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Die Scheidung / Von Paul Leppin

Liebe Kratzbürste)

Du darfst nicht erstaunt sein, wenn ich Dich immer noch mit dem Namen anrede, in den ich einmal ver­liebt war, der mir in achtjähriger Ehe io geläufig und teuer wurde. Seitdem Du mein Haus verließest, habe ich angestrengt über die Dinge nachgedacht, die uns so jäh auseinanderbrachten, bin ihnen sachlich, wie sich's gehört, ohne Selbstlüge auf den Grund ge­gangen. Wenn Du den Schnupfen hattest und ich in der Apotheke das Medikament besorgte, habe ich mich immer schändlich über die Manier geärgert, mit der Du d'ie Packung eilfertig mit den Fingernägeln aus­rissest, daß die Aspirintabletten achtlos über den Tep­pich kugelten. Ich habe niemals mit Dir gezankt, weil es Sache des Mannes ist. Unzulänglichkeiten des Weibes mit Großmut hinzunehmen, erzieherisch durch das Beispiel zu wirken, ohne den Widerspruch durch Beschämung zu stacheln, ohne sich kleinlich aufzuspte- len. Aber Du wolltest deswegen bewundert werden. Meine stillschweigende Kritik hast Du mit Empörung quittiert, meinen Ordnungssinn als Banausentum be­lächelt, das sich vermaß, Elan Deines Wesens plan­mäßig zu hemmen, in einem Topf mit nutzlosen Schulfuchsereien zu kochen.

Ich erzähle davon, weil alles das mir symptoma­tisch für die Gereiztheit scheint, die unser Zusammen­leben verpfuschte, unser Glück zerstört hat. Denn wenn Du gerecht, ohne den Haß der Vertrotzten, aus unsere Ehe zurückblickst, es war ein Glück. Denke an die Abende in der kleinen Dorfwirtschaft, wenn wir mit dem Schraubendampfer einen Ausflug flußauf­wärts machten, den Frühling im Sterntiergarten, die Winterlantpe daheim. Denke daran, wie uns damals zwischen Haselnußsträuchern am Waldrand das wilde Kaninchen erschreckte.

Warum ich heute, am Jahrestag unserer Trennung, mit diesen Erinnerungen komme? Weil ich gehört habe, daß der Ingenieur, zu dem Du am Ende in Seelensreundschaft entbranntest, der Dein konfuses Gehaben unweigerlich immer als Genialität ansprach, sich lange verdiente Ungnade zuzog, beleidigt auf Reisen ging und feine schwungvollen Brücken, Gott sei gedankt, in Gefilden baut, wohin sie schon immer gehörten, im Land wo der Pfeffer wächst. Denn ehr­lich herausgesagt, ohne ihn wäre es anders gekom­men. Wenn sich ein Mann, der feine Frau mit Zärt­lichkeit hegt, in ihren Augen schlimm und brutal ver­wandelt, wenn sie ihr Nest im Stich läßt, um blinden Flausen nachzujagen, ist immer ein Windhund da­hinter, der ihr Marotten tn die Nasenlöcher bläst. Du

darfst nicht bös sein, daß ich alles so unverbrämt sage, ohne Rücksicht auf Sentiment und blamierte Illusionen. Ich war immer ein Klotz, und in bett Tagen, als alles noch gur war, hast Du mich immer den Grizzlybären genannt, dem Du gutmütig sein Kragenfell krautest. Vielleicht hat uns beiden ein Kind notgetan, ein strammer Brüllaffe und Haus­tyrann, der schwüle Empfindsamkeit mit den Beinen zerstrampelt. Der Hokuspokus des Ingenieurs wäre in seinem Umkreis resultatlos verdampft, und ich hätte die Geschichte mit den Aspirintabletten nicht so tragisch genommen. Nun ist es zu spät, darüber zu re­den, und auch nicht der Grund, weshalb ich Dir schreibe.

