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Nummer 283*
Mittwoch, 3. Dezember 1930
20. Jahrgang
Wachsende Mißstimmung gegen Hoover
Opposition kritisiert Kongreßbotschaft / S-amlenkabimtt in Wien? / Heute Beginn der Reichstagodebatte / Nationalsozialistischer „Ä-rirauensanirag"
,/Cin lächerliches Ergebnis"
D r a h t m e. > u n g.)
(Eigene
, Washington 3. Dezember.
Die diesjährige Botschaft Hoovers an den Kongreß anläßlich der am 1. Dezember begonnenen Tagung enthält wenig über außenpolitische Fragen. Ausführlich äußert sich Hoover über die Ursa« eben der wirtschaftlichen Depression, unter der Amerika ebenso leide wie andere Nationen. Er sicht die Ursachen der Depression in ver Spekulation, in der Ueberproduklion von Roh st offen in aller Welt, in den Unruhen in Asien und Südamerika, sowie in den politischen Störungen in gewissen europäischen Ländern, ferner in Rußlands Methode, seine steigende Ausfuhr von landwirtschaftlichen Erzeugnissen auf den europäischen Märkten zu verkaufen und schließlich in der großen Dürre, die die Vereinigten Staaten im Sommer heimgesuchl habe. Zum Schluß schildert der Präsident bi? zur Verminderung der Arbeitslosigkeit ergriffenen Maßnahmen und kündigt einen Nachtragsetat von 150 Millionen Dollar für diesen Zweck an.
Die Kongreßbotschaft Hoovers hat in den Kreisen dds Repräsentantenhauses eine freundliche Aufnahme gefmid-en, die jedoch von einer begeisterten Zustimmung weit entfernt ist. Es fehlt auch im Lager der regierungsfreitnblichen Presse nicht an Kritikerch die dem Präsidenten einen erschreckenden Mangel an neuen Id een vorwerfen.
Die Demokraten machen ihrer tiefen Enttäuschung "Luft und erklären, Hoover habe bewiesen, daß er seiner Aufgabe, in der jetzigen schweren Zeit Führer zu sein, nicht gewachsen sei. Senator Harrison nennt die Botschaft ein lächerliches Ergebnis. Schärfster Opposition begegnet bei den Demokraten die Forderung Hoovers, der Regierung wieder 150 Millionen Dollar für öffentliche Arbeiten zu bewilligen.
Oberhaus gegen Macdonalds Reichspoliikk
London. 3. Dezember.
Das Oberhaus hat mit 74 gegen 10 Stimmen eine konservative Entschließung angenommen, worin das Bedauern darüber ausgesprochen wird daß die Regierung es abgelthnt habe, den Anerbie- tu'ngen der Premierminister der Dominions zur en« gcren Gestaltung der Zollbeziehungen zu entsprechen. Auch wird die Regierung getadelt, weil sie es unterlassen habe, die Gelegenheit der Reichskonferenz zur Stärkung des Zusammenhalts des Reiches zu benutzen. Diese Niederlage der Regierung wird keine politischen Folgen haben, da die Entscheidung über das Schicksal eines Kabinetts nur beim Unterhaus liegt.
* * *
London, 3. Dezember. Wie amtlich mitgeteilt wird, ist der Präsident des Obersten Gerichtshofes boif Australien. S ir Isaac Isaac, zum Generalgouverneur von Australien ernannt worden. Damit ist
diese Stellung zum erstenmal einem Australier übertragen worden.
Tarbieus Kampf im Senat
Paris, 3. Dezember.
Der Senat tritt am Donnerstag zu einer Sitzung zusammen, auf deren Tagesordnung eine Interpellation des Senators Hery steht. Diese Interpellation bildet argenblicklich den wichtigsten Punkt des Gesprächsthemas aller politischen Kreise, da von ihr das Schicksal Tardiens abhängt. Es steht noch nicht fest, ob es dem Ministerpräsidenten gelingen wird, bei der Stellung der Vertrauensfrage eine Mehrheit zu erzielen. Sollte auch die demokratische Linke geschlossen gegen Tardieu stimmen, wird bestimmt mit seiner Niederlage zu rechnen sein.
Am Dienstag ging in den Wandelgängen der Kammer das Gerücht um, daß P o i n c a r e die Absicht
th. Berlin, 3. Dezember.
Heute nachmittag 3 Uhr beginnt im Reichstag die große politische Debatte, die nach der Tagesordnung formell mit der ersten Lesung des neue« Haushaltsplanes verknüpft ist, die sich aber im wesentliche« aus die neue Notverordnung erstrecken wird. Es liegt bereits eine Reihe von Anträge« vor, die entweder die Wiederaufhebung der Notverordnung oder ein Mißtrauensvotum gegen das Kabinett fordern. Diefx Anträge werde« wohl den eigentliche« Ker» der etwa dreitägige« großen Aussprache bilde«.
