allsogleich in Hast genommen wurden.

M heutige Nummer umM ir Seite»

Verantwortlich für den oolttltoen Teil: Dr. Walte» Pehnt: für das Feuilleton: German M Vonau: für lokalen und Heimatteil: Dr. Hans Joachim G l a b e r; für Handel: Dr. Hans Langender g: für Sportteil: Herbert Sveich: Ptzoto-Nedakteur: Eduard Schulz- Kes fel: für den Anzeigenteil: Konrad Wachsmann. — Berliner Schriftteitunz: Dr. Walter $ 6 u m . Ber­lin SW. 68. — Druck und Berlaa: Kaffeler Neueste Nachrichten @. m. 6 H.. Kassel. Kölnische Strafte 10.

Ein

HückeL Velourhut »ul drei Weihnachtstisch, oder ein Gutschein hierfür erfreut „Ihn“ sicher sehr Malaiin zum Pfau Uni. Königstr. 18 Ob, Königstr. 30

Illusionen

Aufklärung über das Schlaraffenland

Von Fringilla.

Wenn man noch ein kleines Kind ist, glaubt man, all« Erwachsenen seien gute ,Finkels" unb „Tanten". Erst später im Leben büßen sie ihren Verwandtschasts- grab ein unb verwandeln sich in Konkurrenten.

Als Schuljunge stellt man sich einen Sargtischler als einen finsteren Mann vor, der lediglich auf den Tod seiner Mitmenschen lauert unb sich für Holz nut in Form von Särgen intctesfiert ober soweit es als Zeitung zur Verbreitung von Todesanzeigen benutzt wird. Dabei kenne ich einen Sargtischler, der bei froheste Wanberer ist, ben man sich denken kann, unb bet sich nur am Sonntag unter blühenden Säumen wohlfühlt, wo er Hymnen an bas Leben anftimmt.

Es gibt aber gewisse Illusionen, bin man das ganze Leben beibehält, auch wenn man an ihren In­halt nicht mehr glaubt. So glaubt kein Erwachsener an bas Bestehen des Schlaraffenlandes. Und doch möchte er zuweilen, daß es bestünde. Dabei sprechen manche theoretischen Gründe dafür, daß ber Aufent­halt in biefem Lande keineswegs angenehm wäre.

Die Voraussetzung, dieses Land wahrhaft genießen zu können, wäre ein außerordentlicher Appetit. Der Appetit kommt, wie bekannt, beim Essen unb unter­scheidet sich dadurch vom Hunger, daß dieser beim Nicht-Essen kommt. Zugegeben, daß der Appetit in diesem Lande zweifellos nicht mit unseren Maßstäben gemessen werden kann; mag er auch so gesegnet sein wie dieses Land selber, so muß es doch einmal eine Grenze geben, von btt ab ber Appetit gestillt unb jebe weitere Nahrungsaufnahme wiberlich ist. Denn ein Mensch, der einen dauernden Appetit hat und nie satt wird, obwohl er ißt, hungert ja in Wahrheit, unb et wäre etwa in ber Lage eines, bet gegen seinen Durst beliebige Mengen versalzenen Wass-rs tränke, den Durst aber durch das Salzwasser nur vergrößerte. Et würde schließlich — unb hätte er einen Ozean zum Austrinken — verdursten. Gäbe es tm Schlataffen- lanb keine Sättigung, so wäre es bas grausamste Land, bas man sich nur vorst. llen kann, und bie Dien« schen-Mäzen, die sich bork mit köstlichen Speisen an» füllen, erhielten eine verzweifelte Sehnlichkeit mit

Danaibensässem, aus denen das hineingeschöpfte Was­ser immer wieder hinausläuft.

Nein! Man muß schon annehmen, daß man im Schlaraffenland satt werden kann.

Dann freilich wäre der Kladderadatsch da: Denn wer möchte, wenn er satt ist, eine Freude an gebra­tenen Täubchen haben, zumal diese aus ber Luft in ben geöffneten Mund hineinfliegen? Man müßte sich durch bas Tragen von Maulkörben ober durch An­bringen von Fliegenfängern gegen sie schützen.