Jetzt,, wo Dein Ingenieur sich verduftet, interes­siertes Dich vielleicht, daß die Anna gekündigt hat. Der Kanarienvogel, mit dem Du am Morgen Allotria triebst, war lange krank und hatte den Rheumatis­mus. Der Kaktus im Eckfenster fängt an zu blühen; Du hast lange darauf gewartet, aber das Schicksal ist impertinent und erfüllt Wünsche zur Unzeit. Fürs Radio im Salon habe ich einen Lautsprecher ange- schafft und für die Küche einen elektrischen Ofen. Das ist alles, was ich zu melden habe. Und daß ich zu Mit'ag immer für zwei decken laste, dann ist es we­niger traurig. Die Topspalme im Zimmer ist grün und gedeiht. Ich habe es mir abgewöhnt, meine Zi- garettenasche dort abzustreifen. Seitdem Du fort bist habe ich manches gelernt, für das ich wenig Verwen­dung habe, auch wie man mit Blumen und Weibern umgeht. Leb wohl. Kratzborste. Ich bin sehr grau geworden seit unserem Abschied, damals im zugigen Korridor der Gerichtskanzlei. Du würdest garnicht wiedererkennen Deinen mißmutigen veränderten

Grizzlybären.

Mein lieber Dicker!

Dein Brief hat mich gerade in der Stimmung er­reicht, Dir tüchtig, wie Du es benötigst, den Kopf zu waschen. Also das war der Grund, den Du mir duck­mäuserisch immer verschwiegen, erst heute Post festum vor mit enthüllst: weil ich, vom Fieber geschwächt, ein paar Aspirintabletten verkollerte! Ich habe vieles aus der Vensenkung geholt, wehleidig hin und her ge­raten. wenn ich in diesem letzten Jahr verlosten tm Bette lag, aus Träumen fuhr, um bis zum Frühlicht in meine Kisten zu greinen. Wer darauf wäre tch nie verfallen.

Verzeih, wenn es grob klingt, aber ich kann mir nicht helfen: nur ein Kubikschädel wie Du, dem hun­dertprozentiger Hochmut die Gedanken verwirrte, läßt

sich eines solchen Blödsinns halber scheiden. Was Du sonst vorbringst, der Bluff mit dem Ingenieur, ist himmelblaues Gefasel. Warum hat Du den Kerl nicht gleich zu Beginn die Treppe hinuntergeschmisten? Du mußtest doch merken, worauf er aus war, daß mich sein flaues Geschwätz aus der Verfaffung brachte. Aber Männer wie Du kümmern sich nie um das Nächste. Statt melancholisch ein zweites Gedeck auf­zulegen. mit Gespenstern zu speisen, deren Umgang nervös macht, wäre es bester gewesen, mich einmal zum Mittagesten einzuladen. Ich glaube, das hätte die Kratzborste sich verdient, während der ganzen Zeit, die wir verheiratet waren. Du hast recht, es waren sehr schöne Jahre. Ich habe Deinen Bries mit den anderen verwahrt, den allerersten und guten, die lch von Dir besitze.

Soll ich wiederkommen? Die Leute werden Grimasten schneiden und sich den Nabel halten vor Lachen. Aber auch ich habe etwas gelernt, seitdem ich von Dir ging, um mich als unverstandene Frau mit Idealen zu mopsen: daß der Ingenieur ein Schwindler war, daß es nichts Wichtiges gibt neben der Liebe

Willst Du mich wiederhaben? Ich will Dein Aspi­rin fortan mit Vorsicht auspacken, wie eine ganz alte, tn Weisheit verschimmelte Tante. Und was das Ge- tuschel der Leute betrifft: bester zweimal Hochzeit als gar keine. Ich mutz den Kanarienvogel Wiedersehen und den Kaktus und meinen Grizzlybären.

Wir wollen unsere Ehe aus der Rumpelkammer holen und neu aufbügeln kaffen. Vielleicht stellt sich dann unvermutet auch der Brüllaffe ein, der Dir im Hirnkasten spukt, der Strampelmann aus dem Mär­chen. Es geht doch nick» an, daß wir beide so weiter leben, ich hier und Du dort, jetzt, wo die Anna ge­kündigt hat.

Deine sehnsüchtig vereinsamte Kratzborste.