Die Debatte wird vom Reichsfinanzminister Dr. Dietrich (nicht vom Reichskanzler, wie ursprünglich angenommen wurde) eröffnet werden, da Dietrich als zuständiger Ressortminister den Etat vor dem Reichstag einzubringen hat. Der Reichskanzler wird voraussichtlich im Laufe des morgigen Tages mit einer Rede in die Debatte eingreifen. Die Beratungen des Reichstages sollen spätestens am Sonnabend mit der Abstimmung über die vorliegenden Anträge abgeschlossen werden. Der Etat wird dann dem Hauptausschuß überwiesen, wo er in den nächsten Monaten in aller Ruhe behandelt werden kann.
Es ist deshalb anzunehmen, daß der Reichstag sich bereits am Sonnabend bis etwa in den Februar hinein vertagen wird. Allerdings wird heute nachmittag der Aeltestenrat des Reichstags über diese Frage, sowie über die sonstige Verteilung des Arbeits- stoffes erst noch endgültig Beschluß fassen.
„Derlrouensanirag" der Opposition
Diese Entwicklung ist natürlich auch davon abhängig, zu welchen Ergebnissen die Abstimmungen über
habe, ein Kabinett ohne Briand zu bilden. Die großen Informationsblätter wollen jedoch wissen, daß Poincare auch weiterhin Taroieu unterstützen wird und nicht die Absicht habe, selbst ein Kabinett zu bilden. Tatsächlich hat Tardieu am Dienstag eine längere Unterredung mit Poincars gehabt, die einen „herzlichen Verlaus" genommen haben soll.
Das „Echo de Paris" glaubt aber, eine große Anzahl von Senatoren, die keine Regierungsanhänger sino, hielten die Stunde fün ungünstig, eine Regierungskrise heraufzubeschwören. Die nationalistische „Order" rechnet damit, daß diejenigen, die eigentlich gegen Tardieu stimmen wollten, ihr Ansicht ändern würden, weil eine Regierung Poincare's den Ausschluß Briands aus der Regierung zur Folge haben würde.
Die Pensionsansprüche des Kapitäns Ehrhardt. Zn dem Prozeß um die Pensionsanfprüche des am Kapp- Putsch führend Beteiligten Kapitäns Ehrhardt gegen das Deutsche Reich hat das Reichsgericht seine Entscheidung verkündet. Das Urteil des Kammcrgerichts oom 24. September 1929, durch das Ehrhardt die volle Pension zugesprochen worden war, ist aufgehoben und die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung an das Kammergericht zurückverwiesen.
die vorliegenden Anträge führen werden. Die N a - tionalsozialisten haben diesmal ein besonders verwickeltes Manöver eingeleitet, um die Regierung Brüning zu Fall zu bringen. Sie haben nämlich einen Vertrauensantrag gestellt, natürlich in der Absicht, daß dieser Vertrauensantrag abgelehnt werden soll, und daß damit dann der Regierung das notwendige Vertrauen entzogen wäre.
Gegen dieses Manöver werden aber zwei Erwägungen vorgebracht: Einmal ist es staatsrechtlich eine durchaus noch umstrittene Frage, ob zum Sturz« einer Regierung bereits die Ablehnung eines Vcr- träuensantrages genügt, oder ob dazu nicht vielmehr die ausdrückliche Annahme eines Mißtrauensantrages notwendig ist. Wahrscheinlich wird aber der Antrag der Nationalsozialisten überhaupt nicht zur Abstimmung gelangen. Sie haben ihn zwar in einen Wortlaut gekleidet, der alle Sicherheiten dafür enthalten soll, daß dieser Antrag auch wirklich zur Abstimmung kommt. Sie haben nämlich mit ihrem Vertrauensvotum den Antrag verbunden, über alle {Duftigen Erklärungen und Formulierungen, die sich auf das Kabinett Brüning beziehen, zur Tagesordnung überzugehen. Wenn aber die Regierungsparteien einen einfachen Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung auf sämtliche Anträge einbringen, so wäre dieser nicht mit einem positiven Vertrauensvotum verbundene Antrag noch allgemeiner gehalten als der nationalsozialistische Antrag, würde also demnach noch weiter gehen und an erster Stelle zur Abstimmung gelangen.
Brünings Mehrheit
Oie kleine Diktatur
Von unserer Berliner Schriftleitung.