Oder ist es für einen Menschen, ber aufs Aeußetste gesättigt ist und sich etwas etg hen möchte, etwa ange­nehm, dauernd auf der Straße in Hummermayonnaise hineinzutreten unb über Gebackenes zu stolpern? Oder, wenn er sich auf eine grüne Wiese hinlegt, Ge­fahr zu laufen, baß er während seines Schlummers von einer Masse Aal in Gelee eingewickelt wird, bie vielleicht einem benachbarten Hügel wie Lava ent­strömt?

Davon aber ganz abgesehen, denken Sie an bie Kämpfe, bie sich dort abfpielen müßten. Nicht alle Menschen im Echlaraffenlanbe haben einen guten

Heue Jugendbücher

L Aus bem Verlag Gerhard Stalling.

Die Stallingbilderbücher gehören zu dem schön­sten, was die .Literatur des Kindes" aufzuweifen hat. Ein Erlebnis für bas Kinb, ein Genuß für bie Erwachsenen ist es. bie Bilder- unb Versgeschichlen zu lesen unb zu betrachten. In biefem Winter er­scheinen gleich zwei neue Bilberbücher von Else Wenz-Vieior: '»Sag arme Mariechen" unb »Vorn Himmel bet Tiere" (Letzteres ein gleichwertiges Pe­dant zu bem vorjährigen Wenz-Vietor-Buch ,<zm Blumenhimmel"). Die Tiere ber Wenz-Vietor sind lebendig und ausdrucksvoll, ohne vermenschlicht zu wirken; eine Einfühlungsgabe, die hohen erzieheri­schen Wert hat. Ebenso schön sind die Bilderbücher von Lia Doerina unb Johanna Baumann »Die em­pörten Spielsachen" unb „Änabbermäusdjen“. Zu den seinen Versen von Friba Schanz gab Lia Doe­ring Bilder, die fast bie ganze Vorstellungswelt des Kindes ansschöpfen. ein Buck, das man schon den Dreijährigen in die Haub geben kann.

Für das Schulalter bat Slalling vier neue Ge­schichten- und Märchenbücher beraitgi-meben. unter denen die neue Märchensammlung von Vilma

Magen. Es lebt dort eine Klass« von llnzufriebenen mit einem gastronomischen Ressentiment, eine Klasse, die sich aus ben Leuten mit Magenkatarrh, Magenge­schwür ober gar Verstopfung zusammensetzt Sie stnb durchaus auf Diät angewiesen. Scheelen Auges sehen sie auf die Berge von Lebensrnitteln, bie sie nicht essen bürfen. Eines Tages aber steigt ihr Unmut aufs höchste. Sie entreißen ben Schweinen, bie ja dort mit Messer unb Gabel in ber Lende Herumlau­fen, das Eßbesteck unb schmieden es in Bajonette um. Sie verfertigen aus Baumwolle, bie in Form von Jumpern überall zur freien Benutzung herumliegcn, Dynamit, laben bie gebratenen Täubchen bamit unb lassen sie bann weiterfliegen, bis sie im Munbe ber Prasser explodieren.

Unb nut ein Geflügeltes würbe man bann ohne Gefahr im Munde haben können, nämlich das Wort:

Besser ein Sperling in ber Hand, als ein gebra­tenes Täubchen im Munde.

Von einem geflügelten Wort aber kann man nicht einmal im Schlaraffenlande satt werden, selbst wenn es im Höllenfeuer ber Erkenntnis gebraten wäre.

Mönckeberg-Kollmar „Die neue Märchentruhe', von Hans Lang köstlich bebildert, seines wohlfeilen Prei­ses wegen besonders verzeichnet sei. Dem techni­schen Interesse der Knaben kommt das von Walter Trier illustrierte .Wunberauto" entgegen, in bem sich Phantasie und Humor glücklich vereinen, eines der gelungensten Jugendbücher des Jahres. Eine wun­derbare Fahri erzählt .Mills Reise unter Wasser" (Bilder von Skarbina) eine Erzählung, an der Jun­gens und Mädels gleichen Gefallen finden. Katrin Holland nennt ihr Buch »Wie macht man das nur?" einen Roman für Kinder, ber die Abenteuer von Heinz Bille und Rose in der Großstadt erzählt, wo die drei in allen möglichen Berufen Geld verdienen, um ihrer Mutter die Badereise zu ermöglichen. U"a von Boths Bilder sind ebenso reich unb farbenfreudig wie der Inhalt des merkwürdigen Buches.