Kunst und Wissenschaft

Die Rückkehr zum Kammerspiel. In diesem Winter werden in London nicht weniger als drei Theater als ausgesprochene Kammerspiel-Theater geführt, darunter ist in der vergangenen Woche erst ein völlig neues, das »Faculty-Theatre" mit 200 Plätzen er­öffnet worden. Der Spielplan dieses Theaters zeigt Ibsen, Strindberg und Josef Conrad. Das Thea­ter ist mit »Fräulein Iulte" von Strindberg eröffnet worden. Jedes Stück soll im Höchstfälle 14 Tage lau­fen. Als zweites Stück ist .Rosmersholm" vorge­sehen.

Dickens als Dramatiker. Die englische Dickens-Ge­sellschaft wird im Lause des Winters eine Komödie

von Charles Dickens »The Straings Gentleman" in einem Londoner Theater in einer Neubearbeitung zur Ausführung bringen. Das Werk ist zum ersten Mal im St. James Theatre im Jahre 1836 ausge­führt worden, aber seitdem vom Spielplan ver­schwunden. Wenn das Experiment gelingen sollte, plant die Gesellschaft eine Reihe weiterer Komödien von Charles Dickens neubearbeiten zu lasten. Zürn Teil befinden sich darunter dramatische Werke ans dem Nachlaß, die bisher überhaupt noch nicht auf die Bühne gelangt sind.

Deutsche Filme auf dem Avantgarde-Kongreß. Auf 6em soeben stattgehabten zweiten Kongreß des Unab­hängigen künstlerischen Films in Brüste! wurden auch von der deutschen Gruppe der Avantgarde eine Reihe neuer Filmwerke gezeigt. Neben einem russischen Film von Wertoff und DowschenkoEvde", einem englischen Filmwerk von Kennech Macpherson und französischen Darbietungen von Rene Clair und Manray kommen von deutschen Künstlern zur Auf­führung die Filme von Hans RichterVormittags- spuk" von Walter RuttmannWeekend" und von Willfried BasseMarkt am Wittenbergplatz".

Die getarnte Reaktion" nennt der Berliner Theater- kritiker Herbert Fhering eine Sammlung von Auf­sätzen (Verlag Rowohlt, Kart. 1.80 Mk.), in denen er sich kämpferisch mit der heutigen kulturellen mvd spe­zifisch der theaterkünstlerischen Lage auseinandersetzt. Er zertrümmert mit guten Gründen Scheingrößen von O'Neill bis Kosten und gibt den klügsten Quer­schnitt durch das Werk Max Reinhardts, in dem stets das Theater über der Dichtung stand.

Das 8. Reiheskonzert des Staatliche» Theaters wird mit einerMozart-Seltenheit" eröffnet, der F-moll-Fan- tafte für eine Orgelwalze, die der junge, in Saarbrücken lebende Tonseder Erich Werner für Orchester gesetzt hat. Als weitere Novität verzeichnet das Programm die Erst­aufführung der im letzten Jahr in ea. 1-2 Städten aufge­führten CantateDer Einsame an Gott" von Philivvine Schick, unter welchem Pseudonym sich die Gattin des Mün­chener Akademiedirektors Frh. von Waltersbansen, des Komponisten der hier vor noch nicht langer Zeit aufgeführ­ten OperOberst Chabert" verbirgt. Kür die anspruchs­volle, hochdramatifche Sopranpartie ist anstelle der erkrank­ten Frau fterrl die bekannte Berliner Konzertsängerin Henny Wolff gewonnen worden. Das Baritonfolo singt Alfred Borchardt vom Staatstheater. Den Chor stellt der Frauenchor des a-eavella-Chors. Zwischen dielen beide« Werken steht das schöne Dovvelkonzert für Violine und Violoncello von Brahms, welches zuletzt beim Brahmsiekt von Wollgandt und Klengel gespielt wurde. Diesesmal sol­len die Führer des bekannten Wiener Kolischauarietts. di« Profefforen Kolisch und Heifetz, den Svlovart übernehmen. Beethovens füriefte Symphonie, dieachte" in F-dur, bil­det den Beschluß.