Am 4. November hat der Reichskanzler vor den versammelten Ministerpräsidenten der Länder erklärt, daß sein ganzes Sanierungsprogramm „in kürzester Frist" verabschiedet werden müßte. Wir haben damals schon die Vermutung ausgesprochen, daß der Reichskanzler offenbar auf den Weg der Notverordnung hinsteuerte. Man hat von amtlichen Stellen zunächst widersprochen, und die Meinungen darüber, ob der umfangreiche Reformplan auf dem regulären parlamentarischen Wege, oder durch Artikel 4 8 in Kraft gesetzt werden sollte, sind eine Zeitlang weit auseinander gegangen. Am heutigen 3. Dezember liegt nun dem Reichstage die bereits in Kraft befindliche umfangreiche „Verordnung des Reichspräff- denten zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen" vor, in welcher fast alles verwirklicht ist was der Kanzler vor vier Wochen dem Reichsrat als Vorlage des Kabinetts unterbreitete.
Man kann es dem Reichstag und seinen Fraktionen nachfühlen, daß sie von dieser Notverordnung nur mit einem nassen und einem trockenen Auge Kenntnis nehmen. Das Parlament ist wieder einmal ausgeschaltet, und wenn es auch darüber begreiflicherweise verstimmt sein mag, wenn auch manche mißbilligend davon sprechen, daß der Reichskanzler bei der Durchführung dieser neuen Notverordnung sich bereits auf dem Wege der Diktatur befinde, so wissen sie doch recht genau, daß ihnen die Regierung nicht nur die Möglichkeit des Mitredens, so ’betn auch o:e Last der Verantwortung genommen hat, und da die meisten Parteien des Reichstages zur Zeit sich wirklich nicht durch Verantwortungsfreudigkeit auszeichnen, so wird trotz aller in Aussicht stehenden Protestreden im Grunde doch bei den meisten Zufriedenheit darüber herrschen, daß dieser Kelch am Reichstage vorübergegangen ist.
Ist es nun wirklich „Diktatur", was der Reichspräsident und der Kanzler betreiben? Man kann darauf ohne Bedenken mit einem, wenn auch etwas eingeschränkten Ja antworten. Die Anwendung des Artikels 48 für Verordnungen, die nicht zur Abwendung unmittelbar drohender Gefahren, also in erster Linie zur Sicherung der öffentlichen Ruhe und Ordnung dienen, setzt zum mindesten eine sehr weitherzige Auslegung der entsprechenden Versassungsbestimmun- gen voraus. Die umfangreiche neue Notverordnung geht aber in vielen Stücken ganz unzweifelhaft über die Grenzen hinaus, innerhalb deren von einer unmittelbar drohenden Gefahr gesprochen werden könnte. Man muß schon eine sehr weitgespannte Perspektive anerkennen, wenn man für diese neue Verordnung die Anwendung des Artikels 48 noch als vollkommen normal gelten lassen will. Man muß bann eine Schlußfolgerung billigen, die etwa von dem Gedanken ausgeht, daß unser Staatswesen und unsere Wirtschaft auf die Dauer in Gefahr kommen würden, wenn nicht gründlich Abhilfe geschaffen wird, daß aber diese Abhilfe eben nur durch die Verwirklichung des gesamten Reformprogramms gesichert werden könne. Gegenüber einer solchen Logik wird man ohne weiteres einwenden, daß diese Abhilfsmatznahmen eben gerade die Aufgabe der gesetzgebenden Körperschaft, also des Reichstages, seien, so daß eine Notverordnung fehl am Platze wäre. Man erinnert sich noch recht gut, daß die Sozialdemokraten und andere Oppositionsparteien im Juli dieses Jahres erklärten, der Artikel 48 fei
Das Spiel beginnt!
Heute nachmittag 3 Lthr Beginn der Reichstagsdebatte
Kabinettsbildung in Wien gescheitert!
(@ t g e n e Drahtmeldung.)
Wien, 3. Dezember.
Die Bemühungen um die Kabinettsbildung find zunächst gefcheitert. Der mit der Regierungsbildung betraute Landeshauptmann Dr. Enders hatte gestern abend den Vertretern des Nationalen Wirtschaftsblocks und des Laudbunds drei Vorschläge unterbreitet.
Die Vertreter des Nationalen Wirtschaftsblocks und des Landbundes teilten darauf mit, daß sie bereit seien, den zweiten dieser Vorschläge mit einer Abänderung anzunehmen, wonach der nationale Wirtschaftsblock die Vizekanzlerschaft, das Aeutzere und das Justizministerium übernehmen würde. Es solle« jedoch vom Reffort des Inneren alle Agenten des Sicherheitsdienstes losgelöst und dem Vizekanzler überwiesen werden. Der Landbund hätte das Innere (vermindert um die Agenten des Sicherheitsdienstes) zu übernehmen. Diesen Vorschlag nahm Landeshauptmann Dr. Enders nicht an.