IL Tie Union Büchet.

Unter ben Neuerscheinungen ber Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart treffen wir wieder liebe alte Bekannte. .Tas Neue Universum". „Der gute Kamerad" unb .Tas Kränzchen" bringen wieder eine Fülle wertvoller Anregungen und Belehrungen, fesselnder Unterhaltung unb guter Bildbeilagen. .Das Kränzchen" aus dem Weihnachtstisch wird von

jedem Mädel freudig unb bankbar begrüßt werden, wie .Das Neue Universum" und »Der gute Kabelnd" von den Jungens. Auch die ganz prächtig bebilder­ten und auch textlich außerordentlich vielseitigen Mädchen- unb Knabenkalender des Union-Verlags sind als Weihnachtsgeschenk vorzüglich geeignet.

Sehr zu begrüßen ist eine billige Neuausgabe der unvergänglichen Märchen von Andersen, die Eduard von der Hellen aus wählte unb formte, Arthur Schei­net illustrierte. Ein mobernes Märchen ist Olga Gaul Molnars Geschichte »Vorn treuen Brüderchen", ein Buch von hohem erzieherischen Weret. Die nicht allzu reiche gute Mäbchenliteratur wird bereichert durch bie zwei Erzählungen von Henny Koch »Wit Fünf" und »Wie Ilse zum Wandervogel bekehrt würbe". Die Erzählungen Henny Kochs gehören mit Recht zu den Lieblingsbüchern aller deutschen Mäd­chen. Weitere Mädchenbücher bringt die billige Krünzchenbibliothek des Union-Verlages.

Zum Schluß noch zwei Knabenbücher für das reifere Alter: Die Bearbeitung von Coopers span­nenden Leberstrumpfgefchichten durch Gustav Höcker hat Karl Hobrecker neu durchgesehen und in einem von H. Skarbina bebilderten Band, der dem »Wilb- töter“ unb ben „letzten der Mohikaner" enthält, her- ausgegeben. In ber Sammlung »Fahnen unb Aben­teuer in aller Welt" erscheint wieder eine fesselnde Erzählung F. W. Maders »Von Hankon bis zum Kukunor", in der des Kavitün Münchhausen Aben­teuer in China und Tibet erzählt wird, ein spannender aber an humorvoller Episoden reicher Fahrtbericht, dessen Held seinem Namen durch phan­tasievolle Aufschneiderei Ehre macht.

Gchattpsaiie«

Tri-Ergon-Nenerfcheinnnge». Neben guten Chor- unb Orchestervlatten für Weihnach en bringt Tri-Trgon ein neues stimmungsvolles, geschmackvoll gefügtes Weihnachts- liedervotvourri, das vom Orchefter Komor ausgezeichnet vermittelt wird. — Im übrigen nennt das Deiemb-rvro- gramm alles, was sich an neuen Schlagern. Tänzen und Liedern durchgesetzt bat oder wert ist, populär zu werden: an der Loitze stehen die Tanzlieder aus dem „Weiften fH-öftl". die Kapelle Komor spielt mit netten instrumentalen Einfällen den Tango „Ls muh waS Wunderbarbes sein" und „Als der Herrgott Mat gemach:", die flotten Musiker Harry JackfonS bieten zwei weiters einprägsame „Nbtzl". Lieder. Schnell durchgefebt bat sich auch der Tango ,.C6, Fräulein Grete" von Sloffas und der lustige Fox „Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche". Den modernen Marsch „Das macht uns keiner nach" tragen die Jackfon- Mustker rhuthmilch straff und witzig vor. In allen Schla­gern singt Kurt Mnb'bardt dezent und wohltön-ud den Befrain. Au'-erdem bringt Tri-Srgo» populäre G sa igs» »latien mit Wilhelm Gombert uni Robert Koppel. »w.