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Kasseler Neueste Nachrichten

Dkenstag, 2. Dezember 1930 '

Weiter wurde einstimmig eine Entschließung angenommen, in der es u. a. heißt: Die Den sche Vottsparlei verlangt, eine grundlegende Neuordnung unterer finanz- und wirtschaftspolitischen Verhält- u e: insbesondere die Umkehr von dem Wege einer bodenlosen Ausgabewirtschaft. Ter Zentralvorstand billigt alle Schritte, die Rrichs^ogsfraktion und Par­teivorstand bisher zur Sicherung des Erfolges der Reformvorfchläge der Reichsregierung getan habe« und begrüß: die unerfchütterliche Entfchloffenheit der Reichstagsfraktion, eine Reform abzulehnen, die Zu- Geständnisse an die bisherigen salfchen Methoden mach, durch die wir in die jetzige verhängnisvolle Lage hineingekommen sind.

Oer neue parteivorffanb

In den Pvrleüwrstanb der Deutschen VvKSpartrs wurden wiedevgewählt: Dauch-Hatckburg, Thieh. Berlin, Hembeck-Lüdenfcbeid, Frau von Kulessa- Berlin. Dr. Kalle-Fvarckfurt a. M. und Dr. von Stauß-Berlin. Neu-gewählt wurden Burger-Lud- Wi-g-c'chafen. der zum Parteivorstand feit vielen Jah­ren zugezrHen ist. Gras Stolberg und Frau Neven Du mont. Der Mg. Mvldenhauer, der bisher dem R-arteivorstanL angehört hatte, hat gebeten, bei der Wahl von seiner Person abzusehen. Dem Partei-. vorstand gehören weiter als geborene Mitglieder an: -der Parteiführer DiingÄdey, der ftelfoertretenbe Vorsitzende der Reichstagsraktion, der Vorsitzende der prevtzischen L-andtagssrartion Stendel und der Vorsitzende -der volksparteilichen Staatsratsgruvve Dr. Jarres.

Der Vorstand der Deutschnationalen BvttSpartet trat am Montag unter Vorsitz des Parteiführers Dr. ©itgraperg zu einer Sitzung zusammen, die an die­sem Tage lediglich organisatorischen Fragen galt. Am Dienstag wird sich eine Besprechung politischer Fragen anschlteßen.

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Kommunistische Attentatspläne?

Pirmasens, L Dezember. ' . Wegen Verbrechens gegen daS Sprengstoffgesetz ist m Pirmaiens eine Anzahl von Personen festgenom­men und dem Gerichtsgefängnis zugsführt worden. Dem Vernehmen nach -handelt es sich bei den Verhaf­teten um Anhänger der K P. D. bezw. um Mitglieder der sogenannten Arbeiterwehr. Sie sind der Herstellung, Abgabe und Inbesitznahme von Bom­ben beschuLigl. Auch größere Waffensunde sollen ge­macht worden sein.

Es soll sich um einen groß angelegten kommunistt. scheu Anschlagsplan gegen d i e/na t i o n a l- sozialtsttsche Bewegung handeln. U. a. soll etn Bombenanschlag auf die national-sozialistische Gaugeschaftsstelle in Kaiserslautern geplant gewesen sein. Nach einer anderen Lesart soll auch Adolf Hitler anläßlich seines Besuches in Kaiserslautern als Opfer auserkoren worden fein. Die Bewegung scheint in Pirmasens ihren Ursprung gehabt zu haben. Weitere Verhaftungen dürften bevorstechen.

Adolph Hoffmann f. Gestern abend, kurz nach 10 Uhr, verstarb in seiner Berliner Wohnung im 73. Lebensjahre der Landtagsabg. Adolph Hoffmann. Eine Herzlähmung als Folge einer Grippe, die ihn feit zwei Wochen an das Bett fesselte, führte feinen plötzlichen Tod herbei.

Der dritte Vorsitzende des ReichslandbutweS.

der Pressestelle des Reichslandbundes wird mitgeteilt: Zum dritten Vorsitzenden des Reichslanddundes wurde der Landwirt und Bürgermeister Heinrich Lind aus Nieder-Jssigheim (Kreis Hanau), zweiter Vorsit­zender des Kuvhessischen Landbundes, vom Bundes- vorstatrd am 1. Dezember d. IS. gewählt.