Tie „Reichspost" erklärt zu dem Scheitern der Verhandlungen Dr. Enders, Ender werde nun feine Mis
sion in die Hände des Bundespräsidenten zurücklegen. Es bestehe die Wahrscheinlichkeit, daß der Bundespräsident nunmehr den Präsidenten des Nationalrates, Dr- Gürtler, beruft.
Einige Blätter, darunter auch die „Arbeiterzeitung", glauben, daß es zur Bildung einer Beamtenregierung kommen werde, die, wie die betreffenden Blätter meinen, augenblicklich der beste Ausweg wäre, wenn sie neutral bleibe.
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Wie die Reichspost erfährt, wird Außenminister Dr. Seipelün den nächsten Tagen auf dringenden Rai seines Arztes einen Erholungsurlaub antreten und sich nach Meran in ein Sanatorium begeben.
Zn Dr. Seipels Stellung in den Verhandlungen über die Regierungsbildung berichtet das Blatt, Dr. Seipel habe bei den letzten Verhandlungen seine Bereitwilligkeit bekundet, in eine Regierung der grofjen Koalition einzutreten, er habe es dagegen abgelehnt, in eine Regierung der kleinen Koalition einzutreteu.
Die Mehrheit, auf die der Reichskanzler bei der Abstimmung über die Wiederaufhebungsanträge und über die Mißtrauensanträge sich stützen kann, besteht aus den Mittelparteien und aus den Sozialdemokraten. Allerdings sind einige Gruppen der Mittelparteien gegenwärtig noch etwas schwankend, so vor allem die Wirtschaftspartei, die Christlich-Sozialen und das Landvolk. Man nimmt aber an, daß angesichts der außerordentlichen Konsequenzen, die ein Sturz der Regierung nach sich ziehen würde, auch bei diesen Mittelgruppen noch eine Festigung in der Haltung nach der Seite der Regierung hin erfolgen wird. Bei der Wirtschaftspartei ist eine Annäherung an das Kabinett Brüning bereits offenkundig zu beobachten. Damit hängt auch zusammen, daß der
Reichsjustizminister Dr. Bredt, der jetzt wieder in Berlin ist, und der gestern nachmittag eine längere Unterredung mit dem Kanzler über fein Rücktrittsgesuch gehabt hat, wahrscheinlich im Amte bleiben wird.
Die Entscheidung über das Rücktrittsgesuch ist immer noch nicht gefallen, ja der Kanzler hat dieses Gesuch auch gestern noch nicht an den Reichspräsidenten weitergeleitet, da er erwartet, daß er in den nächsten Tagen mit Dr. Bredt zu einer Einigung kommen wird. Das setzt natürlich voraus, daß zwischen Dr. Bredt und der Wirrschaslsparlei eine Einigung erfolgt. _____
in der Verfassung dazu bestimmt, um drohende Gefahren vorn Reiche abzuwenden, nicht aber dazu, um einer Regierung aus der Klemme zu helfen, die keinen anderen Ausweg mehr weiß. Wenn damals der Regierung dieser Vorwurf aus dem Parlament heraus entgegengehalten wurde, so kann sie ihn heute dem Parlament mit Fug und Recht zurückgeben. Die Mehrheit des Reichstages ist, wie sich aus den Vorbesprechungen des Kanzlers ergeben hat, mit der Methode der Notverordnung einverstanden. Der Reichstag gibt (zum mindesten stillschweigend) zu, daß er nicht in der Lage ist, bas Reformprogramm oder einen gleichwertigen Ersatz anderer Art zu verwirklichen. Jetzt muß also derArtikel48dazuherhalten, um einem arbeitsunfähigen Parlament d i e La st der Verantwortung abzunehmen , die es nicht selbst tragen kann. Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, daß der Artikel 48 hier auf eine Materie angewendet' wird, die im Regelfälle vom Parlament behandelt werden müßte. Das ist nicht gerade ein Verfassungsbruch, aber doch ein Abbiegen vom eigentlichen Sinn dieser Verfassungs- Bestimmung. Es ist keine wirkliche Dikta- tur, aBer doch ein außerparlamentarisches Regime, das man, wie es in Berliner politischen Kreisen geschieht, recht wohl als eine „kleine Diktatur" Bezeichnen kann.
Wenn man diese Feststellung trifft, so muß man aber sofort fragen, ob dem Reichspräsidenten und dem Kanzler in der jetzigen Lage überhaupt noch ein anderer Weg offen blieb. Sie haben deutlich retiua ej»