Die Vorarbeiten für die Senkung der Postge­bühren. Im Reichepostministerium sind die Vor­arbeiten wegen Senkung der Postgebühren jetzt so­weit gefördert, -daß demnach der Verwaltungsrat der Deutschen Reichspoft mit der Vorlage befaßt werden wird.

Bredt kebrt an die Marburger Universität zurück? Wie die Reichstagssraktion der Wirtschaftspartei mit* eilt, hat die rechts- und staatswißentschairltche Fa­kultät der Universität Marburg beschlossen, beim Preußischen Innenministerium die Wiederberufung des bisherigen Reich^-i"st'zmin'fters Brc-feffor Dr. Bredt in seine alte Stelle zu beantragen.

und deutscher Freiheit an der Ostgrenze. Die Tra­gikomödie in der Abrüstungssrage drohe eine starke Gefahr für die Erhaltung des Friedens In der Well heraufzubeschwören Die Ungleichheit und Ungerechrigkeit, die uns von jenseits der Gren­zen widerfahre, fei es ja gerade, die die radikale Be­wegung in Deutschland mit jedem Tage von neuem anschwellen lasse (Lebh Beifall).

Reichsaußenminister Dr. C u r t i u s nahm daraus das Wort zu Ausführungen über die deutsche Außen­politik. Er begann mit der Erörterung der Genfer Abrüstungskonferenz und stellte unter lebhaftem Bei­fall der Versammlung fest, daß Der deutsche Vertreter Graf Bernstorff mit Mut und Entschlossenheit und auch mit Würde die deutschen Interessen vertreten habe. Der Minister ging weiter ein aus die Repara­tionsfrage. auf die Minderheitenfrage und die Vor­gänge bei den polnischen Wahlen. Er arbeitete auch hier scharf die Stellung und Rechte Deutschlands und vor allem auch der deutschen Minderheiten heraus

Für jRethfion Der Ostgrenzen!

In der Zentralvorstandsfttzung wurde vann nach ausgedehnter Debatte eine Entschließung einstimmig angenommen, in der es u. a. heißt: Der Zentral- vorst-and der DVP. begrüßt es, daß die Reichsregie­rung energische Schritte einaeleitet hat. um den Schutz der deutschstämmigen Bevölke, ru n p in Ostoberschlesien gegen polnische Verfolgung und Willkür sicherzustellen.

Der Zentralvorftand erneuert die Forderung nach Revision der deutschen Ostgrenzen. Nur dadurch kann alte deuts-ffe Kultur in der Ostmark gerettet, ihren Trägern die Möglichkeit zu friedl'cher Arbeit gegeben und der Zusammenhang mit Ost­preußen wiedervergestellt wrrden.

Reichstagsabg. Dingeldeq.

fetzt alles davon ab von der Entschlossenheit der Etaatssührung und von dem Matz der Autorität der Staatsführung, denn an das Verständnis des Volkes jetzt zu appellieren, ist vergeblich. Die Erkenntnis, daß die Ursachen der Krankheit in weitem Matze in dem Ueberwuchern sozialistischer Ideen im Staatsgetriebe liegen, zwingt uns zu der Schlußfolgerung, dah der Weg dieser Reformen sich nicht stützen kann und datz kein Bündnis eingegangen werden rann mit den Trägern dieser sozialistischen Ge­dankengänge. (Lebh. Zustimmung.) Sicherlich ist das Programm der Regierung Brüning noch unvollkommen, aber es ist das einzige klare Aktionsprogramm das vorliegt, und man kann nicht behaupten, daß dieses Programm etwa die Ausführung fozialistifcher Eedankengänge wäre.

Die Deutsche Bolkspartef kann der Regierung in diesem Augenblick nicht in den Arm fallen, weil die Sozialdemokratie ihr Hilfsstellung gewährt. So unpopulär es auch fein mag, so müssen wir doch das schwere Werk der Herabminderung des Lebensstandards durchsetzen. Wenn jetzt der Reichsrat der Boden geworden ist, wo die Regierung T^r*s$togxuTitrrt en'-s-äsli, so bedeutet das die Bestä­tigung der Tatsache, datz der Parlamentaris­mus in seinen alten Grundlagen solchen auß.rge- wöhnlichen Zeiten nicht gewachsen ist. (Zustim­mung.) Innenpolitisch und parteipolitisch ist es an sich begrüßenswert, wenn der starke Führerwillen bet Regierung sich manifestiert in der klaren Uebernahme der Verantwortung auch über das

Durcheinander der parlamentarischen Kräfte

hinweg. Aber kreditpolitisch und außenpolitisch be­deutet ein solcher Weg immer wieder aufs neue die Heraufbeschwörung ernster Gefahren.

Zu der Frage des Nationalsozialismus übergehend, erklärte der Redner: Ich weiß, daß in unseren Reihen sich viele Stimmen erhoben haben, die aus der Sorge über das künftige Schicksal der Partei verlangten, die Nationalsozialisten so schnell wie möglich vor die Pflicht ernster Verantwortung zu stellen. Dieser Bewegung gegenüber gibt e§ nichts Törichteres, als ihr mit kleinlichen Polizei­maßnahmen zu Leibe zu gehen (Zustimmung) Wenn wir hoffen, den Schutt sozialistischer Gedan­kengänge wegzuräumen, dann wollen wir uns aber

Deutscher Antrag in Genf

Graf Bernstorff fordert Einberufung der Abrüstungskonferenz auf November 1931 Man hat aber bereitsBedenken praktischer 9trf*

Gens, 2. Dezember.

Graf Bernstorfs Hai im Vorbereitenden Abrü­stungsausschuß den Vorschlag einer Entschließung unterbreitet, in der es heißt: Der Vorbereitende Ab­rüstungsausschuß empfiehlt nach Abschluß seiner Ar­beiten dem Völkerbundsrat, die Allgemeine Konferenz für die Herabsetzung und Beschrän­kung der Rüstungen zum 2. November 1931 ein­zuberufen.

Fn dem Entschließungsentwurf wird darauf hin- getoiefen, daß allgemein das Verlangen besteht, datz die Konferenz möglichst bald zusammentreten soll. Es wird daran erinnert, datz die letzte Völkerbunds- Versammlung den Wunsch ausgesprochen habe, daß die Konferenz so bald wie möglich einberufen werde Der Völkerbundsrat hat bereits im Jahre 1926 den Vorbereitenden Abrüstungsausschuß aufgefordert, ihm Vorschläge über die Einberufung der Konferenz zu machen.

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Der Ausschuß wird nach Erledigung seiner Ar­beiten über den Konventionsentwurs zu dem deut­schen Vorschlag Stellung nehmen. Obwohl in Völ- kerbundskretsen neuerdings die Einberufung der Ab­rüstungskonferenz etwas mehr als bisher erörtert wird, so werden doch schon jetzt gegen den Novem­ber 1931 als Termin für die allgemeine Abrüstungs­konferenz Bedenkenpraktischer Art" gel­tend gemacht. Die Mehrheit der im Abrüstungsaus­schuß vertretenen Regierungen scheint einen späteren Termin, und zwar Februar oder März 1932 zu wün­schen. Was den Ort angeht, so ist das Gerücht zu verzeichnen, es werde der Plan erwogen, Wien in engere Wahl zu nehmen.

Gtimson dementiert

die Meldungen über eine amerikanisch-französische Zusammenarbeit.

Washington, 2. Dezember.

Staatssekretär S11mson ergriff gestern die Ge­legenheit der ersten Pressekonferenz nach feiner Rück­kehr von feinem kurzen Urlaub, um den in Pariser Blättern und inMeldmrgen der Parifer Korrespon­denzen amerikanischer Blätter verbreiteten Gerüch­ten Wer eine französisch-amerikanische Zusammen­arbeit energisch zu Leibe zu geben.

Stimso-n erklärte, er bitte um ein klares Dementi in der hiesigen Presse bezgl. der A b st i m m u n g Gibsons in Gens. Die Meldung, daß Gibson instruiert worden sei, Frankreichs Standpunkt in Gens zu unterstützen, sei falsch. Die Pariser Mel­dungen über ein Zusammengehen Amerikas mit Frankreich gegen die -malkontenten Revisionisten ^entschlanb, Italien und Rußland" seien vollinhalt­lich falsch.

Litauen ist böse

Berlin, 2. Dezember.

Der litauische Gesandte in Berlin hat, wie wir von unterrichteter Seite erfahren, im Aus­wärtigen Amt Vorstellungen erhoben wegen des Ver­haltens ostproußischer Kreise gegen Litauen, wo in verschiedenen Kundgebungen Aeußerungen über den Verlust des Memellandes gemacht worden sind und ouberdem Geben steine aufgeftellt wuroen, deren Aufschriften dem Mernsllanb gewidmet seien.

In politischen Kreisen ist man über das Vorgehen Litauens sehr verwundert, insbesondere angesichts der Tatsache, daß die Wahlen im Memelgebiet deut­lich erwiesen haben, daß Memel deutsches Land ist.

Bundeskanzler Ender

Schober wahrscheinlich Vizekanzler, Seipel Außenminister.

Wien. 2. Dezember.

Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, haben die Verhandlungen des gestrigen Tages bereits zu einer prinztpiellen Einigung geführt.

Der Heimatblock dürfte in dem neuen Kabinett nicht vertreten fein. Dre Mktaliederliste soll lauten: Bundeskanzler Dr. Ender, Vizekanzler und Innen­minister Schober, Handel Heinl, Unterricht Czer- mak, Ackerbau Thaler, Heeresminister Vangoin, Fi­nanzen Winkler. Das Zuftizministerium wird vor­aussichtlich einem Erotzdeuischen zufallen. Für das Autzenministerium wird Seipel genannt und für das Ministerium für soziale Verwaltung der christlich­soziale Nationalrat Drexel.

//Verzweiflung geht durch die Lande"

Parteiführer Oingeldey über die parlamentarische Krise und die Aufgaben der Deutschen Bolkspartei / Für Brünings Programm!

k. Berlin, 2. Dezember.

In der Sitzung des Zentralvorstandes der Deutschen Volkspartei beschäftigte sich der neugewählte Parteiführer Reichstagsabgeordneter Dingeldey, wie wir gestern kurz gemeldet haben, mit den großen Linien der einzuschlagenden Politik und führte dabei u a. aus:

Die Verzweiflung geht durch die Lande und in ihrem Gefolge eine furchtbare Gruppe zerstörender Kräfte: Mutlosigkeit, Verzagtheit, Pessi­mismus, Neid und Haß. Armut, zerstörte wirtschaft- tiche Existenzen, charakterisieren das Bild Es hängt

auch bewußt fein, daß für tiefe entfcheidende Frage deutscher Zukunft die

Verbindung der sozialistifchen Gedankengänge mit dem vaterländischen Gedanken die größte Gefahr ist Wirtfchaft und Staat kann nur gerettet werden auf dem Wege des Privateigentums, der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Der Nationalsozialist muß aus gefühlsmäßigen Wallungen zum politischen Ge­stalten und Arbeiten kommen. Dieses Stadium scheint aber bei der nationalsozialistischen Bewegung noch keineswegs erreicht zu sein. Wir lehnen nicht Bündnisse nach der einen oder anderen Seite prinzi­piell ab, wir wollen aber auch nicht, daß in der Be­trachtung der nationalsozialistischen Bewegung die Deutsche Volkspartei den verhängnisvollen Weg der Partei des Herrn Hugenberg geht, wo man nicht mehr weiß, was denn eigentlich die eigene Existenz­berechtigung noch bedeutet. Ter Redner besprach bann noch die

Notwendigkeit der Reichsrefvrm,

übte starke Kritik an dem Vorgehen der Berliner und Königsberger Polizei gegen die Studenten und gab seiner tiefsten Entrüstung Ausdruck über die Miß­handlung deutschen Lebens, deutscher Gerechtigkeit